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Samstag, 24. April 2010

DDR-Waffenrecht VIII

Zweite Durchführungsbestimmung des Innenministeriums zur Schußwaffenverordnung (Verkehr mit Schußgeräten und Kartuschen) vom 26.03.1987

(Fundstelle: Gesetzblatt der DDR I, Nr. 11 v. 05.05.1987, S. 134 ff.)




Diese Rechtsvorschrift widmet sich - wie schon die Anordnung von 1968 (vgl. Teil IV) - den sog. Schußgeräten, worunter u.a. Druckluftwaffen und Vorderlader fallen.
Hinsichtlich der Regelungstechnik wurden die waffenrechtlichen Vorschriften im Jahre 1987 deutlich enger miteinander verzahnt als es in den Vorjahren der Fall gewesen war. Das wird auch aus der Lektüre dieser zweiten Ausführungsbestimmung deutlich. Dabei fallen auch, wieder einmal, die vielen weiten und völlig unbestimmten (um nicht zu sagen: kaum definierbaren) Rechtsbegriffe ins Auge, die den staatlichen Behörden keine Grenzen setzten, sondern dem Bürger.
Als ich § 1 II gelesen habe, dachte ich zunächst, daß 1987 auch Druckluftwaffen erlaubnispflichtig geworden sind. Doch der Blick in die Schußwaffenverordnung (vgl. Teil VI) belehrte mich eines besseren. Gem. deren § 6 III Nr. 2 i.V.m. § 3 V Nr. 1 waren Luftdruckwaffen weiterhin erlaubnisfrei. Im Gegensatz zu den Anordnungen von 1957 und 1968 (vgl. Teile I und IV) scheint es 1987 dafür keine Altersgrenze (vorher: 16 Jahre) und auch keine detaillierten Vorgaben an den Einzelhandel mehr gegeben zu haben.
Inhaltlich interessant ist zudem § 6 V mit seiner Nachweispflicht für Vorderlader.


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Sonntag, 18. April 2010

DDR-Waffenrecht IV

Anordnung des Ministeriums des Innern über den Verkehr mit Schußgeräten und Kartuschen (Schußgeräteanordnung) vom 14.08.1968

(Fundstelle: Gesetzblatt der DDR II, Nr. 90 v. 03.09.1968, S. 704 ff.)







Unter diese Verordnung fallen nicht nur Bolzenschußgeräte u.ä., sondern auch Vorderlader, Armbrüste - und Druckluftwaffen (§ 1). Insofern löste sie die Anordnung aus dem Jahre 1957 ab. Man beachte bitte die detaillierten Vorschriften hinsichtlich des Erwerbs und der Verwendung von Luftgewehren (§§ 9, 12, 13), denn LPs waren de facto nicht erhältlich.
Des weiteren waren Vorderlader unbrauchbar zu machen (§ 13 V).


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Samstag, 5. September 2009

Das Museum polnischer Waffen


Das Museum der polnischen Waffen (poln.: Muzeum Oręża Polskiego) in Kolberg ist - neben einem Mineralienmuseum - einer der wenigen kulturellen Höhepunkte dieses eher beschaulichen Kurortes an der Ostseeküste. Demzufolge ist es meist auch gut besucht, und zwar nicht von finster dreinblickenden "Militaristen" im Tarnanzug, sondern von erstaunlich vielen jungen Eltern mit ihren Kindern, was den unverkrampften Umgang mit Waffen in der polnischen Gesellschaft indiziert.

Hier kann man eine große Auswahl an Blank- und Handfeuerwaffen, Uniformen und Militaria besichtigen. Die Darstellung ist sehr professionell, so werden z.B. alle Uniformen zusammen mit den passenden Effekten, Seitenwaffen etc. präsentiert. Inhaltlich geht es um alle Waffen, die auf dem Gebiet des heutigen Polen verwendet worden sind - vom Mittelalter bis etwa 1945. Dabei ist die Zuordnung allerdings sehr großzügig, weshalb auch die Bewaffnung der diversen polnischen Legionen in fremden Diensten ausführliche Beachtung gefunden hat.



Neben dem Museumsgebäude werden auf einem Freigelände Großgeräte wie Geschütze, Panzerfahrzeuge und Flugzeuge präsentiert. Der Eintritt ist recht preiswert und kostet inkl. Fotogenehmigung 8 Zloty (~ 2 €). Außerdem gehört zum Museum das Museumsschiff "Fala" (vgl. hier), welches im Hafen von Kolberg liegt.
Wie bei allen Waffen- und Militärmuseen stellt sich auch hier die Frage: Lohnt sich ein Besuch? Meine Antwort: Ja, unbedingt, aber man muß nicht extra deswegen aus Deutschland anreisen. Doch wenn man in der Nähe ist, sollte man unbeding hereinschauen.
Die folgenden Bilder vermitteln einen Eindruck von der Ausstellung.



Adresse: Ulica Emilii Gierczak 5, 78-100 Kołobrzeg

(Link bei Google Maps)

Weiterführende Links:
Offizielle Webseite (poln.)
Wikipedia (poln.)



Bilder 3 + 4: Mittelalterliche Waffen und Rüstungen.



Waffen aus dem 18. Jahrhundert.



Waffenkuriositäten: oben Stiftfeuerevolver und Stockdegen, unten Vorderladerpistolen mit Bajonett.




Oben Nagant-Revolver, unten diverse Revolver aus den polnischen Aufständen des 19. Jh.




Uniformen der polnischen bewaffneten Kräfte nach 1918.



Auch zahlreiche deutsche Waffen gehörten zur gemischten Ausrüstung der jungen polnischen Armee, hier etwa P 08 und C 96 (9 mm).



In der Zwischenkriegszeit wurden Mauser-Gewehre zur Standardbewaffnung. Rechts ein Gewehr, das ich bisher nur aus der Literatur kannte: Mosin-Nagant-Karabiner, in Polen nach dem 1. WK für die Aufnahme eines 98er Bajonetts aptiert.




Bemerkenswert: Das Hakenkreuz als Uniformabzeichen polnischer Gebirgsjäger anno 1939.



Sowjetische Maschinengewehre aus der Zeit des 2. WK.



