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Mittwoch, 3. August 2011

Deutsche Desinformationen III


Wenn ich deutsche Zeitungen lese und Fernsehnachrichten ansehen, dann beschleicht mich immer stärker das Gefühl, Opfer einer großen Manipulationsmaschine zu sein. Nachfolgend zwei Beispiele aus dem letzten Tagen.

1. Putins angeblicher Expansionskurs

Gestern wurde eine Meldung der Deutschen Presseagentur verbreitet, in der von "Putins Expansion nach Westen" die Rede war. (Mittlerweile wurde der Text entschärft.) Die DPA spielt damit mit dem seit 200 Jahren in Deutschland tiefverwurzelten Klischee vom vermeintlich eroberungslustigen russischen Bären. Bei Lichte offenbart diese Horrormeldung jedoch nichts anderes als die bare Unkenntnis der DPA-Journalisten.

In den Äußerungen, die Wladimir Putin während einer Fragerunde in einem Ferienlager mit internationalem Publikum getan hat (hier im Original), ging es keineswegs um eine Expansion Rußlands. Ein weißrussischer Jugendlicher, Dmitrij A. Panko, hatte den Ministerpräsidenten der RF gefragt, ob das Verhältnis zwischen beiden Staaten wieder so werden könne wie zu Zeiten der Sowjetunion. Insbesondere wolle er als Bürger von Belarus nicht von einem rußländischen Polizisten nach seiner Aufenthaltserlaubnis gefragt werden.

Darauf antwortete Putin, daß ein solcher Zustand durchaus möglich und auch wünschenswert sei, seine Realisierung jedoch zu 100 % vom Willen des weißrussischen Volkes abhänge.

Panko meinte sodann, daß das Volk dies wolle, worauf Putin entgegnete, daß es dann darum kämpfen müsse. Angesichts der unterschiedlichen Stimmen in Belarus müßten sie sich Gehör verschaffen. Wladimir Wladimirowitsch meinte weiter, auch wenn es hin und wieder zwischen Minsk und Mokau Streit gebe, so gingen beide Staaten doch weiter auf dem Weg der Integration.

Mit diesen Informationen kann der durchschnittliche deutsche Leser nur wenig anfangen. Deshalb ist die DPA so freundlich, im o.g. Artikel zu informieren:
"[...]

Russland und Weißrussland verbindet eine Zollunion, der auch die Ex-Sowjetrepublik Kasachstan angehört. Bürger beider Länder bejahen eine besondere Nähe, sie können dank einer offenen Grenze weitgehend ungehindert ins Nachbarland reisen.

[...]"
Das stimmt so nicht, besser gesagt: es ist nicht die ganze Wahrheit. Rußland und Belarus verbindet weit mehr als nur die Zollunion. Seit 1997 (!) existiert ein gemeinsamer Unionsstaat, der wie die Zollunion zur Abstimmung auf vielen Rechtsgebieten geführt hat. des weiteren sind beide Staaten militärische Verbündete, insbesondere in der OVKS, und wirken überdies in der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft (aus der die Zollunion hervorgegangen ist) mit.

Das ist doch weitaus mehr als nur kulturelle Nähe. Und wenn man bedenkt, daß zumindest dem Namen nach bereits seit 14 Jahren ein gemeinsamer weißrussisch-russischer Staat existiert, dann bekommen Putins Einlassungen ein ganz anderes Gewicht. Es geht nicht um Expansion nach Westen, sondern um die Belebung von Kooperationsformen, die auf dem Papier schon lange existieren, aber in der Realität z.T. erst noch umgesetzt werden müssen.
Bemerkenswert auch Putins (durchaus ernstgemeinter) Hinweis auf den Willen des weißrussischen Volkes. Eine Integration zweier Staaten kann kein bloßes Projekt der politischen und wirtschaftlichen Eliten sein, sondern muß von der Mehrheit der Bürger gewünscht werden.

Bei Lichte betrachtet entpuppt sich die alarmistische DPA-Meldung mithin als heiße Luft.



2. US-Staatsschulden

Die jüngste politische Krise in den Vereinigten Staaten von Amerika hat in der deutschen Presse einen großen Widerhall gefunden. fast durchweg einig waren sich die Kommenatoren darin, daß die Ursache der Krise nicht in einer seit Jahren verfehlten Finanzpolitik, die zu den erheblichen Staatsschulden geführt hat, zu suchen sei, sondern in der Weigerung einiger republikanischer Abgeordneter, beim von Obama gewünschten fröhlichen Neuverschulden mitzumachen. Das führt hierzulande zu einer groben Verzeichnung sowohl des Problems als auch der Meinungslage in den USA.

Den besonderen Haß unseres linksdrehenden Medienestablishments hat sich die Tea Party-Bewegung zugezogen. Dieses heterogene bürgerlich-libertär-konservative Sammelbecken, zu dessen Kernforderungen die Gesundung der öffentlichen Haushalte und damit verbunden Steuersenkungen zählt, wird als "ultrakonservativ", "populistisch", "fundamentalistisch" diffamiert und damit mit allen Negativcodes belegt, die die deutsche Politsprache bereithält. Vor allem wirft man ihren Vertretern vor, sie würden einen Kompromiß, der für jede Demokratie unabdingbar sei, unmöglich machen. Dabei wird freilich übersehen, daß es seit Jahren ebendiese faulen Kompromisse waren, die zu den stetig wachsenden Staatsschulden beigetragen haben. Wer damit Schluß machen will, kann sich nicht in den kuscheligen Konsens der politischen Klasse zurückziehen, die wie selbstverständlich davon ausgeht, daß der ganze Spaß ohnehin mit dem Geld anderer Leute (nämlich dem der Steuerzahler) bezahlt werden muß.

Deshalb ist es gut, daß mit der Tea Party-Bewegung endlich eine einflußreiche politische Gruppe in einem Industriestaat entstanden ist, die sich einen ausgeglichenen Staatshaushalt und Steuersenkungen zum Ziel gesetzt hat. Endlich haben Bürger erkannt, daß die Politik ihnen immer mehr Geld wegnimmt, wenn sie nicht endlich dagegen protestieren und selbst politisch aktiv werden. Die Linken fürchten völlig zu recht um die Realisierung ihrer sozialistischen Träume:
"[...]

Die Tea Party hat die große ideologische Auseinandersetzung, die die USA im Prinzip seit den Zeiten des New Deal spaltet, noch einmal auf ihren nackten, eigentlichen Kern zurückgeführt. Es geht darum, ob die USA ein Sozialstaat bleiben, in dem die Gewinner der Gesellschaft mit ihren Steuern sicherstellen, dass die Verlierer nicht untergehen. Oder ob sie eine Raubtiergesellschaft werden, in der jede Steuer als Diebstahl betrachtet wird.

[...]" (Quelle)
Wer nicht freiwillig und gern viele und stetig steigende Steuern zahlt, will also einen herzlosen Raubtierkapitalismus, in dem die Armen krepieren müssen. Aha. Angesichts dieses Kommentars überrascht es kaum, daß dieselbe Zeitung ihren Lesern die Tea Party-Bewegung als "knallhart und kompromißlos" vorstellt:
"[...]

Programmatisch richtet sich die Tea-Party-Movement gegen «big government», also gegen die angebliche Tendenz Washingtons, sich immer mehr in das Leben der Menschen einzumischen und alles zu regulieren. Die Bewegung will weniger Staat, weniger Steuern - und wettert gegen Sozialprogramme europäischer Prägung.

