Sonntag, 31. Oktober 2010

31.10.2010: Text des Tages

Alphonse Daudets Roman "Tartarin von Tarascon" habe ich vorgestern hier im Blog vorgestellt. Nachfolgend daraus ein Kapitel über den Selbstschutz des Helden bei seinem allabendlichen Gang in den Klub - genauso ironisch geschrieben wie das gesamte Buch:
"Wie Herr Tartarin seinen Club besucht

Die Tempelherren trafen ihre Vorbereitungen, wenn sie einen Ausfall gegen die Ungläubigen machen wollten, die sie belagerten; die chinesischen Krieger bereiten sich auf ihre ganz eigentümliche Weise zum Kampfe vor; der rothäutige Comanche trifft seine besonderen Vorkehrungen, wenn er sich auf den Kriegspfad begibt – das alles zusammengenommen will aber gar nichts heißen gegen die Art und Weise, wie sich Herr Tartarin aus Tarascon von Kopf bis Fuß ausrüstete, wenn er sich um neun Uhr des Abends in seinen Klub begab – eine Stunde, nachdem die langgezogenen Töne der Retraite verhallt waren. Alles klar zum Gefecht – so pflegen es die Matrosen zu nennen.

In der linken Hand trug Tartarin eine Keule mit eisernen Spitzen, einen echten alten Morgenstern, in der rechten einen Stockdegen, in der linken Tasche einen Schlagring, in der rechten einen Revolver. Auf der Brust blitzte, zwischen der Weste und der wollenen Binde, ein malayischer Kris. Einen Bogen und vergiftete Pfeile führte er übrigens niemals bei sich, was besonders anerkannt zu werden verdient; für einen tapferen Mann, der seinem Gegner kühn entgegenzutreten willens ist, ziemen sich solche Waffen nicht.

In der Stille und Dunkelheit seines Zimmers machte er, bevor er sich auf die Wanderschaft begab, einige leichte Übungen. Er zog den Degen, legte aus und schlug ein paarmal in die Luft; dann schoß er ein paar Kugeln gegen die Wände ab und ließ schließlich seine Muskeln spielen, um sich vom Vorhandensein der eigenen Körperkraft zu überzeugen. War er mit diesen Vorbereitungen zufrieden, so nahm er seinen Hausschlüssel und ging langsam und bedächtig quer durch den Garten. Aber immer hübsch langsam, sich nur nicht beeilen – immer vorsichtig, wie die Engländer, das ist die einzig richtige Methode. An der Gartenmauer angelangt, wartete er einen Augenblick und öffnete dann die breite eiserne Türe; er stieß sie schnell, heftig, mit einem gewaltigen Ruck auf, so daß sie außerhalb des Gartens an die Mauer anschlug. Wenn »sie« sich etwa hinter ihr versteckt gehalten hätten, »sie« wären unfehlbar zu Brei gequetscht worden. Unglücklicherweise hatten »sie« sich aber niemals dahinter versteckt.

Nun war die Türe offen und Tartarin trat hinaus; schnell warf er noch einen Blick nach rechts und links, warf dann geschwind die Türe ins Schloß und drehte den Schlüssel zweimal um. Nun befand er sich auf der Straße.

Auf der Chaussee nach Avignon war um diese späte Stunde gewöhnlich auch nicht eine Katze sichtbar. Die Häuser waren geschlossen, die Lichter hinter den Fenstern ausgelöscht. Rings alles still und dunkel, nur ganz vereinzelt standen die Straßenlaternen, und auch deren Licht vermochte kaum durch den dichten, aus der Rhone aufsteigenden Nebel hindurchzudringen.

Stolz und würdevoll ging nun Herr Tartarin in die Nacht hinaus, trat kräftig auf, so daß seine Schritte in schönstem Takte durch die stillen Straßen hallten und schlug von Zeit zu Zeit mit der eisernen Spitze seines Stockes, in dem der Degen nur lose saß, auf die Pflastersteine, daß die Funken stoben. Ob er nun durch Straßen, durch Gassen oder Gäßchen ging, immer nahm er seinen Weg hübsch in der Mitte des Fahrdammes. Das ist eine ausgezeichnete, gar nicht genug zu empfehlende Maßregel der Vorsicht; man bemerkt beizeiten die drohende Gefahr und vermeidet so allerhand merkwürdige Dinge, die in den Straßen von Tarascon des Abends manchmal zum Fenster herausfallen. Man sieht also, es war pure Vorsicht, was Tartarin bewog, sich von den Häuserreihen entfernt zu halten; Vorsicht, und nicht etwa Furcht.

