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Donnerstag, 24. Mai 2012

"Bomben auf Baku"

Ein nur wenig bekanntes Kapitel aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges stellt der Historiker Günther Deschner in seiner Schrift „Bomben auf Baku“ vor. Es geht um nichts weniger als die 1939/40 entworfenen britisch-französischen Pläne für massive Angriffe auf die südliche Sowjetunion, namentlich die Kaukasusregion. Damit sollten zwei Ziele verfolgt werden. Zum einen ging es um ein Abschneiden der deutschen Rohstoffzufuhren (vor allem Erdöl und Erdölprodukte) aus der SU, zum anderen um die Fortsetzung jenes schon nach 1917 begonnenen „Kreuzzugs gegen den Bolschewismus“. Deschner stellt die alliierten Planungen völlig zu recht in den Kontext der Intervention der Westmächte während des russischen Bürgerkrieges (1918-1919) und zeigt so langfristige Kontinuitäten des politischen Denkens auf, die teilweise bis heute fortwirken.

Konkret waren zunächst Luftangriffe gegen Industriezentren im Kaukasus geplant. Diese sollten durch Geheimdienstoperationen ergänzt werden, mithilfe derer bewaffnete Aufstände unter der dort lebenden Bevölkerung ausgelöst werden sollten. Schließlich waren auch Vorstöße zu Lande geplant, für die allein französischerseits eine Streitmacht von 150.000 Mann – vollmotorisiert! – zur Verfügung stand. Ins Werk wurde davon jedoch nichts gesetzt, doch fehlten die modernen Kampfflugzeuge und mechanisierten Verbände im Frühjahr 1940 während des Kampfes um Frankreich. Im Ergebnis waren die Planungen also nichts als eine große Diversion – allerdings nicht vom Gegner, sondern von den alliierten Generalstäben durchgeführt.

Deschner zeigt auf, daß das Kriegsbündnis der Jahre 1941 bis 1945 keineswegs natürlich war und auch andere Konstellationen denkbar gewesen wären. Des weiteren wird deutlich, daß die europäischen Großmächte keineswegs alle so friedliebend waren, wie sie sich selbst in der Rückschau gerne sehen. Und – das macht den aktuellen Wert des Buches aus – es werden jene westlichen Denkmuster hinsichtlich Rußlands aufgezeigt, die auch heute noch sehr oft anzutreffen sind, trotz alle Beteuerungen des Gegenteils.
Das führt zu einem weiteren, rein historischen Punkt: Da die Staatsführung der UdSSR von Deutschland über die Angriffspläne informiert worden war, baute sich bei ihr ein Mißtrauen gegenüber den Westmächten auf, das bis zum Kriegsende nicht abgebaut werden konnte. Ferner zeigt sich, daß um das Jahr 1940 herum von einem festgefügten völkerrechtlichen Verbot des Angriffskrieges keine Rede sein konnte.

Das Thema ist freilich nicht ganz neu und wurde bereits 1973 auch vom Spiegel aufgegriffen.


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Sonntag, 30. Oktober 2011

Soldatentum und Schützenwesen in Polen


Wer als Deutscher nach Polen reist und nicht nur teilnahmsloser Tourist bleibt, dem fällt bald auf, daß dort – ganz anders als hierzulande – alles militärische in hohem Ansehen steht. Das ist weitaus mehr als bloßer Patriotismus oder eine der Clausewitzschen Lehre entsprechende Wertschätzung. Man gewinnt den Eindruck, daß der Dienst in Uniform an sich verehrt wird – unabhängig von den politischen Implikationen dieses Dienstes. Das sah schon der Berliner Beobachter Crato im Jahr 1926 so:
„[…]

Der polnische Volksmund bezeichnet als Sehnsucht jedes jungen Polen „ein Pferd und einen Säbel“. Das darf uns nicht verführen, diese militärische Leidenschaft als Spielerei zu nehmen. Der Wehrgedanke hat im polnischen Volk eine weite und tiefe Resonanz, der es nicht an geschichtlichen Gründen fehlt.

[…]“ (F. Crato, a.a.O., S. 23)


Gewiß, es finden sich immer pseudopolitische Formeln wie „Für eure und unsere Freiheit“, mit der polnische Soldaten (heute würde man vielleicht sagen: Söldner) in den zahlreichen europäischen Revolutionen und Kriegen des 19. Jahrhunderts gekämpft haben. Doch darf nicht übersehen werden, daß die politischen Folgen dieser Engagements für das dreimal geteilte und letztlich von der Landkarte verschwundene Polen gleich Null waren. Dasselbe gilt für die diversen polnischen Formationen, die im zweiten Weltkrieg in den Armeen der Westmächte kämpften. Nicht sie haben ihr Heimatland befreit, sondern die in der Sowjetunion aufgestellten polnischen Verbände zusammen mit der Roten Armee. Doch diese Vergeblichkeit ihres Tuns tut der Verehrung für die zumeist in britischer Uniform kämpfenden Polen keinen Abbruch.



Der Schriftsteller Jerzy Putrament hat dieses Phänomen in einem seiner Romane literarisch verarbeitet. Ende August 1939 reflektiert Henryk Dab-Friedeberg - ein im Dienst ergrauter polnischer Brigadegeneral mit jüdischen Wurzeln - über die Anfänge seiner politischen und militärischen Laufbahn vor dem ersten Weltkrieg:
„[…]

Ja, und das Soldatentum. Friedeberg war es, als hätte er endlich seinen Daseinszweck gefunden. Natürlich, nicht die Religiosität, nicht die Revolution, das Soldatentum, das war Polen. In den seltenen Augenblicken der Besinnung sagte er sich: Wenn es irgend etwas gibt, worin sich der polnische Nationalcharakter verkörpert, dann ist es das Wort: Soldat. Der Pole braucht nur einen guten Kommandeur, dann ist er zu jeder Stunde bereit, in jeder Gefahr, auch in der ersten besten. Dann sind sogar die scharfen Kanten seiner angeborenen Händelsucht zu etwas nütze, bei kleinen, aber riskanten Aufklärungs- und Diversionseinsätzen zum Beispiel.

Schon in den ersten Tagen gelang es ihm, auf eine der Schulen zu kommen, die da und dort eingerichtet wurden. Andächtig streichelte er den vom Schmutz braungebeizten Kolben des österreichischen Karabiners, den irgendwelche militärischen Instanzen ihnen für die Schießausbildung besorgt hatten. In den Nächten hockte er über allen möglichen Dienstvorschriften und war auch bald ein mustergültiger Aspirant auf das Leutnantssternchen. Er bekam es 1914, gewissermaßen als Weihnachtssternchen, nach dem ersten Streifzug in die Gegend von Kielce, nach frischfröhlichen Scharmützeln, ermüdenden Märschen, Verfolgungen und Rückzügen.

[…]“ (J. Putrament: September, Berlin 1959, S. 171 f.)


In diesem kurzen Zitat stecken viele Hinweise auf militärische und paramilitärische Formationen der jüngeren polnischen Geschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich vor allem im österreichischen Teilungsgebiet verschiedene patriotische Verbände gebildet. Insbesondere sind hier der Schützenverband „Strzelec” (dt.: Schütze, gegr. 1910), die Polnischen Schützenabteilungen (gegr. 1911) und die Turnerschaft „Sokół” (dt.: Falke, gegr. 1867) zu nennen. In diesen Vereinigungen wurde nicht nur der vaterländische Geist gepflegt und es wurde auch nicht nur Turn- und Schießsport betrieben, sondern auch Wehrsport bis hin zu handfestem militärischen Training. In den Verbänden herrschte z.T ein strenges Regiment und eine hierarchische Ordnung. Das Ziel war, den Keim für eine neue polnische Armee zu legen; die politische Leitung sah man in der – geheimen – Vereinigung für den aktiven Kampf.

Dabei erfreuten sie sich der Unterstützung der k.u.k. Behörden. Denn einer der maßgeblichen Initiatoren – Józef Piłsudski – sah in Österreich-Ungarn (und später auch im Deutschen Reich) die Mächte, deren Unterstützung sich die polnische Nationalbewegung sichern mußte. Dahinter stand die Idee, zuerst gegen das Zarenreich zu kämpfen und das östliche Teilungsgebiet zu befreien und danach gegen die Mittelmächte zu ziehen, um ihnen ihre Teile des polnischen Kuchens zu entreißen. Damit war Pilsudski politischer geworden, nachdem seine bisherigen Konzepte einer sozialistischen Revolution vor allem in ordinären Bank- und Eisenbahnüberfällen gemündet hatten.
Die Österreicher waren einem solchen Zweckbündnis nicht abgeneigt, ermöglichte es ihnen doch im Kriegsfall die Mobilisierung polnischer Hilfstruppen gegen Rußland. Mithin lieferten sie Waffen und Munition an die Verbände und erlaubten deren Sport- und Ausbildungsaktivitäten. Letztere reichten bis zur förmlichen Offiziers- und Unteroffiziersausbildung.



Die jahrelange Arbeit sollte im Sommer 1914 Früchte tragen. Anfang August unterstellten sich Pilsudski, der bislang nur die Organisation „Strzelec” geleitet hatte, auch die übrigen Wehrverbände. Aus diesem Bestand wurde die 1. Kaderkompanie formiert, die zum Kern der Polnischen Legionen werden sollte. Am 6. August 1914 marschierte diese Kompanie aus Krakow (dt.: Krakau) ab – ein noch heute fast mythischer Akt, war es doch nach Jahrzehnten das erste öffentliche Auftreten einer regulären polnischen Militäreinheit. Die Truppenteile der Legion bewährten sich sodann auf seiten der Mittelmächte an der Ostfront. Bis 1915 konnten sie zusammen mit deutschen und österreichischen Truppen einen Großteil von Russisch-Polen erobern; Warschau fiel im August 1915 in die Hände der Mittelmächte.

Im Jahr 1916 zählten die Polnischen Legionen rund 25.000 Mann. Sie wurden, wie schon ihre paramilitärischen Vorgänger, zur politischen Kaderschmiede für die spätere Zweite Republik. Pilsudski, Edward Rydz-Śmigły, Władysław Sikorski, Kazimierz Sosnkowski, Józef Beck und Władysław Raczkiewicz – all ihre Namen spielen in der polnischen Politik der Jahre 1918 ff. eine bedeutende Rolle. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß das militärfachliche Wissen vieler Offiziere eher gering war. Dafür zählte die patriotische Gesinnung. Das traf auch für den Chef Pilsudski zu, der sich selbst zeitlebens eher als Politiker denn als Militär sah.
Dennoch war es den Legionen, ihren „zivilen“ Vorläufern und den ab 1916 gebildeten Einheiten der „Polnischen Wehrmacht“ gelungen, den polnischen Staat neu zu errichten und ihn wieder auf die Landkarte Europas zu setzen.