[...]"
Die Tendenz moderner Staaten, immer stärker in alle Bereiche des menschlichen Lebens einzudringen, ist unter Juristen eigentlich unstrittig, weshalb hier das Adjektiv "angeblich" nicht paßt. Es gibt - nicht nur in Deutschland - heute weitaus mehr Gesetze als vor hundert Jahren. In diesem Dickicht verfangen sich oft nicht nur ahnungslose und harmlose Bürger, sondern bisweilen sogar Rechtskundige. Schon deshalb ist eine politische Bewegung gegen zuviel Staatstätigkeit wünschenswert. Daß damit natürlich auch Reduzierungen im Bereich der öffentlichen Verwaltung und der Finanzen einhergehen müssen, versteht sich von selbst. Schließlich ist die Erhebung von Steuern ein erheblicher Eingriff in die Rechtssphäre der Bürger, der jeden Bürger trifft, nicht nur die "Reichen".

Das dies wollen unsere Journalisten nicht wahrhaben. Sie wollen den totalen Nanny-Staat. Doch politische Kräfte wie die Tea Party stehen dieser Vision (gottseidank) im Wege. Leider gibt es dergleichen bei uns in der BRD nur in kleinen Zirkeln, die, sobald sie etwas größer werden, von den Hyänen der Presse gnadenlos zerfleischt werden.


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Fotos: RIA Nowosti, Wikipedia/NYyankees51.

Dienstag, 10. August 2010

WM-Eindrücke V


Heute ist der letzte Wettkampftag der diesjährigen ISSF-Weltmeisterschaft. Es geht noch einmal um Medaillen im Gewehrschießen auf 300 m sowie auf die Laufende Scheibe (50 m) und im Skeet. Für 18.15 Uhr ist die Abschlußfeier geplant. Grund genug, auf die beiden vergangenen Tage zurückzublicken.



Am Sonntag war der Wettbewerb der Damen mit der Luftpistole herausragend. Die Ränge, die sich die acht Schützinnen im Vorkampf erstritten hatten, sind im Finale noch einmal kräftig durcheinander gewirbelt worden. Es blieb spannend bis zum letzten Schuß, denn die Silber- und Bronzemedaille wurden erst nach einem Shoot-off vergeben. Gold gewann Zorana Arunovic aus Serbien mit 486,8 Ringen (385 + 101,8). Auf Rang 2 kam die 46jährige Lalita Yauhleuskaya, die zwar in der Sowjetunion geboren wurde, aber mittlerweile für Australien startet. Bronze ging an Viktoria Tschajka aus Belarus. Es war nach dem Finale schon nett, wie zwei der drei obligatorischen Interviews auf Russisch geführt wurden. ;-)
Die beste deutsche LP-Schützin war Stefanie Thurmann (39.); beste Russin Kira Klimowa (13.). In der Teamwertung (eine interessante Tabelle!) siegte Australien vor Südkorea und China. Auf die Frage, welche Pistolenmodelle verwendet wurden, findet sich hier eine Antwort.



Beim Schießen mit der Zentralfeuerpistole konnte Leonid Ekimow (RF), der im OSP-Finale noch das Nachsehen hatte, mit 589 Ringen Gold gewinnen. Bester Deutscher war Pierre Michel auf Platz 10. Der OSP-Weltmeister Alexej Klimow hatte technische Probleme und blieb deshalb auf einem hinteren Rang. Dieser Wettkampf war gut besucht und die Teamwertung zeigt auch hier eine interessante Verteilung.
Es ist interessant, auf den Bildern vom Zentralfeuerwettkampf die unterschiedlichen Waffen der Teilnehmer zu sehen. Hier scheint die Bandbreite der verwendeten Modelle größer zu sein als in anderen Disziplinen; einige russische Schützen - darunter wohl auch der neue Weltmeister Ekimow - haben mit dem Revolver TOZ-49 geschossen. Igor Ruljow hat nicht nur Fotos vom Schießen gemacht, sondern dankenswerterweise auch wieder eine Waffenstatistik erstellt.



In der Disziplin Laufende Scheibe Mixed (50 m) gewannen Schützen aus Rußland zwei Medaillen. Bei den Männern errang Maxim Stepanow Gold; bei den Junioren konnte Jurij Dowgal seine Medaillenkollektion um eine silberne erweitern. Beste Deutsche waren Jens Zimmermann (15.) bzw. Sebastian Zeh (8.). In den Mannschaftswertungen gewannen die russischen Männer Gold und die Junioren Bronze.



Ebenfalls am Sonntag lief das English Match der Frauen. In der Teamwertung konnten die deutschen Damen Silber gewinnen. Im Einzelwettkampf reichte es allerdings nur für einen vierten Platz von Sonja Pfeilschifter. Gewonnen hat letzteren Tejaswini Sawant (Indien) mit 597 Ringen, womit der bisherige Weltrekord eingestellt wurde. Silber ging an die Polin Joanna Ewa Nowakowska, die ringgleich mit Sawant war, aber weniger Treffer in der Innenzehn aufzuweisen hatte. Auf den dritten Platz kam Olga Dowgun aus Kasachstan. Beste Russin war Ljubow Galkina (29.).



Eine Disziplin, die ich sehr interessant finde, ist das 300-m-Standardgewehr. Die ISSF-Presseabteilung berichtet über den Wettbewerb:
"[...]

France’s Henry Josselin won today’s 300m Standard Rifle event, becoming the new world champion in this non-Olympic event with a total score of 587 points, topping the final score of 586 points fired by Thomas Farnik four year’s ago at the 2006 World Championship in Zagreb. The French shooter, who had equalled the 300m Rifle Prone Men world record of 600 points two days ago, had never won an ISSF medal in this even, before.

Tomorrow, the 28-year old shooter from Paris will compete in the 300m Rifle Three Positions event. Second at the 2007 European Championship, and third last year in Osijek, both times with 1173 points, Josselin is considered one of the favourites to finish between the bests here in Munich.

The Silver went to Slovenia’s Robert Markoja with 585 points (198, 190, 197), while the Bronze was grabbed by the Norwegian rifle champion Vebjoerm Berg, who marked 584 points (197, 194, 193) finishing on his second 300-meter podium.

Three shooters were disqualified during today’s competition. Both Brazil’s Rocco Rosito and Martin Strempfl were stopped by the judges because of violations to the ISSF rule 7.4.2.7. Rosito had the front sight extending beyond the permitted point, while Strempfl was not complaining with the regulations regarding the depth of curve of the butt plate of his rifle. Sweden’s Andres Brolund was also disqualified, as his pistol grip was recognised to be anatomically formed, breaking the ISSF rule 7.4.2.2.

[...]"
Hier die Ergebnisse des Einzelwettkampfs und der Mannschaftswertung. Igor Ruljow hat davon auch Fotos gemacht (vgl. hier und hier). Die Skandinavier scheinen in dieser Disziplin besonders stark zu sein. Der deutsche Starter Christian Dressel wurde nur 27. Schützen aus Rußland haben nicht teilgenommen, dort werden m.W. die 300-m-Disziplinen nur im Rahmen von CISM-Wettkämpfen geschossen.



Am Montag wurde mit der KK-Sportpistole der Damen die vorletzte olympische Disziplin ausgetragen - und das Finale war spannend. Die Frauen schossen gut und die Plazierungen änderten sich mehrfach deutlich. Schließlich sorgten zwei Stechen - um Platz 1 und 2 sowie um Platz 7 und 8 - für weitere Spannung, ebenso wie die insgesamt drei Waffenstörungen während des Finales. Gold ging schließlich mit einem Vorsprung von 0,1 Ringen an Kira Klimowa aus Rußland (788,8 Ringe = 584 + 204,8), Silber an Zorana Arunovic (Serbien) und Bronze an Lenka Maruskova (Tschechien), die im LP-Finale mit einem vierten Platz vorlieb nehmen mußte.
Mit der Juristin Julia Alipawa kam eine weitere Russin auf Rang 6; beste Deutsche war Munkhbayar Dorjsuren (16.). Wie schon im LP-Finale, so konnten sich auch hier die Schützinnen aus Ostasien im Finale nicht nach vorne durchkämpfen. Eine Statistik über die verwendeten Pistolenmodelle ist hier zu finden. Im Mannschaftswettkampf kam Rußland auf Platz 1, gefolgt von Serbien und Tschechien.



