Donnerstag, 30. September 2010

Anatolij Bogdanow (1931-2001)


Heute vor neun Jahren, am 30.09.2001, ist mit Anatolij Iwanowitsch Bogdanow einer der bekanntesten Sportschützen der ehemaligen Sowjetunion gestorben. Er war eine Legende maßgeblich am internationalen Aufstieg der Schützen seines Landes in den 1950er Jahren beteiligt. Während seiner aktiven Laufbahn hat er viel öffentliche Beachtung gefunden, was neben den sportlichen Erfolgen mit daran gelegen haben dürfte, daß seine Biographie nahezu perfekt in die Vorstellungswelt der damals herrschenden Kommunisten paßte. Vom Waisenkind zum Olympiasieger - ein sowjetisches Leben wie aus dem Bilderbuch.

Geboren wurde er (dessen Name bisweilen auch als Anatoly Bogdanov transkribiert wird) am 01.01.1931 in Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heißt. Nebenbei: Viele der in den 1950er Jahren besonders erfolgreichen Schützen kamen von dort. Im Alter von drei Jahren verlor der kleine Anatolij seine Eltern und kam in ein Kinderheim. Dort erlebte er nach 1941 auch die Blockade der Stadt. Im Verlaufe des Krieges trat er als Schiffsjunge in die Baltische Flotte ein und spielte in deren Orchester Trompete. Später hat er auch auf Schiffen Dienst getan. (Motivation dürfte die bessere Verpflegung der Soldaten gewesen sein.) Mit Kriegsende kehrte Bogdanow nach Leningrad zurück, um seine Ausbildung in einer Handwerksfachschule fortzusetzen. Dort kam er auch erstmals mit dem Schießsport in Berührung. Dabei waren seine ersten Ergebnisse unterdurchschnittlich schlecht, doch gerade die anfänglichen Mißerfolge motivierten ihn zu einem intensiveren Training. Und er begann, diesen Sport zu lieben.



Von 1947 bis 1949 gehörte er zur Leningrader Schützenmannschaft der Arbeitsreserven, danach wechselte er im selben Verband nach Moskau. Dort trat er in das Technikum für Körperkultur ein, wo er jahrelang unter der Anleitung von Ilja Jochelson intensiv trainierte. Innerhalb der UdSSR ist Bogdanow ab 1949 bei Wettkämpfen hervorgetreten. International bekannt wurde er jedoch bei den Olympischen Sommerspielen 1952 in Helsinki. Es war die erste Olympiade, an der überhaupt eine Mannschaft aus der UdSSR teilnahm. Und ihr Debüt glich einem Paukenschlag. Allein in den Schießwettbewerben gab es vier sowjetische Medaillengewinner. Die einzige goldene errang Anatolij Bogdanow im Dreistellungskampf über 300 m. (Sein Kamerad Lew Weinstein, der eigentlich als Kurzwaffenschütze bekannt geworden ist, gewann in derselben Disziplin Bronze.)

Der Wettkampf in Helsinki wird in zeitgenössischen Quellen als äußerst spannend geschildert. Der Schweizer Schütze Robert Bürchler galt aus guten Gründen als Favorit. Jener soll etwas mitleidig auf den jungen Bogdanow geblickt haben, verbunden mit der Bemerkung, daß das Schießen ein Sport für Leute mittleren Alters sei, die nicht nur die Waffe beherrschen, sondern auch sich selbst. Doch Bogdanow bewies, daß man auch mit 21 Jahren Olympiasieger werden kann - mit einem neuen olympischen Rekord von 1123 Ringen. Verwendet hat er ein in Tula gefertigtes Sportgewehr MZ-13 (manchmal auch MC-13 genannt) im Kaliber 7,62 x 54 mm. Bürchler war Sportsmann genug, seinem Konkurrenten als erster zu gratulieren und sich mit der Silbermedaille zu bescheiden.

Auf den Weltmeisterschaften 1954 in Caracas gelang Bogdanow dann der wohl größte Triumph seiner Karriere: Er erschoß sich insgesamt sechs Weltmeistertitel mit dem GK- und KK-Gewehr, drei davon mit neuen Weltrekorden. 1956 gewann er in Melbourne eine weitere olympische Goldmedaille, diesmal im Dreistellungskampf mit dem Kleinkalibergewehr auf 50 m. Er war von seinem Trainer gebeten worden, sich auf diese Disziplin zu konzentrieren, weil es in der SU noch zu wenige Schützen dafür gab. Und er enttäuschte die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht. Bei diversen nationalen und internationalen Wettkämpfen Mitte der 50er Jahre konnte er weitere Titel erringen. Doch danach ließ seine Form ein wenig nach. An der 1958 in Moskau ausgetragenen Weltmeisterschaft konnte er deshalb nicht teilnehmen; er trug sich mit dem Gedanken, den Leistungssport aufzugeben.



Bereits seit 1951 gehörte Bogdanow der Sowjetarmee an, war 1954 Offizier geworden und startete dementsprechend für Armeemannschaften bzw. den Zentralen Armeesportklub (ZSKA). Nach seinem Abschied vom Leistungssport begann er ein Aufbaustudium an der Philosophischen Fakultät der Militärpolitischen Akademie in Moskau, welches er im Jahre 1963 abschloß. (Sein Erststudium hatte er in Jaroslawl an der dortigen Offiziershochschule für Finanzwesen absolviert.) Während dieser Zeit begeisterte er sich für das Bogenschießen und wurde auch in dieser Sportart Armeemeister. Später war er als Dozent an verschiedenen Offiziersschulen der Sowjetarmee tätig.

Über sein weiteres Leben ist kaum etwas bekannt. Der Zerfall der Sowjetunion und sein Abschied vom Militär müssen für ihn verheerend gewesen sein. Die letzten Jahre vor seinem Tod hat er dem Vernehmen nach als Nachtwächter in einer Provinzstadt gearbeitet. (Damit ist er wohl auch ein Opfer seiner Karriere geworden, die einseitig auf den Leistungssport und den Staatsdienst ausgerichtet war. Doch der Staat hatte nun keine Verwendung mehr für ihn. Ganz anders etwa seine Kameraden Machmud Umarow oder Jefim Chaidurow, die neben dem Sport immer auch in ihren Zivilberufen gearbeitet haben.)
Sein Grab befindet sich auf dem Moskauer Danilowskij-Friedhof.

Dennoch war Anatolij Bogdanow ein herausragender Schütze, dessen Bedeutung neben der rein sportlichen Seite auch eine symbolische hat, verkörperte er doch auf internationaler Ebene den Aufstieg der Sportnation Sowjetunion, als die sich das Land schon seit den 1930er Jahren sah. Und seine Erfolge - die für sich sprechen - wurden weltweit ausgewertet. Der starke Eindruck, den er hinterließ, ist noch in westdeutschen Publikationen der 60er Jahre zu spüren.

Bogdanow war auch publizistisch aktiv; einiges aus seiner Feder ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Doch dazu übermorgen mehr.



Bibliographie:

Anatoli Bogdanow - Träger des Leninordens, in: Der Sportschütze 1957

H.M.: Reliquien sportlichen Ruhmes, in: Der Sportschütze 1955

Orushie

Shooting UA

Sportiwnyj nekropol

V. Viktorow: 120 Schuß, in: Der Sportschütze 1955

Wikipedia




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Fotos: Der Sportschütze, www.arms-magazin.ru, talks.guns.ru.

Dienstag, 28. September 2010

Der Stuttgarter Schauprozeß

Stuttgart Gerichtsgebäude

Das Strafverfahren gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden, welches derzeit in Stuttgart stattfindet, gerät – zumindest von außen betrachtet – immer mehr zur Farce. Wenn ich die Presseberichte darüber lese, erhebt sich die Frage, weshalb der Vorsitzende Richter bestimmten Umtrieben nicht entgegentritt und für eine Versachlichung des Prozeßklimas sorgt.

