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Donnerstag, 3. November 2011

Selbstladegewehre im Schießsport I


Anfang Oktober haben die Grünen und die ARD gemeinsam versucht, eine „Debatte“ loszutreten, deren Ziel in einer weiteren Verschärfung des deutschen Waffenrechts lag (siehe hier und hier). Diesmal haben die Politiker und Journalisten von Linksaußen die sportliche Verwendung von Selbstladegewehren aufs Korn genommen. Die politischen und rechtlichen Aspekte dieses neuerlichen Angriffs auf den freien Sport werden im zweiten Teil dieses Artikels thematisiert. Im folgenden soll es um die banale Frage gehen, warum derartige Waffen verwendet werden und wie diese Nutzung in den einzelnen Disziplinen der deutschen Schießsportverbände aussieht. Abschließend wird noch ein Blick ins Ausland geworfen.



Warum Selbstladewaffen im Schießsport?

Bisweilen hört man die Behauptung, das Sportschießen sei ein langweiliger Sport, in dem es auf absolute Ruhe und höchste Konzentration ankomme. Er käme somit fernöstlichen Konzentrationsübungen nahe. Für einige Disziplinen wie etwa die auf 50 m geschossene Freie Pistole trifft dies durchaus zu. Doch es gibt auch das Gegenteil: Disziplinen, in denen es um Geschwindigkeit geht – oder, besser formuliert, um die Kombination von Präzision und Dynamik. Denn im Sportschießen geht es immer um Ring- oder Punktzahlen, nie um ein wildes Herumballern.
Die in der Öffentlichkeit bekannteste derartige Disziplin dürfte Biathlon sein, auch wenn hier aus traditionellen Gründen keine Selbstlade-, sondern Repetiergewehre zum Einsatz kommen.

Eine zweite, die bereits seit den Anfängen im Jahr 1896 zum olympischen Programm gehört, ist die Schnellfeuerpistole. Hierbei werden von einem Wettkämpfer 60 Schuß in 5er Serien auf fünf Scheiben in einer Entfernung von 25 m abgegeben. Diese 5er Serien müssen jeweils viermal in 8, 6 und 4 Sekunden geschossen werden, d.h. für den Beschuß einer einzelnen Scheibe stehen (statistisch betrachtet) zwischen 1,6 und 0,8 Sekunden zur Verfügung. Der Weltrekord liegt seit 2006 bei 591 von 600 möglichen Ringen. Diese Bedingungen erfordern Sportler, die schnell reagieren können, die geistig und körperlich besonders wendig sind. Und sie erfordern – logischerweise – Pistolen, die ohne weiteres Zutun des Bedieners automatisch nachladen.

Eine weitere, von der Internationalen Schießsportföderation (ISSF) betreute Disziplin, die ebenfalls von der Kombination aus Präzision und Geschwindigkeit geprägt ist, ist die Standardpistole. Auch hier muß der Wettkämpfer 60 Schuß abgeben, davon viermal 5 Schuß in je 150 Sekunden, viermal 5 Schuß in je 20 Sekunden und viermal 5 Schuß in je 10 Sekunden. Der Weltrekord liegt derzeit bei 584 Ringen.

Mithin sind solche eher dynamischen Schießsportdisziplinen sowohl national als auch international seit weit über einem Jahrhundert etabliert, allerdings vorwiegend unter Verwendung von Kurzwaffen. Seit jedoch auch Selbstladelangwaffen für zivile Schützen verfügbar sind, werden sie ebenfalls sportlich genutzt. Wie genau dies in Deutschland aussieht, soll nachfolgend dargestellt werden.



Deutschland 1: BDS

Der 1974 gegründete Bund deutscher Sportschützen (BDS) bietet in seinem Standardprogramm zahlreiche Disziplinen für Selbstladegewehre in unterschiedlicher Ausführung und in verschiedenen Kalibern an. An dieser Stelle sollen nur drei Beispiele genannt werden.

Beim Intervallschießen auf 50 oder 100 m werden 30 Wertungsschüsse in 6 Serien zu jeweils 5 Schuß abgegeben. Für eine 5er Serie stehen 8 Sekunden Schießzeit zu Verfügung, dann folgen 12 Sekunden Pause und danach die nächste Serie.
Beim Schießen von Zeitserien, ebenfalls auf 50 oder 100 m, sind die ein wenig anders. Hier müssen die 30 Wertungsschüsse wie folgt abgegeben werden: 2 Serien zu je 5 Schuß in 40 Sekunden, 2 Serien zu je 5 Schuß in 30 Sekunden und 2 Serien zu je 5 Schuß in 20 Sekunden.
In der Disziplin „100 m Fertigkeit“ sind dreimal 10 Schuß in jeweils 40 Sekunden inklusive Magazinwechsel abzugeben.

Die Ergebnisse der diesjährigen Deutschen Meisterschaft des BDS in den verschiedenen Disziplinen können hier eingesehen werden. Im Rahmen des IPSC-Schießens werden vom BDS weitere Gewehrdisziplinen angeboten.



Deutschland 2: BDMP

Das Angebot des Bundes der Militär- und Polizeischützen (BDMP) ist etwas weniger umfangreich und beschränkt sich teilweise auf ehemalige Ordonnanzwaffen wie den im zweiten Weltkrieg berühmten US-Karabiner .30 M 1. Speziell für diese Waffe eine Disziplin geschaffen, bei der nur Waffen zugelassen sind, die weitgehend im Originalzustand belassen wurden. Der Wettkampf kann auf 25, 50 oder 100 m geschossen werden. In den Anschlagsarten liegend und kniend hat der Schütze jeweils 15 Wertungsschüsse in 15 Minuten (inklusive Probe) abzugeben.
Mit dem historischen .30 M1 werden auch an das internationale 1500-Match angelehnte dynamische Wettkämpfe mit unterschiedlichen Distanzen und Anschlägen ausgetragen. (Ausgangspunkt für die intensive sportliche Nutzung des alten amerikanischen Karabiners waren übrigens in den 1990er Jahren die Niederlande, wo es einen eigenen .30 M 1-Verband gibt.)

In der Disziplin „National Rifle Match A“ (DG3) können hingegen fast alle Zentralfeuer-Halbautomaten verwendet werden. Im Stehendanschlag stehen für zweimal 5 Schuß 5 Minuten zur Verfügung; in den Anschlagsarten kniend und liegend sind die 2 x 5 Wertungsschüsse in 50 bzw. 60 Sekunden abzugeben (inklusive Magazinwechsel).
Die Disziplin „Zielfernrohrgewehr 4“ wird auf 100 m geschossen, wobei Selbstladegewehre mit einem maximal zehnfach vergrößernden Zielfernrohr verwendet werden. Die 20 Wertungsschüsse sind in 4 Serien zu jeweils 5 Schuß abzugeben. Für jede 5er Serie stehen 8 Sekunden zur Verfügung.

Die Resultate der Deutschen Meisterschaften des BDMP der letzten Jahre sind hier zu finden, die Sportordnung hier.



Deutschland 3: DSB-Landesverbände

Der Deutsche Schützenbund (DSB) als größter Schießsportverband der BRD hat in seiner Bundessportordnung keine dezidierten Disziplinen für Selbstladegewehre ausgewiesen. Bei mehreren Landesverbänden ist das anders. Sie bieten über ihren als „Liste B“ titulierten Landessportordnungen Wettkämpfe sowohl für klein- als auch für großkalibrige Halbautomaten an. Nachfolgend sollen beispielhaft einige Disziplinen des Landesschützenverbandes Sachsen-Anhalt vorgestellt werden.

In der Disziplin „ST 1.6.7“ und „ST 1.6.8“ wird mit Selbstladegewehren im Kaliber .22 l.r. im Stehendanschlag auf 50 m entfernte Scheiben geschossen. Wahlweise wird eine offene Visierung oder ein Zielfernrohr verwendet. Der Schütze muß 8 Serien zu je 5 Wertungsschüssen abgeben, wobei für jede Serie 30 Sekunden zur Verfügung stehen.
Für die Disziplin „ST 1.8.3.2“ kommen Zentralfeuer-Selbstlader in einem Kaliber zwischen 6 und 8 mm zum Einsatz. Auf 100 m wird stehend angestrichen mit Zielfernrohr geschossen, wobei viermal 5 Wertungsschüsse in jeweils 5 Minuten abzufeuern sind.

