Posts mit dem Label Veranstaltung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Veranstaltung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 15. August 2011

Besser als im Training ...


... war mein Luftpistolen-Ergebnis beim diesjährigen Berlin-Cup am 13. August. Schon nach den ersten 40 Schüssen hatte ich das zweitbeste Ergebnis meines Lebens geschossen, nur einmal im Training waren es zwei Ringe mehr. Als dann die 60 Wertungsschüsse abgegeben waren, konnte ich auf mein bisher bestes Resultat blicken: neun Ringe über dem bisherigen Trainingshöchstwert. :-)



Es wird unter Schießsportlern wohl nicht allzu oft vorkommen, daß man im Wettkampf deutlich besser schießt als während der Übungseinheiten. Eine Medaille konnte ich am Samstag natürlich nicht gewinnen, dafür war das Leistungsniveau dieser als Vorbereitung für die Deutsche Meisterschaft konzipierten Veranstaltung zu hoch. Nichtsdestotrotz ein schöner Erfolg.



Dank gebührt auch den gastgebenden Adlershofer Füchsen für die gute Organisation. Diese Truppe, eigentlich die Schießsportabteilung des PSV Olympia Berlin, ist m.E. ein Musterbeispiel für einen modernen Schützenverein, in dem nicht nur sehr viele Disziplinen angeboten werden, sondern auch sehr leistungsorientiert gearbeitet wird. Erstaunt hat mich die große Zahl der jugendlichen Teilnehmer, viele davon aus der Sportschule Frankfurt/Oder. Das kenne ich aus meiner Heimat gar nicht, wo ich eines der jüngsten Mitglieder bin.



Ich freue mich schon auf den Berlin-Cup 2012, dann sicher auch in den KK-Kurzwaffendisziplinen.





Verwandte Beiträge:
Saisonende
Mühsam ernährt sich ...
Wettkampfeindrücke und Alterserscheinungen
Leistungssprung

Dienstag, 7. Juni 2011

Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung


Am vergangenen Freitag hatte ich Gelegenheit, in Berlin an der deutsch-russischen Konferenz „Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa“, die anläßlich des bevorstehenden 70. Jahrestages der Operation „Barbarossa“ veranstaltet wurde, teilzunehmen. (Das Programm ist hier zu finden.) Nachfolgend wird auf einige Aspekte dieser Veranstaltung eingegangen, an der auf beiden Seiten namhafte Politiker und Wissenschaftler teilgenommen haben.

In den Einführungsreferaten von Botschafter Wladimir Grinin und dem Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses Walter Momper wurde die seit 20 Jahren erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland, etwa auf dem Gebiet der öffentlichen Verwaltung, betont. Momper konnte hier aus seiner Erfahrung der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Moskau berichten. Ähnliches wurde von anderen Teilnehmern vorgetragen. Am unproblematischsten sei die Kooperation auf den Gebieten Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft.

Im ersten, primär historischen Teil kamen jeweils zwei Historiker aus Deutschland und der RF zu Wort, die durch Co-Referate anderer Teilnehmer ergänzt wurden. Von besonderem Wert waren die Einlassungen Jochen Laufers und seines Kollegen Alexej Filitow, die gemeinsam am nunmehr vierten Band der Quellenedition „Die UdSSR und die deutsche Frage 1941–1948“ arbeiten, der sich insbesondere die Berlinkrise 1948 widmen wird. Schon jetzt deutet sich an, daß dadurch – ebenso wie durch Laufers eigene Forschungen – mancher hierzulande populäre Mythos ins Wanken kommen dürfte.
Laufers These: Nach Kriegsende 1945 richtete sich keine sowjetische Aggressivität nach außen. Vielmehr ging es um eine Absicherung des während des Krieges eroberten Machtbereichs in Osteuropa (Repressivität). In Fragen, die über dieses Territorium hinausgingen, wie z.B. die Meerengenfrage, zeigte Stalin eine erstaunliche Flexibilität und Kompromißbereitschaft.
Daran anschließend fragte Peter Schulze, ob man sich im Westen dessen bewußt gewesen sei und ob der Aufbau gewaltiger Militärapparate nicht möglicherweise instinktiv (also ohne genaue Bedrohungsanalyse) erfolgte.

Im übrigen zeichneten sich Alexander Tschubarjan, Boris Chawkin und Nikolaj Schmeljow durch sachliche und ausgewogene, die neuesten Forschungsergebnisse widerspiegelnde Beiträge aus, die den Verfasser dieser Zeilen für seine weiteren Forschungen angeregt haben.
Besonders Tschubarjan gelang es, die schwierige Gemengelage in der sowjetischen Führung, die sich aus dem Fehlen eines formalisierten und zentralisierten Entscheidungsverfahrens ergab, darzulegen. Manche Entscheidungen der Stalin-Ära werden womöglich nie endgültig zu erklären sein, denn es fehle z.T. schlicht an zeitgenössischen Quellen. Stalin habe vieles nicht schriftlich fixiert und seine Mitarbeiter hätten oft keine eigenen Aufzeichnungen hinterlassen. So auch Molotow, der sich zudem noch kurz vor seinem Ableben in den 1980er Jahren – also lange nach Stalins Tod – weigerte, auf wichtige Fragen sowjetischer Historiker zu antworten. Das hat im konkreten Fall zur Folge, daß die rußländischen Historiker etwa auf die deutschen Protokolle von Molotows Verhandlungen mit Ribbentrop und Hitler zurückgreifen müßten, da es keine Aufzeichnungen der sowjetischen Teilnehmer gebe.

Erhellend auch Peter Jahns Referat über „Täter- und Opferdiskurse in der Kriegserinnerung der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit“, der den langsamen Wandel von der Verdrängung der Verbrechen und dem überhöhten Opfermythos von der „Verteidigung des christlichen Abendlandes“ an den fernen Ufern der Wolga hin zur Aufarbeitung nachzeichnete.
Dies veranlaßte eine Konferenzteilnehmerin zu dem durchaus treffenden Kommentar, daß die Niederlage im Zweiten Weltkrieg für die heutigen Deutschen identitätsstiftend geworden sei und sie aus der Vergangenheitsbewältigung neues Selbstbewußtsein – auch auf der internationalen Bühne – zögen.
Damit hatte die Dame schon vorweggenommen, was sich im weiteren Verlauf der Tagung zeigen sollte: Viele der deutschen Teilnehmer haben das Thema „Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa“ strikt in einen historischen und einen aktuellen Teil getrennt und so getan, als hielte die Geschichte keine Lehren für die Gegenwart bereit. Die russischen Teilnehmer waren hingegen durchweg bemüht, beides in ihren Betrachtungen zu verbinden.

Alexej Gromyko (übrigens der Enkel des früheren sowjetischen Außenministers) benannte drei Syndrome aus der deutsch-sowjetischen Vergangenheit, die z.T. bis in die Gegenwart wirken: das Versailles-Syndrom (Ausschluß der UdSSR aus der europäischen Sicherheitsarchitektur in Gestalt des Völkerbundes), das München-Syndrom als Symbol für Uneinigkeit und das 22.-Juni-Syndrom als Beschreibung der militärischen Überraschung. Ferner meinte er, falls der berühmte Shukow-Plan vom 15. Mai 1941 – also ein sowjetischer Präventivschlag in den seit Ende 1940 erkannten deutschen Truppenaufmarsch hinein – umgesetzt worden wäre, stünde die Sowjetunion heute noch viel stärker am Pranger als ohnehin. Mithin waren Stalins Weisungen, die jegliche „Provokation“ des Dritten Reiches ausschließen wollten, der einzig gangbare Weg, damit sich der spätere Aggressor nicht auf die Position der Selbstverteidigung zurückziehen konnte.

Daran anschließend drehte sich die Tagung um Probleme der Gegenwart und der mittelfristigen Zukunft. Der darin an prominenter Stelle behandelte Transnistrienkonflikt ist es aufgrund seiner Besonderheiten wert, in diesem Blog demnächst gesondert behandelt zu werden.