Sowjetische Infanteriewaffen, die während des 2. WK und danach von polnischen Einheiten geführt worden sind.



Dazu zählen auch diese beiden Selbstladegewehre: rechts ein SWT-40, links ein von Simonow konstruiertes AWS-36.



Sowjetische Kurzwaffen, in der Mitte der Vorläufer der berühmten Pistole TT-33, eine ebenfalls von Tokarew konstruierte TT-30.



Uniformierung der polnischen Verbände, die während des 2. WK im Rahmen der Roten Armee gekämpft haben.



Bodenfunde aus der Schlacht um Kolberg (1945).



Uniformen der polnischen Armee aus den Jahren 1944/45.



Nachtrag: Zwei literarische "Beutestücke" aus dem leider nicht sehr üppigen Museumsladen.


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Mittwoch, 8. Juli 2009

Wie steht es um die deutsche Waffenkultur?


Vor einigen Monaten hatte ich eine Diskussion über den Nachbau einer belgischen Salonpistole. Dabei hat mir ein anderer Forennutzer empört entgegengehalten: „Die ist ja häßlich wie die Nacht.“ Aus einer rein ästhetischen Perspektive heraus mag dies stimmen. Ich habe ihm damals geantwortet, daß dieser Waffentyp in diesem Design eben Teil unseres europäischen Kulturerbes ist. Allein deshalb verdiene sie freundliche Beachtung. Im Deutschen Waffenjournal wurde vor einigen Jahren ein längerer Aufsatz zu diesen Salonpistolen publiziert (Heft 9/1994, S. 1310 ff.). Nachfolgend werden daraus die ersten drei Absätze zitiert, um zu verdeutlichen, in welchem historisch-kulturellen Kontext diese Waffen zu sehen sind:
"[…]

Ein Sonntag vor knapp 150 Jahren im württembergischen Stuttgart. Herr Epple, höherer Beamter am königlichen Hof, ist mit seiner Frau bei Familie von Grafeneck zu Gast. Nach dem ausgedehnten Mittagessen begeben sich die Herren und die beiden Söhne des Gastgebers in den Salon. Bald dreht sich das Gespräch um ein vor wenigen Tagen stattgefundenes Duell, bei dem es zum Glück nur eine leichte Verwundung gegeben hatte. Herr von Grafeneck ist als Offizier für ein Duell gerüstet. Im Wandschrank verwahrt er seinen Degen und einen Kasten mit Duellpistolen. Mit großem Interesse betrachtet sie Herr Epple, muß er doch als Akademiker ebenfalls damit rechnen, in einen oft aus nichtigem Anlaß vom Zaune gebrochenen Ehrenhandel verwickelt zu werden.

Neben den Duellpistolen liegt ein kleineres Kästchen aus schönem Wurzelmaserholz. Herr von Grafeneck entnimmt ihm eine mittelgroße Pistole, die wegen des fehlenden Hahns und der ansprechenden Form recht elegant aussieht. Auch die Ladewerkzeuge für den innenliegenden Mechanismus, eine Zündhütchenschachtel und eine Dose mit kleinen Rundkugeln legt er auf den Rauchtisch. Dann stellt er das Kästchen auf eine Kommode an der jenseitigen Wand des Salons und klappt aus ihm einen eisernen Kugelfang hoch. Das Schießen kann beginnen. Trifft man die Platte im Zentrum des Kugelfangs, klappt eine kleine Frauenfigur aus Karton hoch. Mit einer Kordel läßt sie sich wieder zurückziehen. Für die Knaben ist die Pistole zu schwer. Sie haben eine eigene, kleinere Waffe, die ihr Vater zusammen mit dem Kästchen beim Stuttgarter Hofbüchsenmacher Pfeuffer für sie gekauft hat. Natürlich schießen die Erwachsenen besser, doch auch die Knaben treffen auf die zehn Schritt immer wieder das Zentrum.

So könnte sich eine Begebenheit zugetragen haben, die mit dem Thema dieses Artikels, den Salonpistolen, verbunden ist. Leute, denen das Schießen „Spaß“ machte – sei es bei der Jagd oder auf dem Schießplatz – wollten gerne diesem Vergnügen auch zu Hause nachgehen. Der starke Knall und der Pulverdampf ließen jedoch den Gebrauch von Feuerwaffen in Haus und Garten nicht zu. So behalf man sich mit einer kleinen Armbrust in Pistolenform oder schoß mit frühen Formen von Luftpistolen.

[…]"
Der soeben zitierte Text vermittelt uns einen schönen Einblick in die bürgerliche deutsche Waffenkultur des 19. Jahrhunderts. Was hat es überhaupt mit dieser ominösen „Waffenkultur“ auf sich? Eine interessante Definition (die sich von der Engführung auf Wikipedia unterscheidet) hat dieser Blogger geprägt:
"A culture where guns are recognised as tools, respected but not feared. Where criminals are punished, but the ordinary citizen is trusted."
Also das genaue Gegenteil von dem, was derzeit durch den Großteil der deutschen Medien vermittelt wird. Ich würde diese Definition gerne ein wenig erweitern und zusätzlich den Aspekt der Normalität einführen. Waffenkultur ist somit eine Kultur, in der Waffen aller Art als unbelebte Gegenstände gelten, die mit der notwendigen Sachkunde und mit Verantwortungsbewußtsein zu handhaben sind und die in der Gesamtgesellschaft als grundsätzlich normal akzeptiert werden. Darin ist jeglicher Umgang mit Waffen eingeschlossen, sei es der bloße Besitz, die Verwendung zum Sport oder zur Jagd, das themenorientierte Sammeln oder der Selbstschutz.

Seit es Backyard Safari gibt, ist es eines meiner wichtigsten Anliegen, Waffen als Alltagsgegenstände darzustellen. Zu diesem Zweck werde ich jetzt in diesem Blog ein neues Schlagwort „Waffenkultur“ einführen und die entsprechenden Artikel damit kennzeichnen. Es gilt, der Verirrung des Zeitgeistes, wonach Waffen an sich böse und gefährlich seien – und demzufolge auch die Personen, die mit ihnen umgehen –, entgegenzutreten. Wir Legalwaffenbesitzer sind weder krank noch unnormal, sondern stehen in den besten Traditionen des Abendlandes! Oder, wie es der SPD-Bundestagsabgeordnete Wiefelspütz formuliert hat: Jagd und Schießsport gehören einfach zur deutschen Kultur.