Auch in den Geburtswehen dieses neuen politischen Gebildes nach dem 1. WK spielten paramilitärische Verbände neben den regulären Streit- und Sicherheitskräften eine wichtige Rolle. Sie waren es, die die Aufstände in Posen/Großpolen und Oberschlesien trugen.
Nachdem sich das neue Staatswesen dann eingerichtet hatte, fiel ihnen – wie in anderen europäischen Staaten auch – vor allem die Aufgabe einer vormilitärischen Ausbildung der Jugend sowie eine öffentliche Tätigkeit im Sinne der Wehrhaftmachung der Bevölkerung zu.

An Organisationen aus der Zwischenkriegszeit sind beispielhaft zu nennen: die Liga für Gas- und Luftschutz (LOPP), die Organisation PKW und der Schützenverband „Strzelec”. Letzterer vertrat Polen in den 1920er Jahren sogar im internationalen Schießsportverband UIT, bis 1933 mit dem PZSS ein dezidierter nationaler Sportverband gegründet wurde. Des weiteren wurden Schüler, Pfadfinder und Studenten vormilitärisch geschult; außerdem existierten mehrere Kadettenkorps.



Als im September 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach, bewährte sich diese Arbeit. Allerdings weniger im Sinne eines Überlebens der Strukturen an sich (die meisten wurden von den Besatzern zerschlagen), sondern im Sinne der Vorbereitung der Bevölkerung. Darum war es möglich, politische und militärische Untergrundarbeit zu leisten, die Heimatarmee, die Volksgarde und andere Partisanenformationen zu bilden und schließlich 1944 den Warschauer Aufstand zu starten. (Dieser Aufstand zeigt aber auch, allen späteren Mythologisierungen zum Trotz, wie begrenzt der politische und militärische Horizont seiner Anführer war. Patriotismus, Schießfertigkeit, Mut und Heldentum allein genügen eben nicht, um in größerem Maßstab erfolgreich zu sein.)

Das dahinterstehende Ideal des breiten Volkswiderstandes ist bereits in Artikel XI der polnischen Verfassung vom 3. Mai 1791 angedeutet worden:
„[…]

Die Nation ist es sich selbst schuldig, sich gegen Überfälle zu vertheidigen, und ihre Unverletzlichkeit zu bewahren; folglich sind alle Bürger Vertheidiger der Unverletzlichkeit und Freiheit der Nation. Die Armee ist nichts anders, als eine aus der Gesammtmacht der Nation gezogene, bewaffnete und geordnete Macht. Die Nation ist ihrer Armee dafür, daß sie sich einzig und allein ihrer Vertheidigung weihet, Belohnung und Achtung schuldig.

[…]“


Nach der Befreiung der ersten Teile Polens von der deutschen Besatzung wurde bereits im August 1944 in Siedlce die Gesellschaft der Freunde der Soldaten (Abk.: TPŻ) gegründet. Ihr oblagen zunächst soziale Aufgaben zur Betreuung der kämpfenden Soldaten, dann trat die vormilitärische Ausbildung der Jugend hinzu. 1950 wurde die TPZ in Liga der Freunde der Soldaten (LPŻ) umbenannt. Zusätzlich zum Wehrsport hatte sie auch Aufgaben im Rahmen des Zivilschutzes zu erfüllen. Im Jahr 1962 wurde aus der LPZ schließlich die Liga für Landesverteidigung (poln.: Liga Obrony Kraju, LOK) gebildet, die man hinsichtlich ihrer Organisation und Tätigkeit am besten mit der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) der DDR vergleichen kann.



Die LOK existiert, allen politischen Umbrüchen zum Trotz, bis heute, obgleich ab Mitte der 1990er Jahre ein starker Mitgliederschwund zu verzeichnen war. Insbesondere fungiert sie nach wie vor als Dachverband für verschiedene „Wehr”-Sportarten: Segeln/Seesport, Sportschießen, Amateurfunk, Modellbau/-sport, Tauchen, Motorsport. Ferner ist sie für die Reservistenarbeit zuständig und fungiert als flächendeckend vertretene Fahrschule. Derzeit hat die Liga etwa 131.000 Mitglieder (davon etwa die Hälfte Jugendliche) in 4.600 Klubs und Zirkeln. Diese Organisationseinheiten können überall existieren: an Schulen, Betrieben, Behörden oder auch als ganz normale Vereine, wie sie auch aus Deutschland bekannt sind. Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Organsiationsformen besteht darin, daß die Zirkel keine eigene Rechtspersönlichkeit besitzen, also stärker von der Mutterorgansiation abhängen als die Klubs.

Die mit Abstand am häufigsten in der LOK betriebene Sportart ist mit Sicherheit der Schießsport. Dabei ergibt sich eine eigentümliche Doppelung mit dem Polnischen Schießsportverband (PZSS), der das Land in der ISSF vertritt. Die meisten der 100 Schützenklubs der LOK sind zugleich Mitglied im PZSS und können somit ganz normal bei Meisterschaften etc. starten. Die weitaus zahlreicheren Zirkel, in denen ebenfalls sportlich geschossen wird (meist nur mit Druckluftwaffen), sind davon jedoch ausgeschlossen. Deshalb veranstaltet die LOK alljährlich eine eigene nationale Meisterschaft für ihre Mitglieder, bei der jedoch auch Gäste zugelassen sind.
Viele bekannte polnische Sportschützen sind durch die Schule der LOK bzw. der LPZ gegangen, auch wenn sie später als Profis Armee- oder Polizeisportklubs angehört haben.



Nach der politischen Wende, die in Polen schon im Frühjahr 1989 eingeleitet worden war, wurden auch Nachfolgeorganisationen des Schützenverbandes „Strzelec” gegründet. Heute gibt es derer drei (1, 2, 3). Bei ihnen geht es deutlich straffer zu als in der LOK, sie sind in der Tat paramilitärisch zu nennen. Die eiegntlich zivilen Sportarten, die bei der LOK im Zentrum stehen, kommen bei ihnen nur am Rande vor. Und sie vermitteln ihren Mitgliedern eine stramm nationale Ideologie mit klerikalen und antikommunistischen Einsprengseln. Das führt zu einer gewissen Nähe zu politischen Kräften wie der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Demgegenüber will die LOK zwar ebenfalls den Patriotismus ihrer Mitglieder stärken, ist insoweit jedoch zurückhaltender und eher um parteipolitische Neutralität bemüht.



An Wehrorganisationen ist ferner die im Jahr 2000 (wieder-) gegründete Akademische Liga (poln.: Legia Akademicka) zu nennen, die sich an mindestens zwei Universitäten um die militärische Schulung ihrer studierenden Mitglieder kümmert. Außerdem darf man die im ganzen Land vertretenen Pfadfinder nicht vergessen, die oft ebenfalls Wehrsport betreiben, bisweilen gemeinsam mit der LOK.

Überhaupt werden alle Schüler im Rahmen des regulären Wehrkundeunterrichtes (poln.: Przysposobienie obronne) mit militärischem Grundwissen vertraut gemacht. Zudem werden seit Jahren an immer mehr Schulen Militärklassen eingerichtet (poln.: klasa wojskowa). Zunehmend wird deren Profil auch auf die anderen „uniformierten Dienste“ wie Polizei und Feuerwehr erweitert (auf Polnisch nennen sich diese dann klasy mundurowe - uniformierte Klassen). (Der Trend zu Kadettenschulen ist übrigens in ganz Osteuropa zu verzeichnen, besonders auch in Rußland.)



Allen Organisationen gemeinsam ist erstens das Prinzip der Freiwilligkeit (niemand muß in ihnen Mitglied werden) und zweitens das Bemühen um eine Stärkung der Landesverteidigung. Im Gegenzug unterstützt das Verteidigungsministerium ihre Aktivitäten auf vielfältige Weise, allerdings nicht mehr so intensiv wie vor 1989.

Besonders hervorzuheben ist die Bildung der Nationalen Reservekräfte (poln.: Narodowe Siły Rezerwowe, vgl. hier und hier). Nachdem 2010 in Polen die Wehrpflicht ausgelaufen ist, ergibt sich nun das Problem, für eine minimale Vorbildung neuer Reservisten für die eigentliche Landesverteidigung zu sorgen. Als Ergänzung zur Berufsarmee wurden die NSR gegründet. Zur Auffüllung dieser Kräfte (die im übrigen als besoldete Teilzeitsoldaten gelten) wurde nicht nur eine breitangelegte Werbekampagne gestartet, in der an den Patriotismus und den soldatischen Sinn der Polen appelliert wird. Die Armee geht insbesondere auf Organisationen wie die LOK und Strzelec, aber auch auf Paintball- und Airsoftgruppen u.ä. zu, um deren Mitglieder zu einem Dienst in der Reserve zu motivieren.



Damit wird an eine Entwicklung angeknüpft, die vor einhundert Jahren begann. Die zahlreichen paramilitärischen Organsiationen in Polen sind wieder zu einer wertvollen Stütze der Landesverteidigung geworden. Ihre Geschichte, die soeben dargestellt wurde, verdeutlicht zudem, daß die „Symbiose aus Sport und Kriegsvorbereitung“ (Henning Borggräfe) nicht nur im „militaristischen“ Deutschland der 1920er und 30er Jahre, sondern in vielen Staaten Europas in der Vergangenheit als erstrebenswert galt und auch heute noch gilt. Der oft unpolitische und von vielen Irrationalismen getragene deutsche Pazifismus mit seiner Ablehnung aller Erscheinungen, die auch nur entfernt mit dem Militär zu tun haben, ist weder der Königsweg (selbst wenn viele Deutsche dies glauben mögen), noch ist er in Europa konsensfähig.



Bibliographie

Alexander, Manfred: Kleine Geschichte Polens, Ditzingen 2003

Böhm, Tadeusz: Od skautingu do Harcerskiego Pogotowia Wojennogo w Wielkopolsce (1912-1945), Poznan 2009

Crato, Fritz: Polen, in: Militärische Schulung der Jugend im Ausland, Süddeutsche Monatshefte Nr. 7 (April 1926), S. 23 ff.

Historia LOK

Historia Powiatowej Organizacji LOK w Opolu Lubelskim

Schulz, Eckart: Besuch bei Anna und Josef, in: Visier 7/1977, S. 3 ff.

Sienkiewicz, Witold: Bojowo i lirycznie - Legiony Pilsudskiego, Warszawa 2010




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Fotos: www.lok.przemysl.pl, www.kskolobrzeg.za.pl, www.zsku.rzeszow.pl, www.nac.gov.pl u.a.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Schützenvereine im Dritten Reich

Der Bochumer Historiker Henning Borggräfe hat im Jahr 2010 seine Masterarbeit mit dem Titel „Schützenvereine im Nationalsozialismus – Pflege der ‚Volksgemeinschaft’ und Vorbereitung auf den Krieg (1933-1945)“ im Ardey-Verlag vorgelegt. Der Autor beklagt zu Recht, daß die Zeit des „Dritten Reiches“ in den bisherigen Darstellungen der Schützengeschichte unterbelichtet ist. Diesem Desiderat will er abhelfen, wobei er sich regional auf Westfalen konzentriert. Borggräfe hat sich quellenmäßig primär auf Zeitungen und Zeitschriften des Untersuchungszeitraumes gestützt. Seine Forschungen haben manch interessante Details ans Licht gebracht, doch sind sie an anderen Stellen hochproblematisch.