Die Bundestagsabgeordneten Gernot Erler und Manfred Grund führten u.a. zur Außenpolitik der Europäischen Union aus. Die EU wolle sich mittels ihrer Nachbarschaftspolitik mit einem Ring befreundeter Staaten umgeben. Gleichzeitig erklärte Erler prononciert, das klassische Denken in Einflußsphären gehöre dem 19. Jahrhundert an und habe im 21. Jh. keine Zukunft. Diese These ruft indes beim Betrachter Erstaunen hervor, denn die Staaten, die mittels der Nachbarschaftspolitik an die EU gebunden werden sollen, wären im Ergebnis nichts anderes als eine exklusive und hierarchische Einflußsphäre der EU. Das geht soweit, daß diese Staaten einen Teil des Gemeinschaftsrechts („aquis communautaire“) übernehmen sollen, ohne allerdings an Formulierung dieser Rechtsakte in irgendeiner Form beteiligt zu sein.

Manfred Schünemann und Peter Schulze haben die sich daraus ergebenden Differenzen zwischen Deutschland bzw. der EU und Rußland sehr treffend resümiert: Die EU will in Osteuropa zwar Freunde haben – aber ausschließlich zu den in Brüssel formulierten Spielregeln. Auf der anderen Seite ist die Rußländische Föderation durchaus zur Integration in europäische Strukturen bereit – aber nur zu gemeinsam ausgehandelten, nicht zu einseitig diktierten Bedingungen.
Man könnte es auch anders formulieren: Der „Westen“ erwartet oft, daß die RF in zentralen politischen Fragen einseitig in Vorleistung geht, ohne daß eine Gegenleistung jenseits eines „feuchtwarmen Händedrucks“ oder freundlichen Schulterklopfens absehbar ist. Früher, namentlich mit Präsident Jelzin, hatte man damit regelmäßig Erfolg, doch seit einigen Jahren ist Moskau immer weniger dazu bereit und erwartet – ganz „altmodisch“ – eine konkrete und einigermaßen gleichberechtigte Zusammenarbeit (Stichwort: Win-win-Situation).
Dieses Dilemma zog sich durch die gesamte Konferenz; seine Auflösung erscheint derzeit kaum möglich, auch wenn seine nüchterne Benennung schon ein Gewinn für die weitere Debatte ist.

Des weiteren wurden von den Referenten und Diskutanten zahlreiche Detailfragen angesprochen, deren Erörterung hier nicht möglich ist. Einer der Höhepunkte war zweifelsohne der Vortrag des Brigadegenerals a.D. Klaus Wittmann, der in erfreulicher Offenheit über das Verhältnis der NATO zu Rußland sprach. Deshalb soll seinen Einlassungen hier etwas mehr Raum gegeben werden, zumal er sämtliche relevanten Punkte angeschnitten hat.

Zunächst konstatierte Wittmann, daß der „Westen“ und Rußland heute keine gegenseitige Bedrohung darstellten; die Kriegsgefahr in Europa gehe gegen Null. Beide Seiten stünden vor gemeinsamen Bedrohungen und Herausforderungen (z.B. Drogenhandel, Terrorismus, Proliferation von ABC-Waffen). Der NATO-Gipfel in Lissabon habe erste Fortschritte gebracht, die jedoch noch nicht konkret genug seien. Die NATO müsse bei der Gestaltung ihrer Beziehungen zur RF ambitionierter vorgehen und brauche ein grundsätzlich neues Programm, das vor allem die Möglichkeiten zur Kooperation betone, denn der Versuch, europäische Sicherheit nicht mit, sondern gegen Rußland zu erreichen, brächte neue Risiken.
Als Probleme bzw. Fehler, die die NATO in der Vergangenheit gemacht habe, benannte er u.a. ein Mißverstehen der russischen Psychologie (Vermitteln eines Gefühls der Ausgeschlossenheit), westlichen Triumphalismus („wir haben den Kalten Krieg gewonnen und ihr habt verloren“) sowie die Nichtratifikation des Angepaßten KSE-Vertrages durch sämtliche Mitgliedsstaaten der NATO, was im Ergebnis zu einem Rückschlag bei der konventionellen Rüstungskontrolle geführt habe.

Insofern unterscheidet sich der Brigadegeneral deutlich (und wohltuend) von einem anderen Referenten – Hannes Adomeit –, dessen Einlassungen in Vortrag und Diskussion sich auf den Tenor bringen lassen, daß die Russen an sämtlichen Problemen im Ost-West-Verhältnis allein schuld seien. Auch einige von Wittmanns Lösungsvorschlägen sind praxisorientiert und erscheinen durchaus realisierbar. So z.B. ein neuer Ansatz für den gescheiterten und inhaltlich mittlerweile obsoleten AKSE-Vertrag, ein neues Format für den NATO-Rußland-Rat, in dem vor allem die gemeinsamen Interessen ausgelotet werden sollen, oder eine verstärkte Kooperation der NATO mit der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit (OVKS/CSTO), insbesondere hinsichtlich der Probleme in und um Afghanistan.

Andererseits zwingen manche seiner Einlassungen zur kritischen Nachfrage. So meint Wittmann, der Vorwurf, die NATO habe in den 1990er Jahren aus der Schwäche Rußlands Kapital gezogen und sich nach Osten ausgedehnt, sei unberechtigt. Dabei dürfte dies für jeden verständigen Betrachter, der eine Landkarte lesen kann, evident sein. Auch seine Zweifel, es habe seitens der NATO keine Zusagen für den Verzicht auf eine Ostausdehnung gegeben, werden bei einem Blick in zeitgenössische Quellen widerlegt. Was sonst sollte z.B. der Sinn von Artikel 5 Absatz 3 des Zwei-plus-vier-Vertrages sein? Warum sollten seitens der NATO-Staaten 1990 nicht auch weitere, freilich nicht rechtsverbindliche Erklärungen mit ähnlichem Inhalt abgegeben worden sein?

Ferner hat Wittmann (wie auch Erler und Grund) mehrfach ein neues außen- und sicherheitspolitisches Denken innerhalb Rußlands eingefordert. Vor allem die Eliten in Politik und Militär sollten von den überkommenen Denkmustern des Kalten Krieges Abstand nehmen. Dieser Vorwurf ist zum Teil durchaus berechtigt, solche Personen gibt es, auch unter den Journalisten und Publizisten. Allerdings übersieht der frühere General ebenso wie die beiden Abgeordneten zweierlei: Erstens erscheinen einige der rußländischen Vorbehalte durchaus berechtigt, wenn man die Sache nicht aus der Berliner, Brüsseler oder Washingtoner Perspektive betrachtet, sondern von Moskau aus. Deshalb geht der implizit mitschwingende Vorwurf der Irrationalität des russischen Denkens fehl und deutet eher auf einen Mangel an eigener Empathie hin.

Zweitens sollte, gerade wenn ein gemeinsamer Neuanfang gewünscht wird, nicht verschwiegen werden, daß das politische Denken in den Schemata der Blockkonfrontation auch in den NATO-Staaten noch virulent ist. Ist hier etwa kein Umdenken erforderlich?

Es mutet beispielsweise seltsam an, wenn im März diesen Jahres der amerikanische Director of National Intelligence, James Clapper, vor dem Senat davon spricht, daß Rußland für die USA eine schwere Bedrohung darstelle, gegen die man sich unbedingt wappnen müsse. Oder wenn die Außenministerin Hillary Clinton vor dem Kongreß unumwunden einräumt, daß die US-Regierung einen Informationskrieg gegen Rußland (und andere Staaten) führt und dafür neue Haushaltsmittel anfordert. Oder, drittens, der ehemalige CIA-Direktor James Woolsey, der Rußland mehrfach als „faschistische“ „Diktatur“ beschimpft hat.

Derart „altes Denken“ findet sich in den NATO-Staaten nicht nur auf der politisch-strategischen Ebene, sondern auch auf der militärisch-taktischen. In der Zeitschrift Visier Nr. 3/2010 (S. 131) wird berichtet, daß sich im Pflichtenheft für die Maschinenpistole MP 7 explizit die Forderung befunden habe, daß die kleinkalibrige Munition der MP 7 fähig sein soll, ballistische Schutzwesten rußländischer Produktion zu durchschlagen. Weshalb will die NATO mit ihren Waffen unbedingt russische Schutzwesten durchdringen können? Warum genügen keine abstrakten Kriterien für derartige Tests? Eine Antwort drängt sich auf: Selbstverständlich betrachtet die NATO Rußland nach wie vor als ihren möglichen Hauptfeind, gegen den sich die eigenen Rüstungsanstrengungen zu richten haben.

