Mittwoch, 6. Oktober 2010

Deutsche Debatten und die Russen



Wenn man manche Verlautbarungen deutscher Politiker und Journalisten hört, die sich auf Rußland beziehen, dann entstehen zwei Eindrücke: Erstens ist meist nur geringes, im besten Falle oberflächliches Wissen über die Situation in der Rußländischen Föderation vorhanden, was zu Fehleinschätzungen führt. Und zweitens hat die Erwähnung des Namens von Wladimir Putin meist nichts mit der realen Person und ihrer Politik zu tun, sondern dient als negativ besetzte Chiffre in einem rein innerdeutschen Diskurs. Dadurch entsteht der Eindruck, daß die vom Historiker Dietrich Geyer 1986 konstatierte „Konsens stiftende Kraft der Rußlandfeindschaft“ in der deutschen Gesellschaft nach wie vor existiert, selbst wenn die konkreten Anlässe banal sein mögen.

So wurde z.B. im Deutschen Waffenjournal (Nr. 7/2010, S. 9) dem mittlerweile abgewählten BDMP-Präsidenten Volkmar Schilling vorgeworfen, in seinem Verband nach dem „Modell Putin“ herrschen zu wollen. Was als schlagfertiges Argument gedacht war, entpuppt sich jedoch bei näherem Hinsehen als Flop. Denn erstens hat Wladimir Putin – im Gegensatz zu Schilling – nicht zu Verfahrenstricks gegriffen, um im höchsten Amt zu bleiben. Und zweitens erfreut sich Wladimir Wladimirowitsch seit Jahren einer konstant hohen Zustimmung der Bevölkerung. Auch insoweit kann man ihn nicht mit Schilling vergleichen, war dieser Mann dem Vernehmen nach doch schon seit Jahren im gesamten BDMP höchst unbeliebt.

Zweites Beispiel, ebenfalls aus dem DWJ, diesmal Heft 10/2010, S. 53. In seinem Bericht von der ISSF-Weltmeisterschaft verstieg sich der Herausgeber Walter Schulz zu einem Satz, nach dessen Lektüre ich mir verwundert die Augen gerieben habe:
"[…]

Dass von den deutschen Schützen nicht eine Medaillenflut wie von den Chinesen oder Russen zu erwarten sein kann, ist selbstverständlich. Zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen für die Spitzenschützen, aber auch bei der Förderung und Auswahl des Nachwuchses.

[…]"
Zur Situation des chinesischen Schießsports kann ich mich nicht äußern, wohl aber zu der des russischen (vgl. auch hier). Dort sind viele Faktoren sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport deutlich schlechter als in Deutschland. Es stehen bei weitem nicht genügend moderne Matchwaffen zur Verfügung, so daß im Breiten- und Jugendbereich großteils noch mit Knicklauf-Luftgewehren und jahrzehntealten (und entsprechend „ausgenudelten“) KK-Waffen geschossen werden muß. Bei den Schießständen sieht es kaum besser aus. Die Anzahl der Stände, die qualitativ einem internationalen Standard entsprechen, dürfte gering sein. Ohne genaue Zahlen zu kennen, gehe ich davon aus, daß in der gesamten RF kaum mehr als ein Dutzend Stände mit elektronischer Trefferauswertung existieren (mindestens zwei davon befinden sich in der Umgebung Moskaus). Und wenn man den Berichten russischer Kollegen glauben schenken darf, dann trainieren selbst Mitglieder von Auswahlmannschaften bisweilen unter Bedingungen, die kein deutscher Spitzenschütze akzeptieren würde.

Vor diesem Hintergrund wurden die Sportschützen in der RF selbst von dem hervorragenden Abschneiden ihrer Mannschaft in München überrascht – man hatte eher ein Desaster erwartet.

Was sind denn die – verglichen mit Deutschland – besonders positiven Faktoren im russischen Schießsport? Die Tatsache, daß ein Teil der WM-Teilnehmer de facto Profisportler ist und in Sportklubs der Armee und des Innenministeriums trainiert, ist kein Alleinstellungsmerkmal. Dergleichen ist auch hierzulande der Fall, man denke nur an die Sportfördergruppen der Bundeswehr.

