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Donnerstag, 24. Mai 2012

"Bomben auf Baku"

Ein nur wenig bekanntes Kapitel aus der Geschichte des Zweiten Weltkrieges stellt der Historiker Günther Deschner in seiner Schrift „Bomben auf Baku“ vor. Es geht um nichts weniger als die 1939/40 entworfenen britisch-französischen Pläne für massive Angriffe auf die südliche Sowjetunion, namentlich die Kaukasusregion. Damit sollten zwei Ziele verfolgt werden. Zum einen ging es um ein Abschneiden der deutschen Rohstoffzufuhren (vor allem Erdöl und Erdölprodukte) aus der SU, zum anderen um die Fortsetzung jenes schon nach 1917 begonnenen „Kreuzzugs gegen den Bolschewismus“. Deschner stellt die alliierten Planungen völlig zu recht in den Kontext der Intervention der Westmächte während des russischen Bürgerkrieges (1918-1919) und zeigt so langfristige Kontinuitäten des politischen Denkens auf, die teilweise bis heute fortwirken.

Konkret waren zunächst Luftangriffe gegen Industriezentren im Kaukasus geplant. Diese sollten durch Geheimdienstoperationen ergänzt werden, mithilfe derer bewaffnete Aufstände unter der dort lebenden Bevölkerung ausgelöst werden sollten. Schließlich waren auch Vorstöße zu Lande geplant, für die allein französischerseits eine Streitmacht von 150.000 Mann – vollmotorisiert! – zur Verfügung stand. Ins Werk wurde davon jedoch nichts gesetzt, doch fehlten die modernen Kampfflugzeuge und mechanisierten Verbände im Frühjahr 1940 während des Kampfes um Frankreich. Im Ergebnis waren die Planungen also nichts als eine große Diversion – allerdings nicht vom Gegner, sondern von den alliierten Generalstäben durchgeführt.

Deschner zeigt auf, daß das Kriegsbündnis der Jahre 1941 bis 1945 keineswegs natürlich war und auch andere Konstellationen denkbar gewesen wären. Des weiteren wird deutlich, daß die europäischen Großmächte keineswegs alle so friedliebend waren, wie sie sich selbst in der Rückschau gerne sehen. Und – das macht den aktuellen Wert des Buches aus – es werden jene westlichen Denkmuster hinsichtlich Rußlands aufgezeigt, die auch heute noch sehr oft anzutreffen sind, trotz alle Beteuerungen des Gegenteils.
Das führt zu einem weiteren, rein historischen Punkt: Da die Staatsführung der UdSSR von Deutschland über die Angriffspläne informiert worden war, baute sich bei ihr ein Mißtrauen gegenüber den Westmächten auf, das bis zum Kriegsende nicht abgebaut werden konnte. Ferner zeigt sich, daß um das Jahr 1940 herum von einem festgefügten völkerrechtlichen Verbot des Angriffskrieges keine Rede sein konnte.

Das Thema ist freilich nicht ganz neu und wurde bereits 1973 auch vom Spiegel aufgegriffen.


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Samstag, 14. April 2012

Nachsteuern bei der Militärreform


Über den Fortgang der Militärreform im Personalbereich informierte jüngst RIA Nowosti in einem Artikel:
"[...]

Russische Offiziere können demnächst freiwillig ihre Dienstzeit um fünf Jahre verlängern.
Das Verteidigungsministerium hat offenbar den Umfang seines Personalkahlschlags eingesehen und einen Gesetzentwurf zur Anhebung des Pensionsalters vorbereitet. Die Streitkräfte brauchen dringend erfahrene Führungskräfte, die wegen der Reformen in den vergangenen Jahren massenweise aus der Armee ausgeschieden waren.

Neue Altersgrenzen

Die Altersgrenzen für russische Offiziere sind unmittelbar mit ihrem Rang verbunden. Laut dem neuen Gesetzentwurf könnten bzw. dürften Oberstleutnante und Fregattenkapitäne höchstens 50 Jahre alt sein, Oberste und Kapitäne zur See 55 Jahre, Generalmajore, Konteradmiräle, Generalleutnante und Vizeadmiräle 60 Jahre, Marschälle, Armeegeneräle, Flotteadmiräle, Generaloberste und Admiräle 65 Jahre, erläuterte der Pressedienst des Verteidigungsministeriums.

Im Vergleich zur aktuellen Richtlinie, die im Sinne des Gesetzes Nr. 53 vom Jahr 1998 gilt, soll die Altersgrenze um fünf Jahre erhöht werden. Dabei wurde hervorgehoben, dass sie mit den aktuellen Altersgrenzen für Beamte und Mitarbeiter des Innenministeriums übereinstimmen würden.
Die Idee des neuen Gesetzentwurfs bestehe darin, „dass Militärs mit Kriegs- und Verwaltungserfahrungen weiter ihren Dienst leisten“, heißt es in der Pressemitteilung des Verteidigungsministeriums. Diese These muss aber ausführlich dargestellt werden.

Umfassende „Optimierung“

Auf den ersten Blick ist die neue Initiative der Militärbehörde nicht nur alt, sondern auch inkonsequent, wenn man die Reformen der letzten Jahre bedenkt.

Die radikale Kürzung des Offiziersbestands im Sinne der Reform von Serdjukow (Verteidigungsminister) und Makarow (Generalstabschef) von 365 000 im Herbst 2009 auf 150 000 war durch mehrere Umstände bedingt. Unter anderem musste das Missverhältnis zwischen der enorm großen Zahl von hochrangigen Offizieren einerseits und dem Mangel an Unteroffizieren andererseits aufgehoben werden.

In diesem Sinne war das Gesetz Nr. 53 hilfreich, das jetzt aber novelliert werden soll. Derzeit werden die Verträge der Oberoffiziere aufgelöst, sobald diese eine gewisse Altersgrenze erreichen, es sei denn der Oberste Befehlshaber, sprich Präsident, höchstpersönlich verfügt über ihre Verlängerung.

Von dieser Reform waren viele hochrangige Kritiker, darunter im Generalstab, betroffen. Es kam sogar vor, dass nicht nur einzelne Personen oder Abteilungen gehen mussten, sondern ganze Verwaltungen im Zentralapparat, die ihren jungen und unerfahrenen Nachfolgern einen Berg von Arbeit hinterließen.

Auch viele Militärforscher wurden wegreformiert, weshalb immer weniger Experten an der Beschlussfassung des Verteidigungsministeriums beteiligt sind.
Besonders schwere Folgen hatte die Reform für die Stabsstrukturen, wo es zu viele Oberoffiziere gab.

Ein Mangel der Reform bestand darin, dass die Kürzungspläne unpräzise waren und einzelne Abteilungen und Dienste einfach wegrationalisiert wurden, obwohl sie weiter gebraucht wurden. Auf diese Weise mussten nicht nur hochrangige und nutzlose „Statthalter“, sondern auch viele Profis den Platz räumen, die dennoch sehr gefragt waren.

Manchmal kehren sie zurück

Der Generalstab scheint diese Misere jedoch begriffen zu haben. Zunächst wurden die Offiziersstellen im Februar des Vorjahres um 70 000 erhöht. Damals wurde das mit dem Bedarf der ins Leben gerufenen Weltraumabwehrtruppen begründet.

Wozu aber die neue Waffengattung eine so große Zahl von Offizieren brauchte, so dass die Zahl der Offiziere in der gesamten Armee plötzlich um die Hälfte anstieg, wurde nicht erklärt. Dass wichtige Experten, die die Armee noch nicht verlassen haben, gehalten werden mussten, lag auf der Hand.

Im Februar berichtete die Zeitung "Kommersant" unter Berufung auf Quellen, dass das Verteidigungsministerium etwa 4000 entlassene Oberoffiziere (Generäle und Admiräle) als Berater wieder anheuern könnte. Das könnte aber bedeuten, dass jeder in Dienst stehende General bzw. Admiral bis zu fünf Berater um sich schart.

Trotz dieser widersprüchlichen Zahlenspiele kann festgestellt werden, dass der Trend dahin geht, erfahrene Kommandeure, Stabsbeamte und Militärforscher in die Armee zurückzuholen.
Dazu passt auch die jüngste Initiative zur Erhöhung der Altersgrenze für Offiziere.

Fragwürdig ist nur, ob das Verteidigungsministerium und der Generalstab zu einem Dialog mit den wenigen Kritikern der Militärreform bereit sind, die von der umfassenden „Optimierung“ nicht berührt worden sind. Und inwieweit die Erfahrungen der entlassenen Generäle gefragt sein könnten, die jetzt als Experten zum Umbau der Armee zurückgeholt werden.

[...]"


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Fotos: www.multimedia.mil.ru.

Mittwoch, 28. März 2012

Die strategischen Streitkräfte der RF


Anfang März hat die Federation of American Scientists einen Bericht unter dem Titel "Russian nuclear forces 2012" vorgelegt. Das interessante Papier geht auf den derzeitigen Zustand und die Entwicklungsperspektiven der atomar bewaffneten strategischen Streitkräfte der Rußländischen Föderation ein. Aus der Fülle von Informationen seien an dieser Stelle einige wichtige Punkte herausgegriffen.

1. Landgestützte Interkontinentalraketen

Die Strategischen Raketentruppen haben derzeit 322 ICBMs mit etwa 1090 Sprengköpfen im aktiven Bestand. Ein erheblicher Teil der Trägerraketen muß jedoch in den nächsten Jahren ausgesondert werden, da sie ihr Lebensalter erreicht haben. Die Produktion neuer Systeme geht nur langsam vonstatten, ein auch nur annähernd vollständiger Ersatz der außerdienstgestellten Trägermittel ist nicht möglich. Mithin wird die Zahl der ICBMs in den nächsten zehn Jahren auf etwa 250 Stück sinken.