Drittens sei ein Beispiel für das von Wittmann kritisierte alte Denken genannt, das aus dem Bereich des deutschen „Otto-Normalbürgers“ stammt. Vor einigen Jahren hatte ich eine rußlandbezogene Diskussion mit einem Bekannten aus Hessen, der, als ihm die Argumente ausgingen, bekannte: „Mein Großvater hat gewußt, daß der Feind im Osten steht; mein Vater hat gewußt, daß der Feind in Osten steht; und ich weiß es auch.“ Der junge Mann, dessen genannte Vorfahren bei den Panzertruppen von Wehrmacht und Bundeswehr dienten, war seinerzeit bekennendes Mitglied der Jungen Union und zudem Akademiker, weshalb ich ihm eine bessere Reflektionsfähigkeit zugetraut hätte. Doch nein, statt dessen kam platte Russophobie zum Vorschein, die nicht einmal die – mittlerweile gut dokumentierte – verbrecherische Dimension der deutschen Kriegführung der Jahre 1941 bis 1945 erkennen wollte.

Die Überwindung alter und tiefsitzender Vorurteile und eigentlich obsoleter Denkschemata ist also keineswegs nur in Rußland, sondern auch in den Mitgliedsstaaten von NATO und EU eine drängende Aufgabe. Anderenfalls bleiben vertrauensbildende Maßnahmen im Stadium der guten Absicht stecken.
Leider wurde dies am Freitag von keinem der Teilnehmer thematisiert, denn dann hätte man auch über die Rolle der Medien sprechen müssen. In denen des „Westens“ dominiert seit Jahren ein eindeutig negatives Rußlandbild. Mittlerweile kann dies schon mittels empirischer Untersuchungen belegt werden. Und wenn es ein Medium wagen sollte, gegen diese Einseitigkeit anzuschreiben und sich um mehr Ausgewogenheit und Realitätssinn zu bemühen, dann wird es von den Platzhirschen des Meinungsmonopols – wie etwa in diesem Fall – sofort der „Kreml-Propaganda“ bezichtigt, die die ahnungslosen Deutschen verwirren solle.

Angesichts dessen dürfte das angemahnte und notwendige Umdenken zumindest in Deutschland schwer sein. Die Russen leben ihrerseits schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr hinter dem „eisernen Vorhang“, der sie nicht nur von Reisen, sondern auch von Informationen aus dem Rest der Welt abgeschnitten hat. Im Gegenteil, Webportale wie InoSMI.ru, auf denen täglich zahlreiche rußlandbezogene Artikel aus der internationalen Presse ins Russische übersetzt werden, erfreuen sich großer Beliebtheit. D.h. „Iwan-Normalbürger“ weiß recht genau, wie negativ und z.T. feindselig im Ausland über ihn und sein Land geschrieben wird.
Es liegt auf der Hand, daß dies innerhalb der rußländischen Gesellschaft nicht ohne Rückwirkungen bleiben kann. Die von manchen ausländischen Beobachtern beklagte „anti-westliche“ Stimmung der letzten Jahre ist zu einem Großteil darauf zurückzuführen. Politik und Medienberichterstattung des „Westens“ gegenüber Rußland sind für manche Russen die Bestätigung dafür, daß die Feindbilder sowjetischer Provenienz gar nicht so falsch gewesen sein können. Und damit dreht sich die Spirale des „alten Denkens“ weiter …

Der Begriff erinnert natürlich an das von Michail Gorbatschow in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre propagierte „Neue Denken“ in der Außen- und Sicherheitspolitik. Bedauerlicherweise sind diese Ansätze der gemeinsamen Sicherheit, wie sie auch für die OSZE geplant waren, schon lange steckengeblieben und werden nur noch selten, je nach aktuellem Bedarf, instrumentalisiert. Die OSZE kann die ihr zugedachte Rolle eines gesamteuropäischen Sicherheitssystems nicht erfüllen, weil einige Staaten ein (auch in Übersee aktives) Militärbündnis bevorzugen. Erfreulicherweise wurde auf der Konferenz auch von deutscher Seite mehrfach eine größere Bedeutung der OSZE angemahnt, auch wenn das von Präsident Medwedew vorgeschlagene Projekt eines Vertrages über europäische Sicherheit keinerlei Aussichten auf eine Realisierung hat.

Ein letzter Punkt, der nicht nur von Wittmann, sondern auch von anderen deutschen Teilnehmern betont wurde, war die Aufforderung, die Deutschen sollten in den Beziehungen zu Rußland Alleingänge vermeiden und nur in Abstimmung mit ihren Partnern in NATO und EU agieren. Grund hierfür seien historisch bedingte Befindlichkeiten in den neuen Mitgliedsstaaten der beiden Organisationen. Die wechselvolle Geschichte z.B. Polens als Argument gegen gute deutsch-russische Beziehungen anzuführen, halte ich für gewagt. Denn entgegen der von einigen polnischen Nationalisten verbreiteten Mythen war Polen im 20. Jahrhundert keineswegs ein wehrloses Opfer „der Russen“. Nicht nur der 1919 vom Zaun gebrochene Krieg, der die Eroberung eines Intermarium genannten polnischen Imperiums bezweckte und u.a. zur Einnahme von Kiew führte, spricht dagegen. Erstaunlich ist, daß dieser Konflikt von manchen polnischen Historikern heute als „Verteidigungskrieg“ verkauft wird (passenderweise in englischer und deutscher Sprache). Bemerkenswert ist ferner, daß von den 16000 bis 20000 sowjetischen Kriegsgefangenen, die zwischen 1919 und 1924 in polnischem Gewahrsam umgekommen sind, heute kaum noch gesprochen wird, während alle Welt weiß, was 1940 in Katyn und anderen Orten geschehen ist. Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen …

Wenn bestimmte Kreise in den osteuropäischen Staaten meinen, einen großteils irrationalen Russenhaß pflegen zu müssen, um ihre nationale Identität zu erhalten, dann ist dies bedauerlich genug. Wir Deutschen sind durch unsere Mitgliedschaft in NATO und EU jedoch nicht dazu verpflichtet, uns die dort populären Geschichtsklitterungen und -mythen zu eigen zu machen. Die Abläufe waren zumeist erheblich komplexer und weniger schwarz-weiß.
Des weiteren legen neuere Forschungen den Schluß nahe, daß die Mitgliedsstaaten von Warschauer Vertrag und RGW keineswegs die willenlosen Objekte sowjetischer Vorherrschaft waren, als die sie heute oft dargestellt werden. Im Gegenteil, die Führungen dieser Staaten haben konsequent eigene Ziele verfolgt und sie der SU bisweilen sogar aufgezwungen. Auch hinsichtlich dieses Punktes wird die Historiographie in den nächsten Jahren hoffentlich dazu beitragen, ein realistischeres Bild der jüngeren Geschichte zu zeichnen.

Zudem sollte nicht vergessen werden, mit welchen Argumenten in den 1990er Jahren in der deutschen Öffentlichkeit die NATO-Osterweiterung beworben wurde. Da hieß es z.B., man dürfe kein Sicherheitsvakuum in Europa entstehen lassen, weshalb die Einbindung der osteuropäischen Staaten in die NATO auch im Interesse Rußlands liegen sollte. Ein interessantes Argument – doch hat die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt, daß es nicht zutrifft.
Der Schutzmantel der NATO-Mitgliedschaft hat insbesondere in den drei baltischen Republiken dazu geführt, daß deren Politik immer konfrontativer wurde. Und zwar nicht nur gegenüber der RF als Staat, sondern auch gegenüber den jeweiligen ostslawischen Minderheiten. So sind mittlerweile aus Estland mehrere Fälle bekannt, in denen estnische Ärzte russischsprachigen Patienten die Behandlung verweigert und beschimpft haben – sogar dann, wenn die Patienten bereits die estnische Staatsbürgerschaft erworben hatten (was bekanntlich nicht ganz einfach ist). Dieses Verhalten ist skandalös und hat – zu Recht – zur Entlassung der betreffenden Ärzte geführt.