Bereits die Zulassung der Anklage war ja mit einigen Schwierigkeiten verbunden gewesen; nach Beginn des Prozesses wies das Gericht aus unerfindlichen Gründen darauf hin, daß dem Angeklagten auch eine Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung drohen könne, obwohl gerade dieses Delikt von der Staatsanwaltschaft nicht angeklagt worden ist. Dabei ist ein derartiges Urteil mehr als unwahrscheinlich (warum, wird hier erklärt).

Sodann haben es sich die Aktivisten vom Aktionsbündnis Winnenden (bzw. dessen Nachfolgeorganisationen) nicht nehmen lassen, ihre Meinung über den Angeklagten kundzutun:
"[…]

Die Nebenkläger zeigten sich geschockt. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagte Gisela Mayer, deren getötete Tochter Referendarin an der Albertville-Schule gewesen war. „Er hatte seine Chance – und er hat sie vertan“, quittierte sie K.s Schweigen. „Drei Sätze hätten gereicht“, sagte eine andere Mutter. Drei Sätze, die das Mitgefühl des Angeklagten wahrhaftig rübergebracht hätten - statt einer bloßen Erklärung seines Anwalts, dass es existiere.

[…]"
Bitte, wo leben wir denn? Seit wann muß sich ein Angeklagter selbst kasteien? Was soll das Gerede von der verspielten Chance – wird der Angeklagte jetzt vom ABW hingerichtet? Gisela Mayer mag Nebenklägerin sein, aber sie ist nicht Richterin. In jedem einigermaßen zivilisierten Rechtssystem hat ein Angeklagter das Recht, seine Anwälte für sich sprechen zu lassen. Daraus kann man ihm schlechterdings keinen Strick drehen!

Doch das ABW zeigt hier wieder einmal sein wahres Gesicht. Diese fanatischen Aktivisten sehen sich selbst als Mittelpunkt der Welt und nur was ihren Ansprüchen genügt, darf überhaupt Geltung besitzen. Der Angeklagte äußert sich über seinen Rechtsbeistand – doch sie fordern eine höchstpersönliche Erklärung. Die ABWler sind anscheinend von Dominanzphantasien geprägt, denn das gleiche Muster ist uns aus der politischen Debatte des Jahres 2009 bekannt. Damals hatte das ABW eine Dialog mit Verbänden der Legalwaffenbesitzer nur dann führen wollen, wenn er ausschließlich zu den Bedingungen des ABW erfolgt wäre. Diese paar Hanseln leiden offenkundig an maßloser Selbstüberschätzung.

Doch immerhin ist es ihnen gelungen, eine Stiftung zu gründen, deren hauptamtliche Mitarbeiter Hardy Schober und Frau Mayer mittlerweile sind. So kann man aus dem Tod der eigenen Kinder noch lange Kapital schlagen. Der blindwütige Rachefeldzug dieser Figuren zeigt allerdings auch, wie falsch ihre massive Unterstützung durch die evangelische Landeskirche ist. Es wäre wohl für alle Beteiligten besser gewesen, wenn man die Hinterbliebenen seelsorgerisch besonders betreut hätte, anstatt sie in ihrem alttestamentarisch anmutenden Handeln zu bestärken. Begriffe wie „Gnade“ und „Vergebung“ scheinen in Württemberg nicht sehr bekannt zu sein, vielleicht hat man dort auch nur eine andere Ausgabe des Neuen Testaments.

Möglicherweise erwartet das ABW sogar, daß Jörg K. – wie einst in den stalinistischen Schauprozessen – ein vorgefertigtes Geständnis unterschreibt und um seine Bestrafung bittet. Das Ausbleiben einer solchen Handlung würde dann als „besondere Verstocktheit“ gewertet. Auf einen Kommentar dazu verzichte ich an dieser Stelle lieber, doch zeigt sich hier, in welch bedenkliche Richtung der Prozeß driften könnte. Dazu kommt die unglückliche Rolle der Medien, die laut rufen „Kreuziget ihn!“

Durch den erheblichen öffentlichen Druck wird der Spielraum des Gerichts für ein faires Verfahren immer kleiner. Der Täter – Tim K. – ist während seiner Tat umgekommen. Nun dürstet die aufgepeitschte Stimmung nach Sühne und sucht sich in Gestalt des Vaters einen Ersatzsündenbock. Deshalb schließe ich seine erstinstanzliche Verurteilung nicht aus, selbst wenn die Urteilsbegründung haarsträubend sein sollte. Nur so können die aufgeheizten öffentlichen Emotionen abgekühlt werden. Jörg K. müßte dann die Kraft und das Geld aufbringen, sich durch die Instanzen zu kämpfen, in der Hoffnung, daß er irgendwo außerhalb Stuttgarts doch noch ein paar furchtlose und unvoreingenommene Richter findet.


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Montag, 27. September 2010

Neulich im Dussmann-Haus


Vor wenigen Wochen habe ich wieder meiner bibliophilen Leidenschaft gefrönt und bin im Berliner Dussmann-Haus eingekehrt. In der vermutlich größten deutschen Buchhandlung waren auch manche interessanten Neuerscheinungen zu finden. Gestört hat mich allerdings, daß kaum waffenrechtliche Literatur zu finden war, wohl aber das Buch „Waffenrepublik Deutschland“ von Lars Winkelsdorf. Die Verlag stellt sein Produkt in einer LWB-feindlichen Art und Weise dar. Dazu kam das Gerichtsverfahren gegen den Autor wegen Verstößen gegen das WaffG (mittlerweile ist er jedoch freigesprochen worden). Das alles hat mich nicht zum Kauf des Buches angeregt, denn man muß nicht jedes Machwerk kennen. Nachdem es aber mittlerweile einige positive Rezensionen gibt (u.a. in Visier 7/2010), werde ich es mir in nächster Zeit wohl doch zulegen müssen.

Der nächste Blick in die landeskundliche Abteilung zu den Publikationen über Rußland hat mich ebenfalls ein wenig enttäuscht. Ich wurde dabei an einen Ausspruch des Literaturkritikers Wissarion Belinskij aus dem 19. Jahrhundert erinnert, den ich hier schon einmal erwähnt hatte:
"[…]

Deshalb schenkt man bei uns jedem sogenannten liberalen Trend, selbst bei geringster Begabung, so viel Aufmerksamkeit, und deshalb sinkt auch die Popularität großer Dichter, die sich - ob aufrichtig oder nicht - in den Dienst der [...] Autokratie [...] stellen, so rasch.

[…]"
Das traf vor hundert Jahren nicht nur auf das Zarenreich selbst, sondern auch auf die Rezeption der russischen Kunst in Deutschland zu, wie Gerd Koenen in seinem Buch "Der Rußland-Komplex" beschreibt:
"[...]

Wie es ja überhaupt die Kehrseite aller so heftigen Invektiven gegen den 'zaristischen Despotismus' bildete, dass sie die Welt der 'Erniedrigten und Beleidigten', und erst recht die der Aufrührer und Kämpfer gegen die Despotie in ein übertrieben großartiges moralisches Licht rückten.

[...]"
Vornehmlich werden dem deutschen Leser heute die Schriften von Anna Politkowskaja, Edward Lucas, Jelena Tregubowa und anderen, zum Teil etwas obskuren Autoren anempfohlen. Meine tägliche Horrormeldung aus dem ewig kalten Rußland gib mir heute! Und wenn es schon keine Horrormeldung gibt, dann doch wenigstens negative Dauerberieselung. Dieses einseitige Angebot muß beim deutschen Publikum zwangsläufig zu Fehleinschätzungen führen.