Hier im Land werden nach den diversen Halbautomatendisziplinen zahlreiche Wettkämpfe veranstaltet. So z.B. der Polte-Pokal in Schönebeck, bei dem auch auf ein militärhistorisches Ambiente Wert gelegt wird oder der Pokalwettkampf in Dardesheim für die historischen .30 M1-Karabiner. Das Protokoll der Landesmeisterschaft 2011 kann hier heruntergeladen werden.

Nach dieser kurzen Darstellung der sportlichen Verwendung von Selbstladegewehren in Deutschland soll nun der Blick ins Ausland gerichtet werden, um einige der dortigen Disziplinen besser kennenzulernen.



Ausland 1: Schweiz

In der Eidgenossenschaft wird dem Schießwesen traditionell eine große Bedeutung beigemessen. Das ist nicht auf eine – im obrigkeitsstaatlich-deutschen Sinne verkürzte – Reservistenfortbildung zu reduzieren. Schießsportliche Veranstaltungen sollen vaterländischen Charakter tragen, wie es in Artikel 2 des Reglements über das Eidgenössische Feldschießen heißt. Bei diesem in der gesamten Schweiz zeitgleich ausgetragenen Wettkampf kommen nur Ordonnanzwaffen zum Einsatz. Teilnehmen kann jeder Bürger ab einem Lebensalter von 10 Jahren. Das Programm des Feldschießens besteht aus 18 Schuß auf 300 m. Diese sind wie folgt abzugeben: 6 Schuß in 6 Minuten (Übung 1), zweimal 3 Schüsse in je 60 Sekunden (Übung 2) und 6 Schüsse in 60 Sekunden (Übung 3).



Ausland 2: Norwegen

Auch in Norwegen unterstützt die Regierung den Schießsport zum Zwecke der Förderung der Verteidigungsbereitschaft. Dies ändert freilich nichts am zivilen und sportlichen Charakter der Wettkämpfe! Einer der Höhepunkte ist das alljährliche „Landsskytterstevnet“. Ebenso wie in der Schweiz kommen bei diesem Massenevent neben Repetier- vor allem Selbstladegewehre zum Einsatz. Hier sind z.B. aus allen drei Anschlagsarten (liegend, kniend, stehend) 5-Schuß-Serien unter Zeitbegrenzung auf 10, 15 und 25 Sekunden pro Serie abzugeben. Berichte von diesen Wettkämpfen sind u.a. hier und hier zu finden.



Ausland 3: USA

Das Civilian Marksmanship Program (CMP) bietet amerikanischen Sportschützen ein breites Spektrum an Leistungen an, wobei die Durchführung der alljährlichen „National Matches“ in verschiedenen Gewehr- und Pistolendisziplinen sicher den Höhepunkt darstellt. Langjähriger Direktor des CMP war übrigens der bekannte Sportschütze, zweifache Olympiasieger und ISSF-Vizepräsident Gary Andersen. Unter den verwendeten Gewehren nehmen amerikanische Ordonnanzwaffen oder deren zivile Derivate wie das M 1 Garand, das M 14 / M 1 A oder das M 16 / AR 15 einen hervorragenden Platz ein. In der Regel werden sie nur mit der standardmäßigen offenen Visierung geschossen.

In der Disziplin „National Trophy Individual Rifle Match“ werden mit diesen Waffen insgesamt 50 Wertungsschüsse abgegeben. Die ersten zehn auf 200 yards im stehenden Anschlag, danach 10 Schuß im sitzenden oder knienden Anschlag auf dieselbe Distanz in 60 Sekunden, drittens 10 Schuß liegend auf 300 yards in 70 Sekunden und schließlich 20 Schuß liegend auf 600 yards in 20 Minuten.
Im „President’s Rifle Match“, dessen Sieger ein Glückwunschschreiben des jeweiligen Präsidenten der Vereinigten Staaten erhält, ist der Ablauf wie folgt: 10 Schuß in 10 min auf 200 yards im Stehendanschlag, 10 Schuß auf 300 yards in 70 Sekunden (liegend) und 10 Schuß auf 600 yards in 10 Minuten (ebenfalls liegend).

An den CMP-Wettkämpfen kann sich jeder US-Bürger beteiligen. Das dabei in Anwendung kommende Regelwerk ist hier zu finden. Die Resultate der National Matches 2011 können hier eingesehen werden. Die dort erreichten Ringzahlen sind durchaus beeindruckend. So hat der Gesamtsieger der „National Trophy“ 498 von 500 möglichen Ringen errungen, der Sieger der „President's Rifle Trophy“ 295 von 300 möglichen. Und dies auf Distanzen weit jenseits der in Deutschland so hochgeschätzten 10 m, die in den Druckluftdisziplinen üblich sind.



Resümee

Dies verdeutlicht einmal mehr, daß sportliches Schnellfeuerschießen nichts mit „Herumballern“ oder „Waffenfetischismus“, wie von den Grünen unterstellt, zu tun hat. Vielmehr geht es um die Herausbildung eines agilen, reaktionsschnellen Sportsmannes. Ob dieses Ziel freilich einer politischen Partei, deren führende Mitglieder bisweilen enge Kontakte zum Drogenmilieu unterhalten (haben), begreiflich zu machen ist, darf bezweifelt werden. Schließlich führt der Konsum von Cannabis zur gegenteiligen Wirkung: das Reaktionsvermögen wird herabgesetzt, anstatt klar zu sehen kommt es zu Halluzinationen. (Möglicherweise ist das der von den Grünen favorisierte Idealzustand der Menschheit?)

Die politischen Überlegungen sollen hier abgebrochen und im zweiten Teil, der voraussichtlich übermorgen erscheinen wird, fortgesetzt werden. Vorliegend gilt es als Zwischenfazit festzuhalten, daß sowohl in Deutschland als auch im Ausland interessante und z.T. äußerst anspruchsvolle Disziplinen für das sportliche Schießen mit Selbstladegewehren angeboten werden. Am sportlichen Charakter dieser Veranstaltungen kann wohl kein unvoreingenommener Beobachter ernsthaft zweifeln, es sei denn, er hielte alle nicht-olympischen Schießdisziplinen (und das ist der weitaus größte Teil!) für „schmückendes Beiwerk“ oder „Operettendisziplinen“. Für eine derartige Engführung gibt es allerdings in einer freien Gesellschaft keinen nachvollziehbaren Grund.



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Fotos: lv-mv.bdmp.de, cmp1.zenfolio.com, durrers.ch, www.jungfrauzeitung.ch, www.glarus24.ch.

Dienstag, 5. Juli 2011

"Die 17er"

Kaj-Gunnar Sievert, der den deutschsprachigen Buchmarkt bereits durch mehrere Bücher über die Einsätze internationaler Spezialeinheiten bereichert hat, hat Anfang diesen Jahres einen Band über seine eigene Einheit vorgelegt: „Die 17er – Die Fallschirmaufklärer der Schweizer Armee“. Darin stellt er, der selbst vier Jahre lang die Fallschirmaufklärungskompanie 17 geführt hat, die Einheit vor. Es beginnt mit der Geschichte, die in den Anfängen – wie bei vielen Spezialeinheiten – relativ steinig war. Sodann werden ausführlich die Selektion, die Aus- und Fortbildung sowie die Übungen der Fallschirmgrenadiere behandelt.

Besonders gelungen ist Sieverts ausführliche Darstellung des eidgenössischen Milizsystems, in welches auch die „17er“ eingebunden sind. Angesichts dessen nötigen die Leistungen der Kompanieangehörigen, die sie zum Teil in ihrer Freizeit erbringen, um so größeren Respekt ab. Und die ausländischen Leser lernen so das Militär der Schweiz kennen, das sich in den letzten 20 Jahren mehrfach gewandelt hat – auch über die Spezialkräfte hinaus.