2. Seegestützte Interkontinentalraketen

Die Seekriegsflotte verfügt über 9 Atom-U-Boote, die Interkontinentalraketen tragen können (6 in der Nordflotte, 3 in der Pazifikflotte). Zusammen sind dies im Höchstfall 144 SLBMs mit bis zu 528 Sprengköpfen. Von diesen Schiffen sind in der Regel jedoch nicht mehr als sieben tatsächlich bewaffnet.

3. Strategische Bomber

Im Bestand der Fernfliegerkräfte befinden sich 72 strategische Bomber, die mit insgesamt 820 Atomsprengköpfen, getragen von Flügelraketen oder Bomben, bestückt werden können.

In den vergangenen Jahren mußten mehrere Bomber ausgemustert werden. Dasselbe trifft für den Großteil der raketentragenden U-Boote zu. Während die Zahl der landgestützten Systeme allerdings weiter drastisch sinken wird (s.o.), werden sich die maritimen und fliegenden Systeme wohl auf dem jetzigen niedrigen Niveau stabilisieren.

Abschließend noch einige Zahlen zum Vergleich: Auch in den NATO-Staaten ist die Zahl der Atomwaffen und ihrer Trägersysteme in den zurückliegenden 20 Jahren erheblich gesunken. Zur Zeit verfügen die USA über folgende strategische Streitkräfte: 420 einsatzbereite ICBMs, 14 SLBM-tragende Atom-U-Boote und 60 strategische Bomber. In Frankreich und Großbritannien stellen jeweils 4 SLBM-bestückte U-Boote den Hauptteil der strategischen Streitkräfte dar.



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Fotos: Wikipedia.

Mittwoch, 29. Februar 2012

Informationskrieg um Syrien



Ein schönes Beispiel für den mit allerlei Lügen und Halbwahrheiten gespickten Informationskrieg, der derzeit um Syrien tobt, kommt diesmal vom französischen TV-Sender France 24. In einem Bericht vom 27. Februar wird ein Video (s.o.) gezeigt, das wie folgt kommentiert wird:
"[...]

Other pieces of amateur video footage have also been posted online in recent months, showing what appear to be Russian-made armoured vehicles in action across Syria, tanks like this one for example, which is carrying surface to air missiles and opening fire in residential neighbourhoods in the Damascus suburbs of Douma. Despite growing international outcry, last year Russia boosted its arm sales to Syria.

[...]"
Dieser Bericht steckt voller Ungereimtheiten. Zunächst dürfte auch dem oberflächlichsten Betrachter auffallen, daß das dort gezeigte Fahrzeug gerade keine Fla-Raketen trägt (Lüge Nr. 1) und auch kein Kampfpanzer ("tank") ist. Vielmehr handelt es sich um eine 23-mm-Vierlingsflak, die auf einem Kettenfahrzeug montiert ist. Das gesamte Waffensystem heißt ZSU-23-4 "Schilka" und wurde ab Mitte der 1960er Jahre in der Sowjetunion produziert. Wie man mit einer derart alten Waffe die "Verdammung" der Rußländischen Föderation begründen will, bleibt das Geheimnis der französischen Journalisten.

Zweitens stellt sich die Frage nach den Umständen, unter denen das "Amateur"-Video entstanden ist. Erstens: Woher weiß man, daß das Fahrzeug tatsächlich von den syrischen Regierungstruppen und nicht von den Aufständischen der "Free Syrian Army" betrieben wird? Zweitens: Woher weiß man, daß das Video tatsächlich in einem Wohngebiet nahe Damaskus aufgenommen worden ist? Drittens: Wer sind die Urheber? Der Youtube-Poster nennt sich "DoumaCommandos", was nicht unbedingt nach einer friedlichen NGO klingt. Und die ständigen "AAlahuakbar"-Rufe sollten schon zu denken geben ...
Doch auf diese Fragen erhält man keine Antwort. Statt dessen - wie auch im deutschen Fernsehen - die übliche einseitige Anti-Assad-Propaganda, die schon lange an die Stelle echter Berichterstattung getreten ist, im vorliegenden Fall ergänzt um antirussische Ausbrüche, weil das Land sich weigert, die im "Westen" übliche Verengung von Gesichtsfeld und Gehirn mitzutragen.

Diesen "engagierten Journalismus" und die von ihm ausgehenden Gefahren einer Kreuzfahrermentalität hat Mick Hume dieser Tage sehr anschaulich beschrieben:
"[...]

This is an example of how the debate about Syria in the West is being shaped more by emotional reactions than by rational analysis. As Brendan O’Neill has noted on spiked, when it comes to Syria Western governments have largely abandoned proper geopolitics in favour of striking moralistic postures [...]. Meanwhile, the Western media focuses on the bloodshed caused by Assad’s crackdown on rebels in a city such as Homs, and repeats the familiar indignant cry that ‘something must be done’. The difficult question of what exactly that ‘something’ might be, and the more difficult question of what effect any increased intervention will have on the civil war, are shouted down in the emotional clamour for more action.

I did not know Marie Colvin. But to judge by her writing, it seems likely that, while the reporter may not have been comfortable with finding herself at the centre of the story, she would have approved of the way that the recent bloodshed in Homs is being used to demand further intervention. Writing for The Sunday Times (London) and sometimes broadcasting for the BBC, Marie Colvin was to the fore in a new school of war reporting that has developed in recent years, notably in the UK media. It is a fashionable current of war reporting with which some of us at spiked have often clashed.

Sometimes referred to by Americans as ‘I-was-there’ reporting, this school of journalism emphasises the role of the reporter as eyewitness to the horrors of war. It focuses less on the political causes and military strategies of war, and more on the human cost of conflict in terms of civilian suffering. Marie Colvin was a pioneer of this type of war reporting. As she explained in November 2010, speaking at a service to commemorate war reporters who had died in the previous decade, while the ‘sanitised’ language with which governments justify wars might change, ‘the scene on the ground has remained remarkably the same for hundreds of years. Craters. Burned houses. Mutilated bodies. Women weeping for children and husbands. Men for their wives, mothers [for their] children. Our mission is to report these horrors of war with accuracy and without prejudice.’

Focusing on mutilated bodies and weeping women and men, this school of war reporting tends to cast conflicts in simple moral terms of victims and aggressors. It uses undoubtedly emotive images and reports to demand that something must be done, that the international community – meaning the West – must intervene in conflicts around the world. The journalists involved can sound less like objective reporters than crusaders on a personal mission.

Colvin was praised as ‘a crusader’ by her editor. In her last despatches from Homs before her death, she called desperately for more intervention to defend the civilian population: ‘In Baba Amr. Sickening, cannot understand how the world can stand by. Watched a baby die today. Shrapnel, doctors could do nothing. His little tummy just heaved and heaved until he stopped. Feeling helpless.’ Those of us who try to argue that more Western intervention can only exacerbate the crisis in Syria are confronted with the counter-argument of dead babies.

The debate about this current in war reporting really took off in the 1990s around the wars in Bosnia and elsewhere in the Former Yugoslavia. Martin Bell of the BBC argued that Bosnia had shown the need for a new ‘journalism of attachment’, a sort of war reporting ‘that cares as well as knows’. During the Balkan conflicts, leading Western correspondents became ‘laptop bombardiers’, leading calls for more military intervention against the Serbs.

A few years ago this sort of reporting was still being seriously questioned by more old-school writers and editors, notably in the US media. For example, in an April 2000 article about Marie Colvin published in the American Journalism Review, a foreign editor from the New York Times spoke about the importance of ‘keeping emotions and judgements in check’ among his reporters: ‘We are not referees in the conflicts of the world… Advocacy journalism, in our eyes, is always suspect.’

Today, however, it seems that, while almost nobody would endorse the phrase ‘journalism of attachment’, that approach to war reporting has triumphed over the traditionalists. Bell himself wrote last week that ‘the targeted killing’ of Marie Colvin confirmed that ‘bystander journalism is now a thing of the past. Journalists are not the main players but are important in any conflict.’ He argued that ‘the more we see and read about innocent civilians being caught in the crossfire, the harder it is for [Western] governments to remain inactive and indifferent’. Bell was clear that it was the reporters who transmitted ‘a sense of imminent catastrophe’ in Libya last year who had paved the way for the Anglo-French aerial war of intervention there. Now other reporters are taking up Colvin’s cause and demanding more intervention in Syria.

Some of us have taken issue with these developments in war reporting from the start. In 1997 I wrote a pamphlet entitled Whose War Is It Anyway? The Dangers of the Journalism of Attachment. There is no space here to rehearse all the arguments about objectivity and emotionalism. But one point worth repeating concerns the danger of reducing complex conflicts to simple moral issues, by focusing on the suffering of civilians removed from any wider political context. As Marie Colvin said, the tales of carnage and suffering ‘on the ground’ do not change much from one war to the next. But what can that tell us about the specific causes and consequences of that conflict, or what the solution might be? It can only end in another demand for something-must-be-done intervention. The hard truth is that, from Bosnia onwards, Western intervention has been a disaster for those on the receiving end. Yet it is still offered as the only solution for those facing repression at the hands of despotic regimes in Libya and now Syria.

There is an irony in the way that some reporters who insist the news should focus on civilian suffering often seem to find themselves at the centre of the story. As one injured French journalist in Homs told the world last week, ‘I need a ceasefire’. It seems that the question ‘whose war is it anyway?’ is still worth asking. Discussing the inherent dangers of the I-was-there school in that AJR article from 2000, Marie Colvin noted that ‘it is easy to go over the top’. Some younger reporters might do well to heed her advice.