Dabei überrascht nicht, daß die Qualität der Autoren und ihrer Schriften gleichgültig ist, Hauptsache, es wird die „richtige“ Meinung (oder besser: Gesinnung) vertreten. Ein Phänomen, welches sich auch in der schöngeistigen Literatur feststellen läßt. Es zählt nicht die schriftstellerische Leistung, sondern der politische Impetus. Der Übersetzer Robert Chandler hat dies in einem Leserbrief an die London Review of Books sehr treffend formuliert:

"[…]

It is more likely, however, that Lanchester simply underestimates how difficult it has been, during the last thirty years, to establish a readership for a 20th-century Russian writer purely on the basis of literary merit. Pasternak and Solzhenitsyn became famous in the West not because of literature but because of politics; Osip Mandelstam’s fame owes a great deal to the eloquence of his widow. Varlam Shalamov and Andrei Platonov, however, did not benefit from any major international scandal, nor have their life stories been told by their widows, and to this day they remain relatively unknown in the West, even though Shalamov’s Kolyma Tales is far more vivid and subtle an evocation of the gulag than anything by Solzhenitsyn, and even though Joseph Brodsky, at the height of his fame, repeatedly hailed Platonov as the equal of Joyce, Kafka, Musil or Proust.

[…]"

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Samstag, 25. September 2010

25.09.2010: Videos des Tages

Nutnfancy stellt in den folgenden Videos die Kalaschnikow-Varianten des bulgarischen Herstellers Arsenal vor, die er insoweit für den "Goldstandard" hält.






Freitag, 24. September 2010

Widerspruch gegen die Manipulatoren


Nach Lörrach ist nicht nach Winnenden. Jetzt regt sich auch in den Medien Widerspruch gegen die monotonen Forderungen nach weiteren Verschärfungen des Waffenrechts. Dies sind zwar noch zarte Pflanzen, doch immerhin existieren sie. Das hindert die großen meinungsbildenden Medien freilich nicht daran, ihrem lange eingeübten Schema treu zu bleiben. Doch glücklicherweise erkennen immer mehr Bürger, wie sie manipuliert und für dumm verkauft werden. Im folgenden zwei Beispiele.

Zur Stern-TV-Sendung vom Mittwoch schrieb der Nutzer "Murmelchen" in einem Forum:
"[...]

wie oberflächlich und gedankenlos unsere Medien so ein Thema angehen, konnte man aber auch wieder sehr schön sehen. Am Anfang wurde doch tatsächlich von einer Wolther, nicht Walther, Pistole Modell "Long Rifle" gesprochen. Einer gibt den Mist vor und alle blöken es nach. Wie lange dauert es denn im Zeitalter des Internets, herauszufinden, dass Walther keine Firma aus dem englischen Sprachraum ist. Eine Pistole mit der Bezeichnung "Langes Gewehr" ist noch schräger. Dafür braucht man auch keine Waffenkenntnisse, minimale Kenntnisse der englischen Sprache sollten da doch reichen, oder etwa nicht.

Man kann das ja jetzt alles als Spitzfindigkeit abtun, nur liegt doch hier die Vermutung nahe, dass Medien, die so schludrig recherchieren, es auch manchmal mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen. Kann es sein, dass die ihre Zuschauer generell für dumm halten? So nach dem Motto, das merkt doch keiner, und die, die es merken, zählen nicht.

Noch eine kuriose Sache: Es geistert zur Zeit ein angebliches Photo von der Tatwaffe durch die Medien. Ich meine hier das Photo der Walther GSP vor blauem Hintergrund mit der zusätzlichen Abzugseinheit. Dieses Photo soll wohl von der Polizei in Lörrach veröffentlicht worden sein, stammt aber nach Hinweisen aus anderen Foren ganz eindeutig von einer Verkaufsanzeige eines Händlers aus dem Internet. Es wurde also schlicht geklaut. Gebt mal einfach "Walther GSP" in Google ein und unter Bilder Seite 10 findet ihr das besagte Photo.

Auch hier also wieder Ungenauigkeiten und Manipulation. Auch dieses könnte man als Lappalie abtun, aber es stellt sich doch auch hier die berechtigte Frage, wie es um den Wahrheitsgehalt generell bestimmt ist, wenn schon bei solchen Sachen getrickst und manipuliert wird, scheinbar nicht nur von den Medien, sondern auch von den Behörden.

[...]"
Die gestrige Diskussionsrunde Busch@n-tv (mit z.T. identischer Besetzung) wurde vom Kollegen "Sala" anderenorts gekonnt dekonstruiert:
"[...]

Zur Sendung:

Ich bin kein Besitzer von scharfen Schußwaffen. Ich habe nicht vor, einer zu werden. Im Verein mal mit KK-Pistole schießen, okay. Fein. Besitzen muss ich so etwas nicht.

Trotzdem, dass meine Person also definitiv nicht einer dieser Interessensgruppen zuzuordnen ist, sind die Argumente des Herrn Gepperth für mich die Besseren gewesen.
Trotzdem stelle ich mich auf die Seite der Sportschützen, die gerne KK oder GK schießen möchten.

Die Art, wie hier versucht wurde, Herrn Gepperth an die Wand zu pressen, ihn kontinuierlich zu unterbrechen, ihn aus dem Konzept zu bringen ...
Die Art, wie hier versucht wurde, mit offensichtlichen Lügen, Halb- und Unwahrheiten zu argumentieren ...
Die Art, wie hier versucht wurde, Sportschützen allesamt in einen Topf zu werfen ... und sie zum Schluß noch lächerlich zu machen ... diese emotionale Art der "Berichterstattung" und "Diskussion" die widert mich als mündigen Bürger an.

Das war doch keine Diskussion mit Fakten. Das waren absichtliche Manipulationsversuche mit emotionalen Themen ("Jede Mutter, jedes Kind ..." blablaBLA), die nur dazu dienen kann und wohl auch soll, den "normalen" und nicht so in der Materie bewanderten Bürger einzuschüchtern, ihm Angst zu machen und damit wieder gesetzlich Verbieten zu können.

Logik:
Wenn die Moderatorin, wie Herr Gepperth behauptete "nicht richtig recherchiert" hat (WaffG und Thema Großbritannien), diese ihm jedoch widerspricht, sie habe richtig recherchiert (und das entspräche der Wahrheit), dann legt das welchen Schluß nahe?
Der Schluß wäre dann, n-tv hätte nicht aus Unwissenheit Unwahrheiten verbreitet, sondern absichtlich! Das hat sie mit ihren Worten quasi indirekt zugegeben.

Sorry, sowas ist für mich Gossenjournalismus. Wenn hier bei sowas schon manipuliert wird, bei welchen Fällen wird dann in Zukunft der mündige Bürger noch von den Medien verkohlt werden, um bestimmte Interessen durchzusetzen?
Wer bemerkt das denn überhaupt noch, wenn er sich jetzt schon von Lügen einlullen lässt?
Wer bemerkt es denn später, wenn es an die richtig kernigen Themen gehen wird? Zum Beispiel beim Einschränken gewisser Grundrechte? Wo dann wieder mit diesen Methoden im "Namen der Sicherheit" gearbeitet werden wird?
Wie mündig sind wir überhaupt noch wenn so viele Menschen auf die Medien-Manipulationen hereinfallen?
Wird es sich überhaupt nur auf Sportschützen beschränken? Wie weit wird es gehen? Wann ist Freiheit nur noch ein hohles Wort? Abgespeckt genug ist sie ja bereits.

Ich glaube, ihr seid sensibilisiert genug, das zu verstehen oder/und habt bereits ähnliche Gedankengänge gehabt.

Zum Ende explizit:
Ich schieße Luftpistole. Bin kein WBK-Inhaber oder Legalwaffenbesitzer.
Bin nur ein mündiger, rational denkender, stinknormaler Bürger.
Ein Bürger der Schiß davor hat, dass der Staat immer mehr in die Rechte (und Grundrechte) seiner Bürger eingreifen will sie kontrollieren will und wird, und sie dementsprechend bewusst mithilfe der Medien manipuliert.
Ich will keinen Überwachungsstaat, keinen Polizeistaat. Ich will kein neues 1933!