Ein weiterer Aspekt der Waffenkultur ist die Frage, wie viele Personen in einer Gesellschaft überhaupt Waffen besitzen oder zumindest Waffenbesitzer aus eigener Anschauung kennen. Je weniger das sind, desto „unnormaler“ werden Waffenbesitzer erscheinen und desto leichter fällt es den Waffengegnern, öffentliche Unterstützung für ihre Gesetzesvorhaben zu mobilisieren, da weniger Menschen von diesen Verboten betroffen sind. Langfristig festigt also jedes in Deutschland verkaufte Luftgewehr unsere Positionen.
Besonders schön kann man diesen Zusammenhang an dem gerade in Schottland geplanten „Airgun Ban“ erkennen. In diesem Teil des Vereinigten Königreiches geht es um schätzungsweise 400.000 Druckluftwaffen. Zum Vergleich: Vom „Handgun Ban“ des Jahres 1997 waren im gesamten Land „nur“ ca. 50.000 Bürger betroffen. Allein diese Zahlen verdeutlichen, daß das Ansinnen der Scottish National Party auf weitaus stärkeren Widerstand stoßen dürfte als seinerzeit die Pläne von Tony Blair. Luftgewehre sind in Großbritannien eben weiter verbreitet und damit gesellschaftlich eher akzeptiert als Kurzwaffen für Patronenmunition.

Folglich steht die Waffenkultur in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Waffenrecht. Beide beeinflussen sich gegenseitig, wobei die Waffenkultur der entscheidende Faktor ist. Fehlt in einer Gesellschaft die Waffenkultur oder geht sie zugrunde, dann wird – über kurz oder lang – ein besonders restriktives Waffenrecht die Folge sein (Beispiel: GB). Existiert hingegen eine ausgeprägte Waffenkultur, dann wird selbst ein strenges Waffengesetz nicht allzu einschneidend angewandt werden, da es in der Gesellschaft nicht als Mittel um eines höheren Zweckes willen, sondern als Selbstzweck angesehen wird (Bsp.: Frankreich, Rußland).

Zur Waffenkultur gehört allerdings auch die Pflege der eigenen (regionalen) Traditionen. Nichts gegen das Westernschießen, aber mit Mitteleuropa und dessen Geschichte hat es nur wenig zu tun. Da sind z.B. Reenactments der napoleonischen Epoche oder des Deutsch-französischen Krieges besser geeignet, uns unserer Traditionen bewußt zu werden und dies auch in der Öffentlichkeit entsprechend zu kommunizieren. Deshalb lieber eine Salonpistole aus Lüttich als einen Vorderlader aus Harpers Ferry. ;-) (Wie weit wir uns z.T. schon von unseren eigenen Wurzeln entfern haben, mag man beispielhaft daran ablesen, daß die o.g. Salonpistole in einem deutschen Waffenkatalog schon einmal als Saloonpistole bezeichnet worden ist.) Daher ist es auch richtig, wenn ein sächsischer Field-Target-Wettkampf Stülpner-Pokal und nicht Buffalo-Bill-Cup heißt, obwohl auch der letztgenannte Name einen gewissen Reiz hätte.

Um nicht mißverstanden zu werden: Das ist kein Aufruf zu nationalistischer oder provinzieller Engstirnigkeit! Ganz gewiß nicht. Allerdings haben die letzten Monate gezeigt, wie schwer es ist, bestimmte Disziplinen, die ursprünglich aus einem anderen kulturellen Kontext stammen, gegenüber einer kritischen Öffentlichkeit zu vertreten. Daher erscheint es mir geboten, die eigenen, wenn vielleicht auch etwas exotisch wirkenden Traditionen in der Argumentation stärker zu betonen. Dann würde auch vielen unbedarften Mitbürgern klarer werden, warum der baden-württembergische Justizminister Goll mit seiner These, Großkaliberschießen sei Wildwest (und somit fremd und pöse), daneben liegt.

Aber schimmert da nicht doch ein ganz klein wenig Antiamerikanismus durch? Könnte sein, jedoch wäre er zweifelsohne die Folge entsprechender Einstellungen in der deutschen Gesellschaft. Die amerikanische Waffenkultur wird hierzulande weithin abgelehnt und die NRA ist ein beliebtes Haßobjekt. Mir sind sogar deutsche Politologen (darunter Lehrstuhlinhaber) bekannt, die die NRA unverblümt als rechtsextreme Organisation titulieren. Schon deshalb wäre es kontraproduktiv, alles aus den USA „eins zu eins“ übernehmen zu wollen. Natürlich spielen die Vereinigten Staaten weltweit auch im Waffenbereich eine führende Rolle, die ich keineswegs kleinreden will. Dies entbindet uns jedoch nicht von der Aufgabe, hier und heute, in unserem eigenen Land mit seinen spezifischen Bedingungen, die deutsche Waffenkultur weiterzuentwickeln.

Eine Trennung entlang der Verbandsgrenzen wäre hierbei alles andere als hilfreich. Es wäre fatal, würde man den DSB zu einer als angestaubt und versoffen gedachten Traditionspflege verdonnern, während in anderen Verbänden Weltoffenheit und Pluralismus als Verleugnung der eigenen, jahrhundertealten Traditionen mißverstanden würden. Nur gemeinsam sind wir stark! Und die Aufgaben der Zukunft stellen sich allen gemeinsam. Wie dringlich dies ist, kann man daran erkennen, daß mittlerweile sogar die traditionellen Schützenfeste unter Beschuß stehen.

Samstag, 9. Mai 2009

Briganten am Wege

Vor einigen Wochen habe ich dieses kleine Büchlein beim Stöbern in einer Berliner Buchhandlung entdeckt: „Briganten am Wege“. Darin beschreibt Dieter Richter die Abenteuer deutscher Reisender im Italien des 18. und 19. Jahrhunderts. Neben allerlei typischen Reiseunbilden (wie der Lustseuche) hatten sie vor allem mit dem ausgeprägten Straßenräuberunwesen, dem „Brigantaggio“, zu kämpfen. Neben unbekannteren Zeitgenossen zitiert Richter auch aus den Reiseberichten eines Goethe und Fontane und vermittelt so einen recht lebendigen Eindruck davon, wie es früher auf den Bildungsreisen in das Heimatland der Klassik zugegangen ist.
Kurzum: Ein interessantes und kurzweiliges Buch über Reisegewohnheiten und -abenteuer unserer Altvorderen.