Für Arunovic war es - nach dem Weltmeistertitel mit der LP - bereits die zweite Einzelmedaille dieser WM. Und wie sie sich gefreut hat - einfach schön. :-) Unter den Schützinnen scheint ohnehin ein sehr freundlicher, zum Teil herzlicher Umgang miteinander üblich zu sein. Der heutige Sieg war für Klimowa zugleich der Höhepunkt ihrer bisherigen Sportlaufbahn. Im anschließenden Interview sagt die sympathische junge Frau, sie habe sehr viel trainiert und den Kampf dann bis zum Ende durchgehalten. Die Kurzwaffenschützen aus Rußland waren bei dieser WM sehr stark, doch auch die Leistungen anderer Mannschaften wie denen aus Serbien, Belarus, der Ukraine und Tschechien sind beeindruckend. Dahinter stehen die der deutschen Teilnehmer leider zurück, obwohl in manchen ausländischen Foren von München als dem "Mekka des Sportschießens" gesprochen wird und man von der WM-Organisation begeistert ist.



Im gestern ausgetragenen 300-m-Liegendkampf der Frauen zeigten sich erneut die Schweizerinnen, Skandinavierinnen und Französinnen ganz stark. Gold ging an Bettina Bucher aus der Eidgenossenschaft, die mit 599 Ringen den Weltrekord egalisiert hat. Beste deutsche Teilnehmerin war Eva Friedel (8.). In der Mannschaftswertung gewann Frankreich Gold, Deutschland Silber und Polen Bronze.



Nebenbei: In den 50 m-Disziplinen der laufenden Scheibe wird in der Tat auf Tierscheiben geschossen (siehe hier). Ich finde es ja gut, doch dachte ich bisher, dergleichen sei im DSB mit ewigen Höllenstrafen bedroht. ;-)



Neben der Fa. Walther haben mittlerweile auch Anschütz und Feinwerkbau Übersichten erstellt, die darüber Auskunft geben, welche Erfolge mit ihren Produkten auf der WM errungen worden sind.





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Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.

Mittwoch, 4. August 2010

WM-Eindrücke II


Gestern hatte ich noch geschrieben, daß bei der ISSF-WM in München bisher sowohl für die deutschen als auch für die russischen Schützen die großen Einzelerfolge ausgeblieben sind. Das hat sich im Laufe des gestrigen Tages zumindest für Rußland geändert. Bereits mittags gewann Dmitrij Romanow im Schießen mit dem Luftgewehr auf die Laufende Scheibe den Weltmeistertitel vor Zhai Yuija (China) und Krister Holmberg (Finnland). In der ISSF-Pressemitteilung heißt es dazu:
"[...]

Romanov, 23, from Moscow, the current European Champion in this event, made it to the Medal Match with a qualification score of 577 points (289 points scored in the “slow run” qualification series, where the target runs in five seconds, plus 288 points in the “fast run”, where the target runs through the same distance twice as fast, in 2.5 seconds).

Competing in the medal match, the young shooter won the first round against People’s Republic of Korea by 6 to 3 points, proceeding to the Gold match where he then outdid China’s Zhai Yuija 6 to 4 points, ecuring the brightest medal.

In spite of being one of the younger competitors on the international scene (Romanov just turned 23, and started shooting in 2000), the Russian athlete had already won four World Championship titles, three as a Junior shooter in 2002 and 2006, and one in the open category at the 2009 World Championship held in Heinola (FIN), as well as several European titles (he led both the 10m Running Target events at the last Europeans of Meraker).

[...]"
In der Mannschaftswertung haben die drei an dieser interessanten Disziplin teilnehmenden russischen Schützen ebenfalls Gold geholt (2. - China, 3. - Ukraine, 9. - Deutschland). Schade, daß die Laufende Scheibe 2004 aus dem olympischen Programm gestrichen wurde.



Am Dienstagnachmittag schien sich die Pechsträne der russischen Sportler fortzusetzen. Im Finale der besten acht Luftpistolen-Schützen der Welt kam Sergej Tscherwjakoswkij mit 685,5 Ringen nur auf Platz 4 und verfehlte damit eine Medaille. Gewonnen hat der Japaner Matsuda Tomoyuki (689,4), der schon am Sonntag mit der Freien Pistole Gold errungen hatte. In der LP-Mannschaftswertung gewann Rußland jedoch Gold vor Serbien und Südkorea.

Für die Liebhaber von Statistiken hat Igor Ruljow wieder ein Diagramm erstellt. Diesmal ging es um die Frage, welche Luftpistolenmodelle bei der WM von den Männern geschossen wurden.



Ebenfalls am Nachmittag konnten sich die Juniorinnen aus der RF zwei Medaillen mit der KK-Sportpistole sichern. Die zwanzigjährige Olga Kaweschnikowa (geb. Nikulina) gewann Gold (578 Ringe), ihre zwei Jahre jüngere Mannschaftskameradin Jekaterina Lewina Bronze (575). Silber ging an die Ungarin Sara Babicz (577); zwei deutsche Starterinnen - Carina Windhorst und Magdalena Wolf - kamen auf die Plätze 6 und 10. In derselben Disziplin konnten die russischen Juniorinnen auch die Mannschaftswertung vor Südkorea und China für sich entscheiden.

Diese beiden Bilder zeigen die Siegerin Kaweschnikowa, die bei der ISSF noch immer unter ihrem Geburtsnamen Nikulina geführt wird. (Man beachte bitte ihre Fingernägel. Ein Petersburger Freund hat mir einmal gesagt, daß in Rußland keine Frau auch nur den Müll runterbringe, ohne sich vorher zurechtgemacht zu haben. ;-) Wie viel mehr trifft diese Weisheit auf eine Weltmeisterschaft zu! Aber ich will nicht lästern, es hat der jungen Dame Gold gebracht. :-) Sie schießt besser, als ich es je schaffen werde. ;-))



Diese kleine russische Erfolgsserie konnte am Dienstagabend von Alexej Alipow im Trapschießen fortgesetzt werden. Nach einem spannenden Stechen mit dem aus der tschechischen Waffenstadt Brünn stammenden Jiri Liptak gewann Alipow Silber. Die Goldmedaille ging an den spanischen Topschützen Alberto Fernandez.



Bisher hatte ich die ISSF-Veranstaltungen nur sehr kursorisch verfolgt, doch mich hat ein wenig überrascht, wie stark manche Staaten im Sportschießen sind. In Ostasien nicht nur die VR China, sondern auch Nord- und Südkorea sowie Japan; in Europa vor allem Serbien, Italien und die Slowakei. So waren beispielsweise gestern unter den acht Schützen im LP-Finale zwei Serben: Andrija Zlatic (Silber mit 689,2) und Damir Mikec (8.). Es freut mich, daß dieses Land, das sich seit 20 Jahren in schwierigen politischen Verhältnissen befindet, wenigstens sportlich auf Weltniveau liegt. Auch polnische und kroatische Schützen zeigen z.T. sehr gute Leistungen, wenn man etwa an Tomasz Palamarz, den neuen Juniorenweltmeister mit der Freien Pistole, denkt.

Über die Nachfolgestaaten der Sowjetunion hatte ich gestern schon ein wenig geschrieben. Diese WM zeigt, daß sich die Ukraine, Kasachstan, Rußland und Belarus allesamt zu relativ starken Schießsportnationen entwickelt haben, insbesondere im Juniorenbereich.



Von Ausländern, die in Hochbrück anwesend sind, hört und liest man immer wieder Worte der Begeisterung. Die WM sei das größte und beste Ereignis in der Geschichte des internationalen Schießsports und es sei erfreulich, daß so viele Zuschauer auf die Anlage kommen. Genau dieser schöne Sport, zu dem sich allein in Bayern eine halbe Million Menschen bekennt, soll durch den seit über einem Jahr laufenden Kreuzzug der Waffengegner beseitigt werden. Ich hoffe, daß diese Weltmeisterschaft keine Abschiedsvorstellung für das deutsche Schützenwesen ist.