Since her tragic death, Marie Colvin has been widely praised as an example of the public good that journalists can do, a world removed from the allegations of sleaze and crime around the phone-hacking scandal and the Leveson Inquiry. Those like Colvin who fearlessly report what they witness are indeed crucial to making the news and informing the world. When reporters become crusaders, however, it is not good news for journalism or for political debate.

[...]"

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Donnerstag, 23. Februar 2012

23.02.2012: Musik des Tages

Während wir Deutschen - wie der Streit um den vom Verteidigungsminister Thomas de Maizière vorgeschlagenen Veteranentag zeigt - nach wie vor unfähig sind, unsere Soldaten angemessen zu würdigen, wäre eine solche Debatte in Rußland schlicht unvorstellbar. Heute begeht man dort den Tag des Vaterlandsverteidigers. Auch in Berlin werden heute Kränze an den Denkmälern in Treptow (11 Uhr) und im Tiergarten (12 Uhr) niedergelegt, um der Gefallenen zu gedenken.

Ob auch hierzulande die Afghanistan-Veteranen eines Tages so würdig geehrt werden wie die rußländischen bei diesem festlichen Konzert in Moskau anno 2009? Alexander Rosenbaum singt das Lied "Tschjornyj tjulpan" (dt.: Schwarze Tulpe):



Dienstag, 21. Februar 2012

DPA erneut beim Lügen erwischt


Gestern wurden in den deutschen Medien Agenturmeldungen verbreitet, wonach Wladimir Putin nach seiner (wahrscheinlichen) Wahl zum nächsten Präsidenten der RF eine massive Aufrüstung der Streitkräfte plane. In einem von der Deutschen Presseagentur (DPA) verbreiteten Text heißt es:
"[...]

In den kommenden zehn Jahren sollen unter anderem 400 Interkontinentalraketen und 600 Kampfflugzeuge sowie 2300 Panzer und 20 U-Boote im Gesamtwert von 23 Billionen Rubel angeschafft werden. Das schrieb der 59 Jahre alte Regierungschef vor der Abstimmung am 4. März in einem Artikel für die Tageszeitung "Rossijskaja Gaseta" (Montag).

[...]"
Die DPA behauptet also (ebenso wie andere Agenturen in ähnlichen Meldungen), Putin beabsichtige die Neuanschaffung einer gigantisch hohen Zahl von Waffensystemen.

Angesichts dessen mußte sich der Verfasser als Beobachter der politischen und militärischen Szene Rußlands verstört am Kopf kratzen. Und hat dann natürlich den Originalartikel, den Putin in der RG publiziert hat, gelesen. Dabei stellte sich - wieder einmal - heraus, daß der Premier von Journalisten in unkorrekter, verfälschender Weise zitiert worden ist. Denn eine "massive Aufrüstung", wie uns die deutschen Journalisten glauben machen wollen, hat er gerade nicht angekündigt. Vielmehr heißt es in dem Text:
"[...]

Im kommenden Jahrzehnt werden in den Truppen mehr als 400 moderne interkontinentale ballistische Raketen (land- und seegestützt), 8 Raketen-Unterwasserkreuzer der strategischen Bestimmung, 20 Mehrzweck-U-Boote, über 50 Überwasser-Kampfschiffe, 100 militärische kosmische Apparate, mehr als 600 moderne Flugzeuge, einschließlich von Jagdflugzeugen der fünften Generation, über 1.000 Hubschrauber, 28 Regimentssätze des Fla-Raketensysteme S-400, 38 Divisionsätze des Fla-Raketenkomplexes "Recke", 10 Brigadesätze des Raketenkomplexes "Iskander-M", über 2.300 moderne Panzer, 2.000 selbstfahrende Artilleriekomplexe sowie mehr als 17.000 Einheiten der Militär-Kfz-Technik handeln.

[...]"
Hier werden keine Neuanschaffungen phantastischen Ausmaßes gefordert oder angekündigt, sondern es wird ein gewünschter Gesamtzustand beschrieben. Jedem, der mit den Zahlen der in den rußländischen Streitkräften vorhandenen Waffensysteme vertraut ist, weiß, daß es hier um keine nennenswerte quantitative Vermehrung geht. Die Zahl der Waffensysteme wird im Vergleich zu heute weiter sinken (wie schon seit 20 Jahren). Vielmehr geht es um die qualitative Erneuerung des Militärs, das über wenige, dafür aber leistungsstarke Systeme verfügen soll, um damit endlich auf den technischen Stand des 21. Jahrhunderts zu kommen. Hier kommt auch die genannte Summe von 23 Trillionen Rubel (nicht, wie DPA schreibt, 23 Billionen) ins Spiel. Mit diesem Geld soll, so Putin, in den nächsten zehn Jahren die Entwicklung der Streitkräfte und die Modernisierung des Verteidigungs-Industrie-Komplexes finanziert werden. Es geht mithin nicht nur um Neubeschaffungen, sondern auch um Erhöhungen des Wehrsoldes, einen höheren Anteil der Zeit- und Berufssoldaten am Personalbestand u.ä. Themen. (Mehr darüber kann man hier lesen.)

Warum werden Wladimir Putins - schriftlich fixierte - Einlassungen dem deutschen Publikum so falsch übermittelt? Mir fallen zwei Erklärungen ein. Erstens gilt Putin als Universalbösewicht und dieses Image muß gepflegt werden. Und zweitens gilt es, daß militärische Feindbild Rußland wieder zu erneuern. Zufällig wurde gestern auf ZDF Neo ein britischer Film ausgestrahlt, in dem das - völlig absurde - Szenario einer vom FSB geplanten Atombombenexplosion in London thematisiert wurde. Die bösen Russen als hinterhältige Hauptfeinde - ein Motiv, das sich durch die gesamte, ursprünglich für die BBC produzierte Serie auf ZDF Neo zieht. Da paßt doch die Behauptung, Putin plane einen gewaltigen Anstieg der Rüstungsproduktion ins Bild. Dummerweise ist sie genauso fiktiv wie die Fernsehserie.


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Foto: www.yuga.ru.

Sonntag, 30. Oktober 2011

Soldatentum und Schützenwesen in Polen


Wer als Deutscher nach Polen reist und nicht nur teilnahmsloser Tourist bleibt, dem fällt bald auf, daß dort – ganz anders als hierzulande – alles militärische in hohem Ansehen steht. Das ist weitaus mehr als bloßer Patriotismus oder eine der Clausewitzschen Lehre entsprechende Wertschätzung. Man gewinnt den Eindruck, daß der Dienst in Uniform an sich verehrt wird – unabhängig von den politischen Implikationen dieses Dienstes. Das sah schon der Berliner Beobachter Crato im Jahr 1926 so:
„[…]

Der polnische Volksmund bezeichnet als Sehnsucht jedes jungen Polen „ein Pferd und einen Säbel“. Das darf uns nicht verführen, diese militärische Leidenschaft als Spielerei zu nehmen. Der Wehrgedanke hat im polnischen Volk eine weite und tiefe Resonanz, der es nicht an geschichtlichen Gründen fehlt.

[…]“ (F. Crato, a.a.O., S. 23)


Gewiß, es finden sich immer pseudopolitische Formeln wie „Für eure und unsere Freiheit“, mit der polnische Soldaten (heute würde man vielleicht sagen: Söldner) in den zahlreichen europäischen Revolutionen und Kriegen des 19. Jahrhunderts gekämpft haben. Doch darf nicht übersehen werden, daß die politischen Folgen dieser Engagements für das dreimal geteilte und letztlich von der Landkarte verschwundene Polen gleich Null waren. Dasselbe gilt für die diversen polnischen Formationen, die im zweiten Weltkrieg in den Armeen der Westmächte kämpften. Nicht sie haben ihr Heimatland befreit, sondern die in der Sowjetunion aufgestellten polnischen Verbände zusammen mit der Roten Armee. Doch diese Vergeblichkeit ihres Tuns tut der Verehrung für die zumeist in britischer Uniform kämpfenden Polen keinen Abbruch.



Der Schriftsteller Jerzy Putrament hat dieses Phänomen in einem seiner Romane literarisch verarbeitet. Ende August 1939 reflektiert Henryk Dab-Friedeberg - ein im Dienst ergrauter polnischer Brigadegeneral mit jüdischen Wurzeln - über die Anfänge seiner politischen und militärischen Laufbahn vor dem ersten Weltkrieg:
„[…]

Ja, und das Soldatentum. Friedeberg war es, als hätte er endlich seinen Daseinszweck gefunden. Natürlich, nicht die Religiosität, nicht die Revolution, das Soldatentum, das war Polen. In den seltenen Augenblicken der Besinnung sagte er sich: Wenn es irgend etwas gibt, worin sich der polnische Nationalcharakter verkörpert, dann ist es das Wort: Soldat. Der Pole braucht nur einen guten Kommandeur, dann ist er zu jeder Stunde bereit, in jeder Gefahr, auch in der ersten besten. Dann sind sogar die scharfen Kanten seiner angeborenen Händelsucht zu etwas nütze, bei kleinen, aber riskanten Aufklärungs- und Diversionseinsätzen zum Beispiel.

Schon in den ersten Tagen gelang es ihm, auf eine der Schulen zu kommen, die da und dort eingerichtet wurden. Andächtig streichelte er den vom Schmutz braungebeizten Kolben des österreichischen Karabiners, den irgendwelche militärischen Instanzen ihnen für die Schießausbildung besorgt hatten. In den Nächten hockte er über allen möglichen Dienstvorschriften und war auch bald ein mustergültiger Aspirant auf das Leutnantssternchen. Er bekam es 1914, gewissermaßen als Weihnachtssternchen, nach dem ersten Streifzug in die Gegend von Kielce, nach frischfröhlichen Scharmützeln, ermüdenden Märschen, Verfolgungen und Rückzügen.