Mir fällt insofern nur die Kinder- und Jugendarbeit ein. Ihr wird in Rußland viel Aufmerksamkeit geschenkt. Die Schüler werden bereits in den Schulen an das Schießen mit Druckluftwaffen herangeführt; es finden auch regelmäßig Vergleichswettkämpfe zwischen Schulmannschaften statt. Dies ist jedoch keine russische Besonderheit. In Polen ist es ebenso und m.E. sogar noch stärker durchorganisiert als in der RF (Stichwort: Schulliga). Zudem darf nicht vergessen werden, daß die viele dieser Jugendlichen nicht über das Schießen mit einfachen LG- und LP-Modellen herauskommen. Möglicherweise funktioniert die Suche von Talenten und deren spätere Förderung bis hin zum Spitzenschützen besser als hierzulande. Trainer aus der ehemaligen UdSSR sind zwar weltweit gefragt, aber ich bezweifle, daß diese über eine Art landestypisches Geheimwissen verfügen.

Resümierend muß festgehalten werden, daß die (materiellen) Bedingungen für den Schießsport als Breitensport in Deutschland weitaus besser sind. Nur kann man sich Spitzenleistungen eben nicht mit Geld kaufen. Vielleicht müssen DSB & Co. – wie in Osteuropa üblich – versuchen, Schüler früher für den Sport zu gewinnen. Allerdings setzt das deutsche Waffenrecht hier sehr enge Grenzen. Zudem dürfte es der veröffentlichten Meinung nicht gefallen, wenn die Schützenvereine zwecks Nachwuchsgewinnung in die Schulen gehen würden.

Vielleicht sollten wir Deutschen uns außerdem die Frage vorlegen, ob wir auch eine Schießsportnation und nicht nur eine Schützennation sind. Denn auch bei der Field-Target-WM 2010, die letzte Woche in Ungarn stattfand, lag die russische Mannschaft im Ranking vor dem deutschen Team. Und in dieser Randdisziplin des Schießsports kann man schlechterdings nicht auf große organisatorische Unterschiede abstellen.

Die beiden Einlassungen im DWJ sind um so bedauerlicher, als man sich in Schwäbisch Hall damit rühmt, eng mit der Zeitschrift Kalaschnikow, einem der beiden führenden russischsprachigen Waffenmagazine, zusammenzuarbeiten.

Doch zurück zum eigentlichen Thema: Rußland als Chiffre in deutschen Diskursen, Teil 3. Über die unselige Kooperation der Firmen Anschütz und Armatix hatte ich hier bereits berichtet. Vor wenigen Tagen hat Armatix versucht, zurückzuschlagen, indem Lutz Belger (Armatix’ „Sales Manager“) einen längeren Kommentar im Tetra-Gun-Blog von Michael Kuhn verfaßt hat. Folgende Stelle des Elaborates ist mir besonders aufgefallen:
"[…]

Gleichzeitig ist ein zweiter Hersteller aus Russland auf uns zugekommen, um uns davon zu überzeugen die Entwicklung mit deren Firma zu realisieren. Da wir als deutsche Firma ausschließlich zu 100 % in Deutschland produzieren, damit Arbeitsplätze entstehen und gesichert werden, ist die Einstellung unserer Firma eindeutig, das wir uns mit der Entwicklung und Produktion zum Standort Deutschland mit den hier ansässigen Unternehmen bekennen. Und Sie können versichert sein, das die russische Firma unterstützt vom russischen Staat ein sehr hohes Kapital mit eingebracht hätte.

[…]"
Um es kurz zu machen: Ich halte die Behauptung, daß ein staatseigener Waffenhersteller aus Rußland versucht haben soll, sich bei Armatix einzuschmeicheln, für unwahr (kann es aber natürlich nicht beweisen). Warum? Erstens muß man wohl Deutscher sein, um der absonderlichen Sicherheitsphilosophie der Fa. Armatix überhaupt etwas abgewinnen zu können. Zweitens erhebt sich die Frage, wo der angebliche rußländische Waffenhersteller seine derart ausgestatteten Waffen denn absetzen will? Im eigenen Land wohl eher nicht, denn ich bezweifle, daß viele Jäger und Schützen aus der RF ihr sauer verdientes Geld für solch teuren Nonsens wie Smart-guns ausgeben würden.

Gehen wir also davon aus, daß sich Armatix diese Geschichte ausgedacht hat. Dazu würden auch andere Aspekte passen. Zunächst die Angst vor der Bedrohung aus dem finsteren Osten, für die Deutsche schon immer empfänglich waren. Dann die patriotische Firma A., die standhaft einen Ausverkauf deutscher Hochtechnologie an irgendwelche zweifelhaften Russen (die uns vielleicht der pöse Putin persönlich geschickt hat) verhindert und damit deutsche Arbeitsplätze gesichert hat. Und die deutschen Legalwaffenbesitzer sollen – so der Subtext der zitierten Passage – den Firmen A. und A. gefälligst dankbar sein und ihre Produkte kaufen, denn sie haben als wahre Altruisten nicht etwa schnöden Kommerz, sondern nur unser aller Wohlergehen im Sinn.