Die Gefahren, die unserem Sport drohen, macht ein Blick auf das britische Waffenrecht deutlich. Damit muß ich noch einmal auf die Rede von IOC-Chef Jacques Rogge zurückkommen, die er am 30. Juli bei der WM-Eröffnung auf dem Münchener Marienplatz gehalten hat. Darin heißt es mit Bezug auf die Olympischen Sommerspiele 2012 in London:
"[...]

I think that the 2012 shooting venue it is going to be state of the art, as well as a very sustainable range!

[...]"
Man fragt sich schon, ob in diesem Satz Ironie versteckt ist oder ob er das ernst meint mit der Umweltverträglichkeit. Zur Erinnerung: Es war lange Zeit nicht sicher, ob bei der nächsten Olympiade überhaupt Pistolendisziplinen außer der LP geschossen werden können. Nachdem dieses waffenrechtliche Problem endlich geklärt wurde - sogar eine Handvoll englischer Schützen hat Ausnahmegenehmigungen für die sonst verbotenen Kurzwaffen erhalten -, gab es immer noch Querelen um den Austragungsort. Statt im traditionsreichen Bisley finden die Schießwettbewerbe 2012 in einer Londoner Kaserne statt. Die Schießstände werden dafür komplett neu errichtet - und nach Ende der Spiele sollen sie möglichst rückstandslos wieder beseitigt werden.

Dieser Vorgang ist ein Symbol für den Umgang mit dem Schießsport in modernen (oder besser: dekadenten) "westlichen" Gesellschaften. Wenn er Medaillen und (politischen) Ruhm verspricht, dann nimmt man ihn mehr oder minder notgedrungen kurzfristig hin. Ansonsten möchte man den Sport, die Waffen und am liebsten auch ihre Eigentümer möglichst restlos entsorgen. Hier schließt sich der Kreis, nicht nur hinsichtlich der Ideologie, sondern auch der Terminologie, sind doch viele Waffengegner zugleich Öko-Fanatiker.



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Dienstag, 3. August 2010

Erste WM-Eindrücke


Die ersten vier Wettkampftage der ISSF-Weltmeisterschaft in München sind vorbei und es ist an der Zeit, einige (höchst subjektive) Eindrücke festzuhalten, soweit dies aus der Ferne möglich ist.

Die Schützen aus Deutschland und Rußland haben ein gemeinames Problem: In den prestigeträchtigen Einzelwettbewerben konnten sie bisher keine Medaillen erringen, sondern nur in den oft vernachlässigten Mannschafts- und Juniorenwettkämpfen. Wie sich das für den DSB darstellt, kann man hier nachlesen. (Angesichts der durchaus vorhandenen Erfolge ist es mir schleierhaft, wie einige deutsche Zeitungen schreiben können, die WM wäre ein Desaster für die deutschen Schützen.)

Für die Rußländische Schießsportunion sieht die Bilanz bisher wie folgt aus: Silber für die Luftgewehr-Mannschaft der Männer (1787 Ringe); Bronze in den LG-Einzel- und Mannschaftswertungen der Junioren (Alexander Drjagin - 593; Mannschaft - 1771); Silber für die Juniorenmannschaft mit der Freien Pistole (1625), Bronze in der Mannschaftswertung der Männer im English Match (1790) sowie, als bisher beste Plazierungen, Gold und Silber für die Junioren beim Schießen auf die Laufende Scheibe (Jurij Dowgal - 567, Alexander Naumenko - 566).
Manche russischen Spitzenschützen hatten einfach Pech, wenn sie sich wie Wladimir Gontscharow (5. mit der FP) und Denis Sokolow (6. mit dem LG) im Finale geschlagen geben mußten. Tragisch ist es schon, wenn ein Artjom Chadshibekow das Finale im English Match als 9. des Hauptwettkampfes knapp verpaßt. (Die Leistungsdichte bei dieser WM ist enorm.) Das Abschneiden von Ljubow Galkina mit dem LG (87. mit 390 von 400 Ringen) ist nur noch enttäuschend.



Demgegenüber haben andere Nachfolgestaaten der Sowjetunion in München aufgetrumpft. Mehrere Medaillen gingen in die Ukraine, Wjatscheslaw Podlesnij aus Kasachstan gewann Bronze mit der Freien Pistole und Sergej Martinow aus Belarus errang erneut den Weltmeistertitel im English Match. Die ISSF-Presseabteilung schreibt dazu:

"[...]

42-year old Belarusian shooter Sergei Martynov won his second consecutive World Championship title in the 50m Rifle Prone men event today, securing an Olympic Quota Place, a pass to the London 2012 Olympic Games.
The two-time Olympic Bronze medallist of Sydney and Athens finished on the highest step of today’s podium with a total score of 703.9 (599+104.9) points after a spine-chilling last shot.

After leading the qualification rounds with 599 points, and shooting an average higher than 10.5 per shot throughout the first part of the match, Martynov fired a frustrating 9.8-point last shot, finishing in first with just one tenth of a point of advantage over the Silver medallist Sauveplane of France (which means less than one millimetre of difference on a target set 50 meter far from them).

By winning his second consecutive title four years after the 2006 ISSF World Championship in Zagreb, Martynov also become the first-ever ISSF World Championship multi-medallist in the 50m Rifle Prone Men event: nobody, before Martynov, had ever been able to win two WCH medals in this competition.

“Of course I am happy. But I have to admit that I am somehow used to win: this is not my first victory!” Said the shy Belarusian athlete to the EBU cameras right after the last, breathtaking shot “This tile means to me that I am not too old to compete in the next Olympic Games!” concluded Martynov, who will be 44-year old in 2012.

[...]"


Martinows Sieg belegt nicht nur, daß auch ältere Herrschaften erfolgreiche Schützen sein können, sondern zeigt auch, daß man in einer solchen Position nicht auf Stil verzichten muß. Was meine ich damit? Vor etwa zwei Jahren war ich an einer Diskussion beteiligt, in der es darum ging, warum moderne Sportwaffen so häßlich sein müssen. Metall und andere Werkstoffe haben das traditionelle Holz etwa bei der Schaftfertigung weitgehend verdrängt, was mit der besseren Verstelbarkeit usw. begründet wird. Damals hatte ich (als bekennender Holzfetischist ;-)) dafür plädiert, nach Kompromissen zwischen Funktionalität und Ästhetik zu suchen. Und das WM-Finale gibt mir recht: Die Gewehre mehrerer Schützen sahen nicht aus wie orthopädische Gehhilfen, sondern verfügten als "richtige" Gewehre über einen Holzschaft. Darunter war auch das Anschütz-Gewehr des neuen Weltmeisters Martinow. Er war im Finale nicht die einzige, der an seiner Waffe auf hypermodernen Schnickschnack verzichtet hat. Trotzdem hat es ihm nicht zum Nachteil gereicht. :-)

Interessant ist auch die schon am Sonntagmorgen gestellte Frage, welche Waffen in der Disziplin Freie Pistole verwendet werden. Igor Ruljow hat dazu drei nette Statistiken erstellt: siehe hier, hier und hier. Fazit: Der nicht mehr produzierte russische Klassiker TOZ-35 ist nach wie vor gut vertreten, verliert aber langsam im Erwachsenenbereich an Boden. Von den drei Medaillengewinnern im Einzelwettkampf hat niemand eine TOZ verwendet, jedoch war sie unter den acht Finalteilnehmern immerhin zweimal vertreten, sofern ich das im Video richtig erkennen konnte.



Besonders erfreulich ist das offenbar große Zuschauerinteresse auf der Schießanlage in Hochbrück. Bleibt zu hoffen, daß die WM eine positive Außenwirkung auf die breite Öffentlichkeit entfaltet.