Dem Thema Selbstverteidigung gegen die Wegelagerer wird übrigens ein eigenes Kapitel gewidmet (S. 41 ff.):
"Natürlich machte man sich bewaffnet auf die Reise (auch Goethe trug in Italien ein Paar Pistolen bei sich). Aber welche Waffe war wirklich geeignet, um den Reisenden am Tag und in der Nacht wirksam vor Raubüberfällen zu schützen? Auch dazu machen sich Reiseführer und Reiseberichte Gedanken. Darüber hinaus hatten vor allem die in der Branche führenden englischen Reise-Ausrüster eine Reihe von nützlichen Erfindungen auf den Markt gebracht, die den Reisenden Schutz und Sicherheit versprachen.

[…]

Die sicherste Waffe auf der Reise ist ein Dolch

Johann Daniel Neigebauer, 1826

Es sei dahingestellt, ob der folgende Vorschlag aus Neigebauers „Handbuch für Reisende in Italien“ realistisch war oder nicht. Unbequem war seine Ausführung in jedem Fall.

„Die sicherste Waffe auf der Reise ist ein Dolch, den man im linken Rockärmel trägt, so daß er durchaus nicht bemerkt wird und doch im Augenblick der Gefahr mit der rechten Hand unter dem linken Handgelenk ergriffen werden kann. Da aber die Zollbeamten den Reisenden oft sehr genau durchsuchen, so kann man besonders im Piemontesischen in sehr große Unannehmlichkeiten kommen, wenn ein Dolch gefunden wird; indem dort so strenge Verordnungen bestehen, daß Reisenden selbst gewöhnliche Taschenmesser weggenommen worden sind, wenn sie sich nicht das Abbrechen der Spitze gefallen lassen wollten.“"
Beim letzten Satz mußte ich unwillkürlich an Großbritannien denken. Wie man sieht, sind restriktive und unsinnige Waffengesetze keine Erfindung unserer Epoche.



Danach schildert der Maler Ludwig Emil Grimm die während seiner Italienreise 1816 getroffenen Sicherheitsvorkehrungen (S. 44 f.):
"Morgens früh, nachdem die Pässe mit Essig geräuchert und bespritzt und alle Plackereien vorüber waren, alle Gewehre gut geladen, ging es weiter. Der Wirt riet mir, Bedeckung mitzunehmen; da andere Leute uns aber gesagt hatten, die Bedeckung sei nicht viel besser als die Räuber selbst, so reisten wir allein ab. Rechts stundenweit das Ufer des Meeres, links die hohen Gebirge mit ihren Schluchten, alles mit blühenden Myrtenbüschen. Ich hieb mit meinem Säbel Büsche ab und steckte sie an und in den Wagen.

[…]

Wir blieben in Molo di Gaeta und fuhren wegen der Hitze gerade den gefährlichsten Weg in der Nacht weiter; Carlucci [der Kutscher] bat zwar dringend, zu warten bis zum Tag. Unsere Pistolen, etwa zehn gute Schüsse, waren in Bereitschaft, als wir in die Nacht hineinfuhren. Es dauerte auch nicht lange, als uns Carlucci aufmerksam machte auf mehrere uns entgegenkommende Figuren; die Pistolen wurden ergriffen und in Bereitschaft gehalten, jeder sollte seinen Mann vornehmen, um keinen Fehlschuß zu tun; so erwarteten wir, was kommen würde. Der Prestel [ein mitreisender Maler] war sehr ängstlich, aber sehr froh, wie die Sache vorüber war: es waren vorüberziehende Wallfahrer, Mädchen, Frauen, Kinder und Männer.
"


Mittwoch, 18. Februar 2009

Das Museum der Schlacht bei Borodino



Am 24. Juni 1812 überschritt die von Napoleon geführte Grande Armée die Grenze des Russischen Reiches. Damit hatte der Krieg von 1812, in Rußland auch "Vaterländischer Krieg" genannt, begonnen. Nach vielen kleineren Gefechten wichen die Verteidiger immer weiter in die Tiefe des Landes zurück, wodurch sich die Kräfte der Invasionsarmee schon deutlich schwächten. Die Franzosen waren nur mit rund einem Drittel ihrer ursprünglichen Stärke (130.000 Mann) auf dem Schlachtfeld erschienen (darunter auch viele Deutsche aus den Rheinbundstaaten), die Russen hatten 120.000 Soldaten aufgeboten. Am 7. September 1812 lieferten sich beim Dorf Borodino vor den Toren Moskaus die beiden Kontrahenten schließlich eine der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts, ohne daß eine der Seiten sie klar für sich entscheiden konnte. Napoleons Verbände verloren 28.000 Mann, die des russischen Oberbefehlshabers Michail Kutusow 52.000, darunter auch General Bagration, einen der fähigsten Heerführer Rußlands. Trotzdem verlief die Schlacht ergebnislos und Kutusow entschloß sich zum weiteren Zurückweichen sowie zu einem Verzicht auf die weitere Verteidigung Moskaus.

In der Folge konnte sich Napoleon an der Einnahme der alten russischen Hauptstadt erfreuen. Freilich nur für kurze Zeit, dann mußte er sein Heer wieder zurückziehen. Es mangelte an Nachschub und der Winter stand vor der Tür. Der Rückmarsch verwandelte die einstmals strahlende Grande Armée in einen zerlumpten, von Hunger, Kälte und Krankheiten malträtierten Haufen. Somit wurde das Jahr 1812 zum Anfang vom Ende des kleinen großen Korsen.