Interviews mit anderen Offizieren der Einheit sowie Vorstellungen der Ausrüstung runden das Buch ab. Mit ihm ist Sievert – soweit ein deutscher Rezensent, dessen Interessenschwerpunkt anderenorts liegt, dies beurteilen kann – eine sehr gute Darstellung gelungen, die aufgrund ihrer Qualität (und, weil es sonst kaum Literatur dazu gibt) wohl als Standardwerk zu bezeichnen ist. Dennoch ist es kein trockenes Fachbuch, sondern leicht lesbar, ohne dabei jedoch in Plattheiten zu verfallen. Damit ist schon die Vorfreude auf Sieverts nächste Projekte geweckt. :-)


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Dienstag, 10. August 2010

WM-Eindrücke V


Heute ist der letzte Wettkampftag der diesjährigen ISSF-Weltmeisterschaft. Es geht noch einmal um Medaillen im Gewehrschießen auf 300 m sowie auf die Laufende Scheibe (50 m) und im Skeet. Für 18.15 Uhr ist die Abschlußfeier geplant. Grund genug, auf die beiden vergangenen Tage zurückzublicken.



Am Sonntag war der Wettbewerb der Damen mit der Luftpistole herausragend. Die Ränge, die sich die acht Schützinnen im Vorkampf erstritten hatten, sind im Finale noch einmal kräftig durcheinander gewirbelt worden. Es blieb spannend bis zum letzten Schuß, denn die Silber- und Bronzemedaille wurden erst nach einem Shoot-off vergeben. Gold gewann Zorana Arunovic aus Serbien mit 486,8 Ringen (385 + 101,8). Auf Rang 2 kam die 46jährige Lalita Yauhleuskaya, die zwar in der Sowjetunion geboren wurde, aber mittlerweile für Australien startet. Bronze ging an Viktoria Tschajka aus Belarus. Es war nach dem Finale schon nett, wie zwei der drei obligatorischen Interviews auf Russisch geführt wurden. ;-)
Die beste deutsche LP-Schützin war Stefanie Thurmann (39.); beste Russin Kira Klimowa (13.). In der Teamwertung (eine interessante Tabelle!) siegte Australien vor Südkorea und China. Auf die Frage, welche Pistolenmodelle verwendet wurden, findet sich hier eine Antwort.



Beim Schießen mit der Zentralfeuerpistole konnte Leonid Ekimow (RF), der im OSP-Finale noch das Nachsehen hatte, mit 589 Ringen Gold gewinnen. Bester Deutscher war Pierre Michel auf Platz 10. Der OSP-Weltmeister Alexej Klimow hatte technische Probleme und blieb deshalb auf einem hinteren Rang. Dieser Wettkampf war gut besucht und die Teamwertung zeigt auch hier eine interessante Verteilung.
Es ist interessant, auf den Bildern vom Zentralfeuerwettkampf die unterschiedlichen Waffen der Teilnehmer zu sehen. Hier scheint die Bandbreite der verwendeten Modelle größer zu sein als in anderen Disziplinen; einige russische Schützen - darunter wohl auch der neue Weltmeister Ekimow - haben mit dem Revolver TOZ-49 geschossen. Igor Ruljow hat nicht nur Fotos vom Schießen gemacht, sondern dankenswerterweise auch wieder eine Waffenstatistik erstellt.



In der Disziplin Laufende Scheibe Mixed (50 m) gewannen Schützen aus Rußland zwei Medaillen. Bei den Männern errang Maxim Stepanow Gold; bei den Junioren konnte Jurij Dowgal seine Medaillenkollektion um eine silberne erweitern. Beste Deutsche waren Jens Zimmermann (15.) bzw. Sebastian Zeh (8.). In den Mannschaftswertungen gewannen die russischen Männer Gold und die Junioren Bronze.



Ebenfalls am Sonntag lief das English Match der Frauen. In der Teamwertung konnten die deutschen Damen Silber gewinnen. Im Einzelwettkampf reichte es allerdings nur für einen vierten Platz von Sonja Pfeilschifter. Gewonnen hat letzteren Tejaswini Sawant (Indien) mit 597 Ringen, womit der bisherige Weltrekord eingestellt wurde. Silber ging an die Polin Joanna Ewa Nowakowska, die ringgleich mit Sawant war, aber weniger Treffer in der Innenzehn aufzuweisen hatte. Auf den dritten Platz kam Olga Dowgun aus Kasachstan. Beste Russin war Ljubow Galkina (29.).



Eine Disziplin, die ich sehr interessant finde, ist das 300-m-Standardgewehr. Die ISSF-Presseabteilung berichtet über den Wettbewerb:
"[...]

France’s Henry Josselin won today’s 300m Standard Rifle event, becoming the new world champion in this non-Olympic event with a total score of 587 points, topping the final score of 586 points fired by Thomas Farnik four year’s ago at the 2006 World Championship in Zagreb. The French shooter, who had equalled the 300m Rifle Prone Men world record of 600 points two days ago, had never won an ISSF medal in this even, before.

Tomorrow, the 28-year old shooter from Paris will compete in the 300m Rifle Three Positions event. Second at the 2007 European Championship, and third last year in Osijek, both times with 1173 points, Josselin is considered one of the favourites to finish between the bests here in Munich.

The Silver went to Slovenia’s Robert Markoja with 585 points (198, 190, 197), while the Bronze was grabbed by the Norwegian rifle champion Vebjoerm Berg, who marked 584 points (197, 194, 193) finishing on his second 300-meter podium.

Three shooters were disqualified during today’s competition. Both Brazil’s Rocco Rosito and Martin Strempfl were stopped by the judges because of violations to the ISSF rule 7.4.2.7. Rosito had the front sight extending beyond the permitted point, while Strempfl was not complaining with the regulations regarding the depth of curve of the butt plate of his rifle. Sweden’s Andres Brolund was also disqualified, as his pistol grip was recognised to be anatomically formed, breaking the ISSF rule 7.4.2.2.

[...]"
Hier die Ergebnisse des Einzelwettkampfs und der Mannschaftswertung. Igor Ruljow hat davon auch Fotos gemacht (vgl. hier und hier). Die Skandinavier scheinen in dieser Disziplin besonders stark zu sein. Der deutsche Starter Christian Dressel wurde nur 27. Schützen aus Rußland haben nicht teilgenommen, dort werden m.W. die 300-m-Disziplinen nur im Rahmen von CISM-Wettkämpfen geschossen.



Am Montag wurde mit der KK-Sportpistole der Damen die vorletzte olympische Disziplin ausgetragen - und das Finale war spannend. Die Frauen schossen gut und die Plazierungen änderten sich mehrfach deutlich. Schließlich sorgten zwei Stechen - um Platz 1 und 2 sowie um Platz 7 und 8 - für weitere Spannung, ebenso wie die insgesamt drei Waffenstörungen während des Finales. Gold ging schließlich mit einem Vorsprung von 0,1 Ringen an Kira Klimowa aus Rußland (788,8 Ringe = 584 + 204,8), Silber an Zorana Arunovic (Serbien) und Bronze an Lenka Maruskova (Tschechien), die im LP-Finale mit einem vierten Platz vorlieb nehmen mußte.
Mit der Juristin Julia Alipawa kam eine weitere Russin auf Rang 6; beste Deutsche war Munkhbayar Dorjsuren (16.). Wie schon im LP-Finale, so konnten sich auch hier die Schützinnen aus Ostasien im Finale nicht nach vorne durchkämpfen. Eine Statistik über die verwendeten Pistolenmodelle ist hier zu finden. Im Mannschaftswettkampf kam Rußland auf Platz 1, gefolgt von Serbien und Tschechien.



Für Arunovic war es - nach dem Weltmeistertitel mit der LP - bereits die zweite Einzelmedaille dieser WM. Und wie sie sich gefreut hat - einfach schön. :-) Unter den Schützinnen scheint ohnehin ein sehr freundlicher, zum Teil herzlicher Umgang miteinander üblich zu sein. Der heutige Sieg war für Klimowa zugleich der Höhepunkt ihrer bisherigen Sportlaufbahn. Im anschließenden Interview sagt die sympathische junge Frau, sie habe sehr viel trainiert und den Kampf dann bis zum Ende durchgehalten. Die Kurzwaffenschützen aus Rußland waren bei dieser WM sehr stark, doch auch die Leistungen anderer Mannschaften wie denen aus Serbien, Belarus, der Ukraine und Tschechien sind beeindruckend. Dahinter stehen die der deutschen Teilnehmer leider zurück, obwohl in manchen ausländischen Foren von München als dem "Mekka des Sportschießens" gesprochen wird und man von der WM-Organisation begeistert ist.



