Montag, 27. Juli 2009

Die bürgerliche Jagdkultur in Deutschland

Eine der m.E. interessantesten Neuerscheinungen der letzten Monate ist das Buch „Weidgerecht und Nachhaltig – Die Entstehung der Bürgerlichen Jagdkultur“. Dieter Stahmann, von Hause aus Volkswirt, hat damit eine der ersten Arbeiten vorgelegt, die sich dem Thema Jagd (und damit implizit auch dem privaten Waffenbesitz) von der geisteswissenschaftlichen Seite (Geschichte, Ökonomie, Philosophie und Ethik) her nähern. Es geht ihm darum, die Entstehung einer spezifisch bürgerlichen Jagdkultur in Deutschland während des „langen 19. Jahrhunderts“ nachzuzeichnen. Wie unterschied sich die Jagd zu dieser Zeit von den vorhergehenden Epochen? Welche besonderen Merkmale zeichnen sie aus? Worin bestanden (und bestehen) die Unterschiede zu den Jagdkulturen in anderen Staaten? Wie hat die Jagd auf die Gesamtgesellschaft, auf Literatur und Kunst gewirkt? Insbesondere die zahlreichen Verweise auf Gedichte, Bücher und andere Kunstwerke, die sich mit der Jagd beschäftigen, sind einer der großen Pluspunkte des reichhaltig illustrierten Bandes.

Alle diese Fragen werden in einer sehr luziden Art behandelt, wobei naturwissenschaftliche Aspekte keineswegs ausgeklammert, wohl aber kritisch hinterfragt werden. Hervorzuheben ist insoweit z.B. die Auseinandersetzung mit der Vorherrschaft „ökologischer“ (Jagd-)Theorien, die unser Naturverständnis tiefgreifend verändern. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, wenn ich alles lobenswerte einzeln hervorheben würde. Dieses Buch ist, kurzgesagt, eine unbedingte Empfehlung für alle, die sich für die Geschichte des Jagdwesens in Deutschland (und Österreich) interessieren. Darüberhinaus paßt es auch in die Rubrik „Waffenkultur“.
In Anbetracht der umfangreichen Abhandlung kann man dem Autor sogar den starken antipreußischen Affekt nachsehen. Allerdings merkt man beim Lesen, daß die Darstellung schwächer wird, je stärker sie sich der Gegenwart nähert (also ab 1945) und je intensiver der Autor mit seinem Thema persönlich verwoben ist. Dennoch hat er es geschafft, die Jagd in der DDR erstaunlich sachlich zu beschreiben. Es gelingt ihm, die argumentativen Schwachpunkte der Jagdbefürworter in aktuellen Debatten deutlich zu benennen.

Einen Kritikpunkt muß ich freilich ausführlicher erörtern, weil sich Stahmann hier m.E. in seiner Argumentation selbst widerspricht und die guten Ansätze früherer Kapitel beschädigt. Auf den S. 198 f. schreibt er:
"Eine unerfreuliche Entwicklung ist die Zunahme von militärischer Bekleidung bei Gesellschaftsjagden mit Camouflage-Kampfanzügen, Militärkoppeln und anderen Ausrüstungen. Bei den Jagdwaffen ist erfreulicherweise dieser Trend noch nicht erkennbar. Nach den Einflüssen in der wilhelminischen und der Nazi-Zeit sollten die Jäger sich nicht wieder in die Nähe des Militärs bringen lassen, denn sie führen keinen Krieg gegen das Wild."
Erstens: Bekleidung und Ausrüstung aus dem Militärbereich sind in der Regel sowohl preiswert als auch zweckmäßig, weshalb es ganz natürlich ist, daß sie für Outdooraktivitäten der verschiedensten Art Verwendung findet. Zudem sind moderne Tarnmuster (Realtree, Mossy Oak u.a.) dezidiert zivilen Ursprungs und speziell für die Jagd entwickelt worden. Mit dieser Tirade führt Stahmann seine eigene, kategorische Aussage, die Jagd sei kein „Hobby gut betuchter Kreise“ (S. 151) ad absurdum. Denn offenkundig ist die Jagd für ihn eine Tätigkeit, die nur von solchen Leuten ausgeübt werden sollte, die sich „Loden, Leinen und Leder“ (S. 125) leisten können und wollen – was freilich nicht gerade billig und somit ebenfalls ein soziales Selektions- und Distinktionsmittel ist.
(Ich selbst würde übrigens niemals Loden tragen. Zumindest nicht, solange ich unter 70 bin. ;-))