Bleibt zum Schluß noch ein kurzer Blick auf die Arbeit der deutschen Medien. Während es etwa im russischen Fernsehen Live-Übertragungen aus München gibt, können sich hierzulande manche Printmedien wie z.B. die Mitteldeutsche Zeitung nur zu zwei (!) Kurzmeldungen durchringen, die von Agenturen stammen (vgl. hier). Gleichzeitig werden dort jedoch Artikel über Vereinsinterna kroatischer Fußballclubs abgedruckt, als ob das hierzulande jemanden interessieren würde. So tut man alles dafür, den Schießsport als angebliche "Randsportart" wirklich an den Rand auch der öffentlichen Wahrnehmung zu drängen und so die mühsam aufgebaute waffenfeindliche Stimmung in der Bevölkerung zu erhalten. Dies hat nichts mit den bisher ausbleibenden Großerfolgen des DSB zu tun, denn auch über die "kleinen" Medaillen könnte man berichten. Vielmehr ist diese Verweigerung simpler Sportberichterstattung die Fortsetzung der waffenbesitzerfeindlichen Kampagnen mit den Mitteln des hier in Sachsen-Anhalt herrschenden Pressemonopols.



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Fotos: 1+2 - Sergej Martinow bei der Siegerehrung und zuvor auf dem Schießstand; 3 - Wjatscheslaw Podlesnij und der zweitplazierte Südkoreaner Lee Daemyung im FP-Finale; 4 - Silbermedaillengewinner Valerian Sauveplane und Martinow (mit einer denkwürdigen Beinhaltung) im Wettkampf (Quelle: ISSF).

Sonntag, 20. Juni 2010

Aufruhr in Kirgisistan


Die vergangenen Monate waren voller überraschender Wendungen für die Beobachter der politischen Ereignisse in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Im Mai/Juni-Heft der Zeitschrift Internationale Politik erschien eine Abhandlung von Antje Kästner und Julia Bader, in dem behauptet wurde, daß Rußland autoritäre Regime in Eurasien stützen würde, wobei der ehemalige kirgisische Staatschef Kurmanbek Bakijew als Beispiel galt. Selbiger Aufsatz war freilich bei seinem Erscheinen schon veraltet, denn in der ersten Aprilhälfte war es in Kirgisistan zu gewalttätigen Unruhen gekommen, in deren Folge Bakijew abdanken mußte. Er, der 2005 durch die sog. Tulpenrevolution an die Macht gekommen war, wurde von seinem Volk auf dieselbe Art und Weise wieder aus dem Amt gejagt. Als Übergangspräsidentin übernahm Rosa Otunbajewa die Macht.
Bald danach kamen neue Gerüchte auf, die vor allem von englischsprachigen Medien verbreitet wurden: Der Aufstand, welcher zu Bakijews Sturz geführt hatte, sei von Moskau initiiert worden, um die geopolitische Stellung der USA zu schwächen. Irgendwelche Belege dafür ließen sich zwar nicht finden, doch gilt offenbar mancherorts die Grundregel, daß Putin und Medwedew im Zweifelsfall immer die Bösen sind.

Nun sind in den letzten Wochen im Süden Kirgisistans, im Ferghanatal rund um die Stadt Osch neue Unruhen aufgeflammt, die einen stark ethnischen Anstrich trugen und sich zuvörderst gegen die dort lebende usbekische Minderheit von fast einer Dreiviertelmillion Menschen richteten. Das Ferghanatal war bereits 1990 Schauplatz zwischen-ethnischer Gewaltausbrüche, die nur durch längere und massive Präsenz der damals noch sowjetischen Sicherheitskräfte zur Ruhe gebracht werden konnten. Tausende bedrohter Usbeken wurden damals über eine Luftbrücke in andere Teile der UdSSR ausgeflogen, wo viele von ihnen noch heute leben.

Nach Ausbruch der neuerlichen Unruhen in Osch und Dschlalabat sind erneut Spekulationen über eine vermeintliche Beteiligung Rußlands ins Kraut geschossen. Würde man diesen Moden folgen, dann ergäbe sich folgendes Bild: Moskau stützt Bakijew, läßt ihn dann fallen, um Otunbajewa an die Macht zu verhelfen, und sechs Wochen später wird wiederum Bakijew unterstützt, der aus seinem Exil in Minsk zum gewaltsamen Kampf gegen die Übergangsregierung aufgerufen haben soll. Das macht alles furchtbar viel Sinn. Man sollte endlich akzeptieren, daß in den Staaten Mittelasiens eigene politische Prozesse ablaufen, die weder von Washington noch von Moskau, weder von Brüssel noch von Peking gesteuert werden können. Das Ausland kann sich bestenfalls mit den Ergebnissen dieser Prozesse arrangieren. (Und es würde mich nicht wundern, wenn die jetzige Hoffnungsträgerin Otunbajewa in einigen Jahren das gleiche Schicksal wie Bakijew ereilen würde.)



Jetzt zu den Unruhen selbst. Meine Kenntnisse der Verhältnisse in Zentralasien sind - ebenso wie die verfügbaren Informationen - sehr beschränkt, weshalb ich zunächst aus einem äußerst lesenswerten Artikel auf NewEurasia.net zitieren möchte:
"[...]

As Managing Editor of neweurasia, I want to take a moment to address something that’s been concerning me throughout the crisis in Southern Kyrgyzstan, namely, the conflation of speculation with fact, ultimately and especially regarding the issue of blame and the problem of evil. To begin with, this is what the international journalistic community thinks it knows and only that: as affirmed by the United Nations’ High Commissioner for Human Rights, it appears that gangs of masked men attacked, in an organized and premeditated fashion, Uzbek and Kyrgyz targets in Osh.

That’s all we know right now. Even the Commissioner is unsure as to these gangs’ intentions, although it’s more than reasonable to conclude they were seeking to provoke a reaction. More importantly, we don’t know who they are. There is no smoking gun — yet. In its place there are a lot of theories buzzing around, everything ranging from Russian special forces to secret agents of the Bakiyev network. But these are only theories at the moment. Until we have hard evidence, e.g., a confession, one that meets international standards of propriety, we do not know what was the plan behind these attacks.

I must remind everyone, especially certain Westerners, that this is not some board game of Risk or hermetically sealed thought experiment in a military lab. The city of Osh has been burned down. The old methodology of identifying likely suspects by who would profit the most from a situation simply doesn’t work. Let’s use the Bakiyev network as an example: even if they didn’t expect the violence to get so out of control, why would they have taken the risk knowing that the interim government would likely blame them anyway? And that’s exactly what has happened, by the way.

That leads me to the next important point: the scale of the violence clearly indicates that there is no easy villain in this. You cannot blame Bakiyevists, mafiosos, Russian special services, Islamist terrorists, or space aliens for the immense and gratuitous bloodletting of the past week. Some bloggers have tried to argue that the extremism of the violence couldn’t have come from “mere” ethnic tension, but they underestimate that there are some chasms in the human soul that are too dark for decency.

That means you also cannot conveniently blame the Kyrgyz military, nation-state, or the entire ethnic group, either. You want to call this a “genocide” and a “conspiracy”? Until you can offer me rigorous proof of a systematic basis for the tragedy, I as a journalist and an academic won’t allow you to call it that. Why? Because truth is what is at stake, and at stake in truth is justice and real human lives.

[...]"
Die Ereignisse an sich sind schlimm genug, da müssen nicht noch dramatische (Verschwörungs-)Theorien erfunden werden. Zur weiteren Vertiefung möchte ich auf die hervorragenden Webseiten bzw. Blogs New Eurasia und Registan sowie die entsprechende Rubrik von RIA Nowosti verweisen, die an Sachkenntnis und Landeskunde schwer zu übertreffen sind.