Im gestern ausgetragenen 300-m-Liegendkampf der Frauen zeigten sich erneut die Schweizerinnen, Skandinavierinnen und Französinnen ganz stark. Gold ging an Bettina Bucher aus der Eidgenossenschaft, die mit 599 Ringen den Weltrekord egalisiert hat. Beste deutsche Teilnehmerin war Eva Friedel (8.). In der Mannschaftswertung gewann Frankreich Gold, Deutschland Silber und Polen Bronze.



Nebenbei: In den 50 m-Disziplinen der laufenden Scheibe wird in der Tat auf Tierscheiben geschossen (siehe hier). Ich finde es ja gut, doch dachte ich bisher, dergleichen sei im DSB mit ewigen Höllenstrafen bedroht. ;-)



Neben der Fa. Walther haben mittlerweile auch Anschütz und Feinwerkbau Übersichten erstellt, die darüber Auskunft geben, welche Erfolge mit ihren Produkten auf der WM errungen worden sind.





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Rückblende: Die Schützen-WM 1954

Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Kommandounternehmen

Vor wenigen Wochen hat Kaj-Gunnar Sievert den Nachfolgeband seines 2004 erschienenen Buches „Kommandounternehmen – Spezialeinheiten im weltweiten Einsatz“ vorgelegt. Der schweizerische Offizier analysiert in „Kommandounternehmen: Verdeckter Zugriff – Special Forces im Einsatz“ in bewährter Manier Spezialoperationen, die zwischen 1980 und 1991 durchgeführt worden sind. Der Begriff Analyse ist durchaus gerechtfertigt, denn die ausgewählten fünf Einsätze werden detailliert untersucht, von der Entwicklung der Ausgangslage (zumeist Geiselnahmen) über die Vorbereitung und Durchführung bis hin zu den Nachwirkungen. Dabei wird auch mit – immer sachlich begründeter – Kritik nicht gespart.

Im einzelnen werden die folgenden Aktionen behandelt: Befreiung der Geiseln in der iranischen Botschaft in London (1980), Geiselbefreiung in der polnischen Botschaft in Bern (1981), Befreiung eines entführten Verkehrsflugzeugs in Malta (1985), Befreiung eines US-Bürgers in Panama (1989) und die Evakuierung von Diplomaten aus Somalia (1991). Von besonderer Bedeutung ist m.E. das Kapitel über die hierzulande nur wenig bekannte Operation in Bern, wird darin doch ausführlich das schweizerische Vorgehen bei einer Geisellage beleuchtet.

Sieverts neues Buch ist ein Höhepunkt unter den bisweilen durchwachsenen Publikationen zum Thema Spezialeinheiten und kann nur empfohlen werden. Wie ich gehört habe, brütet der Autor bereits über neuen Projekten, für die ihm viel Erfolg zu wünschen ist. Vielleicht erbarmt er sich irgendwann auch den im deutschsprachigen Raum recht stiefmütterlich behandelten Spezialeinheiten aus den romanischen Ländern, denn seine bisherigen Bücher waren doch sehr „anglophil“. ;-)


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Montag, 24. Mai 2010

Söldner oder Bürger in Uniform?


Der 12. Juli des Jahres 1871 war ein stürmischer Tag in New York. Stürmisch zumindest im politischen Sinne, denn anläßlich eines politischen Aufzuges kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen protestantischen und katholischen Einwanderern aus Irland. Mittendrin: Mehrere Regimenter der Nationalgarde des Staates New York, welche die Ausschreitungen eindämmen sollen. Am Ende der "Orange Riots" sind Dutzende Tote und Hunderte Verletzte zu beklagen. Mitverantwortlich dafür war der schlechte Ausbildungszustand der Nationalgardisten. Dies gab den Anstoß für die Gründung jener Organisation, die wir heute unter dem Namen National Rifle Association (NRA) kennen. Die Gründerväter - William Church und George Wingate - wollten insbesondere die Mängel im Schießwesen der Bürgermiliz abbauen. So gingen die Landesverteidigung und der Schießsport eine langandauernde Symbiose ein, für die heute in den USA vor allem das Civilian Marksmanship Program (CMP) mit den National Matches in Camp Perry als sportlichem Höhepunkt steht. Schnitt.



Im 19. Jahrhundert hatten sich im heutigen Südafrika zwei Burenstaaten, die von den Nachfahren niederländischer Einwanderer gegeründet worden waren, etabliert: Transvaal und der Oranje-Freistaat. Die meisten Buren waren Landwirte und somit gehörte die Jagd zu ihren alltäglichen Beschäftigungen, wobei die Munitionskosten zu einem sparsamen Verbrauch und damit zu treffsicherem Schießen zwangen. Ein Bure berichtete später aus seiner Jugend, wie ihm sein Vater ein Gewehr und eine Patrone gab - verbunden mit dem Auftrag, ein Tier zu erlegen, um den Kochtopf zu füllen. Und er hat seinen Vater nicht enttäuscht (anderenfalls hätte es vermutlich Prügel gegeben).

Als 1899 der Zweite Burenkrieg ausbrach, lehrten die Buren den einrückenden Truppen Ihrer britannischen Majestät das Fürchten. Sie waren nicht nur hervorragende Schützen, sondern mit dem Mausergewehr auch noch exzellent bewaffnet - und damit den Briten nicht nur ebenbürtig, sondern partiell überlegen. Im Dezember 1899 verbluteten vor den Magersfontein-Bergen über tausend englische Soldaten, wohingegen die zahlenmäßig schwächeren Bureneinheiten kaum 300 Mann verloren hatten. Und hier spielte das vollautomatische Maschinengewehr, das später im Russisch-japanischen Krieg (1905/05) und im Ersten Weltkrieg (1914-1918) so gewaltige Verluste fordern sollte, noch keine Rolle.



Doch während es sich bei den afrikaanischen Soldaten um exzellente Schützen handelte, hatte man in der britischen Armee (wie in den meisten europäischen Armeen zu Beginn des 20. Jh.!) den Bajonettangriff favorisiert. Um einen solchen erfolgreich durchführen zu können, muß man jedoch erst einmal auf Nahkampfweite an den Gegner herankommen. Wie miserabel die englische Schießausbildung war, mag die folgende Zahl illustrieren: Noch anno 1902 trafen bei einem Armeewettkampf von 1100 abgegebenen Schüssen nur fünf die Scheibe. Kein Wunder, mit den etatmäßigen 30 Schuß pro Mann für drei Jahre lassen sich keine treffsicheren Schützen heranbilden.

Welche Konsequenzen zogen die Briten aus ihren anfänglichen Niederlagen im Burenkrieg? Unter anderem wurde die Schießausbildung verbessert. Zunächst sammelten die Offiziere Geld für zusätzliche Übungsmunition. Die bereits Ende der 1850er Jahre unter den (ebenfalls verheerenden) Eindrücken des Krimkrieges entstandene Freiwilligenbewegung erhielt neuen Auftrieb. In diesem Kontext ist auch die 1859 gegründete britische NRA zu sehen, die sich - als zivile Organisation - der Pflege des Gewehrschießens gewidmet hat. Um die Jahrhundertwende kamen noch Wettkämpfe mit den damals neuen Kleinkalibergewehren sowie entsprechende Vereine hinzu. So gehörten der Society Of Miniature Rifle Clubs im Jahre 1914 über 200.000 Mitglieder an. Dies alles geschah auch mit dem Ziel, die Verteidigung des Empires sicherzustellen. Schnitt.



Wir schreiben den Sommer 1941. Deutsche Truppen stoßen tief in die Sowjetunion vor. In der seit 1927 existierenden sowjetischen Wehrsportorganisation Osoaviachim wird auch der Schießsport gepflegt - und zwar nicht nur von Männern, sondern - die Gleichberechtigung schreitet voran - auch von zahlreichen Frauen. Zwar war der Zweite Weltkrieg erheblich stärker technisiert (um nicht zu sagen: industrialisiert) als der Burenkrieg, weshalb den Einzelschützen immer weniger Gewicht zukommt. Doch kann man auch unter diesen Umständen nicht ganz auf den gezielten Einzelschuß verzichten.



Mithin hat man in der Roten Armee relativ viel Wert auf das Scharfschützenwesen gelegt. Unter den sowjetischen "Snajpery" waren im Jahr 1943 über 1.000 weibliche Soldaten, die freiwillig der Roten Armee beigetreten waren. Die meisten von ihnen dürften so wie Ljudmila Pawlitschenko in der Osoaviachim mit dem Schießen, das im Notfall auch der Landesverteidigung dienen konnte, begonnen haben. Schnitt.