Abschließend noch eine vierte Story zum Thema. Kürzlich hat der Grünen-Chef Cem Özdemir im Kontext der Proteste gegen das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ sinngemäß geäußert, daß die baden-württembergische Polizei vorgegangen sei, wie in Putins Rußland. Doch auch dieses scheinbar treffende Argument paßt nicht. Erstens habe ich bei der Auflösung unerlaubter Demos in der RF bisher noch keine Wasserwerfer im Einsatz gesehen, dafür waren die Menschenmengen einfach zu klein. Mehr als Wegtragen und in Busse verbringen ist in Moskau nicht üblich. Zweitens ist festzuhalten, daß die Demos, bei denen eingeschritten wurde, eben verboten worden waren (vgl. auch § 15 IV des deutschen Versammlungsgesetzes). Dergleichen war bei der Kundgebung gegen Stuttgart 21 gerade nicht der Fall.
(Zur Komplexität des Themas Demonstrationsrecht in Rußland siehe auch hier und hier.)

Die halbgebildeten Grünen haben dabei freilich einen anderen, viel treffenderen Aspekt übersehen. In einen Wald nahe der Stadt Chimki im Moskauer Umland sollte eine Schneise geschlagen werden, um eine dringend benötigte neue Straße bauen zu können. Dagegen hat sich Protest geregt und dieser war alles andere als friedlich. Es blieb nicht nur bei Blockaden und Hungerstreiks einzelner Ökoaktivisten, nein, es flogen auch Steine, es kam zu Brandstiftungen und Prügeleien. Trotz dieser gewaltsamen und illegalen Formen des Protests haben sich die selbsternannten Waldschützer letzten Endes durchgesetzt: Das Bauprojekt wurde im August vorläufig gestoppt, um es erneut zu diskutieren und zu bewerten.
Wenn man also unbedingt Parallelen zwischen Stuttgart 21 und den Verhältnissen in der RF ziehen will, dann doch wohl die, daß die politischen Entscheidungsträger in Berlin und Stuttgart von ihren Kollegen in Moskau lernen sollten. Sie brauchen Mut, um das extrem unpopuläre Großprojekt vorerst einzufrieren und es ggf. nur in einer weniger einschneidenden Form fortzusetzen.


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Bild: moskau-berlin-express.de.

Montag, 4. Oktober 2010

(Un-)Politische Schützen

Im August konnte ich "Sachsen-Anhalts Schützenchronik" von Michael Eisert erwerben und sie jetzt endlich lesen. Das Buch ist durchaus lesenswert und gibt in geraffter Form die Entwicklung der im Landesschützenverband und über diesen im DSB zusammengeschlossenen Schützenvereine von 1990 bis 2003 wieder. Bei der Lektüre fällt schon einiges auf.

Es gibt auch hier in den östlichen Ländern Leute, die von den "deutschen Schützentraditionen" reden, ohne allerdings zu sagen, was sie darunter verstehen. Was immer man unter diesem schillernden Begriff verstehen mag, es ist - zumindest hierzulande, wo diese Traditionen seit Ende der 1930er Jahre abgeschnitten waren - absurd, sich mit Phantasieuniformen und -fahnen zu versehen und derart ausstaffiert durch die Straßen zu ziehen. Auf dem Dorf mag dergleichen noch angehen und unter Heimatpflege verbucht werden, aber in Großstädten ist es, mit Verlaub, einfach lächerlich und indiskutabel. Die Schützen sind schließlich keine Schutztruppe mehr wie vor Jahrhunderten, sondern private Sportvereine, von denen der Staat - im Gegensatz zu unseren Nachbarländern - keine wie auch immer geartete Mitwirkung an der Landesverteidigung erwartet.

Als Gipfel der Albernheit empfinde ich persönlich einen Satz wie: "Jeder kann wohl den Wunsch verstehen, eine Fahne zu besitzen". Nein, ich kann diesen Wunsch leider nicht verstehen. Komisch, in meiner Jugend (so mit 16, 17) war ich für die "Brauchtumspflege" noch empfänglicher. Doch mittlrweile fehlt mir, wie den meisten unserer Mitmenschen, das Organ dafür, obwohl ich mich in mancherlei Hinsicht durchaus als konservativ bezeichnen würde.