Als bester Beweis dafür, daß Tartarin keine Furcht kannte, mag gelten, daß er bei der Heimkehr aus dem Klub nicht etwa so schnell er irgend konnte nach Hause lief, sondern daß er ruhig und unerschrocken durch die Stadt ging, durch ein Gewirr kleiner, stockdunkler Gäßchen, an deren Ende man die Rhone unheimlich blinken sah. Der Ärmste hoffte, wenigstens auf dem Rückwege einen von jenen Beutelschneidern und Mordgesellen zu begegnen; er glaubte bei jedem Schritte, jetzt würden »sie« aus dem tiefen Schatten plötzlich auftauchen und ihn von hinten anzufallen suchen. Oh, »sie« würden hübsch empfangen werden, das war sicher. Aber ein tückisches Geschick fügte es, daß Herr Tartarin niemals, absolut niemals das Glück hatte, mit dem Gesindel zusammenzutreffen. Kein Trunkenbold, kein Hund stellte sich ihm in den Weg. Nichts! Es war zum Verzweifeln.

Einmal glaubte er seiner Sache sicher zu sein und sein Sehnen erfüllt zu sehen; es war aber blinder Lärm. Er hörte das Geräusch von Schritten und flüsternde Stimmen. Tartarin stand wie angedonnert. »Aufgepaßt!« sagte er zu sich selbst. Er stellte sich zuerst so, daß sein Schatten ihn nicht verraten konnte und der Wind nicht von ihm zu jenen hinblies, dann legte er das Ohr an den Erdboden, um genau zu hören; das alles waren Kunstgriffe, die er in den Indianergeschichten gefunden und sich wohl eingeprägt hatte.

Die Schritte nähern sich, die Stimmen werden immer lauter, schon lassen sie sich deutlich voneinander unterscheiden, kein Zweifel: »Sie« kommen, »sie« sind schon da. Tartarins Auge blitzte, seine Brust hob und senkte sich stürmisch; schon kauert er sich nieder wie ein Jaguar, der zum Sprunge ansetzt, schon will er sein lange eingeübtes Kriegsgeschrei ausstoßen – da tauchen die Gestalten aus dem tiefen Schatten auf, und zugleich hört er sich in aller Gemütlichkeit im echten unverfälschten tarasconischen Dialekt anrufen:

»Sieh da! da steht ja Tartarin! Guten Abend, Tartarin, und gute Nacht!«

Verdammt! Das war der Apotheker Bezuquet, der in Begleitung seiner Familie von Costecalde kam, wo er »sein Lied« gesungen hatte.

»Guten Abend! Guten Abend!« brummte Tartarin, wütend über das Zunichtewerden seiner Hoffnungen und Träume. Grimm im Herzen und den Spazierstock über dem Haupte schwingend, verschwand er im Dunkel.

Wenn er vor dem Hause angelangt war, in dem der Klub sein Versammlungslokal hatte, pflegte der mutige Tarasconese, bevor er eintrat, noch ein Bißchen vor der Türe auf und ab zu spazieren. Schließlich wurde er jedoch müde, noch länger auf »sie« zu warten; es wurde ihm zur Gewißheit, daß sie auch heute wieder sich ihm nicht zu zeigen wagten.

Noch einen letzten Blick voll Verachtung warf er in die dunkle Nacht und murmelte dann mit hörbarer Erregung:

»Also nichts! nichts! und wieder nichts!«

Darauf trat der Biedermann in das Lokal und begann mit seinem Freunde, dem Kommandanten, ein Spielchen."