[...]"

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Foto: www.ntv.de.

Donnerstag, 23. September 2010

Jörg Schindler - ein Lügner und Demagoge


Das sachsen-anhaltische Landesministerium für Volksaufklärung und Propaganda, auch unter dem Namen Mitteldeutsche Zeitung bekannt, fährt seit Jahren eine konsequente Anti-Waffen-Linie. Das äußerte sich nicht zuletzt im weitgehenden Ignorieren der ISSF-Weltmeisterschaft im Sommer, über welche die Magdeburger Volksstimme (die zweite große Regionalzeitung hier im Land) hingegen ausführlich berichtet hat. Doch die Macher der MZ sitzen in Halle an der Saale und gehören zum Medienimperium der Kölner Familie DuMont. Folglich müssen sie die Meinung ihres Chefs wiedergeben, welche sich auf die kurze Formel „Waffen sind pöse und müssen verboten werden“ bringen läßt.

Erstaunlicherweise hielt man sich nach den Amoklauf von Lörrach erst einmal zurück, das bissigste, was bisher publiziert wurde, ist die oben abgebildete Karikatur, die behauptet, das deutsche Waffenrecht sei mit Blick auf die öffentliche Sicherheit nahezu wirkungslos. Der Grund für diese relative Zurückhaltung liegt freilich weniger in einem Gesinnungswandel der MZ-Redaktion als darin, daß man das Thema erst in der vergangenen Woche breitgetreten hat. Maßgeblich war dafür der Artikel „Jede Verschärfung des Waffenrechts wird abgelehnt – Lobby leistet ganze Arbeit“ aus der Feder von Jörg Schindler. Ähnliche Texte Schindlers sind auch in anderen DuMont-Blättern wie etwa der Frankfurter Rundschau erschienen. Doch bleiben wir vorerst bei dem am 17.09.2010 in der MZ veröffentlichen Text (Kommentar kann man ihn kaum nennen):
"[…]

Es gibt einen Satz, der in keinem Gespräch mit Waffenfreunden fehlt: „Deutschland hat schon jetzt eines der strengsten Waffengesetze der Welt.“ Hat es das wirklich?

Wie die Politik „durchgreift“

Tatsache ist, dass das in den 70er Jahren in Westdeutschland entstandene Waffengesetz erstmals 2003 geändert wurde. Vorausgegangen war am 26. April 2002 der Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Dabei erschoss der Schüler Robert Steinhäuser 16 Menschen und sich selbst. Als ein Jahr später das neue Waffenrecht in Kraft trat, brüsteten sich die beiden Innenminister Otto Schily (SPD) und Günther Beckstein (CSU), jetzt endlich sei das Gesetz sinnvoll verschärft worden.

Weitere Amokläufe - Emsdetten, Winnenden - folgten, weshalb das Gesetz 2008 und 2009 erneut verändert wurde. Wieder tönte die Politik, nun habe man hart durchgegriffen. Wieder jammerte die Lobby, ihr sei fast nichts mehr erlaubt. In den Behörden war die Verwunderung groß. „Ich kann bis heute im Grunde keine Verschärfung erkennen“, sagt etwa der langjährige Waffenkontrolleur Hubert Bonndorf (Name geändert). „Da hat die Lobby ganze Arbeit geleistet.“ Bis 2003 mussten Beamte wie Bonndorf einem Schützen ein „Bedürfnis“ bescheinigen, wenn dieser eine neue Waffe kaufen wollte. Nach dem neuen Gesetz erledigen diese Bedürfnisprüfung die Schützenverbände - und dass diese massenhaft zahlende Mitglieder vergrätzen, gilt als unwahrscheinlich.

2003 wurde auch der „Kleine Waffenschein“ für die potenziell tödlichen Gas- und Schreckschusswaffen eingeführt. Wer solche Pistolen mit sich führen will, braucht seither eine Erlaubnis. Kaufen kann jeder so viele davon, wie er will.
Weil der Erfurter Amokläufer Steinhäuser eine Pumpgun mit sich führte, hatte die Politik vollmundig ein Pumpgun-Verbot versprochen. Elf Monate später wurden doch nur Pumpguns mit Pistolengriff verboten. Dabei weiß jeder Schütze: Solche Griffe kann jeder im Internet bestellen. Der Umbau vom Gewehrschaft zum Pistolengriff dauert keine 15 Minuten.

[...]

2009 dann setzte der Gesetzgeber das Alter für den Erwerb von Großkaliberwaffen von 14 auf 18 Jahre herauf. „Ja und?“, sagt heute Roman Grafe von der Anti-Mordwaffen-Initiative. „Robert Steinhäuser war 19.“

Als uneffektiv dürfte sich auch der Plan erweisen, dass Behörden künftig stichprobenartig Waffenbesitzer kontrollieren. Die Idee entstand, weil der Vater des Amokschützen von Winnenden seine Waffe nicht vorschriftsmäßig verschlossen hatte. Nur: In Großstädten kommen auf 10 000 Waffenbesitzer gerade mal vier bis sechs Beamte. Und auf Druck der Lobby dürfen Waffenhalter die Prüfer beim ersten Besuch abwimmeln, ohne dass Sanktionen drohen. Gleichwohl wehren sich die Schützen auch gegen diese „Verschärfung“."
Der Text, der im Gewand des seriösen Journalismus daherkommt, strotzt vor offenkundigen Unwahrheiten und Lügen. Der Autor hat offenkundig nicht die geringste Ahnung vom Waffenrecht, weder von den geltenden Rechtsvorschriften noch von deren Vorläufern. Dennoch erdreistet sich dieser Jörg Schindler, sich zu diesem Thema schriftöffentlich zu äußern. Beispielhaft seien zwei Punkte herausgegriffen:
"2009 dann setzte der Gesetzgeber das Alter für den Erwerb von Großkaliberwaffen von 14 auf 18 Jahre herauf."
Falsch. Das Alter für den Erwerb großkalibriger Schußwaffen liegt bereits seit 2003 bei 21 bzw. 25 Jahren (§ 14 I u. § 6 III WaffG). Vorher waren es 18 Jahre. Die WaffG-Änderung 2009 hat das Mindestalter für das Schießen mit solchen Waffen von 14 auf 18 erhöht (§ 27 III WaffG).
"Und auf Druck der Lobby dürfen Waffenhalter die Prüfer beim ersten Besuch abwimmeln, ohne dass Sanktionen drohen. Gleichwohl wehren sich die Schützen auch gegen diese „Verschärfung“."
Das ist nicht dem „Druck“ einer diffus bleibenden Lobby geschuldet, sondern dem Grundgesetz. Dessen Artikel 13 schützt nämlich auch die Wohnräume von Waffenbesitzern (siehe auch hier). Im Ergebnis fordert Schindler hier die Entrechtung einer ganzen Bevölkerungsgruppe – das ist totalitäres Denken in Reinkultur.

Als wäre die Inkompetenz alleine nicht schon schlimm genug, bezieht Schindler eindeutig die Position der organisierten Waffengegner um Grafe und Schober. Nur sie werden namentlich genannt, nur ihre Argumente werden (in wohlwollendem Ton) vorgetragen. Die andere Seite, die der Legalwaffenbesitzer, bleibt anonym und wird nur unter dem düster-bedrohlichen Schimpfwort „Waffenlobby“ präsentiert. Fast so, als wären sie finstere Gesellen, mit denen man sich nicht weiter abgeben dürfe. Damit werden die Legalwaffenbesitzer entmenschlicht. Schindler verlangt offenbar die Ausstoßung aller Waffenbesitzer aus Gesellschaft und öffentlichem Diskurs, solange sie sich weigern, sich den absurden Forderungen von Grafe, Schober & Co. zu unterwerfen. So denkt die Mitteldeutsche Zeitung also über die Grundrechte ihrer Mitbürger!