Die Anfänge des Moskauer Borodino-Museums gehen zurück bis ins Jahr 1887. Das Panoramamuseum in seiner heutigen Form ist allerdings erst 1962 eröffnet worden. Sein Herzstück ist das große 360 Grad-Panorama von Franz Roubaud. Die zweite Großattraktion ist eine Rekonstruktion jener Hütte, in der Kutusow am 27.09.1812 den Kriegsrat abgehalten hat, in dessen Folge auf die Verteidigung Moskaus verzichtet worden ist. Daneben sind in den unteren Ausstellungssälen Gemälde, Fahnen, Schuß- und Blankwaffen, Orden und Ausrüstungsgegenstände der beteiligten Armeen zu sehen. Ein klassisches Militärmuseum eben. :-)




Das Museum ist erst kürzlich renoviert und die Ausstellung umgestaltet worden; alles ist sehr übersichtlich angeordnet. Ebenso wie das Petersburger Suworow-Museum ist das Borodino-Museum eine der Adressen für alle Touristen, die an den napoleonischen Kriegen interessiert sind.
Zeitmäßig sollte man für die Besichtigung, je nach Interesse, 1,5 bis 2 Stunden einplanen. Dazu kommt noch die Anfahrt, denn das Museum ist aus touristischer Sicht nicht sonderlich verkehrsgünstig gelegen. Dafür hat man auf dem Weg von und zur Metro Kutusowskaja einen schönen Blick auf die derzeit größte Baustelle der Stadt: Moscow City.




Obwohl es nichts mit dem Museum direkt zu tun hat, so sei abschließend noch erwähnt, daß die Schlacht von Borodino regelmäßig durch Reenactmentgruppen nachgestellt wird - ein Ereignis, welches bisweilen Volksfestcharakter trägt (siehe hier und hier).




Anschrift: Kutusowski Prospekt 38
(Link bei Google Maps)
Nächste Metrostationen: Kutusowskaja, Park Pobedy




Weiterführende Links:
Offizielle Webseite (russ.)
Wikipedia-Artikel (dt.)
Das Borodino-Museum bei Russland Aktuell (dt.)


Samstag, 31. Januar 2009

31.01.2009: Spielfilm des Tages



Vor 172 Jahren, am 27. Januar 1837, duellierte sich der russische Dichter Alexander S. Puschkin mit dem Gardeoffizier Georges-Charles de Heeckeren d’Anthès. Puschkin wurde in diesem Gefecht schwer verwundet (Bauchschuß) und starb zwei Tage später. (Siehe auch hier.)
Uns modernen Menschen mögen Ehrenhändel wild und fremd erscheinen, im 18. und 19. Jahrhundert gehörten sie bei Offizieren und Akademikern aber einfach zum Leben dazu. Und Puschkin war nicht der erste Prominente, der im Duell gefallen ist.

Im Jahre 2006 wurde dieses "Letzte Duell Puschkins" (russ. Titel: Puschkin, poslednaja duel) verfilmt. Der Film erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Puschkins Sekundanten. Regie führte Natalja Bondartschuk, die Tochter des berühmten Sergej Bondartschuk.

Das erste Video ist nur ein Trailer zum Film - den es hier zudem online in der Originalversion (in voller Länge) gibt. Das zweite Video beinhaltet die englische Fassung des Films - allerdings nur die ersten fünf Minuten, für die Vollversion muß noch ein (kostenloser) Player installiert werden (siehe hier).


Dienstag, 27. Januar 2009

27.01.2009: Video des Tages

Heute vor 172 Jahren, am 27. Januar 1837, fand in St. Petersburg das berümt gewordene Duell, in dem Alexander Puschkin schwer verwundet wurde, statt. (Am Samstag werde ich darauf noch weiter eingehen.)
Puschkin selbst hatte das Thema des Ehrenhändels schon zuvor in seinem Roman "Eugen Onegin" verarbeitet. Dieses Video besteht aus Szenen der Verfilmung des Buches aus dem Jahre 1999. Die Musik mit dem Titel "Romeo und Julia" stammt von Prokofjew.



Donnerstag, 15. Januar 2009

Schießstöcke


In einem Forum hat jüngst ein Kollege angefragt, welche Hilfsmittel man für das stehend aufgelegte Schießen verwenden kann. Da wurde ich sogleich an die Schießstöcke erinnert, die ich mir im Frühjahr für das Schießen im Freien bauen möchte. Daher seien nachfolgend ein paar einschlägige Verweise (auch als Ablage für mich selbst ;-)) genannt:

Make Your Own Shooting Sticks

DYI - Shooting Sticks

Wyoming College Student Offers Custom Shooting Sticks

Make your own Shooting Sticks

Using Shooting Sticks Afield

African Shooting Sticks

Dienstag, 18. November 2008

18.11.2008: Text des Tages

Ein literarischer Text, der mich schon in meiner Jugend begeistert hat, ist Gottfried Kellers Novelle "Das Fähnlein der sieben Aufrechten". Das Faszinierende daran ist weniger der politische Radikalismus der älteren Protagonisten, als vielmehr die von Keller beschriebene Welt: die Schweiz nicht nur als ein freiheitsliebendes, sondern vor allem ein wehrhaftes Land. Wehrhaft sowohl kollektiv als auch individuell: der einzelne Bürger hat als Soldat selbst für seine dienstlich geführte Waffe zu sorgen und darf diese - selbstverständlich - auch außer Dienst zuhause aufbewahren und etwa zum Sportschießen verwenden. (So verwundert es nicht, daß gerade ein eidgenössisches Schützenfest in der Novelle eine besondere Rolle spielt.)

Keller zeichnet das Bild einer Gesellschaft, in der es selbstverständlich ist, daß ein Ehrenmann über eigene Waffen verfügt und sie auch benutzen kann. Eine Gesellschaft, in der Waffen ein natürlicher Alltagsgegenstand sind, aber kein Feindbild - ohne daß daraus ständig Mord und Totschlag resultieren würden. Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz zu unserer heutigen Zeit vorstellen, wo sich manche Politiker nicht entblöden, privaten Waffenbesitz als "Anachronismus" zu titulieren, den man als wohlmeinender Gutmensch beseitigen müsse. :-(
Mir ist kein anderes literarisches Zeugnis bekannt, in dem sich der Milizgedanke als Ausdruck gesunden Bürgersinns derart manifestiert hat wie im "Fähnlein". Fast könnte man beim Lesen meinen, im Hintergrund die Argumente amerikanischer "Pro Gun"- und "Militia"-Aktivisten zu hören ...