Auch nach 1945 wurde und wird in vielen europäischen Staaten den grundsätzlich zivilen Schieß-Sport unterstützt, um die Bürger auch zu guten Verteidigern des Vaterlandes heranzuziehen. Zu nennen sind hier etwa die Jungschützenkurse in der Schweiz, die enge Anbindung der Schützenverbände an die Verteidigungsministerien in den skandinavischen Staaten. Oder in unserem Nachbarland Polen die Liga zur Verteidigung der Heimat (LOK), welche unter anderem als Schießsportverband fungiert (siehe z.B. hier), sowie die von den Schulbehörden organisierten Schülerwettbewerbe im Gewehrschießen namens "O Srebrne Muszkiety" (dt.: Über silberne Musketen), die von lokalen Wettkämpfen bis hin zu polnischen Meisterschaften gehen. Schnitt.



Frühjahr 2010, Nordafghanistan. Deutsche Soldaten werden zunehmend in heftige Gefechte mit bewaffneten Einheimischen verwickelt; die Zahl der Gefallenen steigt. Unter den dabei in der Bundeswehr zutage getretenen Mängeln ist Medienberichten zufolge auch die unzureichende Ausbildung der eingesetzten Soldaten an ihren Handfeuerwaffen. In der Heimat müsse gespart werden, weshalb auch die Schießausbildung häufig auf der Strecke bliebe.

Was müßte jetzt eigentlich in Deutschland passieren, wenn man die soeben skizzierten Beispiele aus anderen Staaten als Maßstab nähme? Patriotische und wehrwillige Bürger sowie die Schießsportverbände würden mit dem Bundesverteidigungsministerium kooperieren, um angehenden Rekruten noch vor ihrer Einberufung ein erstes Schießtraining zuteil werden zu lassen. Doch dergleichen geschieht in der Bundesrepublik Deutschland anno 2010 nicht und wird wohl auch in Zukunft nicht geschehen. Das vielbeschworene bürgerschaftliche Engagement ist in dieser Richtung nicht gefragt. Warum?





Erstens ist vielen Deutschen alles, was im weitesten Sinne mit Waffen und Militär zu tun hat, suspekt geworden. Die Schießsportverbände tun daher (klugerweise) alles, um irgendwelche paramilitärischen Anklänge zu vermeiden. Selbst der Reservistenverband bemüht sich um ein betont ziviles, unmilitärisches Erscheinungsbild. Aus der alten preußischen Idee des Staatsbürgers in Uniform, dem (zugespitzten) Ideal des "Volks in Waffen", ist heute der bestenfalls temporär tarnanzugtragende Zivilist geworden. Diese Entwicklung ist in der Sache zwar bedauerlich, sollte nach zwei verlorenen Weltkriegen jedoch keine allzu große Verwunderung hervorrufen.

Freilich kann man so keine Armee führen und unterstützen, die mittlerweile auf weltweite Einsätze ausgerichtet ist. Der Soldat einer solchen Einsatzarmee muß Profi sein. Dadurch vergrößert sich allerdings seine Distanz zur deutschen Mehrheitsgesellschaft deutlich. Die zivile Gesellschaft kann damit leben, solange keine Wehrpflichtigen gezwungen werden, im Ausland zu kämpfen. Das Nebeneinander zwischen Armee und Gesellschaft ist auch für die politische Führung der Bundeswehr kein wirkliches Problem. Denn so kann man die Truppe fast beliebig einsetzen, ohne allzu viel öffentlichen Widerstand fürchten zu müssen. Wenn der Wunsch mancher Politiker wahr würde und sich die Deutschen tatsächlich intensiv für das Schicksal unserer Soldaten in Afghanistan interessieren würden, dann hätten wir vermutlich bald Sitzblockaden vor Kasernen und andere pazifistische Demonstrationen zu erwarten.

Sowohl Volk als auch Politik sind mit dieser Sonderlage der Einsatzarmee zufrieden, wobei deren Soldaten wohl eher als eine Art "Söldner" denn als Mitbürger und Nachbarn gesehen werden. Zu diesem Image trägt natürlich die Art und Weise der Personalgewinnung bei, die (zumindest hier in Ostdeutschland) nicht wenige junge Männer vornehmlich aus finanziellen Erwägungen in die Streitkräfte lockt. Letzteres ist weder schlimm noch unmoralisch, aber es trägt zwangsläufig zur Entfremdung zwischen Front und Heimat bei. Es sind eben nicht "unsere Jungs", die bei Kunduz fallen oder verwundet werden, sondern zumeist anonyme Staatsangestellte, die freiwillig einen Risikoberuf gewählt haben und dafür sehr gut bezahlt werden. (Und die, die unversehrt zurückgekommen sind, haben bisweilen keine Scheu, ihren neuerworbenen Wohlstand zur Schau zu stellen.)





Dazu kommt noch die extreme Unklarheit hinsichtlich der politischen Ziele, die in Afghanistan verfolgt werden. Weshalb stehen im Jahr 2010 deutsche Truppen noch am Hindukusch? Um den afghanischen Frauen den Schleier vom Gesicht zu reißen? Um ihren Töchtern eine Schulbildung zu ermöglichen? Um den seit Jahren abgetauchten Osama bin Laden zu fangen? Um lokale Guerillas und Banditen zu bekämpfen? Um das (zunehmend unzuverlässige) Regime von Hamid Karzai und diverse regionale Fürsten zu stützen? Um die Durchsetzung des islamischen Rechts zu ermöglichen (vgl. Artikel 3 der afghanischen Verfassung von 2004) - Todesstrafe für Konvertiten inklusive? Oder gar, um den Opiumanbau und -handel zu schützen?

Aus den genannten Gründen werden auch sämtliche Initiativen zur Stärkung des zivil-militärischen Verhältnisses wie etwa die gelben Bänder weithin erfolglos bleiben, so lobenswert sie auch sind. Die derzeitige Situation ist den meisten in Deutschland ganz recht, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Unter die Räder kommen dabei natürlich die betroffenen Soldaten und ihre Familien. Doch das sind zu wenige Wähler, um politisch relevant zu werden.
Somit wird es wohl in der absehbaren Zukunft keine öffentlich wirksamen Denkmäler für gefallene Bundeswehrsoldaten geben, von einem Grabmal des unbekannten Soldaten mitsamt Ewiger Flamme wie z.B. in Paris oder Moskau ganz zu schweigen. Es werden mit Sicherheit keine deutschen Schulen nach in Afghanistan Gefallenen benannt werden, schließlich leben wir in einer "post-heroischen" Gesellschaft (wie selbst BW-Angehörige nicht ohne Stolz verkünden).

Und es wird mit ebensolcher Sicherheit keine, wie auch immer geartete vormilitärische (Schieß-)Ausbildung für junge Männer und Frauen geben, denn Waffen sind grundsätzlich böse, das Militär ebenso und wer sich mit beidem beschäftigt, gehört entweder in die geschlossene Anstalt oder in ein Feldlager im Wüstensand. Aber auf jeden Fall nicht in das heutige Deutschland, das lieber auf "Friedenserziehung" und "gewaltlose Konfliktprävention" setzt. Und wenn unsere unzureichend geschulten Soldaten im Mittleren Osten krepieren? Sei's drum, denn laut Bundesminister a.D. Joschka Fischer gilt bekanntlich die Devise: "Deutsche Helden müßte die Welt, tollwütigen Hunden gleich, einfach totschlagen".


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Fotos: Library of Congress, www.maxpenson.com, www.zstslubice.edu.pl/muszkiet, Reuters u.a.

Donnerstag, 26. November 2009

26.11.2009: Bilder des Tages


Vom 26. bis zum 28. November 1812 tobte in Weißrußland die Schlacht an der Beresina. Napoleons Grande Armee befand sich auf dem Rückzug, nachdem die Invasion des Russischen Reiches gescheitert war. Der Übergang über den Fluß Beresina mußte nicht nur erst von den französischen Pionieren hergestellt, sondern auch gegen ständige russische Angriffe erzwungen werden.
Besonders hervorgetan haben sich dabei die Schweizer Regimenter, die - der Reisläufertradition folgend - in Napoleons Diensten standen. An ihren Heldenmut erinnert das Beresinalied - so, wie der Löwe von Luzern an ihre Vorgänger im Dienst der französischen Könige.
An diese Schlacht soll mit den heutigen Bildern - Historiengemälden - erinnert werden.