In der Sache betreiben Schindler und die MZ Propaganda für die Grünen, wenn sie sogar ein Verbot von Schreckschußwaffen („potentiell tödlich“) fordern. Worin besteht der Zusammenhang zwischen den thematisierten Amokläufen und SSWs? Hieran zeigt sich deutlich, daß die Waffenhasser vom Schlage eines Schindler keine konkreten Anlässe brauchen und ihre Sorge nicht der öffentlichen Sicherheit gilt. Sie finden Waffen per se schlecht und werden sich mit nichts weniger als einem Totalverbot selbst des letzten Luftgewehrs zufrieden geben.
Ferner erschließt sich mir nicht, was der Hinweis auf Vorderschaftrepetierflinten soll. Warum muß jede Waffenart, mit der einmal eine Straftat begangen worden ist, komplett verboten werden? Und die versteckte These, wonach die Veränderungen bei der Bedürfnisbescheinigung seit 2003 zu einem Anstieg der Gewaltkriminalität geführt habe, ist schlechterdings absurd und unbeweisbar.

Statt dessen wird ein anonymer „Waffenkontrolleur“ namens „Bonndorf“ zitiert (hinter dem sich vermutlich der abgehalfterte Ex-BMI-Beamte Jürgen Brennecke verbirgt). Schindler sollte sich lieber mit dem Text des Waffengesetzes vertraut machen, bevor er auf solche zweifelhaften Gestalten hört. Aber vermutlich will er das gar nicht, denn der Auftrag seiner Chefs ist klar: Es muß Stimmung gegen die legalen Waffenbesitzer gemacht werden. Zu diesem Zweck beklagt man sogar ein angeblich zu lasches Waffenrecht, obwohl man noch nie einen Blick in den Text der einschlägigen Rechtsvorschriften geworfen hat. Denn hätte man dies getan, dann wüßte man, daß das Gegenteil der Fall ist.

Ohne jegliche Sach- und Rechtskenntnis werden sodann weitere Verschärfungen des Waffenrechts gefordert. Damit zeigt der Autor seine Absicht: Es geht ihm nicht um eine Verbesserung der öffentlichen Sicherheit, sondern um ein Verbot von Waffen an sich. Die Gründe für diese Meinung werden jedoch nicht offenbart, sie sind offenkundig ideologischer Natur. Damit hat Schindler jedoch die Ebene der Sachpolitik verlassen. Überhaupt fehlt es ihm an sachlichen und logisch nachvollziehbaren Argumenten. Was bleibt, sind Emotionen und Stimmungsmache, im Kern ein ungezügelter Haß auf alle legalen Waffenbesitzer.

Fazit: Schindlers Text verletzt die simpelsten Regeln des Anstands und der journalistischen Redlichkeit. (Dazu gehört insbesondere, daß man sich um eine nüchterne und sachliche Darstellung bemüht und vor allem beide Seiten zu Wort kommen läßt.) Schindlers Angst- und Greuelpropaganda hat mit Journalismus nichts mehr zu tun, sondern ist Demagogie der übelsten Sorte.
Jemand wie Schindler ist diskursunfähig, weshalb jede Auseinandersetzung mit Typen wie ihm Zeitverschwendung ist. Sie und ihre Lügen müssen enttarnt und ihr Mangel an Seriösität öffentlich gemacht werden. Der Kaiser - in diesem Fall die selbsternannte Macht der „Vierten Gewalt“ - hat keine Kleider an.

Mit seinem manipulativen Stil ist Schindler übrigens in schlechter, aber großer Gesellschaft. Eine kürzlich veröffentlichte Studie hat herausgefunden, daß 62 % der Deutschen ahnen, wie sehr Journalisten sie manipulieren wollen. Dies ist ein Armutszeugnis für die selbstgerechte Journaille. Und falls es noch eines weiteren Beweises für die Manipulation der Öffentlichkeit durch die Medien bedurft hätte, dann hat der hier behandelte „Fall Schindler“ ihn geliefert. Der hehre Anspruch der freien Presse wird in der täglichen Praxis zunehmend durch Lügen, Desinformation, Demagogie und Manipulation verdunkelt.

Ich will diesen Artikel jedoch nicht abschließen, ohne auf positive Gegenbeispiele hingewiesen zu haben. Der Kölner Stadtanzeiger und Der Westen zeigen, daß es auch anders und vor allem besser geht.


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Bild: Mitteldeutsche Zeitung.

Dienstag, 21. September 2010

Ursachenforschung in Lörrach

Lörrach Alter Markt

Was soll man zu so einer komplexen Straftat wie dem Amoklauf von Lörrach sagen? Eine gebildete und gutsituierte Frau mittleren Alters erstickt zunächst ihren fünfjährigen Sohn, erschießt ihren Ex-Mann und weitere Personen, zündet ein Wohn- und Geschäftshaus an, welches in der Folge schwer beschädigt wird und ersticht schließlich einen Krankenpfleger, bevor ein mutiger Polizeibeamter sie endlich stoppen und ins Jenseits befördern kann.

Die Tat macht betroffen, denn sie paßt in keines der vermeintlich so vertrauten Schemata: Kein junger Mann, der vereinsamt und perspektivlos in eine virtuelle Computerspielrealität geflüchtet und dabei zum "Waffennarren" mutiert ist. Nein, eine Mutter, die ohne erkennbare Notlage zuerst ihr eigenes, wehrloses Kind tötet. Das ist der Teil des Geschehens, der wohl für alle Beobachter am schwersten zu verstehen sein dürfte. Alles andere könnte man vielleicht noch irgendwie rational erklären, aber das?

Jedem Betrachter, der sich um ein Minimum an Nüchternheit bemüht, ist klar, daß sich diese Untat jeder oberflächlichen, schematischen Betrachtung entzieht. Mit anderen Worten: Würden die Prognosen selbsternannter Experten wie Britta Brannenberg zutreffen, hätte es die Tat von Lörrach gar nicht geben dürfen. Eine Frau in dieser sozialen Position hätte, so die Theorie, niemals derart handeln dürfen. Und doch ist es so geschehen. Folglich sollte man mit voreiligen Bewertungen vorsichtig sein. Insbesondere die (schon wieder) reflexartig und ohne hinreichenden Bezug zum konkreten Geschehen erhobene Forderung nach einer weiteren Verschärfung des Waffenrechts ist unsinnig. Genau so gut könnte man über andere Faktoren spekulieren.

Etwa über die Frage, ob es ratsam ist, Frauen zum Jurastudium zuzulassen - sie könnten dadurch streitsüchtig werden. Oder darüber, ob Mütter nicht vom Staat dazu verpflichtet werden sollten, sich in den ersten zehn Lebensjahren ausschließlich um ihre Kinder zu kümmern. Es wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen, daß diese Tat kaum stattgefunden hätte, wenn sich die Mutter um die traditionellen "drei K" gekümmert hätte, anstatt ihre berufliche Karriere zu verfolgen. Die Toten von Lörrach sind somit zuvörderst Opfer der Emanzipation.

Ich gebe zu, der letzte Absatz ist nicht ganz ernst gemeint. Doch zeigt er auf, wie vielfältig die möglichen Ursachen der Tat von Lörrach sind. Monokausale Vereinfachungen helfen in der Sache nicht weiter, zumal zwei der Opfer eben nicht erschossen, sondern mit anderen Mitteln und Methoden umgebracht worden sind. Trotzdem nehmen einige Medien schon wieder Zuflucht zu den - aus ihrer Sicht - bewährten Methoden der Stimmungsmache. (Nur mit dem kleinen Unterschied, daß diesmal die Nutzer von Computerspielen in Ruhe gelassen werden.) Davon sollten sich ernsthaft überlegende Mitbürger jedoch nicht verunsichern lassen. Es sei denn, man wäre bereit, ernsthaft über ein Verbot von Plastiktüten nachzudenken.