Noch stärker an der Glaubwürdigkeit des Autors kratzt die o.g. Bemerkung über Jagdwaffen. Auf den S. 83 ff. zeichnet er nach, wie sich die ursprünglich für militärische Zwecke entwickelten Mauser-Gewehre auch innerhalb der Jägerschaft durchgesetzt haben. Hierbei hat Stahmann keine ethischen Bedenken, daß man mit einem 98er Repetierer „Krieg gegen das Wild“ führen würde. Warum sollte das heute anders sein? Warum muß die technische Entwicklung der Jagdwaffen auf dem Niveau des Jahres 1914 stehenbleiben? Weshalb sollte es nicht möglich sein, mit Derivaten moderner Militärwaffen waidgerecht zu jagen? Oder entspringt das Verdikt nur seiner persönlichen Antipathie gegen bestimmte Waffenmodelle (was anzunehmen ist)? Rational nachvollziehbar ist sein Einwand jedenfalls nicht.

Auch hinsichtlich eines zweiten Punktes scheint mir Stahmanns Argumentation ein wenig verworren zu sein. Zunächst stellt er die englische Jagdkultur mit ihrer Auffassung der Jagd als Sport der deutschen mit ihrer Waidgerechtigkeit antagonistisch gegenüber (vgl. S. 14). Es könne – im Gegensatz zu England – nicht darum gehen, dem Tier eine „faire Chance“ zu geben (S. 110). Dann soll es aber ein typisches Kennzeichen der deutschen Waidgerechtigkeit sein, daß man Wild nicht an Futterplätzen erlegt (S. 195). Ist das nicht, zumindest im Ergebnis, dasselbe?

Trotz dieser Kritik – die jedes gute Buch provozieren wird ;-) – ist „Weidgerecht und Nachhaltig“ ein Werk, dem eine weite Verbreitung unter Jägern und anderen Legalwaffenbesitzern zu wünschen ist, wird doch zumeist auf sehr hohem Niveau argumentiert. Ein weiteres Buch aus der Feder Stahmanns steht übrigens schon auf meinem Wunschzettel: „Über die Jagd hinaus – Literarische und philosophische Pirschgänge“.


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4 Kommentare:

Franka hat gesagt…

Das Buch scheint echt sehr gut zu sein.Ich glaube das wäre das schönste Geschenk für mein Mann.Danke für die tolle Idee.

Ernst Krenkel hat gesagt…

Gerne doch. ;-)

Anonym hat gesagt…

Ich geb dir ja recht, aber wie sieht das denn aus, wenn im Wald bärtige Jäger im Ami-Tarn und Kaschi-Klon rumlaufen?

Da fallen ja die anderen Waldbenutzer wie Jogger, Reiter, Mountainbiker u.s.w. ,die dafür im Gegensatz zum Jäger nichtmal was bezahlen müssen, obwohl sie mehr schaden wie nützen)in Ohnmacht, und schicken die GSG9 zur Talibanbekämpfung ;-)

Gruss Inge

PS: Das Buch werd ich mir mal näher ansehen, danke für den Tip.

Ernst Krenkel hat gesagt…

Hihi ... aber im Ernst: Es gibt sowohl vom AR-15 als auch von der AK mittlerweile genügend Varianten in jagdlichen Kalibern, die auch nicht sonderlich furchteinflößend aussehen, z.B. mit schönen Holzschäften. Mich stört vor allem dieser angebliche "Krieg gegen das Wild", den man mit einem 98er (deutsche Standardwaffe in zwei Weltkriegen) natüüürlich nicht betreibt. ;-)

Ich selbst trage, wenn ich in Wald und Flur unterwegs bin, übrigens auch meist irgendwelche Tarnklamotten. Warum? Sie sind relativ preiswert (es macht nichts, wenn sie von irgendwelchen Dornen zerrissen werden) und wirken in dieser Umgebung einfach natürlicher als die grellbunten Klamotten der Nordic Walker und Mountainbiker. ;-)

Beste Grüße

E.K.

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