[…]“ (J. Putrament: September, Berlin 1959, S. 171 f.)


In diesem kurzen Zitat stecken viele Hinweise auf militärische und paramilitärische Formationen der jüngeren polnischen Geschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich vor allem im österreichischen Teilungsgebiet verschiedene patriotische Verbände gebildet. Insbesondere sind hier der Schützenverband „Strzelec” (dt.: Schütze, gegr. 1910), die Polnischen Schützenabteilungen (gegr. 1911) und die Turnerschaft „Sokół” (dt.: Falke, gegr. 1867) zu nennen. In diesen Vereinigungen wurde nicht nur der vaterländische Geist gepflegt und es wurde auch nicht nur Turn- und Schießsport betrieben, sondern auch Wehrsport bis hin zu handfestem militärischen Training. In den Verbänden herrschte z.T ein strenges Regiment und eine hierarchische Ordnung. Das Ziel war, den Keim für eine neue polnische Armee zu legen; die politische Leitung sah man in der – geheimen – Vereinigung für den aktiven Kampf.

Dabei erfreuten sie sich der Unterstützung der k.u.k. Behörden. Denn einer der maßgeblichen Initiatoren – Józef Piłsudski – sah in Österreich-Ungarn (und später auch im Deutschen Reich) die Mächte, deren Unterstützung sich die polnische Nationalbewegung sichern mußte. Dahinter stand die Idee, zuerst gegen das Zarenreich zu kämpfen und das östliche Teilungsgebiet zu befreien und danach gegen die Mittelmächte zu ziehen, um ihnen ihre Teile des polnischen Kuchens zu entreißen. Damit war Pilsudski politischer geworden, nachdem seine bisherigen Konzepte einer sozialistischen Revolution vor allem in ordinären Bank- und Eisenbahnüberfällen gemündet hatten.
Die Österreicher waren einem solchen Zweckbündnis nicht abgeneigt, ermöglichte es ihnen doch im Kriegsfall die Mobilisierung polnischer Hilfstruppen gegen Rußland. Mithin lieferten sie Waffen und Munition an die Verbände und erlaubten deren Sport- und Ausbildungsaktivitäten. Letztere reichten bis zur förmlichen Offiziers- und Unteroffiziersausbildung.



Die jahrelange Arbeit sollte im Sommer 1914 Früchte tragen. Anfang August unterstellten sich Pilsudski, der bislang nur die Organisation „Strzelec” geleitet hatte, auch die übrigen Wehrverbände. Aus diesem Bestand wurde die 1. Kaderkompanie formiert, die zum Kern der Polnischen Legionen werden sollte. Am 6. August 1914 marschierte diese Kompanie aus Krakow (dt.: Krakau) ab – ein noch heute fast mythischer Akt, war es doch nach Jahrzehnten das erste öffentliche Auftreten einer regulären polnischen Militäreinheit. Die Truppenteile der Legion bewährten sich sodann auf seiten der Mittelmächte an der Ostfront. Bis 1915 konnten sie zusammen mit deutschen und österreichischen Truppen einen Großteil von Russisch-Polen erobern; Warschau fiel im August 1915 in die Hände der Mittelmächte.

Im Jahr 1916 zählten die Polnischen Legionen rund 25.000 Mann. Sie wurden, wie schon ihre paramilitärischen Vorgänger, zur politischen Kaderschmiede für die spätere Zweite Republik. Pilsudski, Edward Rydz-Śmigły, Władysław Sikorski, Kazimierz Sosnkowski, Józef Beck und Władysław Raczkiewicz – all ihre Namen spielen in der polnischen Politik der Jahre 1918 ff. eine bedeutende Rolle. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, daß das militärfachliche Wissen vieler Offiziere eher gering war. Dafür zählte die patriotische Gesinnung. Das traf auch für den Chef Pilsudski zu, der sich selbst zeitlebens eher als Politiker denn als Militär sah.
Dennoch war es den Legionen, ihren „zivilen“ Vorläufern und den ab 1916 gebildeten Einheiten der „Polnischen Wehrmacht“ gelungen, den polnischen Staat neu zu errichten und ihn wieder auf die Landkarte Europas zu setzen.



Auch in den Geburtswehen dieses neuen politischen Gebildes nach dem 1. WK spielten paramilitärische Verbände neben den regulären Streit- und Sicherheitskräften eine wichtige Rolle. Sie waren es, die die Aufstände in Posen/Großpolen und Oberschlesien trugen.
Nachdem sich das neue Staatswesen dann eingerichtet hatte, fiel ihnen – wie in anderen europäischen Staaten auch – vor allem die Aufgabe einer vormilitärischen Ausbildung der Jugend sowie eine öffentliche Tätigkeit im Sinne der Wehrhaftmachung der Bevölkerung zu.

An Organisationen aus der Zwischenkriegszeit sind beispielhaft zu nennen: die Liga für Gas- und Luftschutz (LOPP), die Organisation PKW und der Schützenverband „Strzelec”. Letzterer vertrat Polen in den 1920er Jahren sogar im internationalen Schießsportverband UIT, bis 1933 mit dem PZSS ein dezidierter nationaler Sportverband gegründet wurde. Des weiteren wurden Schüler, Pfadfinder und Studenten vormilitärisch geschult; außerdem existierten mehrere Kadettenkorps.



Als im September 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach, bewährte sich diese Arbeit. Allerdings weniger im Sinne eines Überlebens der Strukturen an sich (die meisten wurden von den Besatzern zerschlagen), sondern im Sinne der Vorbereitung der Bevölkerung. Darum war es möglich, politische und militärische Untergrundarbeit zu leisten, die Heimatarmee, die Volksgarde und andere Partisanenformationen zu bilden und schließlich 1944 den Warschauer Aufstand zu starten. (Dieser Aufstand zeigt aber auch, allen späteren Mythologisierungen zum Trotz, wie begrenzt der politische und militärische Horizont seiner Anführer war. Patriotismus, Schießfertigkeit, Mut und Heldentum allein genügen eben nicht, um in größerem Maßstab erfolgreich zu sein.)

Das dahinterstehende Ideal des breiten Volkswiderstandes ist bereits in Artikel XI der polnischen Verfassung vom 3. Mai 1791 angedeutet worden:
„[…]

Die Nation ist es sich selbst schuldig, sich gegen Überfälle zu vertheidigen, und ihre Unverletzlichkeit zu bewahren; folglich sind alle Bürger Vertheidiger der Unverletzlichkeit und Freiheit der Nation. Die Armee ist nichts anders, als eine aus der Gesammtmacht der Nation gezogene, bewaffnete und geordnete Macht. Die Nation ist ihrer Armee dafür, daß sie sich einzig und allein ihrer Vertheidigung weihet, Belohnung und Achtung schuldig.

[…]“


Nach der Befreiung der ersten Teile Polens von der deutschen Besatzung wurde bereits im August 1944 in Siedlce die Gesellschaft der Freunde der Soldaten (Abk.: TPŻ) gegründet. Ihr oblagen zunächst soziale Aufgaben zur Betreuung der kämpfenden Soldaten, dann trat die vormilitärische Ausbildung der Jugend hinzu. 1950 wurde die TPZ in Liga der Freunde der Soldaten (LPŻ) umbenannt. Zusätzlich zum Wehrsport hatte sie auch Aufgaben im Rahmen des Zivilschutzes zu erfüllen. Im Jahr 1962 wurde aus der LPZ schließlich die Liga für Landesverteidigung (poln.: Liga Obrony Kraju, LOK) gebildet, die man hinsichtlich ihrer Organisation und Tätigkeit am besten mit der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) der DDR vergleichen kann.



Die LOK existiert, allen politischen Umbrüchen zum Trotz, bis heute, obgleich ab Mitte der 1990er Jahre ein starker Mitgliederschwund zu verzeichnen war. Insbesondere fungiert sie nach wie vor als Dachverband für verschiedene „Wehr”-Sportarten: Segeln/Seesport, Sportschießen, Amateurfunk, Modellbau/-sport, Tauchen, Motorsport. Ferner ist sie für die Reservistenarbeit zuständig und fungiert als flächendeckend vertretene Fahrschule. Derzeit hat die Liga etwa 131.000 Mitglieder (davon etwa die Hälfte Jugendliche) in 4.600 Klubs und Zirkeln. Diese Organisationseinheiten können überall existieren: an Schulen, Betrieben, Behörden oder auch als ganz normale Vereine, wie sie auch aus Deutschland bekannt sind. Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Organsiationsformen besteht darin, daß die Zirkel keine eigene Rechtspersönlichkeit besitzen, also stärker von der Mutterorgansiation abhängen als die Klubs.

Die mit Abstand am häufigsten in der LOK betriebene Sportart ist mit Sicherheit der Schießsport. Dabei ergibt sich eine eigentümliche Doppelung mit dem Polnischen Schießsportverband (PZSS), der das Land in der ISSF vertritt. Die meisten der 100 Schützenklubs der LOK sind zugleich Mitglied im PZSS und können somit ganz normal bei Meisterschaften etc. starten. Die weitaus zahlreicheren Zirkel, in denen ebenfalls sportlich geschossen wird (meist nur mit Druckluftwaffen), sind davon jedoch ausgeschlossen. Deshalb veranstaltet die LOK alljährlich eine eigene nationale Meisterschaft für ihre Mitglieder, bei der jedoch auch Gäste zugelassen sind.
Viele bekannte polnische Sportschützen sind durch die Schule der LOK bzw. der LPZ gegangen, auch wenn sie später als Profis Armee- oder Polizeisportklubs angehört haben.