Natürlich berichtet Keller nicht von großen Heldentaten und er beschreibt eine dezidiert kleinbürgerliche Lebenswelt. In selbiger waren aber offenkundig Einsichten vorhanden, die uns abhanden gekommen sind oder die vielleicht in Deutschland nie besonders tief verwurzelt waren:

"Der Schneidermeister Hediger in Zürich war in dem Alter, wo der fleißige Handwerksmann schon anfängt, sich nach Tisch ein Stündchen Ruhe zu gönnen. So saß er denn an einem schönen Märztage nicht in seiner leiblichen Werkstatt, sondern in seiner geistigen, einem kleinen Sonderstübchen, welches er sich seit Jahren zugeteilt hatte. Er freute sich, dasselbe ungeheizt wieder behaupten zu können; denn weder seine alten Handwerkssitten, noch seine Einkünfte erlaubten ihm, während des Winters sich ein besonderes Zimmer erwärmen zu lassen, nur um darin zu lesen. Und das zu einer Zeit, wo es schon Schneider gab, welche auf die Jagd gehen und täglich zu Pferde sitzen, so eng verzahnen sich die Übergänge der Kultur ineinander.

Meister Hediger durfte sich aber sehen lassen in seinem wohlaufgeräumten Hinterstübchen. Er sah fast eher einem amerikanischen Squatter, als einem Schneider ähnlich; ein kräftiges und verständiges Gesicht mit starkem Backenbart, von einem mächtigen kahlen Schädel überwölbt, neigte sich über die Zeitung »Der schweizerische Republikaner« und las mit kritischem Ausdruck den Hauptartikel. Von diesem Republikaner standen wenigstens fünfundzwanzig Foliobände, wohlgebunden, in einem kleinen Glasschranke von Nußbaum, und sie enthielten fast nichts, das Hediger seit fünfundzwanzig Jahren nicht mit erlebt und durchgekämpft hatte. Außerdem stand ein »Rotteck« in dem Schranke, eine Schweizergeschichte von Johannes Müller und eine Handvoll politischer Flugschriften und dergleichen; ein geographischer Atlas und ein Mäppchen voll Karikaturen und Pamphlete, die Denkmäler bitter leidenschaftlicher Tage, lagen auf dem untersten Brette. Die Wand des Zimmerchens war geschmückt mit den Bildnissen von Kolumbus, von Zwingli, von Hutten, Washington und Robespierre; denn er verstand keinen Spaß und billigte nachträglich die Schreckenszeit. Außer diesen Welthelden schmückten die Wand noch einige schweizerische Fortschrittsleute mit der beigefügten Handschrift in höchst erbaulichen und weitläufigen Denkschriften, ordentlichen kleinen Aufsätzchen. Am Bücherschrank aber lehnte eine gut im Stand erhaltene, blanke Ordonnanzflinte, behängt mit einem kurzen Seitengewehr und einer Patrontasche, worin zu jeder Zeit dreißig scharfe Patronen steckten. Das war sein Jagdgewehr, womit er nicht auf Hasen und Rebhühner, sondern auf Aristokraten und Jesuiten, auf Verfassungsbrecher und Volksverräter Jagd machte. Bis jetzt hatte ihn ein freundlicher Stern bewahrt, daß er noch kein Blut vergossen, aus Mangel an Gelegenheit; dennoch hatte er die Flinte schon mehr als einmal ergriffen und war damit auf den Platz geeilt, da es noch die Zeit der Putsche war, und das Gewehr mußte unverrückt zwischen Bett und Schrank stehen bleiben; »denn«, pflegte er zu sagen, »keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt!«

Als der wackere Meister mitten in seinem Artikel vertieft war, bald zustimmend nickte und bald den Kopf schüttelte, trat sein jüngster Sohn Karl herein, ein angehender Beamter auf einer Regierungskanzlei. »Was gibt's?« fragte er barsch; denn er liebte nicht in seinem Stübchen gestört zu werden. Karl fragte, etwas unsicher über den Erfolg seiner Bitte, ob er des Vaters Gewehr und Patronentasche für den Nachmittag haben könne, da er auf den Drillplatz gehen müsse.

»Keine Rede, wird nichts daraus!« sagte Hediger kurz. »Und warum denn nicht? Ich werde ja nichts daran verderben!« fuhr der Sohn kleinlaut fort und doch beharrlich, weil er durchaus ein Gewehr haben mußte, wenn er nicht in den Arrest spazieren wollte. Allein der Alte versetzte nur um so lauter: »Wird nichts daraus! Ich muß mich nur wundern über die Beharrlichkeit meiner Herren Söhne, die doch in andern Dingen so unbeharrlich sind, daß keiner von allen bei dem Berufe blieb, den ich ihn nach freier Wahl habe lernen lassen! Du weißt, daß deine drei älteren Brüder der Reihe nach, so wie sie zu exerzieren anfangen mußten, das Gewehr haben wollten und daß es keiner bekommen hat! Und doch kommst du nun auch noch angeschlichen! Du hast deinen schönen Verdienst, für niemand zu sorgen - schaff dir deine Waffen an, wie es einem Ehrenmanne geziemt! Dies Gewehr kommt nicht von der Stelle, außer wenn ich es selbst brauche!«

»Aber es ist ja nur für einige Male! Ich werde doch nicht ein Infanteriegewehr kaufen sollen, da ich nachher doch zu den Scharfschützen gehen und mir einen Stutzen zutun werde!« - »Scharfschützen! Auch schön! Woher erklärst du dir nur die Notwendigkeit, zu den Scharfschützen zu gehen, da du noch nie eine Kugel abgefeuert hast? Zu meiner Zeit mußte einer schon tüchtig Pulver verbrannt haben, eh' er sich dazu melden durfte; jetzt wird man auf Geratwohl Schütz, und Kerle stecken in dem grünen Rock, welche keine Katze vom Dach schießen, dafür aber freilich Zigarren rauchen und Halbherren sind! Geht mich nichts an!« - »Ei,« sagte der Junge fast weinerlich, »so gebt es mir nur dies eine Mal; ich werde morgen für ein anderes sorgen, heut kann ich unmöglich mehr!«

