Samstag, 4. Juni 2011

Die deutsche Frage II

Seit der politischen „Wende“ in den Jahren 1989 bis 1991 haben sich in vielen osteuropäischen Staaten seltsame Wandlungen zugetragen. Manch früherer hochrangiger KP-Funktionär warf plötzlich sein Parteibuch weg und behauptete, im Grunde seines Herzens schon immer Antikommunist gewesen zu sein. Andere maßgebliche Herren versuchten, ihre eigene Rolle kleinzureden, indem sie sich im Nachhinein selbst zu bloßen Befehlsempfängern Moskaus degradierten, deren Einfluß gegen Null gegangen sei. Damit werden meist zwei Ziele verfolgt. Zum einen will man sich von den Vorwürfen der einstigen Opposition exkulpieren, zum zweiten möchte man sich selbst in die veränderten Gesellschaften, in denen das Nationale oft stark betont wird, integrieren.
Ist diese Strategie erfolgreich, dann werden „die Sowjets“ oder, vulgärer und aktueller formuliert, „die Russen“ für sämtliches Ungemach verantwortlich gemacht. Auf diese Weise werden der Pole Dzierzynski oder die Georgier Stalin und Berija u.a. kurzerhand zu Russen erklärt und schon ist eine Geschichtsinterpretation gegeben, mit der alle Nationalisten in Polen, Georgien und andernorts leben können. An die Stelle der komplexen und schwierigen Geschichtsaufarbeitung tritt so das Schüren von Ressentiments.

Letzteres wird man von ehemaligen Funktionären der DDR nicht in jedem Fall behaupten können. Hier überwiegt vielmehr der Ärger über den angeblichen Verrat, den die Sowjetunion 1989/90 an der DDR begangen habe. Anstatt dem sozialistischen deutschen Teilstaat in einer schwierigen Phase beizustehen, habe Michail Gorbatschow seine ostdeutschen Genossen feige an den Westen verkauft und sie damit der Willkür des Klassenfeindes überlassen. Man könnte dies als eine Art ostdeutsche Dolchstoßlegende bezeichnen. Dabei wird allerdings übersehen, daß die sowjetische Politik seit 1945 viel stärker gesamtdeutsch orientiert war, als es der SED-Führung lieb war und lieb sein konnte. Die DDR in ihrer von der BRD stark abgeschotteten Existenz wurde in Moskau eher als „Second-best“-Lösung gesehen. Für die Zeit von der Mitte der 1940er bis Mitte der 1950er Jahre wurde dies von Wilfried Loth schon überzeugend herausgearbeitet (vgl. „Stalins ungeliebtes Kind“, Berlin 1994, und daran anknüpfend „Die Sowjetunion und die deutsche Frage“, Göttingen 2007). Loths Erkenntnisse korrespondieren mit den Erinnerungen des bekannten sowjetischen Diplomaten Valentin Falin aus den 1970er Jahren, insbesondere hinsichtlich der Haltung Erich Honeckers zur deutschen Frage (vgl. „Politische Erinnerungen“, München 1993).

Einer der am häufigsten debattierten Fragen ist die nach der Verantwortlichkeit für die Schließung der Berliner Sektorengrenze am 13. August 1961. Jüngst sind mehrere Schriften erschienen, in denen eine „Schuld“ ostdeutscher Politiker für dieses von manchen bis heute als traumatisch empfundene Ereignis geleugnet wird. Heinz Keßler und Fritz Streletz ziehen sich in ihrem Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ (Berlin 2011) darauf zurück, daß die DDR mit dem Mauerbau nur einen Auftrag des Warschauer Vertrages und damit der UdSSR ausgeführt habe. Noch weiter geht Eberhard Rebohle, der Walter Ulbricht von jeder Mitverantwortung freispricht:
"[…]

Mit dieser Zusage hatte Chruschtschow auf der Sitzung des Politischen Beratenden Ausschusses Anfang August in Moskau die Entscheidung des Kreml mitgeteilt, um die Westsektoren Berlins eine Grenze zu errichten und auch die Staatsgrenze West der DDR zu befestigen. Es handelte sich schließlich nicht um eine einfache Staatsgrenze, sondern um die westliche Grenze des östlichen Verteidigungsbündnisses, dessen Führungsmacht die Sowjetunion war. Also wies Chruschtschow die DDR an, entsprechende Maßnahmen vorzunehmen. Das geschah am 13. August 1961 und in den nachfolgenden Wochen.

Insofern hatte Walter Ulbricht durchaus die Wahrheit gesagt, als er im Frühsommer auf die Frage einer westdeutschen Journalistin erklärte, dass niemand in der DDR die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Nein, das hatte weder er noch ein anderer hierzulande wahrlich vor. Die Weisung wurde in Moskau erteilt, und das zu einem späteren Zeitpunkt.