Gleichwohl darf nicht übersehen werden, daß offenkundig Teile der baltischen Mehrheitsbevölkerung einem radikalethnischen Nationalismus huldigen, welcher in den selbsternannten „Wertegemeinschaften“ NATO und EU eigentlich keinen Platz haben sollte. Beide Organisationen werden im Baltikum jedoch vor allem als Schutzschild gegen „die Russen“ wahrgenommen, so daß man seinem Haß auf die ungeliebten Mitbürger nunmehr freien Lauf lassen kann, ohne auf den Nachbarn Rußland noch irgendwelche politischen Rücksichten nehmen zu müssen.
Insofern haben NATO und EU bei der Krisenprävention kläglich versagt; ihre Osterweiterung hat im Ergebnis nicht zu mehr, sondern zu weniger Sicherheit geführt.
Dieser Befund sollte hierzulande im Auge behalten werden, wenn einige osteuropäische Hardliner von den Deutschen wieder einmal bedingungslose Solidarität für ihren partikularen Kampf gegen Rußland fordern und dabei versuchen, mit Emotionen zu spielen.

Leider hat Wittmann nur wenig zur militärischen Zusammenarbeit zwischen der NATO und der RF gesagt. Er erwähnte zwar gemeinsame Ausbildungs- und Forschungsaktivitäten, doch blieb z.B. die seit Jahren anstandslos laufende Kooperation bezüglich Afghanistan, z.B. die deutschen Truppen- und Gütertransporte auf dem Land- und Luftweg, ungenannt.

Zum Abschluß der Konferenz zog Nikolaj Schmeljow sein Resümee. Er betonte, daß Rußland seinem Selbstverständnis nach ein europäisches Land war und ist, das jedoch aufgrund seiner geographischen Lage zwangsläufig auch Interessen in Asien wahrzunehmen hat. Schmeljow hält alle Diskussionen über eine Mitgliedschaft Rußlands in NATO oder EU für absurd, denn beide Organisationen würden sich schon allein wegen der räumlichen Ausdehnung damit übernehmen. Wünschenswert sei vielmehr eine enge Kooperation, wie sie sich etwa in Gestalt des eurasischen Transportkorridors anbiete. Mit Blick auf die derzeitige Krise in der Finanzpolitik der EU meinte er, daß Rußland sich kein am Boden liegendes Europa wünschen könne. Schmeljow hat, wie auch andere russische Teilnehmer, wert darauf gelegt, daß Europa nicht mit der Organisation „EU“ identisch ist. Das oft gemachte sprachliche Gleichheitszeichen zwischen beiden Termini sei fehl am Platze.


Verwandte Beiträge:
Krieg im Baltikum
Die deutsche Frage I
Die deutsche Frage II
Die ukrainischen Nationalisten
Fremd- und Selbstbilder im Wissenschaftsbetrieb
Das russische Berlin

Montag, 23. Mai 2011

Mühsam ernährt sich ...


... der Sportschütze. ;-) Am vergangenen Wochenende haben hier die Kreismeisterschaften in den Kleinkaliberdisziplinen stattgefunden und ich konnte an ihnen teilnehmen (was mir im Januar bei den Druckluft-KM leider nicht möglich war). Die Ergebnisse waren allerdings mäßig: KK-Sportpistole 416 Ringe, davon 229 im Präzisionsteil und 187 beim Duell. Letzteres überrascht mich nicht, konnte bis dato aus technischen Gründen seit Monaten kein Duell geschossen werden. Doch in der Präzision bin ich um 8 Ringe gegenüber dem letzten Wettkampf abgesackt (237). (Siehe dazu auch das obige Diagramm.)

Nicht viel besser sah es mit der Standardpistole aus: 398 Ringe (137, 131, 130). Auch hier muß ich häufiger üben. Aber mehr als drei- bis viermal pro Monat geht es aus verschiedensten Gründen leider nicht. Möglicherweise bringt die eigene Waffe etwas, die nur auf mich eingestellt ist und an der andere Leute nicht, wie bei Vereinswaffen, nach Belieben herumdrehen können. Wenn doch nur die zwölf Monate endlich abgelaufen wären ...



Eine kleine Verbesserung konnte ich hingegen mit der Luftpistole verzeichnen. Anfang Mai wurde meine persönliche Bestleistung von 349 auf 353 Ringe verbessert. :-) Außerdem war es in den letzten Wochen möglich, mich einigermaßen im Bereich von 340 Ringen zu stabilisieren. (Siehe dazu auch das untenstehende Diagramm mit den Ergebnissen seit Juli 2010.)
Diese Entwicklung gibt Grund zur Hoffnung, denn am kommenden Wochenende steht der nächste Wettkampf mit der LP auf dem Programm. Und nach langem Suchen konnte ich endlich einen Pistolentrainer hier in der Umgebung aufspüren, der mir hoffentlich bei einer Steigerung meiner Leistungen helfen wird.


PS: Während der KM gab es eine witzige Episode. Zwei Starter in der Schützenklasse - darunter meine Wenigkeit - bereiten sich auf die Disziplin Standardpistole vor. Mein Kollege mit einer Walther GSP, ich mit einer Hämmerli 280. Dann kommt noch ein Senior herein und packt seine alte Margolin aus. Wir schießen erst Standard- und dann Sportpistole. Nach drei Vierteln des Wettkampfes, beim Umbauen für den SpoPi-Duellteil, können wir einen kurzen Blick auf die bisherigen Scheiben werfen. Dabei werden die beiden jungen Männer blaß. Der Kommentar unseres älteren Schützenbruders: "Ich weiß, wohin ich schießen muß. Deshalb brauche ich keine Pistole für 2000 Euro." ;-)



Verwandte Beiträge:
Wettkampfeindrücke und Alterserscheinungen
Leistungssprung
Dissens in der Pistolenfrage

Dienstag, 17. Mai 2011

Fremd- und Selbstbilder im Wissenschaftsbetrieb


In den letzten Wochen habe ich mehrere Programme für wissenschaftliche Veranstaltungen über die sowjetische Geschichte sowie die gegenwärtige Politik auf den Tisch bekommen, die einen deutlichen Unterschied aufweisen. Im Rahmen der Ringvorlesung „Stalinistischer Terror in der Sowjetunion und in Osteuropa“ der Berliner Humboldt-Universität (April bis Juli 2011) treten insgesamt 16 Referenten auf, von denen jedoch nur einer aus Rußland kommt. (Und der vertritt natürlich die mit einem Heiligenschein versehene Organisation Memorial.) Die übrigen Vorträge werden von Akademikern aus Deutschland, den USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Ungarn gehalten.

Nichts gegen diese Herren! Manchen von ihnen sind ausgewiesene Kapazitäten. Dennoch drängt sich der Verdacht auf, daß die verantwortlichen Berliner Professoren lieber über die Russen als mit ihnen reden. Wo sind die zahlreichen Historiker aus der RF, die Aufsätze und Monographien über den stalinistischen Terror schreiben sowie Quelleneditionen herausbringen? Ohne deren Vorarbeiten wären viele Projekte ihrer ausländischen Kollegen kaum möglich.
Dasselbe Bild ergibt sich bei einem Blick in die akademische Literatur. Deutsche Verlage geben lieber Geld für die Übersetzung eines Rußlandbuches aus dem Englischen aus, anstatt dem deutschen Publikum das Werk eines russischsprachigen Historikers vorzulegen. Muß man Osteuropa unbedingt nur durch die angloamerikanische Brille betrachten?

Die beiden folgenden Beispiele zeigen, daß es auch anders gehen kann, allerdings spielten deutsche Universitäten bei der Zusammenstellung der Programme nur eine kleine Rolle. Vom 5. bis 7. Mai fand in Paris eine Tagung zum Thema „Die Sowjetunion und der Zweite Weltkrieg“ statt. Auf dieser waren zahlreiche Wissenschaftler aus der RF vertreten. Ähnlich stellt sich die Agenda der Konferenz „Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa“, welche für den 3. Juni in Berlin geplant ist, dar. Vortragende und Diskutanten sind zu fast gleichen Teilen Deutsche und Russen. Derartige Veranstaltungen, in denen man miteinander und nicht übereinander spricht, versprechen doch erheblich größere Erträge, nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht.


Verwandte Beiträge:
Neue Sichten und Einsichten ...
Der deutsche Rußland-Komplex
Deutsche Debatten und die Russen
Neulich im Dussmann-Haus
Das russische Berlin

Samstag, 14. Mai 2011

14.05.2011: Videos des Tages

Heute: Die Militärparade vom 9. Mai 2011 auf dem Roten Platz in Moskau.