Nach der politischen Wende, die in Polen schon im Frühjahr 1989 eingeleitet worden war, wurden auch Nachfolgeorganisationen des Schützenverbandes „Strzelec” gegründet. Heute gibt es derer drei (1, 2, 3). Bei ihnen geht es deutlich straffer zu als in der LOK, sie sind in der Tat paramilitärisch zu nennen. Die eiegntlich zivilen Sportarten, die bei der LOK im Zentrum stehen, kommen bei ihnen nur am Rande vor. Und sie vermitteln ihren Mitgliedern eine stramm nationale Ideologie mit klerikalen und antikommunistischen Einsprengseln. Das führt zu einer gewissen Nähe zu politischen Kräften wie der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Demgegenüber will die LOK zwar ebenfalls den Patriotismus ihrer Mitglieder stärken, ist insoweit jedoch zurückhaltender und eher um parteipolitische Neutralität bemüht.



An Wehrorganisationen ist ferner die im Jahr 2000 (wieder-) gegründete Akademische Liga (poln.: Legia Akademicka) zu nennen, die sich an mindestens zwei Universitäten um die militärische Schulung ihrer studierenden Mitglieder kümmert. Außerdem darf man die im ganzen Land vertretenen Pfadfinder nicht vergessen, die oft ebenfalls Wehrsport betreiben, bisweilen gemeinsam mit der LOK.

Überhaupt werden alle Schüler im Rahmen des regulären Wehrkundeunterrichtes (poln.: Przysposobienie obronne) mit militärischem Grundwissen vertraut gemacht. Zudem werden seit Jahren an immer mehr Schulen Militärklassen eingerichtet (poln.: klasa wojskowa). Zunehmend wird deren Profil auch auf die anderen „uniformierten Dienste“ wie Polizei und Feuerwehr erweitert (auf Polnisch nennen sich diese dann klasy mundurowe - uniformierte Klassen). (Der Trend zu Kadettenschulen ist übrigens in ganz Osteuropa zu verzeichnen, besonders auch in Rußland.)



Allen Organisationen gemeinsam ist erstens das Prinzip der Freiwilligkeit (niemand muß in ihnen Mitglied werden) und zweitens das Bemühen um eine Stärkung der Landesverteidigung. Im Gegenzug unterstützt das Verteidigungsministerium ihre Aktivitäten auf vielfältige Weise, allerdings nicht mehr so intensiv wie vor 1989.

Besonders hervorzuheben ist die Bildung der Nationalen Reservekräfte (poln.: Narodowe Siły Rezerwowe, vgl. hier und hier). Nachdem 2010 in Polen die Wehrpflicht ausgelaufen ist, ergibt sich nun das Problem, für eine minimale Vorbildung neuer Reservisten für die eigentliche Landesverteidigung zu sorgen. Als Ergänzung zur Berufsarmee wurden die NSR gegründet. Zur Auffüllung dieser Kräfte (die im übrigen als besoldete Teilzeitsoldaten gelten) wurde nicht nur eine breitangelegte Werbekampagne gestartet, in der an den Patriotismus und den soldatischen Sinn der Polen appelliert wird. Die Armee geht insbesondere auf Organisationen wie die LOK und Strzelec, aber auch auf Paintball- und Airsoftgruppen u.ä. zu, um deren Mitglieder zu einem Dienst in der Reserve zu motivieren.



Damit wird an eine Entwicklung angeknüpft, die vor einhundert Jahren begann. Die zahlreichen paramilitärischen Organsiationen in Polen sind wieder zu einer wertvollen Stütze der Landesverteidigung geworden. Ihre Geschichte, die soeben dargestellt wurde, verdeutlicht zudem, daß die „Symbiose aus Sport und Kriegsvorbereitung“ (Henning Borggräfe) nicht nur im „militaristischen“ Deutschland der 1920er und 30er Jahre, sondern in vielen Staaten Europas in der Vergangenheit als erstrebenswert galt und auch heute noch gilt. Der oft unpolitische und von vielen Irrationalismen getragene deutsche Pazifismus mit seiner Ablehnung aller Erscheinungen, die auch nur entfernt mit dem Militär zu tun haben, ist weder der Königsweg (selbst wenn viele Deutsche dies glauben mögen), noch ist er in Europa konsensfähig.



Bibliographie

Alexander, Manfred: Kleine Geschichte Polens, Ditzingen 2003

Böhm, Tadeusz: Od skautingu do Harcerskiego Pogotowia Wojennogo w Wielkopolsce (1912-1945), Poznan 2009

Crato, Fritz: Polen, in: Militärische Schulung der Jugend im Ausland, Süddeutsche Monatshefte Nr. 7 (April 1926), S. 23 ff.

Historia LOK

Historia Powiatowej Organizacji LOK w Opolu Lubelskim

Schulz, Eckart: Besuch bei Anna und Josef, in: Visier 7/1977, S. 3 ff.

Sienkiewicz, Witold: Bojowo i lirycznie - Legiony Pilsudskiego, Warszawa 2010




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Fotos: www.lok.przemysl.pl, www.kskolobrzeg.za.pl, www.zsku.rzeszow.pl, www.nac.gov.pl u.a.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Schützenvereine im Dritten Reich

Der Bochumer Historiker Henning Borggräfe hat im Jahr 2010 seine Masterarbeit mit dem Titel „Schützenvereine im Nationalsozialismus – Pflege der ‚Volksgemeinschaft’ und Vorbereitung auf den Krieg (1933-1945)“ im Ardey-Verlag vorgelegt. Der Autor beklagt zu Recht, daß die Zeit des „Dritten Reiches“ in den bisherigen Darstellungen der Schützengeschichte unterbelichtet ist. Diesem Desiderat will er abhelfen, wobei er sich regional auf Westfalen konzentriert. Borggräfe hat sich quellenmäßig primär auf Zeitungen und Zeitschriften des Untersuchungszeitraumes gestützt. Seine Forschungen haben manch interessante Details ans Licht gebracht, doch sind sie an anderen Stellen hochproblematisch.

Organisationsentwicklung

Ein großes Plus des zu besprechenden Buches ist die komprimierte Darstellung der Organisationsgeschichte im Schützenwesen. Welche Verbände gab es, in welcher Beziehung standen sie zu den Vereinen usw. Besonderes Augenmerk verdient die Entwicklung nach 1933, als mit dem „Deutschen Schützenverband“ ein quasi staatlicher Einheitsverband gegründet wurde, in dem die bisherigen Verbände aufgingen. Auf verbandslose Vereine wurde zudem erheblicher Druck, der bis zu Vereinsverboten durch die Polizei reichte, ausgeübt, um sie zum Anschluß an den DSchV zu bewegen.

In engem Zusammenhang damit stehen die anscheinend schon uralten Konflikte innerhalb der Vereine und Verbände: Sieht man sich selbst eher als „Traditionsschütze“, dem Fahnen, Uniformen und Orden über alles gehen oder als „Schießsportler“, dem es vor allem auf das praktische Schießen und den Wettkampf ankommt? Dieser Konflikt durchzieht die Jahre 1933-1945 und ist auch heute noch virulent.

These

Der Autor vertritt die These, daß die Schützenvereine im Dritten Reich willige Stützen des NS-Regimes waren. Dies habe nicht nur an dem traditionellen Patriotismus vieler Schützen (den Borggräfe „Nationalismus“ nennt) gelegen, sondern teilweise auch an inhaltlichen Kongruenzen der bürgerlichen Vereine mit der NS-Ideologie. Dabei sei es gleichgültig, ob man sich eher als Traditionsschütze oder als Schießsportler gesehen habe. Beide hätten, ungeachtet aller internen Konflikte, entweder durch „Gemeinschaftspflege“ oder durch „Wehrhaftmachung“ zur Stabilisierung des Regimes beigetragen.

Ungenügende Informationen

Der Beleg dieser These gelingt dem Autor nur bedingt. Dies hat auch mit seiner ungenügenden Informationsbasis zu tun. Denn er kann auch für sein Untersuchungsgebiet Westfalen nicht angeben, wie viele Schützenvereine es überhaupt gegeben hat. Selbst während der späten 30er Jahre, als der Vereinheitlichungsdruck im DSchV schon sehr groß war, gab es immer noch verbandslose Vereine. Und die internen Statistiken des DSchV waren alles andere als stimmig. M.a.W.: Die DSchV-Führer wußten selbst nicht, wie viele Mitglieder ihr Verband hatte (vgl. S. 46).

Unzulässige Generalisierungen

Angesichts dessen erscheinen die stark verallgemeinernden Aussagen Borggräfes mehr als gewagt. Wen meint er, wenn er kontinuierlich und diffus von „den Schützen“ spricht? Die Schützenvereins- und -verbandslandschaft war damals äußerst heterogen, weshalb sich Generalisierungen verbieten. Wenn ein DSchV-Funktionär unter eigenem Namen einen Zeitschriftenartikel publiziert hat, dann sind diese Einlassungen immer noch seine persönliche Meinung und zeigen nicht das „einhellige“ (S. 83) Meinungsbild „der Schützen“.

Ebenso ist es unzulässig, aus den drei Vereinen, deren Historie Borggräfe näher untersucht hat, zu extrapolieren und Schlußfolgerungen für alle deutschen Schützen abzuleiten. Dazu ist die Untersuchungsbasis viel zu dünn. Woher will der Autor ferner wissen, daß „die Schützen“ nach 1918 dem neuen politischen System von Anfang an feindselig gegenübergestanden hätten (S. 18)?