Freitag, 29. Oktober 2010

Tartarin von Tarascon

Aufgrund des freundlichen Hinweises eines Forenkollegen wurde ich auf Alphonse Daudets Roman "Die wunderbaren Abenteuer des Tartarin von Tarascon" aufmerksam. (Danke nochmal!) Ein, wie ich finde, herrlich kurzweiliges Buch. Und eine schöne und einfühlsame Studie über das ländliche, jagdbegeisterte Frankreich, indem ein Politiker oft mit mehr Stolz auf seine Bürgermeisterschärpe als auf seinen Sitz in der Nationalversammlung blickt. In der mir vorliegenden Ausgabe (Leipzig, vermutlich 1958) findet sich der dazu passende Spruch: "In Frankreich ist jedermann ein wenig aus Tarascon". (Das Buch scheint derzeit nur antiquarisch erhältlich zu sein.)

Tarascon ist eine Kleinstadt in der Provence, wo der Held des Buches, Monsieur Tartarin, seit seiner Geburt lebt und die er fast noch nie verlassen hat. Dennoch gilt Tartarin in seiner Heimatstadt als wahrhafter Held, als großer Jäger und belesener Zeitgenosse - was alles stimmt, aber eben nicht die ganze Wahrheit ist. In seiner Brust schlagen zwei Seelen, zum einen die eines Don Quichotte - mutig und abenteuerlustig -, zum anderen die eines Sancho Pansa - bürgerlich und bequem. So muß Tartarin, oft gegen seinen Willen, manche Abenteuer bestehen, um seine herausgehobene Stellung in der kleinstädtischen Gesellschaft zu behaupten. Dies treibt ihn schließlich bis zur Großwildjagd nach Afrika, doch anstatt der erhofften zehn Löwen erlegt er nur einen - und der war auch noch zahm. Als wäre dies nicht enttäuschend genug, geht er während der Reise seiner gesamten Habe verlustig. Aber, immerhin, erkommt wieder heim in sein geliebtes Tarascon und kann abenteuerliche Geschichten erzählen. ;-)

Tartarin ist, im positiven Sinne, ein Waffennarr. Daudet beschreibt dies durch den gesamten Roman hindurch in schöner Weise. Vielleicht etwas schrullig, aber ungefährlich. (Ein Beleg dafür, wie normal und allgemein akzeptiert der Besitz von Waffen und der Umgang mit ihnen früher war.) Ein Beispiel aus dem ersten Kapitel:
"[...]

Man kann sich nun einigermaßen vorstellen, welch tiefes Gefühl der Bewunderung und des Staunens mich erfüllte, als es mir zum ersten Male vergönnt war, diesen Wundergarten zu durchwandern. Und dennoch wurde dieses Gefühl noch gesteigert, als ich das Kabinett des Helden betrat.

Dieses Kabinett, eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt, lag zum Garten hinaus; durch eine Glastüre genoß man den Anblick des Baobab.

Man denke sich einen ziemlich großen Raum, dessen Wände von oben bis unten mit Flinten und Säbeln bedeckt sind. Da sah man Waffen aller Zeiten und Länder, Karabiner, Rifles, Tromben, korsische Messer, Bowiemesser, Revolver, Dolche, malaiische Krise, karaibische Bogen, Speere, Totschläger, Keulen, mexikanische Lassos und viele andere ähnliche Dinge. Von oben fiel ein heller Sonnenstrahl auf alle die Waffen, so daß die Degenklingen und Gewehrläufe blitzten und blinkten und man eine Gänsehaut bekommen konnte; was einen jedoch wieder etwas beruhigte, war die Ordnung und Sauberkeit, die in diesem Privatzeughaus herrschte. Alles war geordnet und sorgsam geputzt, und etikettiert wie im Apothekerladen. Hier und da hing an einem Gegenstande ein kleiner Zettel, auf dem zu lesen war:

Vergiftete Pfeile! Nicht berühren!
Geladene Waffen! Vorsicht!

Wären derartige Warnungszettel nicht gewesen, man hätte sich nie und nimmer in diesen Raum gewagt.