Doch die Fahnenfans mit ihrer Bierzeltseligkeit scheinen im hiesigen DSB-Teilverband auf dem Rückzug zu sein. Mittlerweile gibt es mehrere Klubs, die sich selbst Großkaliber-Schützenverein nennen und die schießsportliche Betätigung in den Vordergrund stellen. Das ist sehr wichtig, denn was ist denn die Essenz des Schützenwesens? Etwa Fahnenschwenken und kollektives Biertrinken? Nein, es ist das Interesse an Schußwaffen im allgemeinen und deren Verwendung für sportliche Wettkämpfe im besonderen.
Schützen in diesem Sinne gibt es auf der ganzen Welt. Deshalb verstehe ich nicht, worin die spezifisch "deutschen Schützentraditionen" bestehen sollen. Vermutlich ist dies lediglich eine andere Formulierung für Vereinsmeierei mit all ihren unschönen Begleiterscheinungen.

Jemand, der den Schießsport auf Tradition und Brauchtum reduziert, kann auch nicht erkennen, welche Gefahren dem Schützenwesen aus der Politik drohen. Er wird im Zweifelsfall loyal und konservativ sein, sich also als willfähriger Untertan der jeweiligen Obrigkeit verhalten. Und er hat recht, denn das Waffengesetz berührt ihn nur am Rande. Die aktiven Schützen hingegen trifft es ins Mark. Und selbst nach einem - hypothetischen - Totalverbot des privaten Waffenbesitzes können die Schützenvereine weiterexistieren und ihre Fahnen schwenken und gemeinsam Bier trinken ... Sie wären damit auf die Rolle eines Heimat- und Karnevalsvereins reduziert. Der aktive Schießsport wäre jedoch am Ende. Deshalb ist die Überbetonung von Tradition und Brauchtum so riskant und kritikwürdig.

Man könnte mir jetzt entgegenhalten, daß ich mich damit von meinem Aufruf zur Pflege der überkommenen Waffenkultur distanzieren würde. Dem ist jedoch nicht so. Zu einer Waffenkultur gehören Waffen. Brauchtum, was diese beinhaltet, ist unterstützenswert. Wo sich die Traditionspflege jedoch verselbständigt und auch ohne den Bezug zum aktuellen Sportschießen exitieren kann, ist Vorsicht und Kritik angebracht. Wie gesagt: Es braucht es keinen privaten Waffenbesitz, um Fahnen zu schwenken und auf Umzügen mitzumarschieren.



Für die soeben gemachten Ausführungen gibt es einen Grund, und zwar den 27. Juli 2002. An diesem Tag versammelten sich auf dem Magdeburger Domplatz rund 1000 Schützen, um gegen die geplante Waffenrechtsverschärfung zu demonstrieren. Innerhalb des LSV hat es erhebliche Vorbehalte gegen diese Demonstration gegeben. Mir fehlen hier leider Deatilinformationen, aber der seinerzeitige LSV-Präsident Hans Keller war wohl dagegen. Er hielt das Auf-die-Straße-gehen für wirkungslos. Vielleicht hatte er aber auch nur die Befürchtung, seine guten Kontakte zu den Landespolitikern könnten Schaden nehmen. Hier ist sie wieder, die Unterwürfigkeit als Teil der teutonischen Schützentradition. (Gegenüber einer politischen Klasse, wohlgemerkt, die uns z.T. parteiübergreifend haßt und verachtet.) Anstatt für seine Grundrechte offen einzutreten, kuscht man lieber und hofft, daß es schon nicht so schlimm kommen werde.

Gott sei dank sind diese Zeiten vorbei. Die Waffenrechtsdebatte des Jahres 2009 und die sie begleitende Medienhetze haben bei vielen Legalwaffenbesitzern zu einem Umdenken geführt. Jetzt gilt es, wie schon mehrfach geschehen, die so freigewordene Energie in fruchtbringende Aktionen zu stecken. Und anstatt bisweilen diffusen Traditionen nachzuhängen, im Hier und Jetzt zu leben und zu handeln. Und zur Not auch vor einem Rathaus oder Regierungsgebäude zu demonstrieren.


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Samstag, 2. Oktober 2010

"Das Training des Sportschützen"

Anatolij Bogdanow, der in diesem Blog vor zwei Tagen vorgestellt wurde, war nicht nur ein hervorragender Schütze, sondern auch publizistisch aktiv. Im folgenden Beitrag beschäftigt er sich mit dem Training des Sportschützen. (Quelle: Sport und Technik - Sportschießen, 1954.)