Borggräfes Tendenz zur „Geschichtsschreibung mit dem Bügeleisen“ (Kurt Pätzold) zeigt sich auch an seinen Aussagen zu den heutigen Schützenverbänden. Es existiert mitnichten nur der Deutsche Schützenbund, sondern das Bundesverwaltungsamt hat neun Schießsportverbände anerkannt. Schon deshalb ist es inakzeptabel, wenn - tatsächlich z.T. problematische - Aussagen einzelner DSB-Funktionäre „den Schützen“ in ihrer Gesamtheit vorgeworfen werden.
Der Autor täte besser daran, Roß und Reiter konkret zu benennen, anstatt mit Schmutz auf alle zu werfen, die sich irgendwie Schützen nennen. (Aber vielleicht ist das auch der Sinn seines Buches, denn so kann der Agitation der Waffengegner leicht ein neues „Argument“ hinzugefügt werden.)

Es sind zahlreiche dieser Generalisierungen, die die Argumentation des Buches tragen. Verzichtet man auf selbige, dann sind Borggräfes Thesen z.T. unhaltbar, z.T. gewinnt die Darstellung jedoch deutlich an Tiefenschärfe.


Hitlerjungen beim Schießtraining.


Nähe zum Nationalsozialismus?

Die von Borggräfe konstatierte ideologische Nähe „der Schützen“ zum Nationalsozialismus ist äußerst kritisch zu sehen. Zum einen kann er diese Auffassung nur vertreten, weil die der SPD und KPD nahestehende, aber in sich gespaltene Arbeiterschützenbewegung in seiner Abhandlung lediglich in einer Fußnote präsent ist. Aber auch die bürgerlichen Schützenvereine waren alles andere als homogen (Stichwort: Katholizismus). Bei näherer Betrachtung schrumpft die „Nähe“ dann noch auf ein paar bürgerliche Allgemeinplätze wie z.B. die Ordnungsliebe, was man wohl kaum als explizite Zustimmung zu allen ideologischen Verästelungen des NS deuten kann.

Beispielhaft soll hierfür das Thema Antisemitismus stehen. Der Autor weist zutreffend darauf hin, daß während der Weimarer Republik Juden selbstverständlich Mitglied in einem Schützenverein werden konnten. Damit heben sich diese Vereine deutlich von anderen deutschen Vereinen ab, in deren es bereits vor 1933 einen „Arierparagraphen“ gab. Nach der Machtergreifung der Nazis setzte dann ein Herausdrängen der jüdischen Mitglieder ein. Aufgrund der oben schon genannten Unklarheiten kann Borggräfe jedoch keine gesicherten Angaben darüber machen, in wie vielen Schützenvereinen nun tatsächlich – wie von den Nazis gewünscht – jüdische Mitglieder ausgeschlossen worden sind. Deshalb erscheint seine Behauptung, die Schützen hätten aus eigenem Antrieb antisemitische Ziele verfolgt (S. 30), als tollkühn.

Das trifft auch auf außenpolitische Fragen zu. Der Kampf gegen den Vertrag von Versailles und seine Folgen war ein weitgehender Konsens in der Weimarer Republik, dem sich nur Teile der Linken entzogen. Deshalb sollte man insoweit mit dem Adjektiv „nationalistisch“ vorsichtig sein.

Desgleichen ist es verfehlt – und kann durch die ausgebreiteten Quellen nicht gestützt werden –, von einer bereitwilligen Anpassung „der Schützen“ an die NS-Rassenideologie zu sprechen (S. 52). Der ebd. zitierte Artikel aus der Zeitschrift „Der Deutsche Schütze“ anläßlich des 22. Juni 1941 ist von Textbausteinen des Reichspropagandaministeriums geprägt, wie sie damals in praktisch allen Periodika verwendet wurden. Der Rückschluß von einem solchen Pamphlet auf die Meinungen „der Schützen“ ist absurd.
Damit soll nicht gesagt werden, daß nicht ein Teil der Schützen diesen Auffassungen zugestimmt hätte. Sie hatten in Deutschland allerdings eine Tradition, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichte und sogar die Sozialdemokratie erfaßte. Auch deshalb konnte später von den Propagandaeinrichtungen der Adenauer-Ära ohne weiteres auf diese Topoi zurückgegriffen werden, ohne daß ein expliziter Rekurs auf den NS erforderlich gewesen wäre.

Wehrsport

Der Hauptpunkt, an dem Borggräfe die von ihm behauptete durchgängige Unterstützung des NS durch „die Schützen“ festmacht, ist das Konzept des Wehrsportes. Seines Erachtens war diese Erweiterung des Schießsportes nichts anderes als eine unmittelbare Vorbereitung des späteren Eroberungskrieges. Wehrsport sei fast ausschließlich von rechtsextremen Gruppen betrieben worden. Doch auch insoweit war die Realität komplexer als Borggräfe wahrhaben will. „Wehrverbände“ gab es zu Zeiten der Weimarer Republik zahlreiche; sie fanden sich in allen politischen Lagern. Einer der größten (den der Autor verschweigt), das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, stand der SPD nahe. Ferner herrschte ein Konsens, daß nun, nach dem abrupten Ende der Wehrpflichtarmee, die Jugend anderweitig auf die Landesverteidigung vorbereitet werden müsse. Die außenpolitische Lage des Deutschen Reiches war ja alles andere als rosig.

Zudem darf nicht verkannt werden, daß Wehrsport wohl für die meisten Mitglieder der Wehrverbände ein weitgehend zweckfreies Spiel war. Es kam ihnen primär auf die paramilitärischen Rituale, die Männlichkeit signalisieren sollten, an, weniger auf den Inhalt irgendeiner politischen Botschaft (vgl. Ute Frevert: Die kasernierte Nation, München 2001, S. 309 ff.).
Dieser Trend betraf keineswegs nur die „militaristischen“ Deutschen, sondern fast ganz Europa. In vielen Staaten war eine vormilitärische Jugendertüchtigung gang und gäbe. Zu denken ist hier zunächst an die von England ausgehende Pfadfinderbewegung, weiters an paramilitärische Organisationen in Polen, der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Frankreich usw. Und überall dort wurde natürlich auch Schießausbildung betrieben.
(Eine zeitgenössische Übersicht findet sich in: Militärische Schulung der Jugend im Ausland, Süddeutsche Monatshefte, Heft 7 [April 1926]; speziell zu Polen: Tadeusz Böhm: Od skautingu do Harcerskiego Pogotowia Wojennogo w Wielkopolsce [1912-1945], Poznan 2009; zur UdSSR: H. Radke: Die Besten wurden Woroschilow-Schützen, in: Visier 1/1977, S. 20 f.)

Die „angestrebte Symbiose aus Sport und Kriegsvorbereitung“ (S. 85) war folglich weder spezifisch deutsch noch gar nationalsozialistisch. Sie lag vielmehr im Zeitgeist. Mithin ist es ein unzulässiger Kurzschluß Borggräfes, wenn er meint, dadurch, daß seit Mitte der 20er Jahre in manchen deutschen Schützenvereinen Wehrsport betrieben wurde, hätten „die Schützen“ die deutsche Außenpolitik der Jahre 1938 ff. willentlich vorbereitet und fast schon herbeigesehnt. Wäre dem so, dann müßte man den meisten anderen europäischen Staaten ebenfalls aggressive Absichten unterstellen.

Auf starke Bedenken stößt auch seine pazifistisch gefärbte These von der „gesellschaftlichen Kriegsvorbereitung als Volkssport“ (S. 81). Dadurch wird jedem Bürger, der Schießsport betrieb, unterstellt, er habe den 2. WK – und zwar so, wie er dann geschehen ist – vorbereiten und herbeiführen wollen. In diesem Weltbild bleiben allerdings der begrenzte individuelle Erwartungs- und Entscheidungshorizont ebenso wie politisch-diplomatische Zufälligkeiten auf der „großen Bühne“ unberücksichtigt (vgl. dazu auch die obige Kritik von Frevert). Auch diese These kann der Autor quellenmäßig nicht belegen.

Die mangelnde Solidität von Borggräfes Argumentation sei an einem Beispiel verdeutlicht. Auf S. 78 schreibt er: „Als HJ-Schießordnung galt [ab 1934] das Sportbuch des Reichsverbands [deutscher Kleinkaliber-Schützenverbände] – auch dies verdeutlicht dessen militärische Intention.“ Wohlgemerkt: Das in Rede stehende Sportbuch ist erstmals in den 1920er Jahren erschienen. Die Gründe für die Auswahl gerade dieses Werkes anno 1934 können vielfältig sein. Angefangen von der guten Vernetzung der Autoren bis hin zum Mangel an anderer geeigneter Literatur. Deshalb ist Borggräfes Schluß, der – ohne weitere Recherchen – einfach eine kontinuierliche Linie von einem Schießsportverband der 20er Jahre zur Hitlerjugend der 30er zieht, absurd.

Wehrhaftmachung

Übergeordnetes Thema des Wehrsports ist die Frage, ob das sportliche Schießen nur Selbstzweck ist, oder ob es auch einem übergeordneten gesamtstaatlichen Zweck dienen soll, nämlich der „Wehrhaftmachung“ der Bevölkerung. Im Ausland ist diese Auffassung seit Mitte des 19. Jahrhunderts oft bejaht worden (vgl. hier). Auch in Deutschland fand sich z.B. in der Satzung des Deutschen Schützenbundes von 1861 das Ziel der „Hebung der Wehrfähigkeit des Volkes“.