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Bluttat von Lörrach: Weder Anlaß für Sensationalismus, noch Waffenrechtspopulismus (Tip!)

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Lörrach – Das Ende aller Klischees?

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Erste Hilfe am Kind – mit einer Plastiktüte?

2018: Szenario einer politisch korrekten Zukunft

Wider das Unwissen

Montag, 20. September 2010

Spetsnaz VII: Die Spezialkräfte des FSO

Nachdem am 16. September der Föderale Wachdienst (FSO) der Rußländischen Föderation und seine Aufgaben und Organisation vorgestellt wurden, soll heute auf die Spezialkräfte, über die auch diese Sicherheitsbehörde verfügt, eingegangen werden.

Geschichte

Im Jahre 1993 wurde im Sicherheitsdienst des Präsidenten – als Teil der Hauptverwaltung für Bewachung (GUO) – ein Zentrum für Spezialaufgaben (russ.: Zentr Spezialnogo Nasnatschenija; Abk.: ZSN) gebildet. Erster Leiter des ZSN war Kapitän 1. Ranges Gennadij Sacharow (der Dienstgrad entspricht einem deutschen Kapitän zur See). Sacharow kam aus der Marine und hatte bis 1993 in der Baltischen und der Nordmeerflotte gedient, zunächst auf Überwasserschiffen, später bei den Spezialkräften der Marineaufklärung. Mit anderen Worten: Er war Kampfschwimmer und brachte seine vielfältigen Erfahrungen mit in die neue Einheit. Die damalige GUO muß eine ziemlich bunte Truppe gewesen sein, mit einem sehr disparaten Ausbildungsstand etwa hinsichtlich der Schieß- und Nahkampfausbildung. Und die politischen Rahmenbedingungen waren sehr unsicher, hatte Präsident Jelzin doch gerade das Parlament zusammenschießen lassen.



In diesem Umfeld wurde das ZSN aufgebaut. Viele der neuen „Spezial-Personenschützer“ hatten zuvor in den Speznas-Einheiten von Armee und Marine gedient und waren durch die Schule des Afghanistankrieges gegangen. 1994 wurde es als einsatzbereit gemeldet und bestand damals aus drei Spezialabteilungen plus Administration und Logistik.
1996 wurde das ZSN aus dem Personenschutzdienst herausgelöst, in Verwaltung für Spezialaufgaben (USN) umbenannt und der FSO-Führung direkt unterstellt. 2003 wurde der FSO grundlegend reorganisiert, weshalb 2004 die USN erneut in den Sicherheitsdienst des Präsidenten eingegliedert wurde.

Neben den klassischen Schutz- und Sicherungseinsätzen, wie sie für den Föderalen Wachdienst typisch sind, waren die Spezialkräfte in den 1990er Jahren auch im unruhigen Nordkaukasus eingesetzt. Darüber hinaus begleiten sie den russischen Präsidenten etwa auf Auslandsreisen und arbeiten insoweit auch mit ausländischen Anti-Terror-Einheiten zusammen.



Aufgaben und Organisation

Die Verwaltung für Spezialaufgaben ist für Aufgaben zuständig, die über die Fähigkeiten der normalen Personen- und Objektschützer des FSO hinausgehen. Sie besteht aus sieben Abteilungen:
Die 1. Abteilung ist für die besondere Absicherung von Objekten zuständig. Der 2. Abt. werden besondere Personenschutzaufträge, insbesondere an, auf und über Verkehrswegen, anvertraut, wobei der Umgang mit Ultraleichtfliegern und Fallschirmen einen Ausbildungsschwerpunkt darstellt. Die Scharfschützen der USN gehören ebenfalls zur 2. Abteilung. Die 3. Abt. ist die Versorgungseinheit der Verwaltung; der Stab wird als 4. Abt. bezeichnet. Die 5. Abt. ist auf Einsätze über und unter Wasser spezialisiert, wenn es etwa gilt, unter einem Schiff, auf dem der Präsident mitfährt, nach Sprengsätzen zu suchen. Die 6. Abt. ist für die Sicherung von Staatsobjekten in Gebirgs- und Waldgegenden zuständig, weshalb besonderer Wert auf die Ausbildung im Bergsteigen und Skifahren gelegt wird. Die Abteilung verfügt auch über Spezialfahrzeuge, die z.T. gepanzert sind. Hinzu kommen noch die medizinische Abteilung und zwei weitere kleine Teileinheiten („selbständige Wachen“).

Über die Personalstärke der USN sind keine Zahlen bekannt. Die Gliederung deutet aber darauf hin, daß es keine übermäßig große Einheit ist. Ich persönlich würde auf eine Größenordnung von etwa 200 bis 300 Mann tippen. Derzeitiger Leiter der USN ist Alexander Gordejew.



Sonstiges

Ausbildung und Ausrüstung der USN-Abteilungen erfolgen aufgabenspezifisch. Man kann davon ausgehen, daß ihren Beamten viele moderne Waffen und Ausrüstungsgegenstände in- wie ausländischer Provenienz zur Verfügung stehen. Jedoch scheint auch hier die AK-74 nach wie vor die Standard-Langwaffe zu sein. Die Verwaltung für Spezialaufgaben des FSO gilt in Rußland als sehr effektive Spezialeinheit – trotz ihres niedrigen Bekanntheitsgrades und ihrer geringen Größe.



Damit sind die Beiträge über den FSO abgeschlossen. In den nächsten Folgen der Spetsnaz-Reihe sollen die Marineinfanterie, die Kampfschwimmer und die Anti-Drogen-Behörde behandelt werden.



Bibliographie

S. Koslow: Presidentskij speznas, in: Bratischka 4/2010, S. 2 ff.

Wikipedia: FSO (russ.).




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Spetsnaz IV: Einsätze von Alfa und Vympel seit 1992
Spetsnaz V: Alfa und Vympel heute
Spetsnaz VI: Der Föderale Wachdienst (FSO)

Fotos: Bratischka.

Samstag, 18. September 2010

Urlaubsbilanz


Nun bin ich wieder in Deutschland und es erscheint mir angebracht, noch einmal auf meinen Urlaub in Polen zurückzuschauen. In Kolberg an der Ostsee war es nicht nur allgemein sehr schön, nein, auch in waffenmäßiger Hinsicht sieht man dort vieles entspannter als hierzulande – und trotzdem herrschen nicht Mord und Totschlag. Schüler werden schon in der Schule zum Schießen animiert und es finden Vergleichswettkämpfe zwischen den Bildungseinrichtungen statt – ohne Amokläufe. Schießstände werden von Kommunen betrieben und auch das Führen von Werkzeugen wie Einhandmessern wird nicht kriminalisiert. Kurzum: Unsere polnischen Nachbarn haben sich noch viele Freiheiten bewahrt, die man uns Deutschen bereits genommen hat.

Doch nun zum wesentlichen. Wie schon berichtet, hatte ich den Urlaub auch als „Trainingslager“ genutzt, um meine Fertigkeiten im Schießen mit der Luftpistole zu verbessern. Dieses Vorhaben war erfolgreich. Mit einer Ausnahme lagen alle Ergebnisse im Bereich zwischen 327 und 333 Ringen und damit über den bisher von mir geschossenen Ringzahlen. Persönlicher Rekord, gewissermaßen. ;-) (Ein Ergebnisdiagramm ist unten zu finden.)