Organisationsentwicklung

Ein großes Plus des zu besprechenden Buches ist die komprimierte Darstellung der Organisationsgeschichte im Schützenwesen. Welche Verbände gab es, in welcher Beziehung standen sie zu den Vereinen usw. Besonderes Augenmerk verdient die Entwicklung nach 1933, als mit dem „Deutschen Schützenverband“ ein quasi staatlicher Einheitsverband gegründet wurde, in dem die bisherigen Verbände aufgingen. Auf verbandslose Vereine wurde zudem erheblicher Druck, der bis zu Vereinsverboten durch die Polizei reichte, ausgeübt, um sie zum Anschluß an den DSchV zu bewegen.

In engem Zusammenhang damit stehen die anscheinend schon uralten Konflikte innerhalb der Vereine und Verbände: Sieht man sich selbst eher als „Traditionsschütze“, dem Fahnen, Uniformen und Orden über alles gehen oder als „Schießsportler“, dem es vor allem auf das praktische Schießen und den Wettkampf ankommt? Dieser Konflikt durchzieht die Jahre 1933-1945 und ist auch heute noch virulent.

These

Der Autor vertritt die These, daß die Schützenvereine im Dritten Reich willige Stützen des NS-Regimes waren. Dies habe nicht nur an dem traditionellen Patriotismus vieler Schützen (den Borggräfe „Nationalismus“ nennt) gelegen, sondern teilweise auch an inhaltlichen Kongruenzen der bürgerlichen Vereine mit der NS-Ideologie. Dabei sei es gleichgültig, ob man sich eher als Traditionsschütze oder als Schießsportler gesehen habe. Beide hätten, ungeachtet aller internen Konflikte, entweder durch „Gemeinschaftspflege“ oder durch „Wehrhaftmachung“ zur Stabilisierung des Regimes beigetragen.

Ungenügende Informationen

Der Beleg dieser These gelingt dem Autor nur bedingt. Dies hat auch mit seiner ungenügenden Informationsbasis zu tun. Denn er kann auch für sein Untersuchungsgebiet Westfalen nicht angeben, wie viele Schützenvereine es überhaupt gegeben hat. Selbst während der späten 30er Jahre, als der Vereinheitlichungsdruck im DSchV schon sehr groß war, gab es immer noch verbandslose Vereine. Und die internen Statistiken des DSchV waren alles andere als stimmig. M.a.W.: Die DSchV-Führer wußten selbst nicht, wie viele Mitglieder ihr Verband hatte (vgl. S. 46).

Unzulässige Generalisierungen

Angesichts dessen erscheinen die stark verallgemeinernden Aussagen Borggräfes mehr als gewagt. Wen meint er, wenn er kontinuierlich und diffus von „den Schützen“ spricht? Die Schützenvereins- und -verbandslandschaft war damals äußerst heterogen, weshalb sich Generalisierungen verbieten. Wenn ein DSchV-Funktionär unter eigenem Namen einen Zeitschriftenartikel publiziert hat, dann sind diese Einlassungen immer noch seine persönliche Meinung und zeigen nicht das „einhellige“ (S. 83) Meinungsbild „der Schützen“.

Ebenso ist es unzulässig, aus den drei Vereinen, deren Historie Borggräfe näher untersucht hat, zu extrapolieren und Schlußfolgerungen für alle deutschen Schützen abzuleiten. Dazu ist die Untersuchungsbasis viel zu dünn. Woher will der Autor ferner wissen, daß „die Schützen“ nach 1918 dem neuen politischen System von Anfang an feindselig gegenübergestanden hätten (S. 18)?

Borggräfes Tendenz zur „Geschichtsschreibung mit dem Bügeleisen“ (Kurt Pätzold) zeigt sich auch an seinen Aussagen zu den heutigen Schützenverbänden. Es existiert mitnichten nur der Deutsche Schützenbund, sondern das Bundesverwaltungsamt hat neun Schießsportverbände anerkannt. Schon deshalb ist es inakzeptabel, wenn - tatsächlich z.T. problematische - Aussagen einzelner DSB-Funktionäre „den Schützen“ in ihrer Gesamtheit vorgeworfen werden.
Der Autor täte besser daran, Roß und Reiter konkret zu benennen, anstatt mit Schmutz auf alle zu werfen, die sich irgendwie Schützen nennen. (Aber vielleicht ist das auch der Sinn seines Buches, denn so kann der Agitation der Waffengegner leicht ein neues „Argument“ hinzugefügt werden.)

Es sind zahlreiche dieser Generalisierungen, die die Argumentation des Buches tragen. Verzichtet man auf selbige, dann sind Borggräfes Thesen z.T. unhaltbar, z.T. gewinnt die Darstellung jedoch deutlich an Tiefenschärfe.


Hitlerjungen beim Schießtraining.


Nähe zum Nationalsozialismus?

Die von Borggräfe konstatierte ideologische Nähe „der Schützen“ zum Nationalsozialismus ist äußerst kritisch zu sehen. Zum einen kann er diese Auffassung nur vertreten, weil die der SPD und KPD nahestehende, aber in sich gespaltene Arbeiterschützenbewegung in seiner Abhandlung lediglich in einer Fußnote präsent ist. Aber auch die bürgerlichen Schützenvereine waren alles andere als homogen (Stichwort: Katholizismus). Bei näherer Betrachtung schrumpft die „Nähe“ dann noch auf ein paar bürgerliche Allgemeinplätze wie z.B. die Ordnungsliebe, was man wohl kaum als explizite Zustimmung zu allen ideologischen Verästelungen des NS deuten kann.

Beispielhaft soll hierfür das Thema Antisemitismus stehen. Der Autor weist zutreffend darauf hin, daß während der Weimarer Republik Juden selbstverständlich Mitglied in einem Schützenverein werden konnten. Damit heben sich diese Vereine deutlich von anderen deutschen Vereinen ab, in deren es bereits vor 1933 einen „Arierparagraphen“ gab. Nach der Machtergreifung der Nazis setzte dann ein Herausdrängen der jüdischen Mitglieder ein. Aufgrund der oben schon genannten Unklarheiten kann Borggräfe jedoch keine gesicherten Angaben darüber machen, in wie vielen Schützenvereinen nun tatsächlich – wie von den Nazis gewünscht – jüdische Mitglieder ausgeschlossen worden sind. Deshalb erscheint seine Behauptung, die Schützen hätten aus eigenem Antrieb antisemitische Ziele verfolgt (S. 30), als tollkühn.

Das trifft auch auf außenpolitische Fragen zu. Der Kampf gegen den Vertrag von Versailles und seine Folgen war ein weitgehender Konsens in der Weimarer Republik, dem sich nur Teile der Linken entzogen. Deshalb sollte man insoweit mit dem Adjektiv „nationalistisch“ vorsichtig sein.

Desgleichen ist es verfehlt – und kann durch die ausgebreiteten Quellen nicht gestützt werden –, von einer bereitwilligen Anpassung „der Schützen“ an die NS-Rassenideologie zu sprechen (S. 52). Der ebd. zitierte Artikel aus der Zeitschrift „Der Deutsche Schütze“ anläßlich des 22. Juni 1941 ist von Textbausteinen des Reichspropagandaministeriums geprägt, wie sie damals in praktisch allen Periodika verwendet wurden. Der Rückschluß von einem solchen Pamphlet auf die Meinungen „der Schützen“ ist absurd.
Damit soll nicht gesagt werden, daß nicht ein Teil der Schützen diesen Auffassungen zugestimmt hätte. Sie hatten in Deutschland allerdings eine Tradition, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichte und sogar die Sozialdemokratie erfaßte. Auch deshalb konnte später von den Propagandaeinrichtungen der Adenauer-Ära ohne weiteres auf diese Topoi zurückgegriffen werden, ohne daß ein expliziter Rekurs auf den NS erforderlich gewesen wäre.

Wehrsport

Der Hauptpunkt, an dem Borggräfe die von ihm behauptete durchgängige Unterstützung des NS durch „die Schützen“ festmacht, ist das Konzept des Wehrsportes. Seines Erachtens war diese Erweiterung des Schießsportes nichts anderes als eine unmittelbare Vorbereitung des späteren Eroberungskrieges. Wehrsport sei fast ausschließlich von rechtsextremen Gruppen betrieben worden. Doch auch insoweit war die Realität komplexer als Borggräfe wahrhaben will. „Wehrverbände“ gab es zu Zeiten der Weimarer Republik zahlreiche; sie fanden sich in allen politischen Lagern. Einer der größten (den der Autor verschweigt), das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, stand der SPD nahe. Ferner herrschte ein Konsens, daß nun, nach dem abrupten Ende der Wehrpflichtarmee, die Jugend anderweitig auf die Landesverteidigung vorbereitet werden müsse. Die außenpolitische Lage des Deutschen Reiches war ja alles andere als rosig.

Zudem darf nicht verkannt werden, daß Wehrsport wohl für die meisten Mitglieder der Wehrverbände ein weitgehend zweckfreies Spiel war. Es kam ihnen primär auf die paramilitärischen Rituale, die Männlichkeit signalisieren sollten, an, weniger auf den Inhalt irgendeiner politischen Botschaft (vgl. Ute Frevert: Die kasernierte Nation, München 2001, S. 309 ff.).
Dieser Trend betraf keineswegs nur die „militaristischen“ Deutschen, sondern fast ganz Europa. In vielen Staaten war eine vormilitärische Jugendertüchtigung gang und gäbe. Zu denken ist hier zunächst an die von England ausgehende Pfadfinderbewegung, weiters an paramilitärische Organisationen in Polen, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Frankreich usw. Und überall dort wurde natürlich auch Schießausbildung betrieben.
(Eine zeitgenössische Übersicht findet sich in: Militärische Schulung der Jugend im Ausland, Süddeutsche Monatshefte, Heft 7 [April 1926]; speziell zu Polen: Tadeusz Böhm: Od skautingu do Harcerskiego Pogotowia Wojennogo w Wielkopolsce [1912-1945], Poznan 2009; zur UdSSR: H. Radke: Die Besten wurden Woroschilow-Schützen, in: Visier 1/1977, S. 20 f.)