Mitten im Kabinett stand ein kleiner Tisch. Auf ihm lagen eine Rumflasche, eine türkische Tabakspfeife, die »Reisen des Kapitän Cook«, die Cooperschen Romane, die Aimardschen Reiseschilderungen; dann viele Jagdbeschreibungen: Falkenjagden, Bärenjagden, Elefantenjagden usw. Vor dem Tischchen endlich saß ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren; er war klein, dick, untersetzt; sein Gesicht strotzte von Gesundheit, sein Bart war kurz, aber stark, seine Augen glühten und blitzten. Er saß in Hemdsärmeln da und trug wollenes Unterzeug; in der einen Hand hielt er ein Buch, mit der andern schwang er eine ungeheuer große Pfeife mit eisernem Deckel; er las irgend eine höchst wundersame Jagdgeschichte, hatte die Unterlippe vorgeschoben und machte ein schreckliches Gesicht, was seiner unscheinbaren Figur eines kleinen tarasconischen Rentiers denselben Anstrich ungefährlicher Wildheit gab, der im ganzen Hause herrschte.

Dieser Mann war Tartarin! Tartarin von Tarascon, der unerschrockene, der große, der unvergleichliche Tartarin von Tarascon!

[...]"
Gewiß, Tartarins Abenteuer bieten keine tiefsinnige Philosophie, aber doch ein paar gekonnte Charakterstudien. Der Roman ist eine nette Lektüre, sicher nicht nur für Freunde der Jagd. Und er ist auch im Internet zu finden. :-)


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Mittwoch, 27. Oktober 2010

Der Weisheit letzter Schluß


Vor kurzem war es wieder soweit: Die in diesem Jahr herrschende feuchte Witterung mit zunächst viel Schnee und später Regen macht das Tragen wasserdichter Fußbekleidung erforderlich, vor allem, wenn man sich durch Wald und Feld bewegt. Bisher hatte ich dazu Gummistiefel des französischen Herstellers Aigle, genauer gesagt das Modell Parcours Vario, verwendet. Diese haben aber nach jahrelangem Dienst das Zeitliche gesegnet, weshalb eine Neuanschaffung notwenig war.
Zu diesem Behufe habe ich Modelle verschiedener Hersteller anprobiert, die natürlich sämtlich mit der modernsten Technologie ausgestattet sind und (idealerweise) das Tragegefühl eines Wanderschuhs vermitteln. Mit den Stiefeln von Viking konnte ich mich nicht anfreunden, mit denen von Tretorn schon eher. Allerdings sind auch sie nicht ideal. Vielleicht sind meine Füße und Beine im Vergleich zu den Einwohnern der skandinavischen Länder abnormal geformt, ich weiß es nicht.
Am Ende ist es jedenfalls wieder ein Paar Aigle Parcours Vario geworden, diesmal in der Farbe braun (sie sind ebenfalls in grün und schwarz erhältlich). Dieses Modell ist wohl hinsichtlich Tragegefühl und Bequemlichkeit der Weisheit letzter Schluß, zumindest für meine Füße. ;-)


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Montag, 25. Oktober 2010

Der deutsche Rußland-Komplex

In Gerd Koenens Studie "Der Russland-Komplex - Die Deutschen und der Osten 1900-1945" geht es weniger um die Geschichte der beiden Staaten als solche, sondern um die gegenseitigen Wahrnehmungen. Dabei ist Koenens Abhandlung nicht nur von historischem Interesse. Wenn man die aktuelle Rußlandberichterstattung deutscher Medien verstehen will, die bisweilen nur einen selektiven Bezug zur Realität hat und stattdessen von den verschiedensten Vorurteilen geprägt ist, dann sollte man dieses Buch gelesen haben. Bestimmte Fehler sollte man nicht zweimal machen, auch wenn manche der hierzulande einflußreichen "Experten" dazu neigen, das Rußland des Jahres 2010 mit den Stereotypen des Jahres 1914 zu deuten.

Welche - z.T. höchst irrationalen - Hoffnungen, Ängste und Aversionen haben die Deutschen im 20. Jahrhundert in bezug auf Rußland bzw. die Sowjetunion entwickelt? Warum waren russische Literatur, Philosophie und Kunst gerade hier in der ersten Hälfte des 20. Jh. so einflußreich wie nie zuvor oder danach, während andererseits weitreichende Kolonisationspläne für den "Ostraum" gesponnen wurden? Koenen gibt darauf fundierte Antworten, bleibt dabei aber erfreulich fair und unideologisch. Kurzum: Dieses Buch ist ein hervorragender Streifzug drch die deutsche Geistesgeschichte und somit ein "must-read" für alle, die sich für die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen interessieren.
(Der Titel ist auch im Online-Angebot von Google Books zu finden.)