Dieser fromme Wunsch darf freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Idee eines bürgerfreundlichen Milizmilitärs in Deutschland nie wirkungsmächtig werden konnte. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jh. sind alle diesbezüglichen Versuche gescheitert. Dies lag allerdings weniger an der Obrigkeit, als an den Bürgern selbst. Von kurzen Hochphasen wie 1848 abgesehen, war ihnen der Militärdienst nur eine lästige Pflicht, vor der man sich gern drückte (vgl. Frevert, a.a.O., S. 152-192). Daher darf man alle Aufrufe zur Bildung einer Miliz nicht allzu ernst nehmen, auch wenn sie mit viel Verve vorgetragen worden sind. Hinzu kamen schon 1866 ernste Zweifel, ob die Schützenvereine als Teil der Landesverteidigung taugen:
„[...]

Wer die Elemente dieses Schützenbundes ansieht, lauter angesessene, wohlhabende Leute, Familienväter, die gar keine große Lust haben, in’s freie Feld zu ziehen, zum nicht kleinen Theil mit wohlgenährten Bäuchen, wer die Einseitigkeit der Uebung – im bloßen Schießen – berücksichtigt, wer die Masse kleiner Eitelkeiten, zu deren Befriedigung die alten Schützengilden dienen, auf deren Boden doch wieder vorzugsweise der Schützenbund aufgerichtet wird, wer endlich eine Zählung anstellt, und die geringe Zahl der Mitglieder des Deutschen Schützenbundes erwägt, der wird wohl auch nicht von ferne daran denken, in demselben den Kern einer militärischen Organisation erblicken zu wollen, wie sie Deutschland anpassend sein würde.

[...]“ (Wilhelm Rüstow: Von der zweckmäßigen Heeresbildung und erfolgreichen Kriegsführung und ihren Hindernissen, Coburg 1866)
Mithin wird man im Gerede von der „Wehrhaftigkeit“, wie es sich seit den 1860er Jahren in vielen Schützenpublikationen findet, vor allem eine Deklaration sehen müssen, womit in der Öffentlichkeit die eigene patriotische Gesinnung zur Schau gestellt werden sollte.


Schießausbildung von HJ-Angehörigen, aber nicht in einem Schützenverein, sondern in der Wehrmacht.


Unter der Führung der SA

Borggräfe scheint derartige rhetorische Übungen allzu ernst zu nehmen. Denn er unterstellt der ab 1939 von der SA betriebenen vormilitärischen Ausbildung ungedienter Männer, an der sich auch die Schützenvereine beteiligen mußten, daß sie „überaus erfolgreich“ verlaufen sei. Doch woran soll dieser Erfolg festgemacht werden? An den Selbstzuschreibungen einzelner DSchV-Funktionäre, die ihre eigene Schießausbildung als kriegsentscheidend rühmten? Die Anzahl der durch irgendwelche Kurse geschleusten Männer kann es wohl kaum gewesen sein.

An diese Stelle hätte ein kritischer Historiker, für den sich Borggräfe ja hält, einhaken und nachfragen müssen: Wie haben die zuständigen Dienststellen der Wehrmacht diese Ausbildung bewertet? Davon findet sich im Buch leider nichts. Der Rezensent ist jedoch in der Lage, einen Vergleich mit der DDR anzustellen. Die dort namentlich von der GST betriebene vormilitärische Ausbildung hat die Erwartungen der Armeeführung bis weit in die 70er Jahre hinein nie befriedigt. Das lag allein schon daran, daß es zu keinem Zeitpunkt gelungen ist, eine Vorbreitungsquote von 100 % zu erreichen, d.h. es mußten immer auch Rekruten ausgebildet werden, die über keinerlei Vorkenntnisse verfügte (vgl. Paul Heider: Die Gesellschaft für Sport und technik [1952-1990], in: T. Diedrich et.al. [Hrsg.]: Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Augsburg 2004, S. 169 ff. [187]). Das schwächt natürlich den Wert solcher staatlich verordneten Vorkurse ganz enorm, gerade in einem Millionenheer.

Des weiteren muß man sich die Frage vorlegen, welche Bedeutung das Infanteriefeuer – und damit die Schießausbildung – im Zweiten Weltkrieg hatte. Bereits der 1. WK war maßgeblich von Artillerie- und Maschinenwaffen geprägt gewesen, was einem einzelnen Schützen, selbst wenn er gut ausgebildet war, nur wenig Raum ließ. Im 2. WK kamen noch Waffensysteme wie Panzer und Flugzeuge hinzu; erstmals waren schnelle und tiefe Operationen möglich. Hinzu trat die gestiegene Bedeutung der militärischen Logistik, welche die z.T. ungeheuren Verluste ausgleichen mußte. Angesichts dessen drängt sich der Schluß auf, daß der gezielte Einzelschuß, den man im Schützenverein lernen konnte, nicht operations- und schon gar nicht kriegsentscheidend war. In den meisten Fällen wird er nicht einmal gefechtsentscheidend gewesen sein.

Somit erscheint Borggräfes Resümee, die Schützenvereine hätten dazu geführt, daß die deutsche Gesellschaft bis zum Ende kriegsbereit war (S. 93), abenteuerlich, denn er verwechselt Soldaten- und Schützenromantik mit dem wirklichen Krieg. Vor diesem Verdikt kann ihn auch die Klammerbemerkung, daß es auf den militärischen Wert nicht ankomme, nicht retten. Doch, genau darauf kommt es an.

Aufarbeitung des Dritten Reiches

Borggräfe hat nicht ganz unrecht, wenn er meint, in der deutschen Schützengeschichtsschreibung kämen die Jahre 1933 bis 1945 kaum vor. Gleichwohl hat es schon in den 50er Jahren fundierte Kritik an der Wiederverwendung von NS-belasteten Schützenfunktionären im DSB der BRD gegeben. Vorgetragen wurde sie allerdings in Schießsportzeitschriften der DDR (die Borggräfe augenscheinlich nicht ausgewertet hat). Man darf dies nicht leichtfertig als „Propaganda des Kalten Krieges“ abtun. Es wird schon gute Gründe dafür gegeben haben, daß deutsche Olympiaschützen des Jahres 1936 wie Erich Krempel und Cornelius van Oyen es nach 1945 vorzogen, in Ostdeutschland zu leben, zu arbeiten und zu schießen.

Frauen und Schießen

Noch 1930 hatte der DSB öffentlich verkündet, daß Frauen weder Mitglied des Schützenbundes werden, noch an den Schießwettkämpfen desselben teilnehmen dürfen. Insoweit lag der DSB tatsächlich auf einer Linie mit der NSDAP, die bis 1945 die „Militarisierung“ von Frauen auf wenige Hilfstätigkeiten beschränkte. Nun hat Borggräfe jedoch einen Artikel des DSchV-Funktionärs von Cleve aus dem Jahr 1938 aufgetan, in dem eine Schießausbildung von Frauen sowie deren militärische Verwendung im rückwärtigen Raum propagiert wird. Dieser Befund ist erklärungsbedürftig! Wieso hat der DSchV hier die vom DSB acht Jahre zuvor vorgegebene Linie verlassen und sich damit auch noch in Opposition zur offiziellen Frauenpolitik des Dritten Reiches begeben?

Fazit

Die Antwort auf diese letzte Frage interessiert den Rezensenten brennend – leider kann oder will Borggräfe sie nicht liefern. Alles, was nicht in sein Interpretationsschema paßt, wird einfach ausgeblendet. Er zieht es vor, eine gerade Linie von den Gründern des DSB anno 1861 hin zu Hitler zu ziehen und das Dritte Reich als Erfüllung der alten Schützenträume zu sehen (S. 92). Bei einer derart groben Sicht auf eine komplexe, von vielen unterschiedlichen Akteuren gestaltete Geschichte muß zwangsläufig viel auf der Strecke bleiben.

Ohnehin hat sich bei der Lektüre der Eindruck verfestigt, daß es dem Autor lediglich darum zu tun war, Beiträge zu geschichtstheoretischen Debatten zu formulieren. Sein konkreter Forschungsgegenstand hatte dafür nur das Rohmaterial zu liefern. Inwieweit ihm das gelungen ist, mögen Wissenschaftler beurteilen, die besser mit den Details der Sozialgeschichte vertraut sind als der Rezensent. Hier sollen nur zwei Aspekte herausgestellt werden.

Der mehrfache Rekurs Borggräfes auf den Geschichtsanthropologen Alf Lüdtke bestärkt den Rezensenten in seiner Skepsis. Denn er war einmal während eines Vortrags von Lüdtke anwesend, indem dieser historische Fakten aus der Geschichte Ruandas verwirrte. Als ihn ein Student korrigierte antwortete Prof. Lüdtke, es sei egal, wer dort wen umgebracht habe, Hauptsache, die von ihm ausgebreitete Geschichtstheorie sei stimmig.

Ferner glänzt Borggräfe durch die mehrfache Präsentation von Binsenweisheiten, die z.T. schon peinlich anmutet. Natürlich ist Inklusion nur durch Exklusion möglich (und vice versa). Und natürlich ist in einem technischen Zeitalter wie dem 20. Jahrhundert jede Form der Herrschaftsausübung auf ein großes Maß an Zustimmung durch die Herrschaftsunterworfenen angewiesen, um die komplexe Staatsmaschine am Laufen zu halten. Die manchmal zu findende Vorstellung, daß ein paar Zehntausend Parteigenossen und SS-Leute nur mit Terror und Gewalt über 80 Millionen Deutsche geherrscht hätten, ist doch absurd. Ob man aus dieser mehr oder minder aktiven Unterstützung ableiten kann, die meisten Deutschen seien Überzeugungstäter im Sinne des NS gewesen, muß doch bezweifelt werden. Dies würde den Begriff des Täters uferlos ausweiten.

Kurzum: Wenn man sich der Mängel von Borggräfes Arbeit bewußt ist, kann man sie stellenweise durchaus mit Gewinn lesen.


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Fotos: Bundesarchiv.