Die „angestrebte Symbiose aus Sport und Kriegsvorbereitung“ (S. 85) war folglich weder spezifisch deutsch noch gar nationalsozialistisch. Sie lag vielmehr im Zeitgeist. Mithin ist es ein unzulässiger Kurzschluß Borggräfes, wenn er meint, dadurch, daß seit Mitte der 20er Jahre in manchen deutschen Schützenvereinen Wehrsport betrieben wurde, hätten „die Schützen“ die deutsche Außenpolitik der Jahre 1938 ff. willentlich vorbereitet und fast schon herbeigesehnt. Wäre dem so, dann müßte man den meisten anderen europäischen Staaten ebenfalls aggressive Absichten unterstellen.

Auf starke Bedenken stößt auch seine pazifistisch gefärbte These von der „gesellschaftlichen Kriegsvorbereitung als Volkssport“ (S. 81). Dadurch wird jedem Bürger, der Schießsport betrieb, unterstellt, er habe den 2. WK – und zwar so, wie er dann geschehen ist – vorbereiten und herbeiführen wollen. In diesem Weltbild bleiben allerdings der begrenzte individuelle Erwartungs- und Entscheidungshorizont ebenso wie politisch-diplomatische Zufälligkeiten auf der „großen Bühne“ unberücksichtigt (vgl. dazu auch die obige Kritik von Frevert). Auch diese These kann der Autor quellenmäßig nicht belegen.

Die mangelnde Solidität von Borggräfes Argumentation sei an einem Beispiel verdeutlicht. Auf S. 78 schreibt er: „Als HJ-Schießordnung galt [ab 1934] das Sportbuch des Reichsverbands [deutscher Kleinkaliber-Schützenverbände] – auch dies verdeutlicht dessen militärische Intention.“ Wohlgemerkt: Das in Rede stehende Sportbuch ist erstmals in den 1920er Jahren erschienen. Die Gründe für die Auswahl gerade dieses Werkes anno 1934 können vielfältig sein. Angefangen von der guten Vernetzung der Autoren bis hin zum Mangel an anderer geeigneter Literatur. Deshalb ist Borggräfes Schluß, der – ohne weitere Recherchen – einfach eine kontinuierliche Linie von einem Schießsportverband der 20er Jahre zur Hitlerjugend der 30er zieht, absurd.

Wehrhaftmachung

Übergeordnetes Thema des Wehrsports ist die Frage, ob das sportliche Schießen nur Selbstzweck ist, oder ob es auch einem übergeordneten gesamtstaatlichen Zweck dienen soll, nämlich der „Wehrhaftmachung“ der Bevölkerung. Im Ausland ist diese Auffassung seit Mitte des 19. Jahrhunderts oft bejaht worden (vgl. hier). Auch in Deutschland fand sich z.B. in der Satzung des Deutschen Schützenbundes von 1861 das Ziel der „Hebung der Wehrfähigkeit des Volkes“.

Dieser fromme Wunsch darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Idee eines bürgerfreundlichen Milizmilitärs in Deutschland nie wirkungsmächtig werden konnte. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jh. sind alle diesbezüglichen Versuche gescheitert. Dies lag allerdings weniger an der Obrigkeit, als an den Bürgern selbst. Von kurzen Hochphasen wie 1848 abgesehen, war ihnen der Militärdienst nur eine lästige Pflicht, vor der man sich gern drückte (vgl. Frevert, a.a.O., S. 152-192). Daher darf man alle Aufrufe zur Bildung einer Miliz nicht allzu ernst nehmen, auch wenn sie mit viel Verve vorgetragen worden sind. Hinzu kamen schon 1866 ernste Zweifel, ob die Schützenvereine als Teil der Landesverteidigung taugen:
„[...]

Wer die Elemente dieses Schützenbundes ansieht, lauter angesessene, wohlhabende Leute, Familienväter, die gar keine große Lust haben, in’s freie Feld zu ziehen, zum nicht kleinen Theil mit wohlgenährten Bäuchen, wer die Einseitigkeit der Uebung – im bloßen Schießen – berücksichtigt, wer die Masse kleiner Eitelkeiten, zu deren Befriedigung die alten Schützengilden dienen, auf deren Boden doch wieder vorzugsweise der Schützenbund aufgerichtet wird, wer endlich eine Zählung anstellt, und die geringe Zahl der Mitglieder des Deutschen Schützenbundes erwägt, der wird wohl auch nicht von ferne daran denken, in demselben den Kern einer militärischen Organisation erblicken zu wollen, wie sie Deutschland anpassend sein würde.

[...]“ (Wilhelm Rüstow: Von der zweckmäßigen Heeresbildung und erfolgreichen Kriegsführung und ihren Hindernissen, Coburg 1866)
Mithin wird man im Gerede von der „Wehrhaftigkeit“, wie es sich seit den 1860er Jahren in vielen Schützenpublikationen findet, vor allem eine Deklaration sehen müssen, womit in der Öffentlichkeit die eigene patriotische Gesinnung zur Schau gestellt werden sollte.


Schießausbildung von HJ-Angehörigen, aber nicht in einem Schützenverein, sondern in der Wehrmacht.


Unter der Führung der SA

Borggräfe scheint derartige rhetorische Übungen allzu ernst zu nehmen. Denn er unterstellt der ab 1939 von der SA betriebenen vormilitärischen Ausbildung ungedienter Männer, an der sich auch die Schützenvereine beteiligen mußten, daß sie „überaus erfolgreich“ verlaufen sei. Doch woran soll dieser Erfolg festgemacht werden? An den Selbstzuschreibungen einzelner DSchV-Funktionäre, die ihre eigene Schießausbildung als kriegsentscheidend rühmten? Die Anzahl der durch irgendwelche Kurse geschleusten Männer kann es wohl kaum gewesen sein.

An diese Stelle hätte ein kritischer Historiker, für den sich Borggräfe ja hält, einhaken und nachfragen müssen: Wie haben die zuständigen Dienststellen der Wehrmacht diese Ausbildung bewertet? Davon findet sich im Buch leider nichts. Der Rezensent ist jedoch in der Lage, einen Vergleich mit der DDR anzustellen. Die dort namentlich von der GST betriebene vormilitärische Ausbildung hat die Erwartungen der Armeeführung bis weit in die 70er Jahre hinein nie befriedigt. Das lag allein schon daran, daß es zu keinem Zeitpunkt gelungen ist, eine Vorbreitungsquote von 100 % zu erreichen, d.h. es mußten immer auch Rekruten ausgebildet werden, die über keinerlei Vorkenntnisse verfügte (vgl. Paul Heider: Die Gesellschaft für Sport und technik [1952-1990], in: T. Diedrich et.al. [Hrsg.]: Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Augsburg 2004, S. 169 ff. [187]). Das schwächt natürlich den Wert solcher staatlich verordneten Vorkurse ganz enorm, gerade in einem Millionenheer.

Des weiteren muß man sich die Frage vorlegen, welche Bedeutung das Infanteriefeuer – und damit die Schießausbildung – im Zweiten Weltkrieg hatte. Bereits der 1. WK war maßgeblich von Artillerie- und Maschinenwaffen geprägt gewesen, was einem einzelnen Schützen, selbst wenn er gut ausgebildet war, nur wenig Raum ließ. Im 2. WK kamen noch Waffensysteme wie Panzer und Flugzeuge hinzu; erstmals waren schnelle und tiefe Operationen möglich. Hinzu trat die gestiegene Bedeutung der militärischen Logistik, welche die z.T. ungeheuren Verluste ausgleichen mußte. Angesichts dessen drängt sich der Schluß auf, daß der gezielte Einzelschuß, den man im Schützenverein lernen konnte, nicht operations- und schon gar nicht kriegsentscheidend war. In den meisten Fällen wird er nicht einmal gefechtsentscheidend gewesen sein.

Somit erscheint Borggräfes Resümee, die Schützenvereine hätten dazu geführt, daß die deutsche Gesellschaft bis zum Ende kriegsbereit war (S. 93), abenteuerlich, denn er verwechselt Soldaten- und Schützenromantik mit dem wirklichen Krieg. Vor diesem Verdikt kann ihn auch die Klammerbemerkung, daß es auf den militärischen Wert nicht ankomme, nicht retten. Doch, genau darauf kommt es an.

Aufarbeitung des Dritten Reiches

Borggräfe hat nicht ganz unrecht, wenn er meint, in der deutschen Schützengeschichtsschreibung kämen die Jahre 1933 bis 1945 kaum vor. Gleichwohl hat es schon in den 50er Jahren fundierte Kritik an der Wiederverwendung von NS-belasteten Schützenfunktionären im DSB der BRD gegeben. Vorgetragen wurde sie allerdings in Schießsportzeitschriften der DDR (die Borggräfe augenscheinlich nicht ausgewertet hat). Man darf dies nicht leichtfertig als „Propaganda des Kalten Krieges“ abtun. Es wird schon gute Gründe dafür gegeben haben, daß deutsche Olympiaschützen des Jahres 1936 wie Erich Krempel und Cornelius van Oyen es nach 1945 vorzogen, in Ostdeutschland zu leben, zu arbeiten und zu schießen.

Frauen und Schießen

Noch 1930 hatte der DSB öffentlich verkündet, daß Frauen weder Mitglied des Schützenbundes werden, noch an den Schießwettkämpfen desselben teilnehmen dürfen. Insoweit lag der DSB tatsächlich auf einer Linie mit der NSDAP, die bis 1945 die „Militarisierung“ von Frauen auf wenige Hilfstätigkeiten beschränkte. Nun hat Borggräfe jedoch einen Artikel des DSchV-Funktionärs von Cleve aus dem Jahr 1938 aufgetan, in dem eine Schießausbildung von Frauen sowie deren militärische Verwendung im rückwärtigen Raum propagiert wird. Dieser Befund ist erklärungsbedürftig! Wieso hat der DSchV hier die vom DSB acht Jahre zuvor vorgegebene Linie verlassen und sich damit auch noch in Opposition zur offiziellen Frauenpolitik des Dritten Reiches begeben?

Fazit

Die Antwort auf diese letzte Frage interessiert den Rezensenten brennend – leider kann oder will Borggräfe sie nicht liefern. Alles, was nicht in sein Interpretationsschema paßt, wird einfach ausgeblendet. Er zieht es vor, eine gerade Linie von den Gründern des DSB anno 1861 hin zu Hitler zu ziehen und das Dritte Reich als Erfüllung der alten Schützenträume zu sehen (S. 92). Bei einer derart groben Sicht auf eine komplexe, von vielen unterschiedlichen Akteuren gestaltete Geschichte muß zwangsläufig viel auf der Strecke bleiben.

Ohnehin hat sich bei der Lektüre der Eindruck verfestigt, daß es dem Autor lediglich darum zu tun war, Beiträge zu geschichtstheoretischen Debatten zu formulieren. Sein konkreter Forschungsgegenstand hatte dafür nur das Rohmaterial zu liefern. Inwieweit ihm das gelungen ist, mögen Wissenschaftler beurteilen, die besser mit den Details der Sozialgeschichte vertraut sind als der Rezensent. Hier sollen nur zwei Aspekte herausgestellt werden.