Samstag, 29. August 2009

Neuerungen und Enttäuschung


Wie in der vergangenen Woche angekündigt, hat mein HW80k jetzt Quartier bei einem Büchsenmacher bezogen, um auf ein anderes Kaliber konvertiert zu werden. Bei der Gelegenheit wurde auch gleich ein neuer Gewehrriemen für das HW95 beschafft. Unterdessen habe ich dieses Luftgewehr einige Tage nur über die offene Visierung geschossen und war ob der Ergebnisse erstaunt. So viel besser treffe ich mit einem ZF auch nicht.

Warum habe ich diesen Beitrag mit "Enttäuschung" überschrieben? Ganz einfach: Die erhoffte Verbesserung meiner Zielfernrohrsituation will sich nicht einstellen. Am Donnerstag ist endlich das ersehnte Bushnell Sportsman 1,5-4,5x21 eingetroffen. Die Optik macht einen hervorragenden Eindruck, ganz so, wie man es von einem Markenhersteller erwarten würde. Doch leider ist der Tubus des Zielfernrohrs zu groß: 43 mm Gesamtdurchmesser, die - wiederum - den Blick auf Kimme und Korn blockieren. :-(
Da die Nutzung der Durchsichtmontage jedoch der Hauptgrund für die Anschaffung des neuen Gewehrs war, kann ich das Bushnell nicht behalten, obgleich ich es natürlich dem jetzt erneut montierten Targetfinder 2-6x28 vorziehen würde. Doch wat mutt, dat mutt.
Mithin ist dieses ZF nach wie vor wohl das einzigste, welches sich sinnvoll mit einer Durchsichtmontage zusammen verwenden läßt. Hat unsere Waffenindustrie wirklich nicht mehr zu bieten?



Zum Abschluß noch ein Bild, welches das HW95 vor einem Teil meiner Bibliothek zeigt und bei dem ich unwillkürlich an den Schneidermeister Hediger aus Gottfried Kellers "Fähnlein der sieben Aufrechten" denken muß:
"[...]

Am Bücherschrank aber lehnte eine gut im Stand erhaltene, blanke Ordonnanzflinte, behängt mit einem kurzen Seitengewehr und einer Patrontasche, worin zu jeder Zeit dreißig scharfe Patronen steckten. Das war sein Jagdgewehr, womit er nicht auf Hasen und Rebhühner, sondern auf Aristokraten und Jesuiten, auf Verfassungsbrecher und Volksverräter Jagd machte. Bis jetzt hatte ihn ein freundlicher Stern bewahrt, daß er noch kein Blut vergossen, aus Mangel an Gelegenheit; dennoch hatte er die Flinte schon mehr als einmal ergriffen und war damit auf den Platz geeilt, da es noch die Zeit der Putsche war, und das Gewehr mußte unverrückt zwischen Bett und Schrank stehen bleiben; »denn«, pflegte er zu sagen, »keine Regierung und keine Bataillone vermögen Recht und Freiheit zu schützen, wo der Bürger nicht imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt!«

[...]" (vollständig lesen)


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Samstag, 1. August 2009

01.08.2009: Musik des Tages

Mit dem "Schweizerpsalm" grüße ich heute, am 1. August, meine Leser in der Eidgenossenschaft!




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Dienstag, 21. Juli 2009

Mein drittes Victorinox-Messer ...


... ist in der vergangenen Woche endlich bei mir eingetroffen. Das 125-jährige Bestehen dieses Schweizer Traditionsunternehmens hatte mich daran erinnert, daß mir eine Version immer noch fehlt. Neben dem großen Modell "Hercules", welches ich oft in einer Gürteltasche führe, hatte ich seit etwa zehn Jahren ein einfaches "Classic" am Schlüsselbund.
Da ich das große und schwere "Hercules" jedoch zunehmend als Belastung empfinde und es, wenn ich Anzug trage, sowieso in der Aktentasche oder im Rucksack bleiben muß (und somit nicht immer sofort einsatzbereit ist), wuchs der Wunsch nach einem kompakteren Messer, das ich am Schlüsselbund tragen kann und so immer am Mann habe. Dabei war die Klingenlänge nicht so wichtig, denn eines meiner größeren "EDC"-Klappmesser habe ich ohnehin immer dabei.
Dieses Anforderungsprofil führte dann fast zwangsläufig zur Wahl des Victorinox "MiniChamp". Zwar nicht ganz leicht, aber doch schön kompakt, beschwert es seit einigen Tagen meinen Schlüsselbund und dürfte für die meisten Aufgaben im alltäglichen (Groß-)Stadtdschungel vollauf geeignet sein.


Samstag, 13. Juni 2009

13.06.2009: Videos des Tages

Heuer feiert einer der beiden Hersteller des berühmten Schweizer Offiziersmessers, die Firma Victorinox, ihr 125-jähriges Bestehen. Dieser Anlaß war sogar dem hiesigen, sonst eher waffenfeindlichen Regionalblatt einen eigenen Artikel wert. Grund genug also für die beiden folgenden Filmchen.
(Da fällt mir ein, ich brauche noch ganz dringend ein neues, kleines ... ;-))






Sonntag, 17. Mai 2009

17.05.2009: Text des Tages


Heute ein Ausschnitt aus dem Dritten Aufzug von Schillers Drama "Wilhelm Tell": Ein rechter Schütze hilft sich selbst. Und: Früh übt sich, wer ein solcher werden will.

"Hof vor Tells Hause. Tell ist mit der Zimmeraxt, Hedwig mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt. Walther und Wilhelm in der Tiefe spielen mit einer kleinen Armbrust.

Walther singt:

Mit dem Pfeil, dem Bogen,
Durch Gebirg und Tal
Kommt der Schütz gezogen
Früh am Morgenstrahl.
Wie im Reich der Lüfte
König ist der Weih -
Durch Gebirg und Klüfte
Herrscht der Schütze frei.
Ihm gehört das Weite
Was sein Pfeil erreicht,
Das ist seine Beute,
Was da kreucht und fleugt.


Kommt gesprungen.

Der Strang ist mir entzwei. Mach mir ihn Vater.

Tell:

Ich nicht. Ein rechter Schütze hilft sich selbst.

Knaben entfernen sich.

Hedwig:

Die Knaben fangen zeitig an zu schiessen.

Tell:

Früh übt sich, was ein Meister werden will.

Hedwig:

Ach wollte Gott, sie lernten's nie!

Tell:

Sie sollen alles lernen. Wer durchs Leben
Sich frisch will schlagen, muss zu Schutz und Trutz
Gerüstet sein.


Hedwig:

Ach, es wird keiner seine Ruh
Zu Hause finden.


Tell:

Mutter, ich kann's auch nicht,
Zum Hirten hat Natur mich nicht gebildet,
Rastlos muss ich ein flüchtig Ziel verfolgen,
Dann erst geniess ich meines Lebens recht,
Wenn ich mir's jeden Tag aufs neu erbeute.


Hedwig:

Und an die Angst der Hausfrau denkst du nicht,
Die sich indessen, deiner wartend, härmt,
Denn mich erfüllt's mit Grausen, was die Knechte
Von euren Wagefahrten sich erzählen.
Bei jedem Abschied zittert mir das Herz,
Dass du mir nimmer werdest wiederkehren.
Ich sehe dich im wilden Eisgebirg,
Verirrt, von einer Klippe zu der andern
Den Fehlsprung tun, seh wie die Gemse dich
Rückspringend mit sich in den Abgrund reisst,
Wie eine Windlawine dich verschüttet,
Wie unter dir der trügerische Firn
Einbricht und du hinabsinkst, ein lebendig
Begrabner, in die schauerliche Gruft -
Ach, den verwegnen Alpenjäger hascht
Der Tod in hundert wechselnden Gestalten,
Das ist ein unglückseliges Gewerb,
Das halsgefährlich führt am Abgrund hin!


Tell:

Wer frisch umherspäht mit gesunden Sinnen,
Auf Gott vertraut und die gelenke Kraft,
Der ringt sich leicht aus jeder Fahr und Not,
Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren.