Dienstag, 26. April 2011

Das russische Berlin

Russisches Haus


Bereits nach den Revolutionen des Jahres 1917 hatten sich viele Emigranten aus dem früheren Zarenreich in Berlin angesiedelt. Die deutsche Hauptstadt war für einige Jahre das Zentrum der Emigration, bevor es sich nach Paris verlagerte. Dies hat den Historiker Karl Schlögel mit dazu angeregt, Berlin in einem Buch als "Ostbahnhof Europas" zu bezeichnen. Doch nicht nur in der Vergangenheit, auch in der Gegenwart finden in Berlin und Umgebung zahlreiche Veranstaltungen statt, die sich im weitesten Sinne mit Rußland befassen. Einen guten Überblick vermittelt (deutschlandweit) der Terminkalender des Kulturportals Russland. Diese Häufung erklärt sich vor allem aus dem großen Potential an möglichen Angeboten und Personen, die diese tragen, was es in der Provinz so nicht gibt.

Zweitens sind die Berliner Freunde der Völker Russlands e.V. zu nennen. Der Verein ist wohl einer der größten und aktivsten im Rahmen des Bundesverbandes Deutscher West-Ost-Gesellschaften. Die Berliner Freunde können auf eine lange Tradition verschiedener Vereine zurückblicken, die von der DSF in der DDR bis zur 1923 u.a. von Georg Graf Arco gegründeten "Gesellschaft der Freunde des neuen Rußland" zurückreicht.

Einen Schwerpunkt in der Arbeit der Berliner Freunde stellen die monatlichen Vortragsveranstaltungen dar, auf denen historische, politische und kulturelle Themen erörtert werden. In der Regel treten dort sehr kompetente Referenten - sowohl aus Deutschland als auch aus der RF - auf, auch wenn das Publikum bisweilen ein wenig linkslastig ist.
Bisheriger Höhepunkt im Jahr 2011 war das Referat von Egbert Lemcke und Holger Neidel über "Russlands Sicherheitspolitik und Armeereform heute". Es war schon sehr erhellend, mit zwei von vielleicht einem halben Dutzend ausgewiesenen Experten in Deutschland darüber zu diskutieren.
Am 18. Mai soll über die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Moskau diskutiert werden und für den 22. Juni ist ein Kolloquium über den Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion 1941 geplant.

Die meisten Veranstaltungen der Berliner Freunde finden in einem Kulturzentrum im Herzen Berlins statt, das leider viel zu wenig bekannt ist: dem Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße. Die zahlreichen Angebote des RHWK reichen von akademischen Veranstaltungen über Filmvorführungen, Konzerte und Ausstellungen bis hin zu Sprachkursen. Ferner steht eine Bibliothek zur Verfügung, es gibt eine Buchhandlung mit russischsprachiger Literatur und es ist die Heimstatt für verschiedene Vereine, die einen Rußlandbezug haben.

Im ersten Halbjahr 2011 liegt einer der Schwerpunkte auf Vorträgen über die deutsch-russischen Beziehungen in den Naturwissenschaften.
Im Mai wird es mehrere Veranstaltungen über den Zweiten Weltkrieg geben. So etwa eine Fotoausstellung von Viktor Sorokin (29.04. - 28.05.2011), ein Seminar über "NS-Filmpropaganda in den okkupierten Sowjetterritorien" (04.05.) sowie, daran anknüpfend, eine Ausstellung über Propaganda an der sowjetisch-deutschen Front (03.05. - 15.05.).

In Berlin und Umland könnte man weitere Veranstaltungen wie z.B. die Deutsch-russischen Festtage (10.06. - 12.06.2011) oder Museen wie die Kolonie Alexandrowka in Potsdam erwähnen. Wer sich für russische Kultur, Geschichte und Politik interessiert, wird hier bestens bedient. Und eine solche umfassende Bildungsarbeit ist auch notwendig, damit Rußland hierzulande nicht nur auf kalte Winter und böse Bären reduziert wird.


Verwandte Beiträge:
Ein großer Tag für Anhalt
Neulich im Dussmann-Haus
Der deutsche Rußland-Komplex
Deutsche Debatten und die Russen
Neue Sichten und Einsichten ...
Raketen über See

Mittwoch, 16. März 2011

Bekleidungsfragen


Der folgende Artikel war am 10. März bereits kurzzeitig online, mußte dann jedoch aus einem aktuellen Anlaß noch einmal aus dem Netz genommen werden.


Im Heft 10/2010 des DWJ hatte Wulf Pflaumer, seines Zeichens Mitinhaber der Firma Walther, einige Gedanken über die Attraktivitätssteigerung des Schießsports zusammengefaßt. Darin wandte er sich unter anderem gegen die mittlerweile weit verbreitete und zugleich stark reglementierte Schießbekleidung:
"[…]

Es kann kein Argument für die verhüllende Schießkleidung sein, daß die Gewehre für zarte Schützinnen zu schwer seien. Wir als Industrie können auch leichtere Waffen bauen, sodass eine nur modische Sportkleidung erlaubende Sportordnung möglich wäre. Warum sind denn Laufsportarten so interessant? Auch wegen der hübsch anzuschauenden Sportler und Sportlerinnen.

[…]" (S. 17)
Diese Einlassung hat mich schon damals beeindruckt, wird doch ein konsequentes Umdenken im sportlichen Gewehrschießen gefordert. Galt doch bisher der Grundsatz, daß schwere Waffen besser seien, die Schützen dafür jedoch spezielle Schießbekleidung (Jacke, Hose, Schuhe usw.) benötigten. Diese Bekleidung hat den Charme einer Ritterrüstung, zumal sie oft in albernen Farben geliefert wird, die sonst kaum ein erwachsener Mensch freiwillig tragen würde. Sie ist – wie sollte es im internationalen Sport anders sein – genauestens reglementiert, damit die den Körper im Anschlag stützende Bekleidung bloß keinen Millimeter zu dick ist.
Dies erscheint als Widerspruch in sich: Einerseits darf und soll die Schießkleidung eine stützende Wirkung entfalten, andererseits darf sie den Schützen auch nicht zu sehr stützen. Da erhebt sich die Frage, weshalb derartige Klamotten überhaupt für Schießwettkämpfe zugelassen werden.

Auf der Europameisterschaft der Druckluftdisziplinen, die vom 1. bis 7. März im italienischen Brescia ausgetragen wurde, kam es nun zum Eklat, der für mich schon an Realsatire grenzt. Nach dem 60 Schuß umfassenden Vorkampf der Männer mit dem Luftgewehr wurde der bis dahin führende Russe Denis Sokolow plötzlich disqualifiziert – wegen des Tragens zu dicker Unterwäsche (vgl. hier und hier). Für Denis und seine Mannschaft war diese Entscheidung natürlich eine Enttäuschung; sein zwei Jahre jüngerer Bruder Alexander Sokolow hat sich dadurch allerdings nicht beeindrucken lassen und im anschließenden Finale mit insgesamt 698,4 Ringen die Silbermedaille errungen.

Bei einer juristischen Betrachtung des Vorfalls in Brescia wird man zu dem Schluß kommen müssen, daß sich ein Sportler eben im diffizilen Regelwerk verfangen habe und somit leider Pech hatte. (Vorausgesetzt natürlich, die Entscheidung war sachlich richtig und begründet.)
Verläßt man jedoch diese Ebene, dann stellen sich – wie schon für Will Pflaumer – ganz grundsätzliche Fragen. Wie konnte es so weit kommen, daß im Schießsport nicht mehr die Fähigkeiten des Schützen oder die Qualität der Waffe entscheidend sind, sondern die Dicke der Unterwäsche? Muß man die Entwicklung, die das Gewehrschießen (insbesondere im ISSF-Bereich) während der letzten Jahrzehnte genommen hat, nicht zum Teil als Fehlentwicklung kennzeichnen? Warum wird das Tragen spezieller Schießbekleidung nicht generell untersagt, wenn man derzeit schon so weit ist, Vorschriften über die Unterwäsche zu erlassen? Die Sportfunktionäre sollten erkennen, daß es eine Grenze gibt, bei deren Überschreiten ursprünglich sinnvolle Bestimmungen zur Farce werden. Und dies ist für den Sport insgesamt negativ, auch mit Blick auf die Außenwirkung.