Der mehrfache Rekurs Borggräfes auf den Geschichtsanthropologen Alf Lüdtke bestärkt den Rezensenten in seiner Skepsis. Denn er war einmal während eines Vortrags von Lüdtke anwesend, indem dieser historische Fakten aus der Geschichte Ruandas verwirrte. Als ihn ein Student korrigierte antwortete Prof. Lüdtke, es sei egal, wer dort wen umgebracht habe, Hauptsache, die von ihm ausgebreitete Geschichtstheorie sei stimmig.

Ferner glänzt Borggräfe durch die mehrfache Präsentation von Binsenweisheiten, die z.T. schon peinlich anmutet. Natürlich ist Inklusion nur durch Exklusion möglich (und vice versa). Und natürlich ist in einem technischen Zeitalter wie dem 20. Jahrhundert jede Form der Herrschaftsausübung auf ein großes Maß an Zustimmung durch die Herrschaftsunterworfenen angewiesen, um die komplexe Staatsmaschine am Laufen zu halten. Die manchmal zu findende Vorstellung, daß ein paar Zehntausend Parteigenossen und SS-Leute nur mit Terror und Gewalt über 80 Millionen Deutsche geherrscht hätten, ist doch absurd. Ob man aus dieser mehr oder minder aktiven Unterstützung ableiten kann, die meisten Deutschen seien Überzeugungstäter im Sinne des NS gewesen, muß doch bezweifelt werden. Dies würde den Begriff des Täters uferlos ausweiten.

Kurzum: Wenn man sich der Mängel von Borggräfes Arbeit bewußt ist, kann man sie stellenweise durchaus mit Gewinn lesen.


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Fotos: Bundesarchiv.

Montag, 3. Oktober 2011

Der Schießstand in Mytischtschi




Es gibt einen sowjetischen Actionfilm über die Zeit des Zweiten Weltkrieges, der eine eigenartige Eingangsequenz aufweist. Parallel zur Vorstellung der Schauspieler werden Bilder aus verschiedenen Sportarten gezeigt. Ferner führt einer der Soldaten eigenartige Schießkunststücke vor. Der Film heißt "Otrjad osobogo nasnatschenija" (dt.: Abteilung besonderer Bestimmung oder einfach Sonderabteilung) und stammt aus dem Jahre 1978. Die Handlung läßt sich kurz zusammenfassen: Eine kleine Gruppe von Spezialkämpfern wird hinter den deutschen Linien abgesetzt, um einen beim Rückzug zurückgebliebenen Raketenwerfer vom Typ "Katjuscha" zu zerstören. Das ist durchaus spannend, doch viel interessanter finde ich die Vorstellung der Soldaten in den ersten Minuten des Films (siehe obiges Video). Die Einheit besteht nämlich fast ausschließlich aus Leistungsportlern verschiedener Disziplinen. Und eine solche Spezialeinheit hat es in der SU tatsächlich gegeben.

Im Juni/Juli 1941 wurde in Moskau die Selbständige Motorisierte Schützenbrigade besonderer Bestimmung (russ. Abk.: OMSBON) vom NKWD formiert. Das Personal bestand größenteils aus Freiwilligen, an denen damals kein Mangel bestand, darunter viele Studenten und Sportler aus Moskau und Umgebung. Dies bescherte ihr den Spitznamen "sportliche Spezialeinheit". Später erreichte die Brigade eine Stärke von rund 2500 Mann und gliederte sich in zwei Schützenregimenter plus Unterstützungseinheiten. Obwohl die Organisation recht konventionell war, nahm die OMSBON nicht nur an der Schlacht um Moskau Ende 1941 teil, sondern stellte vor allem Aufklärungs- und Diversionsgruppen auf, die hinter die deutschen Linien verbracht wurden, um dort den kleinen Krieg zu führen. Anfang 1943 wurde die Brigade in dieser Form aufgelöst.

Am 9. Mai 2011 trafen sich die OMSBON-Veteranen im Moskauer Dynamo-Stadion, um ihrer gefallenen Kameraden zu gedenken:





Der bulgarische Emigrant Iwan Winarow, der seit den 1930er Jahren Offizier der Roten Armee war und dort in der Auslandsaufklärung diente, beschrieb die Aufstellung der Brigade in seinen Memoiren wie folgt:
"[…]

Das Internationale Regiment der Sonderbrigade zählte am Anfang nicht ganz tausend Soldaten. Fast ein Drittel, etwa dreihundert Genossen, waren spanische Emigranten. Die anderen waren Tschechoslowaken, Polen, Österreicher, Ungarn, Jugoslawen, Deutsche, sechs Vietnamesen, Franzosen, Finnen. Es gab sogar einige Engländer im Regiment, Mitglieder der Kommunistischen Partei Großbritanniens, die der Krieg auf einer Moskaureise überrascht hatte. Die österreichischen Genossen stellten nach den Spaniern die stärkste Gruppe. […]

Die Zusammensetzung des Regiments änderte sich ständig. Immer noch trafen im Winter 1941 ausländische Genossen in Moskau ein, die ihre Parteiführungen von Baustellen und Instituten des ganzen Landes riefen. Andere Genossen stellten wieder nationale Brigaden auf, Grundstock für die Bruderarmeen, die später an der Seite der Roten Armee den Kampf gegen die Aggressoren aufnahmen. […]

Das zweite Regiment der Sonderbrigade stellten Moskauer Partei- und Komsomolfunktionäre, Mitarbeiter der Aufklärung und Gegenaufklärung sowie Mitglieder der Moskauer Sportorganisation „Dynamo“. Zu diesen Truppenteilen gehörten also hochqualifizierte, militärisch gutausgebildete und für Sonderaufgaben vorbereitete Genossen, die jeden Auftrag erfüllen konnten. Welche Aufgaben hatten sie?

Ursprünglich war die Sonderbrigade zur Sicherung Moskaus aufgestellt worden. Später änderte sich die Lage an der Front und damit auch die Aufgabe. Die Brigade wurde größer und verwandelte sich in eine Basis für die Ausbildung der Kundschafter- und Fallschirmgruppen, die hinter der Front wirkten. Sie entwickelte sich auch zu einer Zentrale für die Koordinierung, Hilfe und Organisation der Partisanenbewegung im Rücken des Feindes.
Im Oktober/November [1941] hatte die Brigade nur eine einzige Aufgabe, die Verteidigung der sowjetischen Hauptstadt.

Unter der Leitung der Kommunistischen Internationale, der Militäraufklärung und des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten wurde die Sonderbrigade in kurzer Zeit vervollständigt, organisiert und ausgerüstet. Kommandeur der Brigade wurde M. F. Orlow, der als Kommunist schon am Bürgerkrieg teilgenommen hatte, Kommissar Oberst A. A. Maximow und Stabschef Oberstleutnant F. J. Sedlowski. Kommandeur des Internationalen Regiments wurde W. W. Gridnew und ich wurde Kommissar. Die meisten Offiziere der Brigade kannte ich von der „Frunse“-Akademie oder aus der gemeinsamen Arbeit in der Verwaltung Aufklärung.

Die Sonderregimenter waren in den Gebäuden der Volkskommissariate für Verteidigung und für Innere Angelegenheiten stationiert und taten dort ständig Dienst.
Als sich die faschistischen Truppen Moskau unmittelbar näherten, ging auch die Sonderbrigade an die Front. Ihr Abschnitt war etwa 30 Kilometer breit und einen Kilometer tief. Der Stab der Sonderbrigade befand sich in einem Raum des Hauses der Gewerkschaften.

[…]" (I. Winarow: Kämpfer der lautlosen Front, 3. Aufl., Berlin 1984, S. 215 f.)



Ein erstes Konzept für den Einsatz von Spezialkräften im Rücken des Gegners hatte im Sommer 1941 der Schriftsteller und frühere Nachrichtendienstoffizier Dmitrij N. Medwedew vorgelegt. Medwedew hatte 1939 ausscheiden müssen, nachdem sein Bruder den stalinschen Repressionen zum Opfer gefallen war; erst nach Kriegsbeginn wurde er reaktiviert. Ins Werk gesetzt wurde sein Konzept u.a. von Wjatscheslaw Gridnew, zunächst Chef des 1. Regiments und ab August 1942 der gesamten Brigade. Gridnew hatte zuvor in den Grenztruppen und der Auslandsaufklärung des NKWD gedient.

Die ersten Ausbildungsbasen für die Soldaten der OMSBON waren das Moskauer Dynamo-Stadion und die Schießanlage in Mytischtschi, welche nordöstlich der Hauptstadt liegt und ebenfalls zur Sportorganisation Dynamo gehörte. Der Schießstand war 1925 errichtet worden und diente vor allem dem Schießtraining von Polizisten. In der Kriegszeit dominierte die militärische Nutzung, während danach die sportliche in den Vordergrund trat. Nach der OMSBON hielt eine Scharfschützenschule auf dem Gelände Einzug. Auch in den Folgejahren haben auf den dortigen Bahnen z.B. die Scharfschützen der Spezialgruppe "Alfa" trainiert.



Die Trennlinie zwischen reinem Schießsport und vormilitärischen Training wurde in der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Staaten ohnehin nie so stark gezogen wie etwa in Deutschland. Während man in der UdSSR (und heute in ihren Nachfolgestaaten) in jedem guten Schützen einen potentiellen Vaterlandsverteidiger
erblickt, war man selbst in der DDR um eine strikte Unterscheidung bemüht. Aufschlußreich sind in dieser Hinsicht verschiedene Artikel, die in den Jahren 1958 bis 1960 in der Zeitschrift Der Sportschütze erschienen sind. Viele ostdeutsche Schützen wollten vor allem unpolitische und unmilitärische Nur-Sportler sein. (Vgl. insbesondere W. Schöer: Scharfschütze oder Sportschütze?, in: Der Sportschütze 8/1958, S. 20.)

Doch zurück nach Mytischtschi. Dieser Schießstand hatte für den sowjetischen Sport eine große Bedeutung und war fast schon legendär (insoweit paßt der Vergleich mit dem Stand in München-Hochbrück). Nach größeren Umbauten wurde hier die UIT-Weltmeisterschaft 1958 ausgetragen. 1980 folgten die Schießwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele und 1990 erneut die ISSF-WM. Die Anlage war eine der größten ihrer Art in der UdSSR; dort wurden zahlreiche nationale und internationale Wettkämpfe ausgetragen. Ferner waren und sind dort zahlreiche Schießklubs beheimatet.