»Ich gebe«, versetzte der Meister, »meine Waffe niemand, der nicht damit umgehen kann; wenn du regelrecht das Schloß dieser Flinte abnehmen und auseinander legen kannst, so magst du sie nehmen, sonst aber bleibt sie hier!« Und er suchte aus einer Lade einen Schraubenzieher hervor, gab ihn dem Sohn und wies ihm die Flinte an. Der versuchte in der Verzweiflung sein Heil und begann die Schloßschrauben loszumachen. Der Vater schaute ihm spöttisch zu; es dauerte nicht lange, so rief er: »Laß mir den Schraubenzieher nicht so ausglitschen, du verdirbst mir die ganze Geschichte! Mach die Schrauben eine nach der andern halb los und dann erst ganz, so geht's leichter! So, endlich!« Nun hielt Karl das Schloß in der Hand, wußte aber nichts mehr damit anzufangen und legte es seufzend hin, sich im Geiste schon im Strafkämmerchen sehend. Der alte Hediger aber, einmal im Eifer, nahm jetzt das Schloß, dem Sohn eine Lektion zu halten, indem er es erklärend auseinandernahm.

»Siehst du,« sagte er, »zuerst nimmst du die Schlagfeder weg mittels dieses Federhakens - auf diese Weise; dann kommt die Stangenfederschraube, die schraubt man nur halb aus, schlägt so auf die Stangenfeder, daß der Stift hier aus dem Loch geht; jetzt nimmst du die Schraube ganz weg. Jetzt die Stangenfeder, dann die Stangenschraube, die Stange; jetzo die Studelschraube und hier die Studel; ferner die Nußschraube, den Hahn und endlich die Nuß; dies ist die Nuß! Reiche mir das Klauenfett aus dem Schränklein dort, ich will die Schrauben gleich ein bißchen einschmieren!«

Er hatte die benannten Gegenstände alle auf das Zeitungsblatt gelegt, Karl sah ihm eifrig zu, reichte ihm auch das Fläschchen und meinte, das Wetter habe sich günstig geändert. Als aber sein Vater die Bestandteile des Schlosses abgewischt und mit dem Öle frisch befeuchtet hatte, setzte er sie nicht wieder zusammen, sondern warf sie in den Deckel einer kleinen Schachtel durcheinander und sagte: »Nun, wir wollen das Ding am Abend wieder einrichten; jetzt will ich die Zeitung fertig lesen!«

Getäuscht und wild ging Karl hinaus, sein Leid der Mutter zu klagen; er fühlte einen gewaltigen Respekt vor der öffentlichen Macht, in deren Schule er nun ging als Rekrut. Seit er der Schule entwachsen, war er nicht mehr bestraft worden, und auch dort in den letzten Jahren nicht mehr; nun sollte das Ding auf einer höheren Stufe wieder angehen, bloß weil er sich auf des Vaters Gewehr verlassen hatte.

Die Mutter sagte: »Der Vater hat eigentlich ganz recht! Alle vier Buben habt ihr einen besseren Erwerb, als er selbst, und das vermöge der Erziehung, die er euch gegeben hat; aber nicht nur braucht ihr den letzten Heller für euch selbst, sondern ihr kommt immer noch den Alten zu plagen mit Entlehnen von allen möglichen Dingen: schwarzer Frack, Perspektiv, Reißzeug, Rasiermesser, Hut, Flinte und Säbel; was er sich sorglich in Ordnung hält, das holt ihr ihm weg und bringt es verdorben zurück. Es ist, als ob ihr das ganze Jahr nur studiertet, was man noch von ihm entlehnen könne; er hingegen verlangt nie etwas von euch, obgleich ihr das Leben und alles ihm zu danken habt. Ich will dir für heut noch einmal helfen!«

Sie ging hierauf zum Meister Hediger hinein und sagte: »Lieber Mann, ich habe vergessen, dir zu sagen, daß der Zimmermeister Frymann hat berichten lassen, die Siebenmännergesellschaft komme heut zusammen und es seien Verhandlungen, ich glaube etwas Politisches!« - »So?« sagte er sogleich angenehm erregt, stand auf und ging hin und her; »es nimmt mich wunder, daß Frymann nicht selbst gekommen ist, um vorläufig mit mir zu reden, Rücksprache zu nehmen?« Nach einigen Minuten kleidete er sich rasch an, setzte den Hut auf und entfernte sich mit den Worten: »Frau, ich gehe gleich jetzt fort, ich muß wissen, was es gibt! Bin auch dieses Frühjahr noch keinen Tritt im Freien gewesen, und heut ist's so schön! Also adieu denn!«

»So! nun kommt er vor zehn nachts nicht mehr!« lachte Frau Hediger und forderte Karl auf, das Gewehr zu nehmen, Sorg' zu tragen, und es rechtzeitig wieder zu bringen. »Ja nehmen!« klagte der Sohn, »er hat ja das Schloß auseinander getan, ich kann es nicht herstellen.« - »So kann ich es!« rief die Mutter und ging mit dem Sohn in das Stübchen. Sie kippte den Deckel um, in welchem das zerlegte Schloß lag, las die Federn und Schrauben auseinander und begann sehr gewandt sie zusammenzufügen.

»Wo zum Teufel habt Ihr das gelernt, Mutter?« rief Karl ganz verblüfft. »Das hab' ich gelernt«, sagte sie, »in meinem väterlichen Hause! Dort hatten der Vater und meine sieben Brüder mich abgerichtet, ihnen ihre sämtlichen Büchsen und Gewehre zu putzen, wenn sie geschossen hatten. Ich tat es oft unter Tränen, aber am Ende konnte ich mit dem Zeug umgehen wie ein Büchsenmachergesell. Auch hieß man mich im Dorfe nur die Büchsenschmiedin, und ich hatte fast immer schwarze Hände und einen schwarzen Nasenzipfel. Die Brüder verschossen und verjubelten Haus und Hof, so daß ich armes Kind froh sein mußte, daß mich der Schneider, dein Vater, geheiratet hat.«

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Montag, 27. Oktober 2008

27.10.2008: Text des Tages

Aus Fjodor M. Dostojewski: Der Idiot

"Ich besaß eine kleine Taschenpistole, die ich mir noch als Kind angeschafft hatte, in jenem komischen Lebensalter, wo man auf einmal anfängt, an Geschichten von Duellen und räuberischen Überfällen Gefallen zu finden, und wo ich mir ausmalte, wie ich zum Duell herausgefordert werden und mit welchem edlen Anstand ich vor der Pistole des Gegners dastehen würde. Vor einem Monat habe ich sie mir wieder angesehen und in Bereitschaft gesetzt. In dem Kasten, in dem sie lag, fanden sich zwei Kugeln und im Pulverhorn Pulver für drei Schüsse. Die Pistole ist ein elendes Ding; sie schießt seitwärts und trägt nur auf fünfzehn Schritt; aber sie kann doch wohl einen Schädel zerschmettern, wenn man sie dicht an die Schläfe setzt.