Nun zu einem anderen Thema. Wie sollen die Unruhen erstickt werden? Vor einer Woche hatte die kirgisische Übergangsregierung zunächst in Washington angefragt, ob die USA zumindest "Riot control"-Ausrüstung liefern könnten. Dies ist abschlägig beschieden worden. Danach wurde die rußländische Regierung um die Entsendung von Truppen in die Unruheregion gebeten. Auch dies ist bis heute nicht erfolgt. Dies wird z.T. sehr kontrovers diskutiert - siehe z.B. "Russia’s Osh Test", "Explosion of violence in Kyrgyzstan: Moscow wins?" und "Konflikt in Kirgistan: Was muss Russland jetzt tun?" (die Lektüre dieser drei Texte wird empfohlen).

Die Lage in Osch und Umgebung ist auch für Moskau höchst unübersichtlich. Da ist der ethnische Konflikt, da sind ordinäre kriminelle und Drogenhändler, da ist die Möglichkeit einer usbekischen Militärintervention im Nachbarland, da sind geopolitische Faktoren wie etwa das Verhältnis zu den USA, wo eine russische Intervention womöglich als "Muskelspiel des Kremls" verurteilt würde. Und zumindest in Usbekistan sind auch islamistische Gruppen aktiv.
Mithin hatte die russiche Regierung auf eine breit angelegte Regelung im Rahmen der Organisation des Vertrages für kollektive Sicherheit (OVKS) angestrebt. Die OVKS hat sich in den letzten Jahren auf ähnliche Szenarien vorbereitet, u.a. indem Anti-Terror-Übungen durchgeführt und gemeinsame Krisenreaktionskräfte gebildet wurden. Doch aus einer gemeinsamen Intervention zur Unterstützung der kirgisischen Übergangsregierung wird anscheinend nichts. Die Gremien der OVKS haben getagt (es hat sogar Konsultationen mit der NATO gegeben), doch zu einem Marschbefehl konnte man sich nicht durchringen.

Die Absage aus Belarus kam nicht überraschend, denn die weißrussische Regierung verfolgt seit Jahren eine äußerst defensive und zurückhaltende Sicherheitspolitik, die Kampfeinsätze von Truppen außerhalb des eigenen Staatsgebietes de facto ausschließt. Entscheidend dürfte die Weigerung Kasachstans gewesen sein, einer Intervention zuzustimmen. Das Land grenzt im Süden sowohl an Usbekistan als auch an Kirgisistan, weshalb ihm in jedem Fall eine wichtige Rolle zukäme (Überflugrechte, Truppentransit usw.). Zu mehr als humanitären Hilfslieferungen für die abertausenden Flüchtlinge, der Entsendung einer Beobachtergruppe (inkl. nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit) und weiterer technischer Unterstützung hat es nach derzeitigem Stand nicht gereicht. Und angesichts des Abflauens der Unruhen könnte sich das Thema ohnehin bald erledigt haben.

Das zeigt - neben gewissen politischen Befindlichkeiten (Bakijews Asyl in Belarus) und völkerrchtlichen Rücksichtnahmen (Stichwort: innerer Konflikt, vgl. auch Artikel 5 der OVKS-Charta) - auch die praktischen Schwierigkeiten bei der Eindämmung solcher Unruhen. Mit ausländischer Militärpräsenz alleine wäre es ja nicht getan, diese Kräfte müßten auch handeln. Doch was sollten sie angesichts der komplexen kirgisischen Gemengelage tun? Massenhafter Schußwaffeneinsatz gegen nur teilweise bewaffnete Randalierer wäre vielleicht zielführend, verbietet sich aber aus rechtlichen und ethischen Erwägungen. Und wie kommt man aus diesem Sumpf wieder heraus, wenn man einmal darin involviert ist? (Aus guten Gründen verzichten auch die USA auf ein militärisches Eingreifen, obwohl sie in Kirgisistan eine Luftwaffenbasis unterhalten.)





Am 15. Juni stellte sich das wie folgt dar:
"[...]

Bei einem Treffen mit Russlands Präsident Dmitri Medwedew gab OVKS-Generalsekretär Nikolai Bordjuscha zu verstehen, dass die Entsendung von Friedenstruppen nicht erwogen werde. Beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) sagte Medwedew, eine Intervention von OVKS-Truppen in Kirgisien sei nicht geplant, doch am Sonnabend wandte sich die kirgisische Übergangsregierungschefin Rosa Otunbajewa mit der Bitte an Russland, in den Süden Kirgisiens Friedenssoldaten zu entsenden. Dafür sprach sich auch der gestürzte Präsident Kurmanbek Bakijew aus.

Laut OVKS-Satzung werden Friedenseinsätze in den Mitgliedsländern der Organisation von den Präsidenten gefasst, und zwar unter Berücksichtigung der nationalen Gesetzgebung und nach einer offiziellen Bitte des betreffenden Mitgliedsstaates. Nach Otunbajewas Bitte könnten Friedenssoldaten entsendet werden, doch wolle sich niemand in diese Situation verwickeln lassen, sagt Wladimir Scharichin, Vizedirektor des Moskauer GUS-Instituts: Die Entsendung eines Truppenkontingents wäre eine extreme Maßnahme.

Der russische Politologe Alexej Wlassow ist der Ansicht, die Entsendung der Friedenstruppen müsse als Konsens beschlossen werden - es müssen also alle sieben Präsidenten der OVKS-Länder dafür stimmen. Die Meinungen der Experten würden auseinandergehen, meint Wlassow. Einige von ihnen hofften, die OVKS werde die Differenzen überwinden und die Entsendung von Friedenssoldaten beschließen, was jedoch nicht der Fall gewesen sei: Was gehen die Ereignisse im fernen Kirgisien Armenien oder Weißrussland an?

[...]"
Die Entscheidung, die Übergangsregierung materiell und begrenzt personell zu unterstützen statt eigene Soldaten nach Kirgisien zu entsenden, war möglicherweise besser. Die kirgisischen Sicherheitskräfte kennen ihre "Pappenheimer" und können mit ihnen entsprechend umgehen. Ausländische Truppen wecken immer negative Emotionen unter den Einheimischen und werden somit leicht zur Zielscheibe von Anschuldigungen oder gar Angriffen. Zudem wäre ein Eingreifen von außen - wie das Beispiel von 1990 lehrt - langwierig und kostspielig und sein Ende möglicherweise unabsehbar. Schließlich wird sich die kirgisische Regierung - sofern es tatsächlich gelingt, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen - von ihrem Volk nicht vorwerfen lassen müssen, daß sie nur eine Marionette des Auslands sei und ihre Macht auf den Bajonetten fremder Truppen beruhe.





Abschließend noch eine Beobachtung über den Verlauf der Unruhen und die Bewaffnung der Randalierer. Medienberichte und Fotos aus Osch zeigen eindeutig, daß die Gewalttäter zunächst fast nur mit improvisierten Waffen wie Metallrohren, Speeren, Messern u.ä. ausgerüstet waren (siehe auch das obige Video). Erst die Erstürmung von Polizeistationen und Armeekasernen führte zum massenhaften Auftauchen von Schußwaffen in ihrer Hand. Mithin war es - wie schon zuvor in vielen Bürgerkriegen - nicht etwa ein laxes Waffenrecht oder privater Waffenbesitz, der zu der hohen Zahl von Opfern beigetragen hat. Vielmehr waren es die offenbar unzureichend gesicherten Behördenwaffen. Man könnte jetzt versuchen, noch weitere Lehren aus den tragischen Ereignissen zu ziehen, doch wären diese angesichts der schwierigen Informationslage reine Spekulation.


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Fotos: RIA Nowosti; Karte: Wikipedia.