Einen gänzlich anderen, mehr populärwissenschaftlichen Charakter trägt der zweite heute anzuzeigende Titel: "Die glücklichen Jahre - Deutschland und Rußland" von Dieter Cycon (Herford u.a. 1991). Dieses Buch ist kurz nach der deutschen Wiedervereinigung erschienen und soll, so die Intention des Autors, die Deutschen an die guten Beziehungen zwischen Preußen und dem Deutschen Reich auf der einen und Rußland auf der anderen Seite erinnern - ein Wissen, welches seit 1914 verschüttet war. Cycon möchte an diese positive Seite der Geschichte anknüpfen und so das gegenseitige Verständnis stimulieren, war der ewige Feind doch plötzlich zum anerkannten Partner geworden. Eine gute Absicht, doch dürften seine historischen Berichte eher ein altkonservatives Publikum (so wie mich ;-)) ansprechen, sonst aber oft ungehört verhallen.

Die behandelte Zeitspanne reicht vom 17. Jahrhundert bis gegen 1890, als Bismarcks Kanzlerschaft zuende ging. Das von Cycon ausgebreitete Material hat es in sich. Die ins Zarenreich eingewanderten Deutschen besetzten überdurchschnittlich oft Schlüsselpositionen in Verwaltung, Armee und Wirtschaft. Bei den Verhandlungen von Tauroggen 1812 war z.B. kein einziger Russe anwesend. Dazu kamen die verwandtschaftlichen Beziehungen der Romanow-Dynastie zum deutschen Adel, auf die der Autor - neben diplomatiegeschichtlichen Aspekten - ebenfalls detailliert eingeht. Trotz aller politischen Divergenzen und Interessengegensätze - die immer einmal auftreten können -, war das Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland grundsätzlich positiv. Und die Deutschen haben in Rußland selbst viele positive Spuren hinterlassen (wovon nicht zuletzt die russische Sprache mit ihren aus dem Deutschen entlehnten Wörtern zeugt). Der Autor vermittelt seinen Lesern auch das nötige Hintergrundwissen, etwa hinsichtlich der polnischen Geschichte.

Es war eine der Tragödien des 20. Jahrhunderts, daß sich beide Völker oftmals in einem fast unversöhnlichem Gegensatz befunden haben. Heute scheint dies überwunden, was u.a. durch das Engagement deutscher Unternehmen in der RF (und vice versa!) belegt wird. Dennoch scheint es bei einem Teil unserer Landsleute (und der politischen Klasse) eine eigentümliche Mischung aus Angst, Minderwertigkeitskomplexen und Großmannssucht zu geben, die sich gerade gegenüber Rußland immer wieder negativ äußert. Die Lektüre der beiden soeben vorgestellten Werke könnte dazu beitragen, uns über unser eigenes Rußlandbild und dessen geschichtliche Grundlagen klar zu werden.


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Freitag, 22. Oktober 2010

Blutrache

Stuttgart Gerichtsgebäude

Warum überrascht mich diese Nachricht nicht:
"[...]

Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa hat der Vater eines der beim Amoklauf am 11. März 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden getöteten Schülers von einem möglichen Anschlag auf den 51-Jährigen gesprochen. Im Raum stehe Blutrache, heißt es in Sicherheitskreisen. In einer Vernehmung habe der Mann Jörg K. und dessen ganzer Familie gedroht.

[...]

"Wir nehmen die Bedrohungslage gegen den Angeklagten sehr, sehr ernst", sagte Verteidiger Hubert Gorka. Ob am kommenden Dienstag verhandelt wird, konnte der Jurist nicht sagen. Die für den Personenschutz zuständige Polizei in Waiblingen wollte gestern keine Stellungnahme abgeben. Ein Sprecher sagte aber, die polizeilichen Maßnahmen zum Schutz des Angeklagten seien "modifiziert" worden. Der 51-jährige Unternehmer lebt mit seiner Frau und einer Tochter an einem geheimen Ort mit einer anderen Identität.