Montag, 3. Oktober 2011

Der Schießstand in Mytischtschi




Es gibt einen sowjetischen Actionfilm über die Zeit des Zweiten Weltkrieges, der eine eigenartige Eingangsequenz aufweist. Parallel zur Vorstellung der Schauspieler werden Bilder aus verschiedenen Sportarten gezeigt. Ferner führt einer der Soldaten eigenartige Schießkunststücke vor. Der Film heißt "Otrjad osobogo nasnatschenija" (dt.: Abteilung besonderer Bestimmung oder einfach Sonderabteilung) und stammt aus dem Jahre 1978. Die Handlung läßt sich kurz zusammenfassen: Eine kleine Gruppe von Spezialkämpfern wird hinter den deutschen Linien abgesetzt, um einen beim Rückzug zurückgebliebenen Raketenwerfer vom Typ "Katjuscha" zu zerstören. Das ist durchaus spannend, doch viel interessanter finde ich die Vorstellung der Soldaten in den ersten Minuten des Films (siehe obiges Video). Die Einheit besteht nämlich fast ausschließlich aus Leistungsportlern verschiedener Disziplinen. Und eine solche Spezialeinheit hat es in der SU tatsächlich gegeben.

Im Juni/Juli 1941 wurde in Moskau die Selbständige Motorisierte Schützenbrigade besonderer Bestimmung (russ. Abk.: OMSBON) vom NKWD formiert. Das Personal bestand größenteils aus Freiwilligen, an denen damals kein Mangel bestand, darunter viele Studenten und Sportler aus Moskau und Umgebung. Dies bescherte ihr den Spitznamen "sportliche Spezialeinheit". Später erreichte die Brigade eine Stärke von rund 2500 Mann und gliederte sich in zwei Schützenregimenter plus Unterstützungseinheiten. Obwohl die Organisation recht konventionell war, nahm die OMSBON nicht nur an der Schlacht um Moskau Ende 1941 teil, sondern stellte vor allem Aufklärungs- und Diversionsgruppen auf, die hinter die deutschen Linien verbracht wurden, um dort den kleinen Krieg zu führen. Anfang 1943 wurde die Brigade in dieser Form aufgelöst.

Am 9. Mai 2011 trafen sich die OMSBON-Veteranen im Moskauer Dynamo-Stadion, um ihrer gefallenen Kameraden zu gedenken:





Der bulgarische Emigrant Iwan Winarow, der seit den 1930er Jahren Offizier der Roten Armee war und dort in der Auslandsaufklärung diente, beschrieb die Aufstellung der Brigade in seinen Memoiren wie folgt:
"[…]

Das Internationale Regiment der Sonderbrigade zählte am Anfang nicht ganz tausend Soldaten. Fast ein Drittel, etwa dreihundert Genossen, waren spanische Emigranten. Die anderen waren Tschechoslowaken, Polen, Österreicher, Ungarn, Jugoslawen, Deutsche, sechs Vietnamesen, Franzosen, Finnen. Es gab sogar einige Engländer im Regiment, Mitglieder der Kommunistischen Partei Großbritanniens, die der Krieg auf einer Moskaureise überrascht hatte. Die österreichischen Genossen stellten nach den Spaniern die stärkste Gruppe. […]

Die Zusammensetzung des Regiments änderte sich ständig. Immer noch trafen im Winter 1941 ausländische Genossen in Moskau ein, die ihre Parteiführungen von Baustellen und Instituten des ganzen Landes riefen. Andere Genossen stellten wieder nationale Brigaden auf, Grundstock für die Bruderarmeen, die später an der Seite der Roten Armee den Kampf gegen die Aggressoren aufnahmen. […]

Das zweite Regiment der Sonderbrigade stellten Moskauer Partei- und Komsomolfunktionäre, Mitarbeiter der Aufklärung und Gegenaufklärung sowie Mitglieder der Moskauer Sportorganisation „Dynamo“. Zu diesen Truppenteilen gehörten also hochqualifizierte, militärisch gutausgebildete und für Sonderaufgaben vorbereitete Genossen, die jeden Auftrag erfüllen konnten. Welche Aufgaben hatten sie?

Ursprünglich war die Sonderbrigade zur Sicherung Moskaus aufgestellt worden. Später änderte sich die Lage an der Front und damit auch die Aufgabe. Die Brigade wurde größer und verwandelte sich in eine Basis für die Ausbildung der Kundschafter- und Fallschirmgruppen, die hinter der Front wirkten. Sie entwickelte sich auch zu einer Zentrale für die Koordinierung, Hilfe und Organisation der Partisanenbewegung im Rücken des Feindes.
Im Oktober/November [1941] hatte die Brigade nur eine einzige Aufgabe, die Verteidigung der sowjetischen Hauptstadt.

Unter der Leitung der Kommunistischen Internationale, der Militäraufklärung und des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten wurde die Sonderbrigade in kurzer Zeit vervollständigt, organisiert und ausgerüstet. Kommandeur der Brigade wurde M. F. Orlow, der als Kommunist schon am Bürgerkrieg teilgenommen hatte, Kommissar Oberst A. A. Maximow und Stabschef Oberstleutnant F. J. Sedlowski. Kommandeur des Internationalen Regiments wurde W. W. Gridnew und ich wurde Kommissar. Die meisten Offiziere der Brigade kannte ich von der „Frunse“-Akademie oder aus der gemeinsamen Arbeit in der Verwaltung Aufklärung.

Die Sonderregimenter waren in den Gebäuden der Volkskommissariate für Verteidigung und für Innere Angelegenheiten stationiert und taten dort ständig Dienst.
Als sich die faschistischen Truppen Moskau unmittelbar näherten, ging auch die Sonderbrigade an die Front. Ihr Abschnitt war etwa 30 Kilometer breit und einen Kilometer tief. Der Stab der Sonderbrigade befand sich in einem Raum des Hauses der Gewerkschaften.

[…]" (I. Winarow: Kämpfer der lautlosen Front, 3. Aufl., Berlin 1984, S. 215 f.)



Ein erstes Konzept für den Einsatz von Spezialkräften im Rücken des Gegners hatte im Sommer 1941 der Schriftsteller und frühere Nachrichtendienstoffizier Dmitrij N. Medwedew vorgelegt. Medwedew hatte 1939 ausscheiden müssen, nachdem sein Bruder den stalinschen Repressionen zum Opfer gefallen war; erst nach Kriegsbeginn wurde er reaktiviert. Ins Werk gesetzt wurde sein Konzept u.a. von Wjatscheslaw Gridnew, zunächst Chef des 1. Regiments und ab August 1942 der gesamten Brigade. Gridnew hatte zuvor in den Grenztruppen und der Auslandsaufklärung des NKWD gedient.

Die ersten Ausbildungsbasen für die Soldaten der OMSBON waren das Moskauer Dynamo-Stadion und die Schießanlage in Mytischtschi, welche nordöstlich der Hauptstadt liegt und ebenfalls zur Sportorganisation Dynamo gehörte. Der Schießstand war 1925 errichtet worden und diente vor allem dem Schießtraining von Polizisten. In der Kriegszeit dominierte die militärische Nutzung, während danach die sportliche in den Vordergrund trat. Nach der OMSBON hielt eine Scharfschützenschule auf dem Gelände Einzug. Auch in den Folgejahren haben auf den dortigen Bahnen z.B. die Scharfschützen der Spezialgruppe "Alfa" trainiert.



Die Trennlinie zwischen reinem Schießsport und vormilitärischen Training wurde in der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Staaten ohnehin nie so stark gezogen wie etwa in Deutschland. Während man in der UdSSR (und heute in ihren Nachfolgestaaten) in jedem guten Schützen einen potentiellen Vaterlandsverteidiger
erblickt, war man selbst in der DDR um eine strikte Unterscheidung bemüht. Aufschlußreich sind in dieser Hinsicht verschiedene Artikel, die in den Jahren 1958 bis 1960 in der Zeitschrift Der Sportschütze erschienen sind. Viele ostdeutsche Schützen wollten vor allem unpolitische und unmilitärische Nur-Sportler sein. (Vgl. insbesondere W. Schöer: Scharfschütze oder Sportschütze?, in: Der Sportschütze 8/1958, S. 20.)

Doch zurück nach Mytischtschi. Dieser Schießstand hatte für den sowjetischen Sport eine große Bedeutung und war fast schon legendär (insoweit paßt der Vergleich mit dem Stand in München-Hochbrück). Nach größeren Umbauten wurde hier die UIT-Weltmeisterschaft 1958 ausgetragen. 1980 folgten die Schießwettbewerbe der Olympischen Sommerspiele und 1990 erneut die ISSF-WM. Die Anlage war eine der größten ihrer Art in der UdSSR; dort wurden zahlreiche nationale und internationale Wettkämpfe ausgetragen. Ferner waren und sind dort zahlreiche Schießklubs beheimatet.

Nach dem Ende der UdSSR begann eine Odyssee um das Gelände, das zwischenzeitlich unter obskuren Umständen mehrfach die Besitzer gewechselt hat und heute der Errichtung von Luxusvillen dient. Der Schießbetrieb wurde schon vor Jahren weitgehend eingestellt und die Schießstände verfielen oder wurden sogar abgerissen. Derzeit wird ein Rechtsstreit mit dem Ziel geführt, die Anlage an Dynamo zurückzugeben und wieder für den Schießsport herzurichten. Ob dieses Unterfangen trotz eines positiven Gerichtsurteils vom April 2010 gelingen wird, bleibt abzuwarten. Immerhin haben es die Moskauer im Oktober letzten Jahres geschafft, eine Demonstration für die Wiederherstellung des Schießstandes zu organisieren (siehe auch das Video unten).





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