[...]"



Bild 2: www.goethezeitportal.de; man beachte bitte auch die Inschrift der 25 Franken-Münze im letzten Bild: "In den Waffen liegen Freiheit und Frieden".

Sonntag, 1. März 2009

Das "Special Forces"-Fieber

Es gibt Modeerscheinungen, die bisweilen seltsame Blüten treiben. Dazu zählt auch die Beschäftigung mit militärischen und polizeilichen Spezialeinheiten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Daran ist an sich nichts falsch oder kritikwürdig! Allerdings führt es manchmal zu Skurrilitäten, über die man nur noch schmunzeln oder den Kopf schütteln kann. An vorderster Front stehen insofern einige Airsoft-Freunde, die sich in Diskussionsforen mittels eines seltsamen Konglomerats aus deutscher und englischer Sprache, beide bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermengt und mit Insiderabkürzungen gewürzt, verständigen. So wird beispielsweise ein Zielfernrohr fast durchweg als „Scope“ bezeichnet. Und jedes qualitativ mäßige Messer verkauft sich besser, sobald es mit den Schriftzügen „SAS“, „Special Forces“ oder „Marines“ beworben wird.

Ähnliche Probleme hat auch ein so seriöser Autor wie Kaj-Gunnar Sievert in seinem Buch „Kommandounternehmen – Spezialeinheiten im weltweiten Einsatz“. Sievert war Offizier bei den Fallschirmaufklärern der Schweizer Armee und hat mit seinem Werk eine interessante und hervorragend aufbereitete Analyse von Einsätzen militärischer Spezialeinheiten vorgelegt. Die ausgewählten Operationen (vom Zweiten Weltkrieg bis zum Bosnienkonflikt) werden hinsichtlich der wesentlichen Aspekte kurz und präzise erläutert – ohne allzuviel Pathos und Ausschmückungen.
Anscheinend haben ernsthafte Autoren, die sich dem Thema Spezialeinheiten widmen, ebenso ihre Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Es ist nachvollziehbar, daß es ein paar Fachbegriffe gibt, die sich nicht oder nur unzureichend aus dem Englischen ins Deutsche übersetzen lassen. Auf das Wort „retired“ trifft dies jedoch nicht zu. Mithin sollte Ulrich K. Wegener in guter preußischer Manier „General des BGS a.D.“ bleiben und nicht zum „General (ret.)“ ernannt werden.


Ein anderer deutscher Autor, der unter den zahlreichen „Special Forces“-Schreiberlingen noch zu den kompetentesten zählt, heißt Sören Sünkler. Er schreibt nicht nur regelmäßig in Caliber, dem Schweizer Waffenmagazin (SWM), auf Webseiten und in seiner eigenen Zeitschrift K-ISOM, sondern publiziert auch Bücher. Eines davon, „Elite- und Spezialeinheiten Europas“, bietet eine grobe und zumeist gelungene Übersicht über die Spezialeinheiten der meisten europäischen Staaten. Es reicht aber, um es vorab zu sagen, nicht an Jan Bogers Klassiker „Elite- und Spezialeinheiten international“ heran. Dafür sind viele der gelieferten Informationen dann doch zu dünn. Zudem bleibt es Sünklers Geheimnis, weshalb er einerseits Albanien und die Türkei zu Europa zählt, andere Staaten wie Rußland, die Ukraine oder Belarus hingegen keinerlei Erwähnung finden.
Auch bei ihm hapert es mit der deutschen Sprache. So bleibt dem Leser etwa verborgen, weshalb im Text über Rumänien der englische Begriff „Special Forces“ verwendet wird. Entweder gebraucht man den entsprechenden rumänischen Terminus oder aber den deutschen „Spezialkräfte“.

Im selben Artikel zeigt sich dann ein weiteres, m.E. viel schwerer wiegendes Manko von Sünklers Schriften: die partielle Unfähigkeit zur korrekten Erfassung und Darstellung der historischen und (sicherheits-)politischen Rahmenbedingungen, unter denen Spezialeinheiten operieren. So wird etwa behauptet, daß Luftlandeeinheiten des Warschauer Vertrages (WV) eine ständige Bedrohung der NATO gewesen seien. Es erschließt sich mir aber nicht, warum diese Aussage ausgerechnet im Zusammenhang mit rumänischen Fallschirmjägern getroffen werden muß. Offenbar ist dem Autor nicht bekannt, daß sich Rumänien nach 1968 weitgehend aus den militärischen Strukturen des WV zurückgezogen und dann bis 1991 eine Stellung eingenommen hat, die derjenigen Frankreichs innerhalb der NATO vergleichbar war.


Dieses Problem zieht sich auch durch die anderen Schriften Sünklers. So behandelt er in den SWM-Heften 2 und 3/2009 die Spezialeinheiten der Schweizer Armee. Die Reportagen an sich sind sehr ordentlich, dann schlägt aber wieder sein eindimensionales Weltbild zu: „rote“ Angriffe, geführt von „kommunistischen Panzerdivisionen“ (SWM 3/2009, S. 14) hätten zu Zeiten des Kalten Krieges die Schweiz bedroht. Das erinnert nicht nur sprachlich an schon vergangen geglaubte Propaganda.
Eben diese gefährlichen „Roten“ kommen im o.g. Rumänien-Beitrag gar nicht gut weg. Sonach hätten die Spezialeinheiten in den WV-Staaten nicht auf demselben Niveau gestanden wie die der NATO – weder ausbildungs- und ausrüstungsmäßig noch hinsichtlich der Qualität des Personals. (Das hat sich freilich vor 1990 noch anders gelesen, als viele in der BRD in ständiger Angst vor Massen von „Spetsnaz“-Superagenten gelebt haben. ;-)) Insofern bleibt Sünkler die Begründung schuldig, warum die Spezialkräfte der NATO-Staaten und Israels per se besser sein sollen als die des WV. Die Leistungsbilanz kann es wohl kaum sein, eher dürfte wiederum das simple Weltbild des Autors zugeschlagen haben: NATO = „Westen“ = gut = hohe Qualität; WV = UdSSR = böse = schlecht. Der einzig bemerkenswerte Unterschied ist m.E. die Tatsache, daß man im WV aufgrund der strikten Geheimhaltung viel weniger Wert auf ein „tacticooles“ Äußeres gelegt hat.

An einer anderen Stelle in Sünklers SWM-Artikeln gewinnt man endgültig den Eindruck, der Autor bewege sich in einem „Special Forces“-Paralleluniversum. So spekuliert er nicht nur über den weltweiten Einsatz der Schweizer Spezialkräfte, sondern redet auch von Luftbetankung und versteigt sich gar zu der Forderung, die Schweiz müsse ggf. bereit sein, einen Flugplatz in Afrika, der als Operationsbasis für eine Geiselbefreiung benötigt wird, mittels eines eidgenössischen Grenadierbataillons zu erobern (SWM 2/2009, S. 10). Dieses Szenario wirkt derart surreal, daß man sich einen Lachanfall kaum verkneifen kann.
Abgesehen von den praktischen Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens ist der Autor scheinbar unfähig, die politischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Konsequenzen zu bedenken, die im Falle der Schweiz erheblich schwerer wiegen würden als ein halbes Dutzend toter Geiseln. Die Eidgenossenschaft ist einer der Garanten der internationalen Diplomatie, weshalb es dem Bundesrat in Bern nicht schwerfallen sollte, sich mit anderen Staaten – etwa im Falle einer Geiselnahme – abzustimmen. Schweizer Alleingänge hingegen wären insofern mehr als kontraproduktiv.

Darüber hinaus ist erschreckend, wie selbstverständlich für Sünkler der weltweite Einsatz von Militäreinheiten in fremden Staaten ist. Völkerrechtliche Aspekte, z.B. das Gewalt- und Interventionsverbot gem. Art. 2 UN-Charta und dessen Ausnahmen, bleiben außer Betracht. Hier zeigt sich, daß er durch die geistige Schule bestimmter Kreise in den USA gegangen ist – ohne allerdings eine kritische Rückfrage nach den (auch praktischen) Folgen dieses Denkens zu stellen, wie sie sich derzeit im Mittleren Osten zeigen.
Richtig liegt er hingegen mit seiner Einlassung, auch ein kleiner Staat wie die Schweiz dürfe sich vom Ausland nicht erpressen lassen und müsse außenpolitisch handlungsfähig bleiben. Die letzte tatsächlich durchgeführte (und erfolgreiche) Erpressung der Schweiz von einem fremden Staat fand in den 1990er Jahren im Konflikt um die nachrichtenlosen Vermögen statt. Betrachtet man allerdings dessen Verlauf, so wird man feststellen müssen, daß den Eidgenossen damals auch die beste Spezialeinheit der Welt nicht geholfen hätte. Insofern bleibt das alles recht abstrakt.