Bevor ich jetzt für den Gebrauch des Wortes Fehlentwicklung von meinen Kollegen gesteinigt werde, möchte ich noch einen Gedanken ausführen. Vor einigen Monaten mußte ich in einem Forum die Aussage einer Schützin lesen, wonach sie ohne Schießjacke und -hose gar nichts treffen würde. Da frage ich mich schon, ob in der Ausbildung dieser Dame nicht etwas grundsätzlich schiefgelaufen ist. Schießbekleidung soll den Körper des Gewehrschützen vor allem im Stehend- und Kniendanschlag unterstützen, indem die Knochen und Muskeln entlastet werden. Aber sie kann doch nicht den Ausschlag dafür geben, ob jemand die Scheibe trifft oder nicht. Ein paar Ringe Differenz wird es geben, aber so erheblich wie beschrieben dürften die Unterschiede eigentlich nicht sein.

Meine Empfehlung: Entweder werden die Regelungen hinsichtlich der Schießkleidung gelockert, so daß man den Schützen nicht mehr an die Unterwäsche gehen muß. Oder ihnen wird das Tragen jedweder spezieller Bekleidung mit stützender Wirkung verboten. Oder, dritte Variante: Es werden nur noch Schießjacken und -handschuhe zugelassen, dafür verzichtet man auf Detailregelungen, auch hinsichtlich des Schuhwerks.


Alexander und Denis Sokolow.


Verwandte Beiträge:
Die ISSF-Weltmeisterschaft 2010
Zwei Schützengenerationen
Anatolij Bogdanow (1931-2001)
Das Schützenduell
Ich habe es getan ;-)

Foto: www.echbrescia2011.it.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Schneeflöckchen, weiß Röckchen


Eigentlich hätte hier dieser Tage ein Wettkampfbericht erscheinen sollen. Die Schützenkollegen aus dem polnischen Kolberg hatten mich für den 11. und 12. Dezember zur 3. Offenen Meisterschaft der Wojewodschaft Westpommern in den Druckluftdisziplinen eingeladen. Diese Einladung hatte ich dankbar angenommen und schon ein Hotel gebucht.
Doch die winterlichen Witterungsverhältnisse haben mich leider von dieser Reise abgehalten. Die Deutsche Bahn zerrt seit über zwei Wochen an meinen Pendlernerven, wenn sie für eine Strecke, die sonst in 61 Minuten bewältigt wird, meist zwischen zwei und vier Stunden benötigt. Deshalb verspürte ich keine Lust, für eine kurze Wochenendreise zweimal zehn bis zwölf Stunden Reisezeit zu investieren, obwohl sechs bis sieben Stunden die Regel wären.

Nichtsdestotrotz hat die Meisterschaft in Kolobrzeg mit insgesamt 93 Teilnehmern stattgefunden. Als „Stargast“ war Renata Mauer-Różańska, ihres Zeichens mehrfache Olympiasiegerin, zugegen. Am Sonntag wurde jeweils ein „australisches Finale“ (also die zehn besten männlichen und weiblichen Schützen zusammen) für LG und LP ausgetragen. Die Wettkampfergebnisse sind hier zu finden; Bilder gibt es hier. Meinen Glückwunsch an die Sieger!



Kehren wir noch einmal kurz zum Thema Winter zurück. In der FAZ erschien kürzlich ein lesenswerter Kommentar von Eckart Lohse: „Dauermobilität im Grenzbereich“. Dennoch erhebt sich die Frage, warum namentlich die Deutsche Bahn von jedem Wintereinbruch so überrascht wird. Ich war auch schon im Winter in Rußland unterwegs und muß sagen, daß auch dort Züge fahren – und zwar einigermaßen pünktlich. Und dort sind die Temperaturen oft ein wenig niedriger und die Schneehöhen geringfügig größer als hier in Mitteldeutschland.

Gänzlich unverständlich ist, wie ein bisher doch eher mäßiger Winter zu dramatischen Zuständen wie in der sachsen-anhaltischen Großstadt Dessau-Roßlau führen kann. Die derzeitige Lage ist doch nicht einmal annähernd mit einem echten „Katastrophenwinter“ wie 1978/79 zu vergleichen. Nachdem die Stadtverwaltung vor Wochen noch verkündet hatte, die Salz-Lager seien voll und man sei für den Winter gerüstet, wird nun über einen Engpaß an Streumitteln geklagt und der Winterdienst stark eingeschränkt. (Wie machen es nur die Menschen in Skandinavien, schließlich kommt dort das öffentliche Leben während der kalten Jahreszeit nicht zum Erliegen?)
Vielleicht sollte man auch zu einer bewährten Methode aus der DDR greifen: Die 1.400 Beamten und Angestellten der Stadtverwaltung (bei knapp 88.000 Einwohnern, hinzu kommen noch die Mitarbeiter der Eigenbetriebe und kommunalen Gesellschaften!) treten schichtweise zum Schneeschippen an, anstatt sich in gutgeheizten Büros den Allerwertesten breitzusitzen. Gerne dürfen sie dabei auch ein fröhliches Liedlein trällern. Dann bekämen wir Bürger für unsere Steuern wenigstens ein bißchen Unterhaltung geboten. ;-)

Ach ja, sollte die angebliche Erwärmung des Klimas auf der Erde nicht zum Ende schneereicher Winter führen? Zumindest wurde dieses Szenario vor Jahren von den Klimaaktivisten und Ökofanatikern verkündet. Mittlerweile hat ihnen das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Deshalb verkünden sie nun, daß der starke Winter in diesem und dem vergangenen Jahr ebenfalls ein Zeichen der Erderwärmung sein soll. Diese Widersprüche in der Argumentation der Wetterapokalyptiker wurden von Dirk Maxeiner aufgezeigt: „Der Staat ist jetzt auch fürs Wetter zuständig“. Ich sehe mich jedenfalls außerstande, die Schreckensvisionen weiter ernstzunehmen.



Verwandte Beiträge:
Urlaubsbilanz
Erholung wirkt leistungssteigernd
Ein erster Erfolg
Ein großer Tag für Anhalt
Sport und Gewalt

Bilder: www.kskolobrzeg.za.pl.

Samstag, 20. November 2010

Herbstzeit ist Messezeit


Zumindest in Rußland. Dort finden alljährlich im Herbst mehrere Waffenmessen statt. Die wohl bedeutendste für Zivilpersonen ist die Ausstellung Arms & Hunting in Moskau. Vom 14. bis 17. Oktober präsentierten sich im Alten Gostiny Dwor die Aussteller aus aller Welt dem russischen Publikum, wobei der Schwerpunkt auf Jagd- und Sportwaffen sowie Jagdzubehör lag.

Der Fotograf Witalij Kusmin war ebenfalls wieder vor Ort und hat in seinem Blog zwei Bilderserien von der Messe veröffentlicht: Teil 1 und Teil 2. Sie vermitteln einen kleinen Eindruck von der "Waffenszene" in der RF. Und von der Gesetzeslage, denn Nachtzielgeräte sind z.B. nicht verboten.



Verwandte Beiträge:
06.12.2009: Videos des Tages
Bericht aus Moskau
Aktuelles aus der russischen Waffenindustrie
Beretta könnte Molot übernehmen
Die großen Jäger
"Jagd in Steppe, Wald und Eis"

Fotos: vitalykuzmin.net.

Samstag, 9. Oktober 2010

09.10.2010: Bilder des Tages


Im Frühjahr 2010 fand in der Tschechischen Republik die Europameisterschaft militärischer und polizeilicher Scharfschüten statt. Zwei Teilnehmer aus Rußland berichten im Forum Talks.guns.ru von ihren Erlebnissen und haben dort auch zahlreiche Fotos eingestellt, wovon ich drei ausgewählt habe. Das im zweiten Bild gezeigte Gewehr ist übrigens ein CZ 750.