PS: Im Frühjahr war ich übrigens sehr erstaunt, als ich Karl Heinz Lanz' Buch "Die besten Tips der besten Schützen" (Wiesbaden 1969) las und dabei feststellte, daß Lanz Bogdanows o.a. Text seitenweise in sein Buch kopiert hat, allerdings ohne eine Quelle zu nennen oder die Passagen wenigstens als Zitat zu kennzeichnen. So war das eben vor 41 Jahren auch in der BRD: Bloß keine Zugeständnisse an den "Klassenfeind". ;-)


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Donnerstag, 30. September 2010

Anatolij Bogdanow (1931-2001)


Heute vor neun Jahren, am 30.09.2001, ist mit Anatolij Iwanowitsch Bogdanow einer der bekanntesten Sportschützen der ehemaligen Sowjetunion gestorben. Er war eine Legende maßgeblich am internationalen Aufstieg der Schützen seines Landes in den 1950er Jahren beteiligt. Während seiner aktiven Laufbahn hat er viel öffentliche Beachtung gefunden, was neben den sportlichen Erfolgen mit daran gelegen haben dürfte, daß seine Biographie nahezu perfekt in die Vorstellungswelt der damals herrschenden Kommunisten paßte. Vom Waisenkind zum Olympiasieger - ein sowjetisches Leben wie aus dem Bilderbuch.

Geboren wurde er (dessen Name bisweilen auch als Anatoly Bogdanov transkribiert wird) am 01.01.1931 in Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt. Nebenbei: Viele der in den 1950er Jahren besonders erfolgreichen Schützen kamen von dort. Im Alter von drei Jahren verlor der kleine Anatolij seine Eltern und kam in ein Kinderheim. Dort erlebte er nach 1941 auch die Blockade der Stadt. Im Verlaufe des Krieges trat er als Schiffsjunge in die Baltische Flotte ein und spielte in deren Orchester Trompete. Später hat er auch auf Schiffen Dienst getan. (Motivation dürfte die bessere Verpflegung der Soldaten gewesen sein.) Mit Kriegsende kehrte Bogdanow nach Leningrad zurück, um seine Ausbildung in einer Handwerksfachschule fortzusetzen. Dort kam er auch erstmals mit dem Schießsport in Berührung. Dabei waren seine ersten Ergebnisse unterdurchschnittlich schlecht, doch gerade die anfänglichen Mißerfolge motivierten ihn zu einem intensiveren Training. Und er begann, diesen Sport zu lieben.



Von 1947 bis 1949 gehörte er zur Leningrader Schützenmannschaft der Arbeitsreserven, danach wechselte er im selben Verband nach Moskau. Dort trat er in das Technikum für Körperkultur ein, wo er jahrelang unter der Anleitung von Ilja Jochelson intensiv trainierte. Innerhalb der UdSSR ist Bogdanow ab 1949 bei Wettkämpfen hervorgetreten. International bekannt wurde er jedoch bei den Olympischen Sommerspielen 1952 in Helsinki. Es war die erste Olympiade, an der überhaupt eine Mannschaft aus der UdSSR teilnahm. Und ihr Debüt glich einem Paukenschlag. Allein in den Schießwettbewerben gab es vier sowjetische Medaillengewinner. Die einzige goldene errang Anatolij Bogdanow im Dreistellungskampf über 300 m. (Sein Kamerad Lew Weinstein, der eigentlich als Kurzwaffenschütze bekannt geworden ist, gewann in derselben Disziplin Bronze.)

Der Wettkampf in Helsinki wird in zeitgenössischen Quellen als äußerst spannend geschildert. Der Schweizer Schütze Robert Bürchler galt aus guten Gründen als Favorit. Jener soll etwas mitleidig auf den jungen Bogdanow geblickt haben, verbunden mit der Bemerkung, daß das Schießen ein Sport für Leute mittleren Alters sei, die nicht nur die Waffe beherrschen, sondern auch sich selbst. Doch Bogdanow bewies, daß man auch mit 21 Jahren Olympiasieger werden kann - mit einem neuen olympischen Rekord von 1123 Ringen. Verwendet hat er ein in Tula gefertigtes Sportgewehr MZ-13 (manchmal auch MC-13 genannt) im Kaliber 7,62 x 54 mm. Bürchler war Sportsmann genug, seinem Konkurrenten als erster zu gratulieren und sich mit der Silbermedaille zu bescheiden.