Dieselben, oben schon benannten Kritikpunkte tauchen auch in der von Sünkler verantworteten Zeitschrift „Kommando – International Special Operations Magazine“ (K-ISOM), deren Nummer 2/2009 mir seit einigen Tagen vorliegt, immer wieder auf. Der erste Eindruck der Illustrierten: Hochglanzpapier und viele bunte Bilder. Wie zu erwarten, sind die dazugehörigen Texte tendenziell schwach und in „Denglisch“ geschrieben. Warum muß man z.B. eine Spezialeinheit der polnischen Militärpolizei, die amtlich als „OSZW“ abgekürzt wird, dann noch einmal als „SWAT“ bezeichnen (S. 38)? Was soll der Begriff „Straßen-Riots“ (S. 15), wenn man mit „Straßenunruhen“ dasselbe ausdrücken könnte?

Auf jeden Fall wirkt die Lektüre von K-ISOM wie eine Realsatire: Auf der Webseite der Zeitschrift wird (in englischer Sprache!) behauptet, daß es sich um eine deutschsprachige Zeitschrift handeln würde. Davon ist im Heft selbst freilich nur wenig zu merken. (Übrigens hat die SWM-Redaktion Herrn Sünkler klugerweise nicht als Journalisten, sondern nur als Fotojournalisten tituliert. ;-))
Des weiteren ist die „reale Welt“ der Spezialeinheiten, aus der K-ISOM dem eigenen Anspruch nach berichten will, ziemlich klein und besteht scheinbar nur aus den NATO-Staaten und Israel. Daß „hinter den Bergen“ auch noch Menschen wohnen und Spezialkräfte existieren, ist Sünkler & Co. wohl entgangen.

Ein absolutes „Schmankerl“ in negativer Hinsicht ist jedoch Ben Kellers Artikel über litauische Spezialeinheiten im Afghanistaneinsatz. In holprigem Deutsch geschrieben, mit manchen sinnvollen, aber auch vielen überflüssien englischen Worten garniert, läßt sich der Autor über „Special Operations Forces“, eine „CT-Truppe“ u.a.m. aus, bevor er endlich auf S. 5 zur litauischen Bezeichnung für diese Spezialkräfte kommt: „Aitvaras“. Warum wird das nicht an den Anfang gestellt?
Stattdessen wird der Leser mit Sätzen wie dem folgenden auf S. 5 behelligt:

„[…] Kampfschwimmer (Combat Divers Service) KNT (Koviniu Naru Tarnyba) für amphibische und Boarding-Operationen an den Küsten […]“.
Welchen informatorischen Mehrwert hat an dieser Stelle der englische Terminus „Combat Divers Service“? Da Englisch in Litauen keine Amtssprache ist, ist auch die Bezeichnung der litauischen Streitkräfte als „LAF (Lithuanian Armed Forces)“ auf S. 10 (ohne deutsche Übersetzung!) nichts anderes als sinnlos. Ebenso würde ich gern erfahren, was mit einem „Compound in Südafghanistan“ (S. 7) gemeint ist.

Eine hochinteressante Frage wird von Keller leider überhaupt nicht behandelt: Wie sehen litauische Offiziere und Politiker, die selbst in den Reihen der Sowjetarmee in Afghanistan gedient haben, den heutigen Einsatz ihrer Streitkräfte dort? Vielleicht übersteigt diese, eigentlich naheliegende, Fragestellung aber auch die intellektuellen Fähigkeiten von Redaktion und Leserschaft der K-ISOM?

Weiters fabuliert Keller über sog. „GWOT-Operationen (Global War on Terror)“ (S. 6). Spätestens hier zeigt sich, daß man ihn – und auch die Zeitschrift – nicht sonderlich ernst nehmen kann. Der Begriff „GWOT“ ist natürlich amerikanischer Provenienz und wurde in neokonservativen Kreisen geprägt. Analytisch und sicherheitspolitisch ist dieser Terminus (im wahrsten Sinne des Wortes) sinnlos, worauf nicht zuletzt Zbigniew Brzeziński in einem fast schon verzweifelten Artikel in der Washington Post hingewiesen hat: „Terrorized by 'War on Terror' – How a Three-Word Mantra Has Undermined America“. Terror (bzw. Terrorismus) ist eine Kampf-Form, gegen die man schlechterdings keinen Krieg führen kann, denn letzterer setzt einen konkreten, personifizierbaren Gegner voraus.
Einen Vorteil hat die kontinuierliche Verwendung rein ideologischer Begriffe wie „GWOT“ allerdings: Man weiß, was man von den Autoren und Redakteuren der K-ISOM zu halten hat. Ebenso ernüchternd ist es, wenn einer „Fachzeitschrift“ angesichts des jüngsten Konflikts um den Gazastreifen nicht mehr einfällt, als nur das Selbstverteidigungsrecht des Staates Israel zu beschwören. Hier wäre Schweigen die bessere Antwort gewesen, bis man eine Analyse hätte vorlegen können.

Soweit sich die K-ISOM-Artikel nur mit der Mikroebene von Waffen und Spezialkräften beschäftigen, sind sie durchaus lesenswert. Im Heft 2/2009 sind dies z.B. die Beiträge über den Scharfschützenzug des Fallschirmjägerbataillons 313, über „Car Gunfight“ und über Modifikationen des G 3. Sobald es aber auf die Makroebene von Politik und Geschichte geht, sieht es sehr, sehr trübe aus. Man hat, kurz gesagt, den Eindruck, daß Sören Sünkler wie auch seine Kollegen insoweit zu einem analytischen und kritischen Denken unfähig sind. Insoweit stehen sie etwa früheren Offizieren der NVA oder der Sowjetarmee, die nach wie vor vom „Klassenstandpunkt“ u.ä. marxistischen Begriffen reden, in nichts nach – nur, daß sie eben die „andere Feldpostnummer“ vertreten. Im Zweifel geht bei beiden Gruppen Gesinnungstüchtigkeit vor sachlicher Richtigkeit und (selbst-)kritischer Distanz.

Leser, die nach bunten Bildern und lesenswerten Reportagen aus der Welt der Spezialkräfte suchen, sind bei K-ISOM im allgemeinen und Sören Sünkler im besonderen an der richtigen Adresse. Allerdings darf man die Einlassungen besagter Herrschaften, soweit sie über dieses eng begrenzte Feld hinausgehen, keineswegs ernst nehmen. Die journalistischen Qualitätsansprüche bleiben dort auch sonst auf der Strecke. So heißt es in einem Interview mit einem Mitarbeiter der Fa. Zeiss (S. 74):

„Die Welt hat sich verändert. Sie ist unsicherer und unübersichtlicher geworden. Mit den Technologien von Carl Zeiss Optronics helfen wir, die Welt sicherer und durchschaubarer zu machen.“
Eine Zeitschrift, die derart platte Marketingsprüche völlig unkritisch im redaktionellen Teil abdruckt, hat nur eine Reaktion verdient: Nichtbeachtung. Und so wird dieses eine Heft von K-ISOM auch das letzte sein, das ich gekauft habe, zumindest solange es nicht zu substantiellen Verbesserungen kommt. Weitere 6,50 € ist mir dieses Elaborat jedenfalls nicht wert. Aber die Airsoft-Kinder mit ihrem M-4-Varianten werden schon für den nötigen Umsatz sorgen.
Mit Wehmut denkt man daher an die frühere Zeitschrift Barett zurück. Auch dort gab es Ausreißer, aber die Masse der Artikel war doch sehr ordentlich. Einen Tiefpunkt hat K-ISOM allerdings noch nicht erreicht: Soldier of Fortune ist noch schlechter. Aber ob dies der richtige Orientierungspunkt für ein aufstrebendes Magazin ist?