Verwandte Beiträge:
24.02.2009: Bilder des Tages
07.10.2009: Videos des Tages
27.06.2009: Videos des Tages
13.02.2009: Bilder des Tages

Mittwoch, 11. August 2010

WM-Eindrücke VI


Alle schönen Ereignisse gehen einmal zu Ende - und die 50. ISSF-Weltmeisterschaft macht keine Ausnahme von dieser Regel. Morgen werden mehrere tausend Gäste aus aller Welt wieder abgereist sein und viele schöne Erinnerungen an das "Schützenland" Deutschland mitnehmen. Die Realität in der BRD anno domini 2010 sieht freilich düsterer aus: Die Waffengegner formieren sich und möchten uns und unserem Sport am liebsten den Garaus machen. Wir werden als "Mordschützen" diffamiert und man will uns gern auf kaltem Wege enteignen. Die nächsten Auseinandersetzungen über das Waffenrecht stehen unmittelbar bevor. Nutzen wir also noch einmal die Gelegenheit, um auf die WM zurückzublicken, auch wenn Teile der deutschen Medien alles dafür getan haben, sie zu verschweigen, um das Sportschießen aus dem öffentlichen Bewußtsein zu drängen.



Beginnen wir mit den Entscheidungen des gestrigen Tages. Im Skeet der Männer gab es ein langes und spannendes Finale mit drei shoot-offs. Gold ging schließlich an den 39jährigen Walerij Schomin aus Rußland (149 Treffer), der damit die dritte Einzelmedaille eines erwachsenen russischen Flintenschützen bei dieser WM erang. Auf Platz 2 kam der Italiener Ennio Falco, Bronze gewann Georgios Achilleos, einer von zwei Zyprioten unter den sechs Finalisten. Bester Deutscher war Ralf Buchheim, der mit seinem 7. Platz im Wettkampf den Finaleinzug knapp verpaßt hat.
Im Mannschaftswettkampf der Männer konnte Zypern Gold gewinnen; das deutsche Juniorenteam kam in seiner Wertung auf den Bronzeplatz.
Die Leistungsdichte war bei dieser WM generell enorm, doch im Skeet war sie besonders groß. Respekt!



Im 300-m-Dreistellungskampf der Frauen gewann die deutsche Schützin Eva Friedel Bronze, Sonja Pfeilschifter kam auf Rang 4. Die anderen Medaillen holten sich, wie kaum anders zu erwarten, zwei Skandinavierinnen. ;-) In der Mannschaftswertung gewann Polen - mit neuem Weltrekord - Gold, die USA Silber und Deutschland Bronze.
In derselben Disziplin sah es bei den Männern kaum anders aus, nur daß sich hier die deutschen Schützen nicht nach vorne kämpfen konnten; Christian Dressel wurde als bester Deutscher 21.



Kommen wir zur Laufenden Scheibe (50 m). Hier kam Maxim Stepanow aus Rußland in der Erwachsenenwertung auf Rang 2 und konnte somit seine zweite Einzelmedaille dieser WM gewinnen. Gold ging an den Schweden Emil Martinsson (590 Ringe); bester deutscher Starter war Tobias Schönsteiner (18.). Bei den Junioren sah es ähnlich aus: Jurij Dowgal konnte mit 586 Ringen seine Medaillensammlung um eine goldene erweitern, auf Platz 2 kam der Finne Sami Heikkila und Alexander Naumenko, ebenfalls aus der RF, errang Bronze. Bester Deutscher war Sebastian Zeh (9.). In den Mannschaftswertungen konnten sowohl die Männer als auch die Junioren aus der RF Gold gewinnen.



Die Ergebnisse aller WM-Wettkämpfe sind hier noch einmal in einer PDF-Datei einsehbar. Interessant ist, daß während dieser WM 27 Weltrekorde aufgestellt oder zumindest egalisiert werden konnten. Welche dies im einzelnen sind, ist hier ersichtlich. Wie schon mehrfach geschrieben: In München waren Spitzenschützen am Start (auch aus so exotischen Ländern wie etwa dem Iran) und sie haben zumeist ganz hervorragende Leistungen vollbracht, auch wenn es nicht zu einer Medaille gereicht hat. Da kann ich als Amateur nur meine Anerkennung aussprechen.
Sport-politisch interessanter sind die ersten 69 Quotenplätze für die Olympischen Sommerspiele 2012, die auf der WM vergeben wurden. So gehen z.B. jeweils 9 Plätze nach China und Rußland, 5 an die USA und je 4 nach Deutschland und Serbien.
Auch ganz lohnenswert ist ein Blick auf den nach Staaten geordneten Medaillenspiegel. Die Plätze 1 bis 10: China (52 Medaillen), Rußland (46), USA (24), Italien (15), Ukraine (23), Schweiz (10), Südkorea (17), Deutschland (21), Frankreich (12), Polen (6) usw. usf.



Bei aller gebotenen Vorsicht gegenüber Simplifizierungen, aber die deutschen Schützen scheinen insgesamt ein paar kleinere Probleme zu haben. Die Medaillenausbeute paßt nicht recht zur - bisher glücklicherweise noch vorhandenen - Verankerung des Schießens in breiten Bevölkerungskreisen und zu unserem internationalen Image als "Mekka des Schießsports".
Aus Sicht der Rußländischen Schützenunion war diese WM hingegen ein großer Erfolg. Um so mehr, wenn man bedenkt, unter welchen z.T. stark eingeschränkten materiellen Bedingungen in Rußland und der Ukraine der Schießsport betrieben wird (siehe auch hier und hier). Die Ergebnisse der Schützen aus den Nachfolgestaaten der UdSSR können sich jedenfalls sehen lassen und bringen hoffentlich die Unkenrufe in der Heimat zum Schweigen.
Eines hat diese Meisterschaft aufs neue bestätigt: Die chinesischen Schützen sind nur sehr schwer zu schlagen, obwohl es einige Male gelungen ist. Und sie kommen aus einem Land, in dem sogar der Privatbesitz von Airsoftwaffen verboten ist. Das sollte zu denken geben.



Was bleibt von dieser Weltmeisterschaft? Aus Sicht eines räumlich distanzierten Betrachters, wie ich es war, vor allem die positive Atmosphäre und die hierzulande seltene Möglichkeit, den Schießsport in der Öffentlichkeit positiv darzustellen. Dazu können auch die WM-Teilnehmer beitragen, sympathische junge Menschen wie zum Beispiel Barbara Lechner, Peter Sidi, Zorana Arunovic, Dmitrij Romanow, Kira Klimowa, Viktoria Tschajka, Eva Friedel, Leonid Ekimow, Kim Rhode, Alexej Klimow, Matthew Emmons und seine Frau Katerina, Danka Bartekova und ihre Zwillingsschwester Lenka, Dmitrij Romanow, die Brüder Andreas und Michael Heise, Olga Kaweschnikowa u.v.a. Sie sind normale Zeitgenossen und seriöse Sportler und widerlegen so, allein durch ihr Beispiel, die Horrormärchen von den "gestörten Waffennarren", bei denen es sich doch nur um absonderliche Gestalten handeln kann.



Gestern abend wurde schließlich in München die ISSF-Flagge eingeholt und an Spanien übergeben, wo in vier Jahren die nächste große Weltmeisterschaft der ISSF im Sportschießen stattfinden wird. Das nächste Großereignis mit internationaler Bedeutung wird die Olympiade 2012 sein.





Verwandte Beiträge:
Heute beginnt die Weltmeisterschaft
Erste WM-Eindrücke
WM-Eindrücke II
WM-Eindrücke III
WM-Eindrücke IV
WM-Eindrücke V
Rückblende: Die Schützen-WM 1954

Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.

Dienstag, 10. August 2010

WM-Eindrücke V


Heute ist der letzte Wettkampftag der diesjährigen ISSF-Weltmeisterschaft. Es geht noch einmal um Medaillen im Gewehrschießen auf 300 m sowie auf die Laufende Scheibe (50 m) und im Skeet. Für 18.15 Uhr ist die Abschlußfeier geplant. Grund genug, auf die beiden vergangenen Tage zurückzublicken.