Samstag, 5. Juni 2010

Die Militärbezirke werden abgeschafft


Die Beobachtung der im Herbst 2008 begonnenen, großangelegten Militärreform in der Rußländischen Föderation ist hier auf Backyard Safari bis dato zu kurz gekommen. Aber es läßt sich jetzt schon sagen, daß diese Reform – im Gegensatz zu vorherigen Versuchen – tatsächlich ins Werk gesetzt wird und so die russischen Streitkräfte vollständig umkrempelt. Die bisherigen Strukturen, die großteils noch auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges zurückgehen, wurden und werden durch andere abgelöst. Waren sie bisher auf ein Millionenheer und großangelegte Operationen ausgerichtet, so werden sie nicht nur quantitativ reduziert, sondern komplett umgebaut, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Einer der politischen Auslöser waren die in der Vergangenheit sowohl 1999/2000 in Tschetschenien als auch 2008 in Südossetien gemachten Erfahrungen, daß die RF, obwohl sie nominell über eine große Armee verfügt, bestenfalls fähig ist, etwa 65.000 Mann tatsächlich ins Feld zu führen. Der Rest des Personals hat sich selbst oder irgendwelche Depots bewacht, Radar- und (mangelhafte) Funkstationen bedient o.ä. Ziel waren also effizientere und effektivere Streitkräfte.

Einige der wichtigsten Eckpunkte der Militärreform sind:
1. Auflösung aller Mobilmachungstruppenteile, die nur zu 30 bis 50 % mit Personal aufgefüllt waren, aber bereits in Friedenszeiten über den vollständigen Offiziersbestand verfügten. Hier werden auch die meisten der insgesamt rund 200.000 abgebauten Offiziere eingespart. Die russische Armee wird somit nur noch über vollaktive Einheiten verfügen.
2. Drastische Reduzierung des Personals, das im Verteidigungsministerium, im Generalstab und in anderen Militärbehörden tätig ist sowie die Auslagerung und Privatisierung von Dienstleistungen (ähnlich der deutschen Bundeswehr). Insgesamt wird der Personalbestand von 1,2 auf 1 Million Mann reduziert, davon knapp 300.000 in den Landstreitkräften.
3. Umbau der Landstreitkräfte durch Verzicht auf die als schwerfällig geltenden Regiments- und Divisionsstrukturen. Statt dessen wurden „Allgemeine Brigaden“ (russ.: Obschtschewojskowye brigady) geschaffen, die mit ihren Motorisierten Schützen- und Panzerbataillonen das Rückgrat des Heeres bilden. Derzeit existieren 39 Allgemeine Brigaden. Deren Anzahl könnte sich irgendwann noch bis auf die angedachte Zahl von 85 erhöhen (wenn die Reste der alten Armeestruktur aufgelöst sind), doch zunächst muß die genaue Organisation der Brigaden festgeschrieben werden. Insofern werden zur Zeit verschiedene Modelle diskutiert.
4. Die Fliegerkräfte sämtlicher Waffengattungen und Teilstreitkräfte (mit Ausnahme der Strategischen Raketentruppen) sind in die Luftstreitkräfte überführt worden.
5. Dazu kamen noch zahlreiche weitere Maßnahmen, z.B. die Reduzierung des Grundwehrdienstes auf 12 Monate im Jahre 2008, Änderungen in der Offiziersausbildung, Gründung eines bisher nicht gekannten Unteroffizierskorps, das nicht mehr aus besonders guten Wehrpflichtigen, sondern nur noch aus Berufs- und Zeitsoldaten besteht u.v.a.m.

Das in aller Kürze. Einen guten Überblick über die Reform bieten in deutscher Sprache dieser Artikel von RIA Nowosti, dieser Beitrag von Frank Preiß sowie der Beitrag „Mehr als ein neuer 'Look'“ in der Frankfurter Allgemeinen vom 02.12.2009. (Sonst ist die Rußlandberichterstattung der FAZ eher mit Vorsicht zu genießen, wenn etwa behauptet wird, daß Moskau die Schwelle für den Atomwaffeneinsatz senken werde, um leichter damit „drohen“ zu können. Dem ist jedoch nicht so, die neue Militärdoktrin sagt etwas gegenteiliges.)
Viele weitere, wichtige Informationen sind diesem und jenem Weblog zu entnehmen. Da die Ähnlichkeit zu der schon vor Jahren in Belarus erfolgreich durchgeführten Militärreform unverkennbar ist, möchte ich ergänzend noch auf diese Arbeiten über die weißrussische Armee hinweisen.

Die bereits vollzogenen Reformschritte haben keinen Bereich der russischen Armee unberührt gelassen und sie entsprechend durcheinandergeschüttelt – die Ergebnisse der im vergangenen Jahr durchgeführten Manöver waren entsprechend negativ. Die öffentliche Kritik an Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow ist heftig (und nur selten höflich formuliert) und es dürfte noch einige Jahre dauern, bis sich die erwarteten positiven Folgen zeigen.



Die Reform scheint langsam zum Dauerzustand zu werden (wofür man in der Bundeswehr den Begriff Transformation verwendet). Dieser Tage ist bekannt geworden, daß es auch den traditionellen Militärbezirken, in denen die gesamte Armee mit Ausnahme der Marine organisiert ist, an den Kragen gehen wird. Das System der Militärbezirke (MB), wie es bis heute existiert, geht auf einen Befehl von Leo Trotzki aus den Anfangsjahren der Sowjetmacht zurück, der wiederum auf Vorläufer aus der Zarenzeit aufbauen konnte. Die Militärbezirke waren nicht nur eine militärische Verwaltungsorganisation, sondern bildeten zugleich im Kriegsfall die operative und teilstreitkraftübergreifende „Front“.

Die derzeit existierenden sechs Militärbezirke sollen nun zum Jahresende aufgelöst werden. Statt dessen werden vier „Operativ-strategische Kommandos“ (OSK) gebildet, denen wahrscheinlich sämtliche nicht-strategischen Verbände der Land-, Luft- und Seestreitkräfte unterstellt werden. Die Idee solcher „joint commands“ stammt natürlich aus den USA. In der sowjetischen bzw. russischen Militärgeschichte gab es derartige Kommandos lediglich im Rahmen des Warschauer Vertrages, z.B. das Kommando des westlichen Kriegsschauplatzes. Das waren aber ganz andere Größenordnungen als heute, wo es primär um flachere Hierarchien und weniger „Verwaltung der Verwaltung“ geht, welche kosten- und zeitintensiv ist. Während der zurückliegenden 15 Jahre wurde in russischen Militärkreisen unter dem Stichwort „strategische Richtungen“ mehrfach über Alternativen zu diesem System, das nur bei einem riesigen Multimillionenheer effizient ist, nachgedacht, aber nichts davon realisiert (sofern man von einem kurzzeitigen Experiment im Fernen Osten absieht).

Die neuen OSKs werden im folgenden kurz vorgestellt. (Als Grundlage diente mir primär dieser Artikel des Militäranalysten Alexander Chramtschichin vom 21.05.2010. Chramtschichin ist am [privaten] Institut für politische und militärische Analyse tätig und stand der ehemaligen [liberalen] Partei SPS nahe. Seine Texte, die bisweilen auch von RIA Nowosti übersetzt werden, sind von großer Nüchternheit geprägt und kommen ohne ideologische Nebelkerzen aus. Die nachfolgend gezeigten Karten stammen aus dem Jahr 2006 und stellen die noch bestehenden Militärbezirke, aus denen die OSKs gebildet werden, sowie die in diesen zum damaligen Zeitpunkt – also noch vor Beginn der Militärreform! – dislozierten Einheiten und Verbände dar. Die [noch] aktuellen Gliederungen können den verlinkten Wikipedia-Seiten der MBs entnommen werden.)