Auf den Weltmeisterschaften 1954 in Caracas gelang Bogdanow dann der wohl größte Triumph seiner Karriere: Er erschoß sich insgesamt sechs Weltmeistertitel mit dem GK- und KK-Gewehr, drei davon mit neuen Weltrekorden. 1956 gewann er in Melbourne eine weitere olympische Goldmedaille, diesmal im Dreistellungskampf mit dem Kleinkalibergewehr auf 50 m. Er war von seinem Trainer gebeten worden, sich auf diese Disziplin zu konzentrieren, weil es in der SU noch zu wenige Schützen dafür gab. Und er enttäuschte die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht. Bei diversen nationalen und internationalen Wettkämpfen Mitte der 50er Jahre konnte er weitere Titel erringen. Doch danach ließ seine Form ein wenig nach. An der 1958 in Moskau ausgetragenen Weltmeisterschaft konnte er deshalb nicht teilnehmen; er trug sich mit dem Gedanken, den Leistungssport aufzugeben.



Bereits seit 1951 gehörte Bogdanow der Sowjetarmee an, war 1954 Offizier geworden und startete dementsprechend für Armeemannschaften bzw. den Zentralen Armeesportklub (ZSKA). Nach seinem Abschied vom Leistungssport begann er ein Aufbaustudium an der Philosophischen Fakultät der Militärpolitischen Akademie in Moskau, welches er im Jahre 1963 abschloß. (Sein Erststudium hatte er in Jaroslawl an der dortigen Offiziershochschule für Finanzwesen absolviert.) Während dieser Zeit begeisterte er sich für das Bogenschießen und wurde auch in dieser Sportart Armeemeister. Später war er als Dozent an verschiedenen Offiziersschulen der Sowjetarmee tätig.

Über sein weiteres Leben ist kaum etwas bekannt. Der Zerfall der Sowjetunion und sein Abschied vom Militär müssen für ihn verheerend gewesen sein. Die letzten Jahre vor seinem Tod hat er dem Vernehmen nach als Nachtwächter in einer Provinzstadt gearbeitet. (Damit ist er wohl auch ein Opfer seiner Karriere geworden, die einseitig auf den Leistungssport und den Staatsdienst ausgerichtet war. Doch der Staat hatte nun keine Verwendung mehr für ihn. Ganz anders etwa seine Kameraden Machmud Umarow oder Jefim Chaidurow, die neben dem Sport immer auch in ihren Zivilberufen gearbeitet haben.)
Sein Grab befindet sich auf dem Moskauer Danilowskij-Friedhof.

Dennoch war Anatolij Bogdanow ein herausragender Schütze, dessen Bedeutung neben der rein sportlichen Seite auch eine symbolische hat, verkörperte er doch auf internationaler Ebene den Aufstieg der Sportnation Sowjetunion, als die sich das Land schon seit den 1930er Jahren sah. Und seine Erfolge - die für sich sprechen - wurden weltweit ausgewertet. Der starke Eindruck, den er hinterließ, ist noch in westdeutschen Publikationen der 60er Jahre zu spüren.

Bogdanow war auch publizistisch aktiv; einiges aus seiner Feder ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Doch dazu übermorgen mehr.



Bibliographie:

Anatoli Bogdanow - Träger des Leninordens, in: Der Sportschütze 1957

H.M.: Reliquien sportlichen Ruhmes, in: Der Sportschütze 1955

Orushie

Shooting UA

Sportiwnyj nekropol

V. Viktorow: 120 Schuß, in: Der Sportschütze 1955

Wikipedia




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Fotos: Der Sportschütze, www.arms-magazin.ru, talks.guns.ru.

Dienstag, 28. September 2010

Der Stuttgarter Schauprozeß

Stuttgart Gerichtsgebäude

Das Strafverfahren gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden, welches derzeit in Stuttgart stattfindet, gerät – zumindest von außen betrachtet – immer mehr zur Farce. Wenn ich die Presseberichte darüber lese, erhebt sich die Frage, weshalb der Vorsitzende Richter bestimmten Umtrieben nicht entgegentritt und für eine Versachlichung des Prozeßklimas sorgt.

Bereits die Zulassung der Anklage war ja mit einigen Schwierigkeiten verbunden gewesen; nach Beginn des Prozesses wies das Gericht aus unerfindlichen Gründen darauf hin, daß dem Angeklagten auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung drohen könne, obwohl gerade dieses Delikt von der Staatsanwaltschaft nicht angeklagt worden ist. Dabei ist ein derartiges Urteil mehr als unwahrscheinlich (warum, wird hier erklärt).