Die Aufnahme, welche ich im Schützenklub Kolobrzeg gefunden habe, war außerordentlich freundlich. Dort konnte ich nicht nur schießen, sondern auch zahlreiche gute Gespräche führen (allerdings meist auf Englisch). Man stand mir ferner mit Rat und Tat zur Seite, wofür ich mich bedanken möchte. Und ich habe schon eine Einladung für die nächsten Meisterschaften der Wojewodschaft Westpommern im Dezember 2010 erhalten. :-)
(Aktuelle Bilder vom Inneren des Schießstands sind z.B. hier, hier, hier, hier und hier zu finden.)

Beim Lesen der Ergebnislisten von polnischen Schießwettkämpfen ist mir außerdem eine Besonderheit aufgefallen, wobei ich allerdings nicht weiß, inwieweit es verallgemeinerbar ist: Weibliche Schützen schießen oft besser als ihre männlichen Kollegen. Besonders deutlich wird dies in gemischten Wettkämpfen. Worin liegen die Gründe hierfür? Komischerweise scheint es jedoch auch in Polen mehr männliche als weibliche Sportschützen zu geben. Könnte es sein, daß sich Mädchen und Frauen eher für die Tätigkeit des Schießens begeistern, während bei Jungen und Männern das Interesse am technischen Gerät „Schußwaffe“ insgesamt überwiegt?

Des weiteren hat mich positiv überrascht, daß es in Polen keine gegenseitigen Befindlichkeiten zwischen olympischen und nichtolympischen, statischen und dynamischen Schützen zu geben scheint. Im Gegenteil, ein m.E. begnadeter LP- und FP-Schütze hat stolz davon berichtet, wieviel Spaß ihm das Schießen mit seiner neuen Winchester-Defender-Flinte bereitet. Von dieser Mentalität könnten wir Deutschen uns ebenfalls eine Scheibe abschneiden.



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Donnerstag, 16. September 2010

Spetsnaz VI: Der Föderale Wachdienst (FSO)

Heue möchte ich die im Februar begonnene Reihe über die Sicherheitsbehörden der Rußländischen Föderation mit einem Artikel über den Föderalen Wachdienst der RF (russ.: Federalnaja Slushba Ochrany; Abk.: FSO) fortsetzen.

Aufgaben

Die Aufgaben des FSO sind im föderalen Gesetz „Über die staatliche Bewachung“ aus dem Jahre 1996 festgeschrieben. Es sind dies u.a.:

  • Personenschutz für den Präsidenten und weitere Repräsentanten des Staates sowie für ausländische Staatsgäste;
  • Objektschutz für wichtige staatliche Gebäude und Liegenschaften;
  • Sicherstellung der Kommunikationsverbindungen der Staatsführung sowie Mitwirkung an der Spionageabwehr im IuK-Bereich;
  • Repräsentations- und Protokollaufgaben;
  • Mitwirkung bei der Bekämpfung des Terrorismus;
  • Betrieb des präsidialen Fuhrparkes.


Organisation

Der FSO ist entsprechend seinen Aufgaben gegliedert, worüber jedoch nur wenige Details bekannt sind. Die Personenschützer gehören zum Sicherheitsdienst des Präsidenten; der Fuhrpark ist ebenfalls eine eigene Diensteinheit („Garage besonderer Bestimmung“).

Der bekannteste Teil des FSO ist das Präsidentenregiment, inoffiziell auch als Kreml-Regiment bezeichnet. Diese großteils aus Wehrpflichtigen bestehende Truppe nimmt vor allem zeremonielle Aufgaben wahr: sei es durch Ehrenformationen bei Staatsbesuchen, die Wache am Grab des unbekannten Soldaten (offiziell Posten Nr. 1 genannt) oder durch die große samstägliche Wachablösung im Kreml, die sich seit Jahren zu einer Touristenattraktion entwickelt hat. (In diesem Sommer mußte sie wegen der großen Hitze schon mal abgesagt werden.) Doch die Angehörigen des Regiments sind auch in die Objektsicherung des Kreml-Areals (und anderer Objekte) eingebunden, wenn sie etwa an den Eingängen die Touristenströme kontrollieren und innerhalb des Geländes – wo es so gut wie keine weiteren Zäune oder Mauern gibt – bisweilen lenkend eingreifen.



Das Kreml-Regiment besteht seit 1935, als nach Abzug von Lettischen Schützen (1918) und Offiziersschülern (1918-1935) in der Roten Armee ein Wachbataillon für die Staats- und Parteiführung aufgestellt wurde. 1936 wurde diese Truppe zum Regiment erweitert und dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) unterstellt. (Später gehörte in der DDR das Wachregiment Feliks Dzierzynski ebenfalls zum MfS.) Im Jahre 1941 nahm das Regiment an der Verteidigung Moskaus teil. In den Folgejahren wurden aus seinen Reihen Scharfschützengruppen an verschiedene Fronten entsandt, wo sie insgesamt 1.200 Gegner getötet haben. Das Regiment selbst hat von 1941 bis 1945 Verluste in Höhe von 97 Mann erlitten. Nach 1945 kam es zu verschiedenen Namensänderungen; die heutige Bezeichnung „Präsidentenregiment“ erhielt es 1993.

Das Regiment gliedert sich in fünf unterschiedlich strukturierte Wachbataillone, die berittene Ehreneskorte (mit dem Kern von 2 Kavallerieeskadronen), ein Motorisiertes Schützenbataillon als mobile Einsatztruppe (ausgestattet u.a. mit BTR-90) und die notwendigen Unterstützungseinheiten. Die Unterkünfte für den Personalbestand von rund 3.000 Mann befinden sich im Zeughaus des Kreml, im Alexandergarten sowie im Moskauer Umland. Das Regiment dürfte der einzige Verband der russischen Streitkräfte und Sicherheitsbehörden sein, in dem als eine der Standardwaffen noch das Gewehr SKS geführt wird.



Der quantitativ größte Teil der FSO-Mitarbeiter dürfte auf die IuK-Dienststellen entfallen, die für die Sicherstellung der Kommunikationsverbindungen von Präsident und Regierung und weitere IuK-Aufgaben verantwortlich sind. Diese bestehen aus Verwaltungen und Zentren für Spezialkommunikation und -information, die über das gesamte Land verteilt sind. Zentrum ist hier die Fernmeldezentrale des Kreml. Ebenso wie im Präsidentenregiment sind in diesem Bereich viele Wehrpflichtige eingesetzt.

Hinzu kommen die Verwaltung für Objektschutz, die Verwaltung für Spezialaufgaben (dazu demnächst ausführlicher), ein Orchester sowie weitere Diensteinheiten für administrative und logistische Aufgaben. Für die Aus- und Fortbildung, insbesondere des Offizierspersonals im IuK-Bereich, ist die Akademie des FSO mit Standorten in Orjol und Woronesh zuständig.

Exakte Zahlen über die Anzahl der Mitarbeiter des Föderalen Wachdienstes sind nicht bekannt. Im Internet kursieren Zahlen zwischen 20.000 und 30.000 Mann. Diese erscheinen mir ein wenig hoch; die Größenordnung könnte jedoch stimmen, wenn man den personalintensiven weil flächendeckenden IuK-Bereich mit in Rechnung stellt.
(Zum Vergleich: Etwas Analoges existiert in Deutschland nicht. Hierzulande sind die zivilen Behörden auf Drahtverbindungen der Telekom und den – im Sinne einer durchgehenden Informationskette unzureichenden – BOS-Funk angewiesen.)

Seit dem Jahr 2000 ist Jewgenij Murow Direktor des FSO. Die Behörde ist unmittelbar dem Präsidenten der RF unterstellt. Die Regierung koordiniert lediglich die Zusammenarbeit mit den übrigen Föderalbehörden.