Operativ-strategisches Kommando West

Hauptquartier: Sankt Petersburg. Es wird aus den Land- und Luftstreitkräften des Moskauer Militärbezirks und des Leningrader Militärbezirks gebildet; außerdem werden ihm die Baltische Flotte und die Nordmeerflotte sowie die im Kaliningrader Gebiet stationierten Verbände unterstellt. Das OSK West wird somit – nach heutigem Stand – über folgende Kräfte und Mittel verfügen:

Landstreitkräfte: 9 Allgemeine Brigaden (2 Panzer- und 7 Mot. Schützenbrigaden; dazu kommen noch 2 Marineinfanteriebrigaden bei den beiden Flotten), 6 Raketen- bzw. Artilleriebrigaden, 2 Flugabwehrbrigaden, 5 Basen für die Aufbewahrung von Kampftechnik (für den Mobilmachungsfall).
Luftstreitkräfte/Luftverteidigung: 21 Fliegerbasen (es gibt keine Fliegerregimenter mehr), 2 Flugabwehrbrigaden und 20 Flugabwehrregimenter.
Seestreitkräfte: vgl. hier und hier.

Das alles verteilt sich auf einen geographischen Raum, der von Murmansk und Archangelsk im Norden über Belgorod im Südwesten bis nach Nishnij Nowgorod im Osten reicht und an folgende Staaten grenzt: Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Belarus (mit dem die RF im Rahmen der OVKS kooperiert), Ukraine sowie Polen (Exklave Kaliningrad). Das sind außerdem die mit am dichtesten besiedelten Gebiete der RF, worin mit Moskau, St. Petersburg und Nishnij Nowgorod auch drei Millionenstädte liegen.
Chramtschichin meint, nachdem er ausführlich Zahlen miteinander verglichen hat, daß diese Kräftegruppierung in etwa der polnischen Armee entspreche und in einer (freilich hypothetischen) Auseinandersetzung mit den in Mittel- und Westeuropa stationierten NATO-Streitkräften hoffnungslos unterlegen wäre.




Operativ-strategisches Kommando Ost

Hauptquartier: Chabarowsk. Wird gebildet aus dem Fernöstlichen Militärbezirk, dem östlichen Teil des Sibirischen Militärbezirks und der Pazifikflotte. Ihm stünden wohl folgende Kräfte und Mittel zur Verfügung:

Landstreitkräfte: 10 Allgemeine Brigaden (1 Panzer- und 9 Mot. Schützenbrigaden; plus 1 Marineinfanteriebrigade der Pazifikflotte), 1 MG-/Artilleriedivision (Küstenverteidigung), 9 Artillerie- bzw. Raketenbrigaden, 4 Flugabwehrbrigaden, 12 Basen für die Aufbewahrung von Kampftechnik.
Luftstreitkräfte/Luftverteidigung: 13 Fliegerbasen, 8 Flugabwehrregimenter.
Seestreitkräfte: vgl. hier.

Chramtschichin stellt an dieser Stelle ebenfalls Vergleiche mit den Streitkräften der Nachbarstaaten Japan und China an und konstatiert auch für das OSK Ost eine eindeutige Unterlegenheit Rußlands. Die Mobilmachungsbasen liegen relativ nahe an der Grenze, weshalb sie im Zweifelsfall eher einem eventuellen Gegner als der russischen Armee helfen dürften. Zudem sei die für die Logistik existentiell wichtige Transsibirische Eisenbahn ungeschützt und könne wegen ihrer grenznahen Lage leicht durch Luftschläge oder Kommandounternehmen unterbrochen werden.
Ähnliches gilt für das in Chabarowsk residierende Hauptquartier des OSK Ost. Die Stadt liegt am Amur nahe der Grenze zu China und wäre somit – ebenso wie St. Petersburg im Westen – im Falle eines großen Krieges kaum zu schützen.





Operativ-strategisches Kommando Süd

Hauptquartier: Rostow am Don. Es wird aus dem Nordkaukasischen Militärbezirk, den südlichen Teilen des Wolga-Ural-Militärbezirks, der Schwarzmeerflotte und der Kaspischen Flottille gebildet.

Das Hauptaufgabengebiet dieses OSK liegt naturgemäß in Kaukasusraum. Dazu kommt die Unterstützung verbündeter Staaten wie etwa Armenien, wo derzeit zwei Mot. Schützenbrigaden sowie Fliegerkräfte stationiert sind. Die genaue Zusammenstellung der Kräfte und Mittel ist aufgrund der noch unklaren Aufteilung des Wolga-Ural-MB bisher nicht bekannt, doch wird das OSK Süd zumindest die Verbände des heutigen Nordkaukasischen MB verfügen, die im Bereich der Landstreitkräfte u.a. wären: 10 Allgemeine Brigaden (Mot. Schützen, inkl. der in Armenien), 4 Artillerie- bzw. Raketenbrigaden.




Operativ-strategisches Kommando Mitte

(Wird in manchen Quellen auch als OSK Nord bezeichnet.) Hauptquartier: Jekaterinburg. Es wird aus dem westlichen Teil des Sibirischen Militärbezirks und dem größten Teil des Wolga-Ural-Militärbezirks gebildet und verfügt aus geographischen Gründen als einziges OSK über keine unterstellten Seestreitkräfte.

Das Gebiet des OSK Mitte grenzt lediglich an Kasachstan, mit dem Rußland im Rahmen der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS) sowie der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) eng kooperiert. Mithin besteht die Hauptaufgabe des OSK Mitte im Bereitstellen von Kräften und Mitteln als Reserve für die drei übrigen OSKs sowie ggf. für die anderen Mitgliedsstaaten von OVKS und SOZ. Hierfür könnten u.a. 6 Allgemeine Brigaden des Heeres zur Verfügung. Weitergehende Details sind auch hier noch unbekannt.



So viel für den Moment. Die Überlegungen hinsichtlich der OSKs sind noch nicht abgeschlossen. So muß beispielsweise noch entschieden werden, ob und, wenn ja, inwieweit die strategischen Truppen (Strategische Raketentruppen, Fernfliegerkräfte, SLBM-tragende U-Boote) den neuen Kommandos unterstellt werden.
Dennoch zeigt sich hier die Intensität, mit der die politische Führung der RF gewillt ist, innerhalb des Militärs alte Zöpfe abzuschneiden – auch gegen erheblichen Widerstand in der veröffentlichten Meinung, deren Kommentatoren manchmal wohl in den Denkmustern des Jahres 1944 befangen bleiben und von gewaltigen Panzerschlachten wie einstmals am Kursker Bogen (alb-)träumen. (Damit soll natürlich nicht gesagt werden, daß jegliche Kritik an der Militärreform und ihrer Umsetzung unsachlich oder gar unredlich sei!) Es bleibt abzuwarten, inwieweit das OSK-Konzept erfolgreich sein wird. Demnächst wird es bei der im Fernen Osten stattfindenden Großübung „Wostok-2010“ erprobt. Vieles hängt auch davon ab, wie gut die neuen Systeme zur automatisierten Truppenführung funktionieren werden.

Die umfassenden Veränderungen an Haupt und Gliedern führen in den rußländischen Streitkräften stellenweise zu einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. So haben beispielsweise die Luftlandetruppen bisher noch keine Brigadestruktur eingenommen, sondern gliedern sich nach wie vor in 3 Divisionen sowie diverse selbständige Brigaden, Regimenter und Bataillone, die sich in unterschiedlichen Unterstellungsverhältnissen befinden. Ich vermute, daß in ein oder zwei Jahren, wenn sich die neuen Strukturen in der übrigen Armee „eingeschliffen“ haben, auch hier ein großer Umbau, der mit deutlichen Reduzierungen verbunden ist, einsetzen wird.
Ähnliches gilt für die Aufklärungstruppen der Spetsnaz. Bereits 2009 wurden sie dem Generalstab „weggenommen“ und direkt den Militärbezirken unterstellt. Zudem wurden mehrere Spetsnaz-Einheiten aufgelöst – eine Maßnahme, die ebenfalls viel öffentliche Entrüstung hervorgerufen hat. Vermutlich werden die Spezialkräfte, sobald sich die vier OSKs formiert haben, ebenfalls umstrukturiert und an die neue Führungsorganisation angepaßt.



PS: Weitere Aussagen Alexander Chramtschichins sind auch in deutscher Sprache verfügbar, siehe z.B. hier, hier und hier.


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Fotos: www.mil.ru.