Die Familie hatte bereits nach der Bluttat des 17-jährigen Sohnes Morddrohungen erhalten. Auffällig für Prozessbeobachter war bereits, dass vor einer Woche die Sicherheitsmaßnahmen beim Eintritt in den Gerichtssaal am Stuttgarter Landgericht plötzlich weiter verschärft worden waren.

[...]"
Schon mehrfach habe ich den lautstark in der Öffentlichkeit auftretenden Hinterbliebenen eine psychische Störung attestiert und mußte mir dafür harsche Kritik gefallen lassen. Das reichte bis zum Vorwurf, ich würde Haß gegen diese Menschen verbreiten. Nun haben sie sich selbst desavouiert, denn ihr archaisches Rachebedürfnis beschränkt sich nicht nur auf politische und juristische Aktionen, nein, jetzt soll sogar Blut fließen. Doch paßt das alttestamentarische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" hier nur bedingt, denn der Amokläufer ist bereits tot und sein Vater soll nun den Ersatzsündenbock spielen.

Auf der Webseite des Aktionsbündnis' Winnenden findet sich übrigens keine Distanzierung von der angedrohten Blutrache. Offenbar empfinden Hardy Schober und Gisela Mayer eine klammheimliche Freude darüber. Bleibt nur noch eine Frage: Wie werden die Medien reagieren? Werden sie dem ABW gewogen bleiben und weiter dessen Propaganda betreiben oder wird es eine Absetzbewegung geben? Wir werden sehen ...


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Donnerstag, 21. Oktober 2010

Ich habe es getan ;-)



Etwas, was ich noch vor zwei Jahren für unmöglich gehalten hätte, ist geschehen: Ich bin in einen Schießsportverein, der dem Deutschen Schützenbund (DSB) angeschlossen ist, eingetreten. Und ich fühle mich dort wohl, obwohl natürlich nicht jeder Verein wie der andere ist. Die "Traditionspflege" hält sich erfreulicherweise in Grenzen, dafür stehen die sportlichen Aspekte im Mittelpunkt. Und geschossen wird hier in den sachsen-anhaltischen DSB-Klubs alles von Druckluft bis GK-Kurzwaffe und SL-Gewehr, auch dank einer umfangreichen Landessportordnung ("Liste B").

Doch warum gerade in den DSB, das sind doch die reaktionären Löchlestanzer? Nein, hier in Ostdeutschland ist diese durchaus kritikwürdige Mentalität kaum ausgeprägt. Zudem wollte ich mit den Disziplinen beginnen, für die ich bereits seit längerem trainiere. Insbesondere mit der Luftpistole bin ich in den letzten Monaten schon deutlich besser geworden (persönlicher Rekord: 342 Ringe). Und für LP-Wettkämpfe ist nun einmal der DSB maßgeblich; Fernwettkämpfe sind auf Dauer nicht erfüllend.

Von dieser Basis aus soll es weitergehen in Richtung WBK. Des weiteren werde ich zunehmend "fauler", d.h. die dynamischen Schießdisziplinen reizen mich derzeit nur wenig. Dafür jedoch der Dreistellungskampf. ;-) Und schließlich gibt es einen Mangel an realistischen Alternativen: In den hiesigen BDS-Vereinen wird meinem Eindruck nach hauptsächlich GK-Kurzwaffe geschossen und einem fast vor meiner Haustür gelegenen BDMP-Klub ist kürzlich leider der Schießstand (25 bis 300 m) abhanden gekommen.

Verglichen damit sind die Mühen in meinem neuen Verein gering. Zwar verfügt er selbst nur über einen 10-m-Stand, doch besteht ein Kooperationsvertrag mit einem zweiten Verein, der nur über 25 m und 50 m verfügt. Insofern ergänzen sich beide ganz gut, auch wenn ein Verein mit Ständen von 10 bis 300 m natürlich noch besser wäre.