Geschichte

Wie bei allen Sicherheitsbehörden Rußlands reichen auch die Wurzeln des FSO in die Sowjetzeit zurück. Für die Bewachung der Staats- und Parteiführung sowie für ihre Fernmeldeverbindungen waren verschiedene Diensteinheiten des Komitees für Staatssicherheit (KGB) verantwortlich. Nach dessen Auflösung 1991 traten verschiedene Behörden an ihre Stelle. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die verzweigte Organisationsgeschichte nachzuzeichnen. (Zeitweise war sogar das Kreml-Regiment eigenständig und direkt dem Präsidenten Jelzin unterstellt.)
Deshalb nur die wichtigsten Eckdaten: 1991 Bildung des Sicherheitsdienstes des Präsidenten, der 1992 in Hauptverwaltung für Bewachung (GUO) und 1996 in Föderaler Wachdienst (FSO) umbenannt wird. 2004 wurden durch einen Präsidentenerlaß der Dienst für Spezialverbindungen (s.o.) aus der aufgelösten Fernmelde(-aufklärungs-)behörde FAPSI in den FSO eingegliedert. Infolgedessen erweiterte der FSO sein Tätigkeitsfeld und wurde teilweise umstrukturiert.



Exkurs: Der Feldjägerdienst

Aufgabenmäßig mit dem FSO verwandt ist der Feldjägerdienst der RF (russ.: Gosudarstwennaja Feldjegerskaja Slushba; Abk.: GFS); er gilt jedoch nicht als Sicherheitsbehörde. Vielmehr handelt es sich um einen Postdienst, der für den Transport der Korrespondenz – z.T. auch per Kurier – zwischen den obersten Staatsorganen, Ministerien und einigen anderen wichtigen russischen Zivil- und Militärdienststellen zuständig ist.
Der GFS wurde 2004 gegründet, es gab jedoch diverse Vorläuferbehörden, deren erste auf das Jahr 1796 datiert. Bereits damals wurde das aus dem Deutschen stammende Wort „Feldjäger“ für solche besonderen Kuriere verwendet. Das dürfte kein Zufall gewesen sein, galt doch der damals regierende Kaiser Paul I. als besonders preußenfreundlich – und ebendort gab es seit 1740 ein Reitendes Feldjägerkorps. (Ausführlich zur Geschichte siehe hier.)
Der GFS untersteht direkt dem Präsidenten und wird seit 2002 von Direktor Gennadij Kornijenko geleitet. (Über diesem Abschnitt ist die Fahne des GFS abgebildet.)



Die nächste Folge dieser Reihe, die voraussichtlich übermorgen erscheint, wird den Spezialkräften des FSO gewidmet sein.



Bibliographie

O. Galkin: Presidentskij polk, in: Wojenno-istoritscheskij Shurnal 4/2006, S. 8 ff.

Ju. Kornew et.al.: Spezialnaja swjas w sisteme gossudarstwennogo uprawlenija Rossii, Moskau 2006.

S. Koslow: Presidentskij speznas, in: Bratischka 4/2010, S. 2 ff.

Je. Murow et.al.: Presidentskij polk - Istorija i sowremennost, Moskau 2008.

Offizielle Webseite des FSO

Webseite des Präsidentenregiments

Offizielle Webseite des GFS

Wikipedia: FSO (russ. / eng.); Präsidentenregiment (russ. / eng.); GFS (russ.).





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Die militärischen Einheiten der Staatssicherheit II

Fotos: www.ppolk.ru.

Dienstag, 14. September 2010

14.09.2010: Bilder des Tages


Im Mai 2010 hat in Ungarn ein internationaler Wettkampf von Scharfschützen aus Militär und Polizei stattgefunden, bei dem Teams aus der Ukraine und China sehr gut abgeschnitten haben. Einige Teilnehmer haben im Forum von Talks.guns.ru zahlreiche Bilder ins Netz gestellt, darunter auch die hier gezeigten. Mehr davon sind hier zu finden.




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Sonntag, 12. September 2010

"Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen"

Den sowjetischen Kurzwaffenschützen Machmud Umarow hatte ich vorgestern bereits vorgestellt. Er war in seinem kurzen Leben auch publizistisch tätig, wie dieser Artikel über die Methodik des (damals noch praktizierten) Silhouettenschießens mit Kurzwaffen zeigt. (Quelle: Der Sportschütze, 1959.)




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Freitag, 10. September 2010

Machmud Umarow (1924-1961)


Heute wird die kleine Reihe mit Porträts von Sportschützen aus der früheren Sowjetunion mit Machmud Bedalowitsch Umarow fortgesetzt. (Sein Name wird manchmal auch als Makhmud Umarov transkribiert.) Er war - wie der Vorname schon vermuten läßt - kein Russe, sondern ein am 10.09.1924 (also vor exakt 86 Jahren) in Usbekistan geborener Uigure. Der Handwerkerssohn hatte gerade die Schule beendet und bereitete sich auf den Eintritt in ein Institut vor, als 1941 der Krieg ausbrach. Umarow trat in die Rote Armee ein und wurde Offizier bei den Fallschirmjägern.

Nach 1945 verblieb er in der Armee und nahm ein Studium an der Militärmedizinischen Akademie im damaligen Leningrad auf. (Die Klinik dieser Hochschule gilt noch heute als eine der besten Rußlands.) Während seines Studiums war er mit der Schießsportsektion der Akademie in Verbindung gekommen und begann, systematisch zu trainieren. Im Jahre 1953 promovierte er im Fachgebiet Neuropathologie und nahm eine wissenschaftliche Stelle an der Akademie an. Im gleichen Jahr erfüllte Machmud Umarow die Norm im Schießen mit dem Großkaliberrevolver, um sich fortan "Meister des Sports" nennen zu dürfen.

Damit begann seine Blitzkarriere als Wettkampfschütze. 1954 nahm er in den Reihen der Leningrader Auswahlmannschaft erstmals an den sowjetischen Meisterschaften teil. Aufgrund seiner hohen Leistungen hat man ihn danach in die Nationalmannschaft aufgenommen und er wurde mit zu den Weltmeisterschaften nach Caracas entsandt. Hier reichte es jedoch "nur" für einen Mannschaftstitel. Nach Leningrad zurückgekehrt, intensivierte er sein Training. 1955 wurde Umarow in Bukarest Europameister mit dem Revolver (Resultat: 588 Ringe = Weltrekord) und gewann 1956 in Melbourne mit der Freien Pistole über 50 m olympisches Silber. Weitere Medaillen bei der WM 1958 in Moskau, der Olympiade 1960 und in anderen Wettkämpfen folgten. Die Freie Pistole entwickelte sich zu seiner Paradedisziplin; 1960 hat er mit ihr während eines Trainings 585 Ringe geschossen (das sind 4 Ringe mehr als der derzeit gültige Weltrekord).

Doch dann ereilte ihn, der sowohl Mediziner als auch Weltrekordschütze gewesen war, das Schicksal: Am 25.12.1961 erlag er einem Herzinfarkt. Sein Herzleiden war ihm bekannt, aber er schaffte es nicht mehr rechtzeitig, das Medikament, das er bei sich trug, einzunehmen. Ein höchst tragisches und viel zu frühes Ende für einen sehr begabten und erfolgreichen Kurzwaffenschützen. Machmud Umarow wurde 37 Jahre alt.
(Am selben Tag, nur 43 Jahre später, ist übrigens sein Mannschaftskamerad Lew Weinstein gestorben.)



Eine seiner Schriften, "Die Psyche des Schützen", ist 1963 auch auf Deutsch erschienen. Darin beschäftigt er sich mit den psychologischen Aspekten des Sportschießens, sowohl hinsichtlich des Trainings als auch der Wettkämpfe. Eine sehr interessante Lektüre! Ein weiterer deutschsprachiger Aufsatz folgt übermorgen.


Bibliographie:

WP-HM: Mahmoud Umarow - Gelehrter und Weltrekordschütze, in: Der Sportschütze 1957, S. 109.

Shooting UA



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