Sodann haben es sich die Aktivisten vom Aktionsbündnis Winnenden (bzw. dessen Nachfolgeorganisationen) nicht nehmen lassen, ihre Meinung über den Angeklagten kundzutun:
"[…]

Die Nebenkläger zeigten sich geschockt. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagte Gisela Mayer, deren getötete Tochter Referendarin an der Albertville-Schule gewesen war. „Er hatte seine Chance – und er hat sie vertan“, quittierte sie K.s Schweigen. „Drei Sätze hätten gereicht“, sagte eine andere Mutter. Drei Sätze, die das Mitgefühl des Angeklagten wahrhaftig rübergebracht hätten - statt einer bloßen Erklärung seines Anwalts, dass es existiere.

[…]"
Bitte, wo leben wir denn? Seit wann muß sich ein Angeklagter selbst kasteien? Was soll das Gerede von der verspielten Chance – wird der Angeklagte jetzt vom ABW hingerichtet? Gisela Mayer mag Nebenklägerin sein, aber sie ist nicht Richterin. In jedem einigermaßen zivilisierten Rechtssystem hat ein Angeklagter das Recht, seine Anwälte für sich sprechen zu lassen. Daraus kann man ihm schlechterdings keinen Strick drehen!

Doch das ABW zeigt hier wieder einmal sein wahres Gesicht. Diese fanatischen Aktivisten sehen sich selbst als Mittelpunkt der Welt und nur was ihren Ansprüchen genügt, darf überhaupt Geltung besitzen. Der Angeklagte äußert sich über seinen Rechtsbeistand – doch sie fordern eine höchstpersönliche Erklärung. Die ABWler sind anscheinend von Dominanzphantasien geprägt, denn das gleiche Muster ist uns aus der politischen Debatte des Jahres 2009 bekannt. Damals hatte das ABW eine Dialog mit Verbänden der Legalwaffenbesitzer nur dann führen wollen, wenn er ausschließlich zu den Bedingungen des ABW erfolgt wäre. Diese paar Hanseln leiden offenkundig an maßloser Selbstüberschätzung.

Doch immerhin ist es ihnen gelungen, eine Stiftung zu gründen, deren hauptamtliche Mitarbeiter Hardy Schober und Frau Mayer mittlerweile sind. So kann man aus dem Tod der eigenen Kinder noch lange Kapital schlagen. Der blindwütige Rachefeldzug dieser Figuren zeigt allerdings auch, wie falsch ihre massive Unterstützung durch die evangelische Landeskirche ist. Es wäre wohl für alle Beteiligten besser gewesen, wenn man die Hinterbliebenen seelsorgerisch besonders betreut hätte, anstatt sie in ihrem alttestamentarisch anmutenden Handeln zu bestärken. Begriffe wie „Gnade“ und „Vergebung“ scheinen in Württemberg nicht sehr bekannt zu sein, vielleicht hat man dort auch nur eine andere Ausgabe des Neuen Testaments.

Möglicherweise erwartet das ABW sogar, daß Jörg K. – wie einst in den stalinistischen Schauprozessen – ein vorgefertigtes Geständnis unterschreibt und um seine Bestrafung bittet. Das Ausbleiben einer solchen Handlung würde dann als „besondere Verstocktheit“ gewertet. Auf einen Kommentar dazu verzichte ich an dieser Stelle lieber, doch zeigt sich hier, in welch bedenkliche Richtung der Prozeß driften könnte. Dazu kommt die unglückliche Rolle der Medien, die laut rufen „Kreuziget ihn!“

Durch den erheblichen öffentlichen Druck wird der Spielraum des Gerichts für ein faires Verfahren immer kleiner. Der Täter – Tim K. – ist während seiner Tat umgekommen. Nun dürstet die aufgepeitschte Stimmung nach Sühne und sucht sich in Gestalt des Vaters einen Ersatzsündenbock. Deshalb schließe ich seine erstinstanzliche Verurteilung nicht aus, selbst wenn die Urteilsbegründung haarsträubend sein sollte. Nur so können die aufgeheizten öffentlichen Emotionen abgekühlt werden. Jörg K. müßte dann die Kraft und das Geld aufbringen, sich durch die Instanzen zu kämpfen, in der Hoffnung, daß er irgendwo außerhalb Stuttgarts doch noch ein paar furchtlose und unvoreingenommene Richter findet.