Ich beschloß, in Pawlowsk bei Sonnenaufgang zu sterben und dazu in den Park zu gehen, um die Bewohner der Landhäuser nicht zu stören. Meine 'Erklärung' wird der Polizei die ganze Sache hinreichend klarlegen. Freunde der Psychologie, und wer sonst Lust hat, mögen aus ihr alle ihnen beliebigen Schlüsse ziehen. Ich würde jedoch nicht wünschen, daß dieses Manuskript der Öffentlichkeit übergeben würde. Ich bitte den Fürsten, ein Exemplar für sich zu behalten und ein zweites Aglaja Iwanowna Jepantschina zu geben. Dies ist mein Wille. Ich vermache mein Skelett der medizinischen Akademie zum Besten der Wissenschaft.

Ich erkenne keine Richter über mir an und weiß, daß ich jetzt außerhalb des Machtbereichs eines jeden Gerichtes stehe. Erst neulich noch belustigte mich folgende Vorstellung: wenn es mir jetzt auf einmal in den Sinn käme, einen beliebigen Menschen zu töten, meinetwegen zehn Menschen zugleich, oder sonst eine Handlung zu begehen, die in dieser Welt für besonders schrecklich gilt, in welche Verlegenheit würde dann das Gericht mir gegenüber kommen in Anbetracht dessen, daß ich nur noch zwei bis drei Monate zu leben habe und die Folter und die körperlichen Mißhandlungen abgeschafft sind? Ich würde behaglich in einem Krankenhaus sterben, in einem warmen Zimmer und unter der Obhut eines aufmerksamen Arztes, und es vielleicht weit behaglicher und wärmer haben als bei mir zu Hause. Ich verstehe nicht, warum Leuten, die sich in gleicher Lage befinden wie ich, nicht derselbe Gedanke in den Kopf kommt, wenn auch nur zum Scherz. Vielleicht kommt er ihnen übrigens auch in den Kopf; heitere Leute gibt es ja auch bei uns viele.

[...]

Als Ippolit ganz nahe an den Ausgang der Veranda gelangt war, blieb er stehen; in der linken Hand hielt er das Glas, die rechte hatte er in die rechte Seitentasche seines Paletots gesteckt. Keller versicherte nachher, Ippolit habe schon vorher diese Hand immer in der rechten Tasche gehabt, schon als er mit dem Fürsten gesprochen und ihn mit der linken Hand an die Schulter und an den Kragen gefaßt habe, und diese rechte Hand in der Tasche habe schon damals seinen, Kellers, ersten Verdacht erregt. Wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls veranlaßte ihn eine gewisse Unruhe, Ippolit ebenfalls nachzulaufen. Aber auch er kam zu spät. Er sah nur, wie auf einmal in Ippolits rechter Hand etwas schimmerte, und wie in derselben Sekunde die kleine Taschenpistole sich dicht an seiner Schläfe befand. Keller stürzte hinzu, um ihn am Arm zu packen; aber im selben Augenblick drückte Ippolit ab. Es ertönte das scharfe, trockene Knacken des Hahnes; aber ein Schuß erfolgte nicht. Als Keller Ippolit umfaßte, sank ihm dieser wie bewußtlos in die Arme, vielleicht wirklich in der Vorstellung, daß er schon tot sei. Die Pistole befand sich in Kellers Händen. Man ergriff Ippolit, stellte ihm einen Stuhl hin, setzte ihn darauf, und alle umdrängten ihn, alle schrien, alle fragten. Alle hatten das Knacken des Hahnes gehört und erblickten nun einen Menschen, der lebte und nicht die geringste Verletzung aufwies. Ippolit selbst saß da, ohne zu begreifen, was vorging, und ließ wie geistesabwesend seinen Blick über alle Umstehenden hingleiten. Lebedjew und Kolja kamen in diesem Augenblick wieder hereingelaufen.

'Hat die Pistole versagt?' fragten mehrere.
'Vielleicht war sie gar nicht geladen?' vermuteten andere.
'Geladen ist sie!' rief Keller, der die Pistole untersuchte.
'Aber ...'
'Also hat sie versagt?'
'Es war gar kein Zündhütchen darauf', meldete Keller.

Es ist schwer, die nun folgende klägliche Szene zu schildern. Der ursprüngliche allgemeine Schreck wurde schnell von heiterem Gelächter abgelöst. Manche wollten sich sogar vor Lachen ausschütten und fanden darin ein schadenfrohes Vergnügen. Ippolit schluchzte krampfhaft, rang die Hände, stürzte zu allen hin, sogar zu Ferdyschtschenko, faßte ihn mit beiden Händen an und schwur ihm, er habe vergessen, 'ganz zufällig, nicht absichtlich vergessen', ein Zündhütchen aufzusetzen; die Zündhütchen befänden sich alle, zehn Stück an der Zahl, in seiner Westentasche (er zeigte sie allen ringsherum); er habe vorher keines aufgesetzt aus Besorgnis, der Schuß könne durch Zufall in der Tasche losgehen; er habe damit gerechnet, daß er dazu auch später noch Zeit haben werde, sobald es nötig sei, und habe es nun auf einmal vergessen. Er stürzte zum Fürsten und zu Jewgeni Pawlowitsch hin und flehte Keller an, ihm die Pistole zurückzugeben; er werde allen sofort beweisen, daß er 'Ehre im Leibe habe ...', er sei jetzt 'lebenslänglich entehrt'!
Schließlich fiel er bewußtlos hin.

[...]"

(Quelle)