Nach dem Ende der UdSSR begann eine Odyssee um das Gelände, das zwischenzeitlich unter obskuren Umständen mehrfach die Besitzer gewechselt hat und heute der Errichtung von Luxusvillen dient. Der Schießbetrieb wurde schon vor Jahren weitgehend eingestellt und die Schießstände verfielen oder wurden sogar abgerissen. Derzeit wird ein Rechtsstreit mit dem Ziel geführt, die Anlage an Dynamo zurückzugeben und wieder für den Schießsport herzurichten. Ob dieses Unterfangen trotz eines positiven Gerichtsurteils vom April 2010 gelingen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin haben es die Moskauer im Oktober letzten Jahres geschafft, eine Demonstration für die Wiederherstellung des Schießstandes zu organisieren (siehe auch das Video unten).





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Dienstag, 14. Juni 2011

Fjodor W. Tokarew (1871-1968)

Heute vor 140 Jahren, am 14. Juni 1871, wurde der spätere russische Waffenkonstrukteur Fjodor Wassiljewitsch Tokarew geboren. Er kam in einer armen Kosaken-Familie, die in der Staniza Jegorlykskaja (bei Rostow am Don) lebte, zur Welt. Seit seinem elften Lebensjahr arbeitete er bei Dorfhandwerkern. 1885 trat er in eine Berufsschule für Metallverarbeitung ein und kam erstmals mit dem Bau von Schußwaffen in Berührung. 1888 wurde er - wie bei den Kosaken üblich - Soldat und besuchte eine Unteroffiziersschule in Nowotscherkassk, wo er zum Waffenmeister ausgebildet wurde. Ab 1892 diente er als Waffenmeister im 12. Donkosaken-Regiment.

Von 1896 bis 1900 studierte Tokarew an der Militärtechnischen Schule in Nowotscherkassk und verließ diese als Offizier. Danach kehrte er als leitender Waffenmeister ins 12. Regiment zurück. 1907 wurde er an die Offiziersschießschule in Oranienbaum (bei St. Petersburg) kommandiert. Diese Schule war, zusammen mit den am selben Ort vorhandenen Waffenschule und Schießplätzen, eines der Zentren des Waffenbaus im Zarenreich. Bekannte Konstrukteure von Handfeuerwaffen wie Fjodorow oder Degtjarjow wirkten in Oranienbaum.


Fjodor Wassiljewitsch in seiner Werkstatt.


An diesem Ort begann Fjodor Wassiljewitsch seine Entwicklungsarbeit. 1910 legte er einen ersten Prototypen für die Konversion des Mosin-Nagant-Repetiergewehrs in einen Halbautomaten vor. Die Arbeiten an diesem Projekt gingen bis zum Kriegsausbruch 1914 weiter. Während des 1. WK war Tokarew in der Waffenfabrik von Sestrorezk tätig, zuletzt als als Technischer Direktor. 1919, nach der Oktoberrevolution, wurde er als "Militärspezialist" in die Waffenfabrik nach Ishewsk geschickt; 1921 wechselte er nach Tula. Damit hat Tokarew in fast allen russischen Waffenfabriken seiner Zeit gearbeitet.

Von 1921 bis 1925 arbeitete er an einer Modernisierung des schwerem Maschinengewehrs Maxim, dem "Maxim-Tokarew Modell 1925". Zwei Jahre danach legte er den Prototypen einer "Maschinenpistole Tokarev Modell 1927" vor. Diese vollautomatische Waffe verschoß die vom Nagant-Revolver her bekannte Patrone 7,62 x 38 mm.



Ab 1930 beteiligte er sich am Wettbewerb für eine neue sowjetische Armeepistole. Sein Entwurf mit einem modifizierten Browningverschluß wurde als "Tula-Tokarew Modell 1930" bezeichnet und ging als Sieger aus dem Wettbewerb hervor. 1933/34 wurde die TT-30 weiterentwickelt und schließlich unter dem Namen TT-33 (Tula-Tokarew Modell 1933) als offiziell als neue Seitenwaffe in die sowjetischen Streitkräfte eingeführt. Dort löste sie den Nagant-Revolver M 1895 ab. Bis zum 22. Juni 1941 wurden in Tula rund 600.00 Tokarew-Pistolen produziert. Insgesamt werden es wohl über 1,7 Mio. Stück gewesen sein.
Die TT-33 wurde eine der erfolgreichsten Kurzwaffen des 20. Jahrhunderts, nicht nur wegen ihrer Beteiligung am Zweiten Weltkrieg. Neben der Sowjetunion wurde sie in Polen, Ungarn, Rumänien, China, Jugoslawien und Nordkorea hergestellt; Dutzende von Staaten haben bzw. hatten sie eingeführt. Noch heute bietet Izhmekh in Rußland Schreckschuß- und CO2-Varianten an, was für die Popularität der Waffe spricht.


Eines der bekanntesten sowjetischen Propagandabilder aus dem 2. WK:
Ein Offizier führt den Sturmangriff seiner Einheit an und hält dabei eine TT-33 in der rechten Hand.


Seit Beginn der 30er Jahre arbeite Fjodor Tokarew wieder an Entwürfen für ein Selbstladegewehr. 1933 stellte er einen neuen Prototypen vor. Nach weiteren Arbeiten wurde es 1938 unter dem Namen "Selbstladegewehr Tokarew Modell 1938" (SWT-38) in die Rote Armee eingeführt. Wegen geringfügiger Änderungen erhielt es zwei Jahre später die Bezeichnung "SWT-40".
Dieses Gewehr entwickelte sich zum Markenzeichen der sowjetischen Marineinfanterie; eine größere Anzahl wurde auch als Scharfschützengewehr eingerichtet. Taktisch gesehen sollte das SWT-38/40 in der Infanterie die Maschinenpistolen ergänzen und die Repetiergewehre ablösen - so wie auch das Garand und das Gewehr 41. Die Beliebtheit des SWT-38/40 unter den sowjetischen Soldaten hielt sich in Grenzen, bei den deutschen war es jedoch gefürchtet.
Obwohl über 1,6 Mio. Exemplare produziert worden waren, verschwand das SWT-40 kurz nach Ende des 2. WK aus dem Bestand der aktiven Truppe. Es wurde zunächst vom SKS und dann vom AK-47 abgelöst. Seiner Pistole war hingegen eine weitaus längere Dienstzeit beschieden. Auf Basis des SWT-40 wurde übrigens auch ein Vollautomat entwickelt, der sich jedoch nicht bewährte.



Zwischenzeitlich war Fjodor Tokarew, der mit seinen Waffenentwicklungen entscheidend dazu beigetragen hatte, daß sein Heimatland den Zweiten Weltkrieg überleben konnte, der Doktortitel verliehen worden (1941). Bereits 1933 wurde er als Held der Arbeit und 1940 als Held der sozialistischen Arbeit geehrt.

Nach Kriegsende arbeite Tokarew, der das Renteneintrittsalter schon lange überschritten hatte, weiter in der Waffenbranche. Er wirkte u.a. an den Tests für neue sowjetische Pistolen mit und schrieb Aufsätze. 1948 brach er kurzzeitig aus den angestammten Geleisen aus und entwickelte die Fotoapparate FT-1 und FT-2, deren Fertigung in Krasnogorsk bis 1965 lief. Der Konstrukteur blieb bis ins hohe Alter aktiv. Am 7. Juni 1968, im gesegneten Alter von 97 Jahren, ist Fjodor Wassiljewitsch Tokarew verstorben. Sein Grab befindet sich in Tula. Dort und in St. Petersburg tragen Straßen seinen Namen.
(Mehr über ihn ist hier zu finden.)


Die tschechoslowakische Scharfschützin Marie Ljalková mit einem SWT-40 während des 2. WK.


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Fotos: Wikipedia, www.tokarev.com.

Dienstag, 7. Juni 2011

Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung


Am vergangenen Freitag hatte ich Gelegenheit, in Berlin an der deutsch-russischen Konferenz „Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa“, die anläßlich des bevorstehenden 70. Jahrestages der Operation „Barbarossa“ veranstaltet wurde, teilzunehmen. (Das Programm ist hier zu finden.) Nachfolgend wird auf einige Aspekte dieser Veranstaltung eingegangen, an der auf beiden Seiten namhafte Politiker und Wissenschaftler teilgenommen haben.

In den Einführungsreferaten von Botschafter Wladimir Grinin und dem Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses Walter Momper wurde die seit 20 Jahren erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland, etwa auf dem Gebiet der öffentlichen Verwaltung, betont. Momper konnte hier aus seiner Erfahrung der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Moskau berichten. Ähnliches wurde von anderen Teilnehmern vorgetragen. Am unproblematischsten sei die Kooperation auf den Gebieten Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft.

Im ersten, primär historischen Teil kamen jeweils zwei Historiker aus Deutschland und der RF zu Wort, die durch Co-Referate anderer Teilnehmer ergänzt wurden. Von besonderem Wert waren die Einlassungen Jochen Laufers und seines Kollegen Alexej Filitow, die gemeinsam am nunmehr vierten Band der Quellenedition „Die UdSSR und die deutsche Frage 1941–1948“ arbeiten, der sich insbesondere die Berlinkrise 1948 widmen wird. Schon jetzt deutet sich an, daß dadurch – ebenso wie durch Laufers eigene Forschungen – mancher hierzulande populäre Mythos ins Wanken kommen dürfte.
Laufers These: Nach Kriegsende 1945 richtete sich keine sowjetische Aggressivität nach außen. Vielmehr ging es um eine Absicherung des während des Krieges eroberten Machtbereichs in Osteuropa (Repressivität). In Fragen, die über dieses Territorium hinausgingen, wie z.B. die Meerengenfrage, zeigte Stalin eine erstaunliche Flexibilität und Kompromißbereitschaft.
Daran anschließend fragte Peter Schulze, ob man sich im Westen dessen bewußt gewesen sei und ob der Aufbau gewaltiger Militärapparate nicht möglicherweise instinktiv (also ohne genaue Bedrohungsanalyse) erfolgte.

Im übrigen zeichneten sich Alexander Tschubarjan, Boris Chawkin und Nikolaj Schmeljow durch sachliche und ausgewogene, die neuesten Forschungsergebnisse widerspiegelnde Beiträge aus, die den Verfasser dieser Zeilen für seine weiteren Forschungen angeregt haben.
Besonders Tschubarjan gelang es, die schwierige Gemengelage in der sowjetischen Führung, die sich aus dem Fehlen eines formalisierten und zentralisierten Entscheidungsverfahrens ergab, darzulegen. Manche Entscheidungen der Stalin-Ära werden womöglich nie endgültig zu erklären sein, denn es fehle z.T. schlicht an zeitgenössischen Quellen. Stalin habe vieles nicht schriftlich fixiert und seine Mitarbeiter hätten oft keine eigenen Aufzeichnungen hinterlassen. So auch Molotow, der sich zudem noch kurz vor seinem Ableben in den 1980er Jahren – also lange nach Stalins Tod – weigerte, auf wichtige Fragen sowjetischer Historiker zu antworten. Das hat im konkreten Fall zur Folge, daß die rußländischen Historiker etwa auf die deutschen Protokolle von Molotows Verhandlungen mit Ribbentrop und Hitler zurückgreifen müßten, da es keine Aufzeichnungen der sowjetischen Teilnehmer gebe.