Am Sonntag war der Wettbewerb der Damen mit der Luftpistole herausragend. Die Ränge, die sich die acht Schützinnen im Vorkampf erstritten hatten, sind im Finale noch einmal kräftig durcheinander gewirbelt worden. Es blieb spannend bis zum letzten Schuß, denn die Silber- und Bronzemedaille wurden erst nach einem Shoot-off vergeben. Gold gewann Zorana Arunovic aus Serbien mit 486,8 Ringen (385 + 101,8). Auf Rang 2 kam die 46jährige Lalita Yauhleuskaya, die zwar in der Sowjetunion geboren wurde, aber mittlerweile für Australien startet. Bronze ging an Viktoria Tschajka aus Belarus. Es war nach dem Finale schon nett, wie zwei der drei obligatorischen Interviews auf Russisch geführt wurden. ;-)
Die beste deutsche LP-Schützin war Stefanie Thurmann (39.); beste Russin Kira Klimowa (13.). In der Teamwertung (eine interessante Tabelle!) siegte Australien vor Südkorea und China. Auf die Frage, welche Pistolenmodelle verwendet wurden, findet sich hier eine Antwort.



Beim Schießen mit der Zentralfeuerpistole konnte Leonid Ekimow (RF), der im OSP-Finale noch das Nachsehen hatte, mit 589 Ringen Gold gewinnen. Bester Deutscher war Pierre Michel auf Platz 10. Der OSP-Weltmeister Alexej Klimow hatte technische Probleme und blieb deshalb auf einem hinteren Rang. Dieser Wettkampf war gut besucht und die Teamwertung zeigt auch hier eine interessante Verteilung.
Es ist interessant, auf den Bildern vom Zentralfeuerwettkampf die unterschiedlichen Waffen der Teilnehmer zu sehen. Hier scheint die Bandbreite der verwendeten Modelle größer zu sein als in anderen Disziplinen; einige russische Schützen - darunter wohl auch der neue Weltmeister Ekimow - haben mit dem Revolver TOZ-49 geschossen. Igor Ruljow hat nicht nur Fotos vom Schießen gemacht, sondern dankenswerterweise auch wieder eine Waffenstatistik erstellt.



In der Disziplin Laufende Scheibe Mixed (50 m) gewannen Schützen aus Rußland zwei Medaillen. Bei den Männern errang Maxim Stepanow Gold; bei den Junioren konnte Jurij Dowgal seine Medaillenkollektion um eine silberne erweitern. Beste Deutsche waren Jens Zimmermann (15.) bzw. Sebastian Zeh (8.). In den Mannschaftswertungen gewannen die russischen Männer Gold und die Junioren Bronze.



Ebenfalls am Sonntag lief das English Match der Frauen. In der Teamwertung konnten die deutschen Damen Silber gewinnen. Im Einzelwettkampf reichte es allerdings nur für einen vierten Platz von Sonja Pfeilschifter. Gewonnen hat letzteren Tejaswini Sawant (Indien) mit 597 Ringen, womit der bisherige Weltrekord eingestellt wurde. Silber ging an die Polin Joanna Ewa Nowakowska, die ringgleich mit Sawant war, aber weniger Treffer in der Innenzehn aufzuweisen hatte. Auf den dritten Platz kam Olga Dowgun aus Kasachstan. Beste Russin war Ljubow Galkina (29.).



Eine Disziplin, die ich sehr interessant finde, ist das 300-m-Standardgewehr. Die ISSF-Presseabteilung berichtet über den Wettbewerb:
"[...]

France’s Henry Josselin won today’s 300m Standard Rifle event, becoming the new world champion in this non-Olympic event with a total score of 587 points, topping the final score of 586 points fired by Thomas Farnik four year’s ago at the 2006 World Championship in Zagreb. The French shooter, who had equalled the 300m Rifle Prone Men world record of 600 points two days ago, had never won an ISSF medal in this even, before.

Tomorrow, the 28-year old shooter from Paris will compete in the 300m Rifle Three Positions event. Second at the 2007 European Championship, and third last year in Osijek, both times with 1173 points, Josselin is considered one of the favourites to finish between the bests here in Munich.

The Silver went to Slovenia’s Robert Markoja with 585 points (198, 190, 197), while the Bronze was grabbed by the Norwegian rifle champion Vebjoerm Berg, who marked 584 points (197, 194, 193) finishing on his second 300-meter podium.

Three shooters were disqualified during today’s competition. Both Brazil’s Rocco Rosito and Martin Strempfl were stopped by the judges because of violations to the ISSF rule 7.4.2.7. Rosito had the front sight extending beyond the permitted point, while Strempfl was not complaining with the regulations regarding the depth of curve of the butt plate of his rifle. Sweden’s Andres Brolund was also disqualified, as his pistol grip was recognised to be anatomically formed, breaking the ISSF rule 7.4.2.2.

[...]"
Hier die Ergebnisse des Einzelwettkampfs und der Mannschaftswertung. Igor Ruljow hat davon auch Fotos gemacht (vgl. hier und hier). Die Skandinavier scheinen in dieser Disziplin besonders stark zu sein. Der deutsche Starter Christian Dressel wurde nur 27. Schützen aus Rußland haben nicht teilgenommen, dort werden m.W. die 300-m-Disziplinen nur im Rahmen von CISM-Wettkämpfen geschossen.



Am Montag wurde mit der KK-Sportpistole der Damen die vorletzte olympische Disziplin ausgetragen - und das Finale war spannend. Die Frauen schossen gut und die Plazierungen änderten sich mehrfach deutlich. Schließlich sorgten zwei Stechen - um Platz 1 und 2 sowie um Platz 7 und 8 - für weitere Spannung, ebenso wie die insgesamt drei Waffenstörungen während des Finales. Gold ging schließlich mit einem Vorsprung von 0,1 Ringen an Kira Klimowa aus Rußland (788,8 Ringe = 584 + 204,8), Silber an Zorana Arunovic (Serbien) und Bronze an Lenka Maruskova (Tschechien), die im LP-Finale mit einem vierten Platz vorlieb nehmen mußte.
Mit der Juristin Julia Alipawa kam eine weitere Russin auf Rang 6; beste Deutsche war Munkhbayar Dorjsuren (16.). Wie schon im LP-Finale, so konnten sich auch hier die Schützinnen aus Ostasien im Finale nicht nach vorne durchkämpfen. Eine Statistik über die verwendeten Pistolenmodelle ist hier zu finden. Im Mannschaftswettkampf kam Rußland auf Platz 1, gefolgt von Serbien und Tschechien.



Für Arunovic war es - nach dem Weltmeistertitel mit der LP - bereits die zweite Einzelmedaille dieser WM. Und wie sie sich gefreut hat - einfach schön. :-) Unter den Schützinnen scheint ohnehin ein sehr freundlicher, zum Teil herzlicher Umgang miteinander üblich zu sein. Der heutige Sieg war für Klimowa zugleich der Höhepunkt ihrer bisherigen Sportlaufbahn. Im anschließenden Interview sagt die sympathische junge Frau, sie habe sehr viel trainiert und den Kampf dann bis zum Ende durchgehalten. Die Kurzwaffenschützen aus Rußland waren bei dieser WM sehr stark, doch auch die Leistungen anderer Mannschaften wie denen aus Serbien, Belarus, der Ukraine und Tschechien sind beeindruckend. Dahinter stehen die der deutschen Teilnehmer leider zurück, obwohl in manchen ausländischen Foren von München als dem "Mekka des Sportschießens" gesprochen wird und man von der WM-Organisation begeistert ist.



Im gestern ausgetragenen 300-m-Liegendkampf der Frauen zeigten sich erneut die Schweizerinnen, Skandinavierinnen und Französinnen ganz stark. Gold ging an Bettina Bucher aus der Eidgenossenschaft, die mit 599 Ringen den Weltrekord egalisiert hat. Beste deutsche Teilnehmerin war Eva Friedel (8.). In der Mannschaftswertung gewann Frankreich Gold, Deutschland Silber und Polen Bronze.



Nebenbei: In den 50 m-Disziplinen der laufenden Scheibe wird in der Tat auf Tierscheiben geschossen (siehe hier). Ich finde es ja gut, doch dachte ich bisher, dergleichen sei im DSB mit ewigen Höllenstrafen bedroht. ;-)



Neben der Fa. Walther haben mittlerweile auch Anschütz und Feinwerkbau Übersichten erstellt, die darüber Auskunft geben, welche Erfolge mit ihren Produkten auf der WM errungen worden sind.





Verwandte Beiträge:
Heute beginnt die Weltmeisterschaft
Erste WM-Eindrücke
WM-Eindrücke II
WM-Eindrücke III
WM-Eindrücke IV
WM-Eindrücke VI
Rückblende: Die Schützen-WM 1954

Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.