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Montag, 27. September 2010

Neulich im Dussmann-Haus


Vor wenigen Wochen habe ich wieder meiner bibliophilen Leidenschaft gefrönt und bin im Berliner Dussmann-Haus eingekehrt. In der vermutlich größten deutschen Buchhandlung waren auch manche interessanten Neuerscheinungen zu finden. Gestört hat mich allerdings, daß kaum waffenrechtliche Literatur zu finden war, wohl aber das Buch „Waffenrepublik Deutschland“ von Lars Winkelsdorf. Die Verlag stellt sein Produkt in einer LWB-feindlichen Art und Weise dar. Dazu kam das Gerichtsverfahren gegen den Autor wegen Verstößen gegen das WaffG (mittlerweile ist er jedoch freigesprochen worden). Das alles hat mich nicht zum Kauf des Buches angeregt, denn man muß nicht jedes Machwerk kennen. Nachdem es aber mittlerweile einige positive Rezensionen gibt (u.a. in Visier 7/2010), werde ich es mir in nächster Zeit wohl doch zulegen müssen.

Der nächste Blick in die landeskundliche Abteilung zu den Publikationen über Rußland hat mich ebenfalls ein wenig enttäuscht. Ich wurde dabei an einen Ausspruch des Literaturkritikers Wissarion Belinskij aus dem 19. Jahrhundert erinnert, den ich hier schon einmal erwähnt hatte:
"[…]

Deshalb schenkt man bei uns jedem sogenannten liberalen Trend, selbst bei geringster Begabung, so viel Aufmerksamkeit, und deshalb sinkt auch die Popularität großer Dichter, die sich - ob aufrichtig oder nicht - in den Dienst der [...] Autokratie [...] stellen, so rasch.

[…]"
Das traf vor hundert Jahren nicht nur auf das Zarenreich selbst, sondern auch auf die Rezeption der russischen Kunst in Deutschland zu, wie Gerd Koenen in seinem Buch "Der Rußland-Komplex" beschreibt:
"[...]

Wie es ja überhaupt die Kehrseite aller so heftigen Invektiven gegen den 'zaristischen Despotismus' bildete, dass sie die Welt der 'Erniedrigten und Beleidigten', und erst recht die der Aufrührer und Kämpfer gegen die Despotie in ein übertrieben großartiges moralisches Licht rückten.

[...]"
Vornehmlich werden dem deutschen Leser heute die Schriften von Anna Politkowskaja, Edward Lucas, Jelena Tregubowa und anderen, zum Teil etwas obskuren Autoren anempfohlen. Meine tägliche Horrormeldung aus dem ewig kalten Rußland gib mir heute! Und wenn es schon keine Horrormeldung gibt, dann doch wenigstens negative Dauerberieselung. Dieses einseitige Angebot muß beim deutschen Publikum zwangsläufig zu Fehleinschätzungen führen.

Dabei überrascht nicht, daß die Qualität der Autoren und ihrer Schriften gleichgültig ist, Hauptsache, es wird die „richtige“ Meinung (oder besser: Gesinnung) vertreten. Ein Phänomen, welches sich auch in der schöngeistigen Literatur feststellen läßt. Es zählt nicht die schriftstellerische Leistung, sondern der politische Impetus. Der Übersetzer Robert Chandler hat dies in einem Leserbrief an die London Review of Books sehr treffend formuliert:

"[…]

It is more likely, however, that Lanchester simply underestimates how difficult it has been, during the last thirty years, to establish a readership for a 20th-century Russian writer purely on the basis of literary merit. Pasternak and Solzhenitsyn became famous in the West not because of literature but because of politics; Osip Mandelstam’s fame owes a great deal to the eloquence of his widow. Varlam Shalamov and Andrei Platonov, however, did not benefit from any major international scandal, nor have their life stories been told by their widows, and to this day they remain relatively unknown in the West, even though Shalamov’s Kolyma Tales is far more vivid and subtle an evocation of the gulag than anything by Solzhenitsyn, and even though Joseph Brodsky, at the height of his fame, repeatedly hailed Platonov as the equal of Joyce, Kafka, Musil or Proust.

[…]"

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Samstag, 25. September 2010

25.09.2010: Videos des Tages

Nutnfancy stellt in den folgenden Videos die Kalaschnikow-Varianten des bulgarischen Herstellers Arsenal vor, die er insoweit für den "Goldstandard" hält.