Erhellend auch Peter Jahns Referat über „Täter- und Opferdiskurse in der Kriegserinnerung der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit“, der den langsamen Wandel von der Verdrängung der Verbrechen und dem überhöhten Opfermythos von der „Verteidigung des christlichen Abendlandes“ an den fernen Ufern der Wolga hin zur Aufarbeitung nachzeichnete.
Dies veranlaßte eine Konferenzteilnehmerin zu dem durchaus treffenden Kommentar, daß die Niederlage im Zweiten Weltkrieg für die heutigen Deutschen identitätsstiftend geworden sei und sie aus der Vergangenheitsbewältigung neues Selbstbewußtsein – auch auf der internationalen Bühne – zögen.
Damit hatte die Dame schon vorweggenommen, was sich im weiteren Verlauf der Tagung zeigen sollte: Viele der deutschen Teilnehmer haben das Thema „Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa“ strikt in einen historischen und einen aktuellen Teil getrennt und so getan, als hielte die Geschichte keine Lehren für die Gegenwart bereit. Die russischen Teilnehmer waren hingegen durchweg bemüht, beides in ihren Betrachtungen zu verbinden.

Alexej Gromyko (übrigens der Enkel des früheren sowjetischen Außenministers) benannte drei Syndrome aus der deutsch-sowjetischen Vergangenheit, die z.T. bis in die Gegenwart wirken: das Versailles-Syndrom (Ausschluß der UdSSR aus der europäischen Sicherheitsarchitektur in Gestalt des Völkerbundes), das München-Syndrom als Symbol für Uneinigkeit und das 22.-Juni-Syndrom als Beschreibung der militärischen Überraschung. Ferner meinte er, falls der berühmte Shukow-Plan vom 15. Mai 1941 – also ein sowjetischer Präventivschlag in den seit Ende 1940 erkannten deutschen Truppenaufmarsch hinein – umgesetzt worden wäre, stünde die Sowjetunion heute noch viel stärker am Pranger als ohnehin. Mithin waren Stalins Weisungen, die jegliche „Provokation“ des Dritten Reiches ausschließen wollten, der einzig gangbare Weg, damit sich der spätere Aggressor nicht auf die Position der Selbstverteidigung zurückziehen konnte.

Daran anschließend drehte sich die Tagung um Probleme der Gegenwart und der mittelfristigen Zukunft. Der darin an prominenter Stelle behandelte Transnistrienkonflikt ist es aufgrund seiner Besonderheiten wert, in diesem Blog demnächst gesondert behandelt zu werden.

Die Bundestagsabgeordneten Gernot Erler und Manfred Grund führten u.a. zur Außenpolitik der Europäischen Union aus. Die EU wolle sich mittels ihrer Nachbarschaftspolitik mit einem Ring befreundeter Staaten umgeben. Gleichzeitig erklärte Erler prononciert, das klassische Denken in Einflußsphären gehöre dem 19. Jahrhundert an und habe im 21. Jh. keine Zukunft. Diese These ruft indes beim Betrachter Erstaunen hervor, denn die Staaten, die mittels der Nachbarschaftspolitik an die EU gebunden werden sollen, wären im Ergebnis nichts anderes als eine exklusive und hierarchische Einflußsphäre der EU. Das geht soweit, daß diese Staaten einen Teil des Gemeinschaftsrechts („aquis communautaire“) übernehmen sollen, ohne allerdings an Formulierung dieser Rechtsakte in irgendeiner Form beteiligt zu sein.

Manfred Schünemann und Peter Schulze haben die sich daraus ergebenden Differenzen zwischen Deutschland bzw. der EU und Rußland sehr treffend resümiert: Die EU will in Osteuropa zwar Freunde haben – aber ausschließlich zu den in Brüssel formulierten Spielregeln. Auf der anderen Seite ist die Rußländische Föderation durchaus zur Integration in europäische Strukturen bereit – aber nur zu gemeinsam ausgehandelten, nicht zu einseitig diktierten Bedingungen.
Man könnte es auch anders formulieren: Der „Westen“ erwartet oft, daß die RF in zentralen politischen Fragen einseitig in Vorleistung geht, ohne daß eine Gegenleistung jenseits eines „feuchtwarmen Händedrucks“ oder freundlichen Schulterklopfens absehbar ist. Früher, namentlich mit Präsident Jelzin, hatte man damit regelmäßig Erfolg, doch seit einigen Jahren ist Moskau immer weniger dazu bereit und erwartet – ganz „altmodisch“ – eine konkrete und einigermaßen gleichberechtigte Zusammenarbeit (Stichwort: Win-win-Situation).
Dieses Dilemma zog sich durch die gesamte Konferenz; seine Auflösung erscheint derzeit kaum möglich, auch wenn seine nüchterne Benennung schon ein Gewinn für die weitere Debatte ist.

Des weiteren wurden von den Referenten und Diskutanten zahlreiche Detailfragen angesprochen, deren Erörterung hier nicht möglich ist. Einer der Höhepunkte war zweifelsohne der Vortrag des Brigadegenerals a.D. Klaus Wittmann, der in erfreulicher Offenheit über das Verhältnis der NATO zu Rußland sprach. Deshalb soll seinen Einlassungen hier etwas mehr Raum gegeben werden, zumal er sämtliche relevanten Punkte angeschnitten hat.

Zunächst konstatierte Wittmann, daß der „Westen“ und Rußland heute keine gegenseitige Bedrohung darstellten; die Kriegsgefahr in Europa gehe gegen Null. Beide Seiten stünden vor gemeinsamen Bedrohungen und Herausforderungen (z.B. Drogenhandel, Terrorismus, Proliferation von ABC-Waffen). Der NATO-Gipfel in Lissabon habe erste Fortschritte gebracht, die jedoch noch nicht konkret genug seien. Die NATO müsse bei der Gestaltung ihrer Beziehungen zur RF ambitionierter vorgehen und brauche ein grundsätzlich neues Programm, das vor allem die Möglichkeiten zur Kooperation betone, denn der Versuch, europäische Sicherheit nicht mit, sondern gegen Rußland zu erreichen, brächte neue Risiken.
Als Probleme bzw. Fehler, die die NATO in der Vergangenheit gemacht habe, benannte er u.a. ein Mißverstehen der russischen Psychologie (Vermitteln eines Gefühls der Ausgeschlossenheit), westlichen Triumphalismus („wir haben den Kalten Krieg gewonnen und ihr habt verloren“) sowie die Nichtratifikation des Angepaßten KSE-Vertrages durch sämtliche Mitgliedsstaaten der NATO, was im Ergebnis zu einem Rückschlag bei der konventionellen Rüstungskontrolle geführt habe.

Insofern unterscheidet sich der Brigadegeneral deutlich (und wohltuend) von einem anderen Referenten – Hannes Adomeit –, dessen Einlassungen in Vortrag und Diskussion sich auf den Tenor bringen lassen, daß die Russen an sämtlichen Problemen im Ost-West-Verhältnis allein schuld seien. Auch einige von Wittmanns Lösungsvorschlägen sind praxisorientiert und erscheinen durchaus realisierbar. So z.B. ein neuer Ansatz für den gescheiterten und inhaltlich mittlerweile obsoleten AKSE-Vertrag, ein neues Format für den NATO-Rußland-Rat, in dem vor allem die gemeinsamen Interessen ausgelotet werden sollen, oder eine verstärkte Kooperation der NATO mit der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS/CSTO), insbesondere hinsichtlich der Probleme in und um Afghanistan.

Andererseits zwingen manche seiner Einlassungen zur kritischen Nachfrage. So meint Wittmann, der Vorwurf, die NATO habe in den 1990er Jahren aus der Schwäche Rußlands Kapital gezogen und sich nach Osten ausgedehnt, sei unberechtigt. Dabei dürfte dies für jeden verständigen Betrachter, der eine Landkarte lesen kann, evident sein. Auch seine Zweifel, es habe seitens der NATO keine Zusagen für den Verzicht auf eine Ostausdehnung gegeben, werden bei einem Blick in zeitgenössische Quellen widerlegt. Was sonst sollte z.B. der Sinn von Artikel 5 Absatz 3 des Zwei-plus-vier-Vertrages sein? Warum sollten seitens der NATO-Staaten 1990 nicht auch weitere, freilich nicht rechtsverbindliche Erklärungen mit ähnlichem Inhalt abgegeben worden sein?

Ferner hat Wittmann (wie auch Erler und Grund) mehrfach ein neues außen- und sicherheitspolitisches Denken innerhalb Rußlands eingefordert. Vor allem die Eliten in Politik und Militär sollten von den überkommenen Denkmustern des Kalten Krieges Abstand nehmen. Dieser Vorwurf ist zum Teil durchaus berechtigt, solche Personen gibt es, auch unter den Journalisten und Publizisten. Allerdings übersieht der frühere General ebenso wie die beiden Abgeordneten zweierlei: Erstens erscheinen einige der rußländischen Vorbehalte durchaus berechtigt, wenn man die Sache nicht aus der Berliner, Brüsseler oder Washingtoner Perspektive betrachtet, sondern von Moskau aus. Deshalb geht der implizit mitschwingende Vorwurf der Irrationalität des russischen Denkens fehl und deutet eher auf einen Mangel an eigener Empathie hin.

Zweitens sollte, gerade wenn ein gemeinsamer Neuanfang gewünscht wird, nicht verschwiegen werden, daß das politische Denken in den Schemata der Blockkonfrontation auch in den NATO-Staaten noch virulent ist. Ist hier etwa kein Umdenken erforderlich?

Es mutet beispielsweise seltsam an, wenn im März diesen Jahres der amerikanische Director of National Intelligence, James Clapper, vor dem Senat davon spricht, daß Rußland für die USA eine schwere Bedrohung darstelle, gegen die man sich unbedingt wappnen müsse. Oder wenn die Außenministerin Hillary Clinton vor dem Kongreß unumwunden einräumt, daß die US-Regierung einen Informationskrieg gegen Rußland (und andere Staaten) führt und dafür neue Haushaltsmittel anfordert. Oder, drittens, der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey, der Rußland mehrfach als „faschistische“ „Diktatur“ beschimpft hat.

Derart „altes Denken“ findet sich in den NATO-Staaten nicht nur auf der politisch-strategischen Ebene, sondern auch auf der militärisch-taktischen. In der Zeitschrift Visier Nr. 3/2010 (S. 131) wird berichtet, daß sich im Pflichtenheft für die Maschinenpistole MP 7 explizit die Forderung befunden habe, daß die kleinkalibrige Munition der MP 7 fähig sein soll, ballistische Schutzwesten rußländischer Produktion zu durchschlagen. Weshalb will die NATO mit ihren Waffen unbedingt russische Schutzwesten durchdringen können? Warum genügen keine abstrakten Kriterien für derartige Tests? Eine Antwort drängt sich auf: Selbstverständlich betrachtet die NATO Rußland nach wie vor als ihren möglichen Hauptfeind, gegen den sich die eigenen Rüstungsanstrengungen zu richten haben.