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Langsam werde ich wohl alt ;-)

Montag, 18. Oktober 2010

Russische Schußwaffen

Im September 2010 ist im Motorbuchverlag ein Buch erschienen, auf das alle, die sich für die russische und sowjetische Waffentechnik und -geschichte interessieren, schon lange gewartet haben dürften. Gemeint ist „Russische Schusswaffen – Typen, Technik, Daten“ von Ilya Shaydurov. Der Band ist, wie bereits der Titel nahelegt, ein Übersichtswerk – das erste in deutscher Sprache. Sein Erscheinen war um so wichtiger, als ein Standardwerk aus den 1990er Jahren – D. N. Bolotins „Soviet Small Arms and Ammunition“ – selbst in Rußland kaum noch aufzutreiben ist.

Der Autor des hier anzuzeigenden Buches, dessen Name im Deutschen eigentlich als Ilja Schajdurow transkribiert wird, ist ein ausgewiesener Fachmann, der den größten Teil seiner Ausbildungs- und Berufszeit in der udmurtischen Waffenstadt Ishewsk verbracht hat. Zuerst ein Maschinenbaustudium, dann Promotion und wissenschaftliche Tätigkeit am Insititut für Schußwaffen der Staatlichen Technischen Universität Ishewsk. Von 2005 bis 2009 war Shaydurov wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. Von dieser Hochschule ist auch das Erscheinen von „Russische Schußwaffen“ gefördert worden. (Leider hat der Verlag auf eine biographische Notiz verzichtet, so daß man auf die Webseite der Uni zurückgreifen muß.)

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel, worin einzelne Waffenarten behandelt werden: Faustfeuerwaffen, Maschinenpistolen, Sturmgewehre, Gewehre und Karabiner, Kampfflinten sowie Maschinengewehre. Nach einer kurzen Einleitung werden die einzelnen Modelle auf mehreren Seiten in Wort und Bild vorgestellt. Erfreulich ist, daß sowohl bekannte als auch weniger bekannte (Sonder-)Waffen behandelt werden, wobei der Zeitrahmen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute reicht. Im Rahmen der Entwicklungsgeschichte wird auch auf die Konstrukteure eingegangen; sie sind zumeist auch mit einem Bild bedacht worden. Hinzu kommen noch Tabellen mit den technischen Daten sowie Übersichten über die Modellvarianten. Des weiteren sind zu jeder Waffe Fundstellen in Literatur und Internet angegeben. Die Qualität der Texte ist natürlich hoch und entspricht dem, was man von solch einem lexikonartigen Werk erwarten darf.

Zwei Wermutstropfen bleiben allerdings. Erstens liegt der Fokus eindeutig auf behördlich geführten Schußwaffen. Spezifische Jagd- und Sportwaffen werden nur am Rande behandelt, soweit sie auch eine behördliche Verwendung gefunden haben oder aus einer Behördenwaffe entstanden sind. Das ist bedauerlich, denn die sowjetischen Sportwaffenkonstrukteure waren nicht untätig. Zweitens merkt man dem Buch an, daß der Autor es wohl vollständig in deutscher Sprache geschrieben hat. Dies ist eine beachtenswerte Leistung, immerhin waren knapp 400 Seiten zu füllen. Dennoch hätte ein sachkundiger Lektor dem Buch gutgetan, denn manche typisch russischen Sprachkonstrukte sind nur schwer adäquat ins Deutsche zu übersetzen. Ein wenig schmunzeln mußte ich z.B., als an einer Stelle von „Anhängerstaaten“ der Sowjetunion die Rede war – gemeint sind, wie aus dem Kontext hervorgeht, die Nachfolgestaaten der UdSSR.

Doch das sind Kleinigkeiten, die nicht geeignet sind, den Wert von Shaydurovs Werk zu schmälern. Es ist eines jener Bücher, an denen man nicht vorbeikommen kann, sofern man sich für das behandelte Thema auch nur partiell interessiert.

Zumindest bei Teilen der ersten Auflage ist es zu Fehldrucken gekommen, weshalb das Vorwort im Buch fehlt. Es wäre schön, wenn der Verlag dieses auf seiner Webseite publizieren könnte, damit sich die Leser nicht „blind“ und ohne Hinweise des Autors durch das Buch „hangeln“ müssen.


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