Drittens sei ein Beispiel für das von Wittmann kritisierte alte Denken genannt, das aus dem Bereich des deutschen „Otto-Normalbürgers“ stammt. Vor einigen Jahren hatte ich eine rußlandbezogene Diskussion mit einem Bekannten aus Hessen, der, als ihm die Argumente ausgingen, bekannte: „Mein Großvater hat gewußt, daß der Feind im Osten steht; mein Vater hat gewußt, daß der Feind in Osten steht; und ich weiß es auch.“ Der junge Mann, dessen genannte Vorfahren bei den Panzertruppen von Wehrmacht und Bundeswehr dienten, war seinerzeit bekennendes Mitglied der Jungen Union und zudem Akademiker, weshalb ich ihm eine bessere Reflektionsfähigkeit zugetraut hätte. Doch nein, statt dessen kam platte Russophobie zum Vorschein, die nicht einmal die – mittlerweile gut dokumentierte – verbrecherische Dimension der deutschen Kriegführung der Jahre 1941 bis 1945 erkennen wollte.

Die Überwindung alter und tiefsitzender Vorurteile und eigentlich obsoleter Denkschemata ist also keineswegs nur in Rußland, sondern auch in den Mitgliedsstaaten von NATO und EU eine drängende Aufgabe. Anderenfalls bleiben vertrauensbildende Maßnahmen im Stadium der guten Absicht stecken.
Leider wurde dies am Freitag von keinem der Teilnehmer thematisiert, denn dann hätte man auch über die Rolle der Medien sprechen müssen. In denen des „Westens“ dominiert seit Jahren ein eindeutig negatives Rußlandbild. Mittlerweile kann dies schon mittels empirischer Untersuchungen belegt werden. Und wenn es ein Medium wagen sollte, gegen diese Einseitigkeit anzuschreiben und sich um mehr Ausgewogenheit und Realitätssinn zu bemühen, dann wird es von den Platzhirschen des Meinungsmonopols – wie etwa in diesem Fall – sofort der „Kreml-Propaganda“ bezichtigt, die die ahnungslosen Deutschen verwirren solle.

Angesichts dessen dürfte das angemahnte und notwendige Umdenken zumindest in Deutschland schwer sein. Die Russen leben ihrerseits schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr hinter dem „eisernen Vorhang“, der sie nicht nur von Reisen, sondern auch von Informationen aus dem Rest der Welt abgeschnitten hat. Im Gegenteil, Webportale wie InoSMI.ru, auf denen täglich zahlreiche rußlandbezogene Artikel aus der internationalen Presse ins Russische übersetzt werden, erfreuen sich großer Beliebtheit. D.h. „Iwan-Normalbürger“ weiß recht genau, wie negativ und z.T. feindselig im Ausland über ihn und sein Land geschrieben wird.
Es liegt auf der Hand, daß dies innerhalb der rußländischen Gesellschaft nicht ohne Rückwirkungen bleiben kann. Die von manchen ausländischen Beobachtern beklagte „anti-westliche“ Stimmung der letzten Jahre ist zu einem Großteil darauf zurückzuführen. Politik und Medienberichterstattung des „Westens“ gegenüber Rußland sind für manche Russen die Bestätigung dafür, daß die Feindbilder sowjetischer Provenienz gar nicht so falsch gewesen sein können. Und damit dreht sich die Spirale des „alten Denkens“ weiter …

Der Begriff erinnert natürlich an das von Michail Gorbatschow in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre propagierte „Neue Denken“ in der Außen- und Sicherheitspolitik. Bedauerlicherweise sind diese Ansätze der gemeinsamen Sicherheit, wie sie auch für die OSZE geplant waren, schon lange steckengeblieben und werden nur noch selten, je nach aktuellem Bedarf, instrumentalisiert. Die OSZE kann die ihr zugedachte Rolle eines gesamteuropäischen Sicherheitssystems nicht erfüllen, weil einige Staaten ein (auch in Übersee aktives) Militärbündnis bevorzugen. Erfreulicherweise wurde auf der Konferenz auch von deutscher Seite mehrfach eine größere Bedeutung der OSZE angemahnt, auch wenn das von Präsident Medwedew vorgeschlagene Projekt eines Vertrages über europäische Sicherheit keinerlei Aussichten auf eine Realisierung hat.

Ein letzter Punkt, der nicht nur von Wittmann, sondern auch von anderen deutschen Teilnehmern betont wurde, war die Aufforderung, die Deutschen sollten in den Beziehungen zu Rußland Alleingänge vermeiden und nur in Abstimmung mit ihren Partnern in NATO und EU agieren. Grund hierfür seien historisch bedingte Befindlichkeiten in den neuen Mitgliedsstaaten der beiden Organisationen. Die wechselvolle Geschichte z.B. Polens als Argument gegen gute deutsch-russische Beziehungen anzuführen, halte ich für gewagt. Denn entgegen der von einigen polnischen Nationalisten verbreiteten Mythen war Polen im 20. Jahrhundert keineswegs ein wehrloses Opfer „der Russen“. Nicht nur der 1919 vom Zaun gebrochene Krieg, der die Eroberung eines Intermarium genannten polnischen Imperiums bezweckte und u.a. zur Einnahme von Kiew führte, spricht dagegen. Erstaunlich ist, daß dieser Konflikt von manchen polnischen Historikern heute als „Verteidigungskrieg“ verkauft wird (passenderweise in englischer und deutscher Sprache). Bemerkenswert ist ferner, daß von den 16000 bis 20000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die zwischen 1919 und 1924 in polnischem Gewahrsam umgekommen sind, heute kaum noch gesprochen wird, während alle Welt weiß, was 1940 in Katyn und anderen Orten geschehen ist. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen …

Wenn bestimmte Kreise in den osteuropäischen Staaten meinen, einen großteils irrationalen Russenhaß pflegen zu müssen, um ihre nationale Identität zu erhalten, dann ist dies bedauerlich genug. Wir Deutschen sind durch unsere Mitgliedschaft in NATO und EU jedoch nicht dazu verpflichtet, uns die dort populären Geschichtsklitterungen und -mythen zu eigen zu machen. Die Abläufe waren zumeist erheblich komplexer und weniger schwarz-weiß.
Des weiteren legen neuere Forschungen den Schluß nahe, daß die Mitgliedsstaaten von Warschauer Vertrag und RGW keineswegs die willenlosen Objekte sowjetischer Vorherrschaft waren, als die sie heute oft dargestellt werden. Im Gegenteil, die Führungen dieser Staaten haben konsequent eigene Ziele verfolgt und sie der SU bisweilen sogar aufgezwungen. Auch hinsichtlich dieses Punktes wird die Historiographie in den nächsten Jahren hoffentlich dazu beitragen, ein realistischeres Bild der jüngeren Geschichte zu zeichnen.

Zudem sollte nicht vergessen werden, mit welchen Argumenten in den 1990er Jahren in der deutschen Öffentlichkeit die NATO-Osterweiterung beworben wurde. Da hieß es z.B., man dürfe kein Sicherheitsvakuum in Europa entstehen lassen, weshalb die Einbindung der osteuropäischen Staaten in die NATO auch im Interesse Rußlands liegen sollte. Ein interessantes Argument – doch hat die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt, daß es nicht zutrifft.
Der Schutzmantel der NATO-Mitgliedschaft hat insbesondere in den drei baltischen Republiken dazu geführt, daß deren Politik immer konfrontativer wurde. Und zwar nicht nur gegenüber der RF als Staat, sondern auch gegenüber den jeweiligen ostslawischen Minderheiten. So sind mittlerweile aus Estland mehrere Fälle bekannt, in denen estnische Ärzte russischsprachigen Patienten die Behandlung verweigert und beschimpft haben – sogar dann, wenn die Patienten bereits die estnische Staatsbürgerschaft erworben hatten (was bekanntlich nicht ganz einfach ist). Dieses Verhalten ist skandalös und hat – zu Recht – zur Entlassung der betreffenden Ärzte geführt.

Gleichwohl darf nicht übersehen werden, daß offenkundig Teile der baltischen Mehrheitsbevölkerung einem radikalethnischen Nationalismus huldigen, welcher in den selbsternannten „Wertegemeinschaften“ NATO und EU eigentlich keinen Platz haben sollte. Beide Organisationen werden im Baltikum jedoch vor allem als Schutzschild gegen „die Russen“ wahrgenommen, so daß man seinem Haß auf die ungeliebten Mitbürger nunmehr freien Lauf lassen kann, ohne auf den Nachbarn Rußland noch irgendwelche politischen Rücksichten nehmen zu müssen.
Insofern haben NATO und EU bei der Krisenprävention kläglich versagt; ihre Osterweiterung hat im Ergebnis nicht zu mehr, sondern zu weniger Sicherheit geführt.
Dieser Befund sollte hierzulande im Auge behalten werden, wenn einige osteuropäische Hardliner von den Deutschen wieder einmal bedingungslose Solidarität für ihren partikularen Kampf gegen Rußland fordern und dabei versuchen, mit Emotionen zu spielen.

Leider hat Wittmann nur wenig zur militärischen Zusammenarbeit zwischen der NATO und der RF gesagt. Er erwähnte zwar gemeinsame Ausbildungs- und Forschungsaktivitäten, doch blieb z.B. die seit Jahren anstandslos laufende Kooperation bezüglich Afghanistan, z.B. die deutschen Truppen- und Gütertransporte auf dem Land- und Luftweg, ungenannt.

Zum Abschluß der Konferenz zog Nikolaj Schmeljow sein Resümee. Er betonte, daß Rußland seinem Selbstverständnis nach ein europäisches Land war und ist, das jedoch aufgrund seiner geographischen Lage zwangsläufig auch Interessen in Asien wahrzunehmen hat. Schmeljow hält alle Diskussionen über eine Mitgliedschaft Rußlands in NATO oder EU für absurd, denn beide Organisationen würden sich schon allein wegen der räumlichen Ausdehnung damit übernehmen. Wünschenswert sei vielmehr eine enge Kooperation, wie sie sich etwa in Gestalt des eurasischen Transportkorridors anbiete. Mit Blick auf die derzeitige Krise in der Finanzpolitik der EU meinte er, daß Rußland sich kein am Boden liegendes Europa wünschen könne. Schmeljow hat, wie auch andere russische Teilnehmer, wert darauf gelegt, daß Europa nicht mit der Organisation „EU“ identisch ist. Das oft gemachte sprachliche Gleichheitszeichen zwischen beiden Termini sei fehl am Platze.


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