Natürlich verteidigte die DDR diese Entscheidung, auch wenn sie nicht die ihre war. Schließlich gehörte sie einem Bündnis an, wo es sowohl eine Treuepflicht gab wie aber auch den Durchsetzungsanspruch und auch die -fähigkeit der Führungsmacht. Diese stand schließlich mit einer ‚Gruppe der sowjetischen Streitkräfte’ (GSSD) auf dem Territorium der DDR. Eine halbe Million Mann, verteilt auf 750 Standorte. Hätte Ulbricht diese Maßnahme abgelehnt, wären seine Tage als Staats- und Parteichef gezählt gewesen.

[…]" (Rebohle: „Rote Spiegel“, Berlin 2009, S. 46.)
Diese Behauptungen sind, um es vorweg zu sagen, Unfug und lassen sich quellenmäßig nicht belegen. Es ist das Verdienst der amerikanischen Historikerin Hope M. Harrison, dem in ihrem 2010 erschienen Buch „Ulbrichts Mauer – Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach“ entgegengetreten zu sein.

Harrison beginnt mit ihrer Darstellung in etwa dort, wo Wilfried Loth aufgehört hat: im Jahr 1953. Beide Autoren zeigen, daß insbesondere Ulbricht einen Kurs verfolgte, der auf eine strikte Abgrenzung der DDR von der BRD gerichtet war, um in seinem Teil Deutschlands einen sozialistischen Staat aufbauen zu können. Hinsichtlich des „Aufbaus des Sozialismus“ waren die Sowjets immer die Bremser, zumal dadurch seit 1952 der Flüchtlingsstrom in die BRD anschwoll.
Das Flüchtlingsproblem wurde anfangs in Moskau sogar ernster genommen als in Ost-Berlin. Daraus resultierte auch die Divergenz der Meinungen über seine Lösung. Während die sowjetische Führung mehrfach auf eine politische und ökonomische Lösung drängte, um die Menschen zum Bleiben zu bewegen, stand für viele höhere SED-Funktionäre schon seit 1953 fest, daß es einer vollständigen Schließung der Grenzen der DDR bedürfe. Der von Moskau im Mai/Juni 1953 angeregte „Neue Kurs“, mit dem harte Maßnahmen (z.B. Erhöhungen der Arbeitsnormen, Kampf gegen die Kirchen) aufgehoben wurden, versandete in den Folgemonaten.

Ulbricht blieb stur – auch, als 1956 in der UdSSR eine vorsichtige Entstalinisierung begann. Er behauptete einfach, in der DDR habe es nie einen Personenkult gegeben, weder um Stalin noch um den Genossen Walter aus Leipzig. Dabei waren es die von Ulbricht anläßlich seines 60. Geburtstages am 30.06.1953 geplanten pompösen Feierlichkeiten gewesen, die großen Unmut bei Stalins Nachfolgern erregt hatten. Doch Ulbricht gelang es, angesichts der Krisen des 17. Juni 1953 und der Folgejahre (z.B. Ungarn 1956), im Amt zu bleiben. Mehr noch, er konnte, obwohl ihn seine innerparteilichen Gegner im Juni 1953 schon fast abgesetzt hatten, seine Stellung festigen und diese Gegner (z.B. Wilhelm Zaisser und Rudolf Herrnstadt) aus der SED werfen lassen. Die Zügel wurden angezogen und die sowjetische Seite stimmte dem partiell zu, vor allem aus Angst, daß die DDR anderenfalls einfach zusammenbrechen könnte.

Damit waren die Chancen auf eine (maßvolle) Liberalisierung der Verhältnisse in der DDR gesunken. Der Aufbau des Sozialismus ging weiter und immer mehr Menschen konnten oder wollten dabei nicht mitmachen. Das Problem der „Republikflüchtlinge“ war für die DDR nicht nur prestigeschädigend (schließlich wollte man das bessere Deutschland sein), sondern langsam auch ökonomisch bedrohlich, weil viele gut ausgebildete Fachkräfte das Land verließen.
1960/61 spitzte sich die Lage zu und Ost-Berlin drängte immer stärker auf eine „administrative“ Lösung, also die vollständige Abriegelung der Grenzen der DDR. Chruschtschow war davon nicht angetan, aber auch er konnte sich dem Druck nicht länger entziehen. Doch er wollte eine solche Entscheidung nicht isoliert treffen, damit später niemand behaupten konnte, Moskau habe den Mauerbau befohlen. Deshalb fanden im Sommer zwei Tagungen des Warschauer Vertrages statt, auf denen das Problem diskutiert und schließlich der Beschluß gefaßt wurde, Ulbrichts Ansinnen zuzustimmen. Ziel war, ein „Ausbluten“ der DDR und eine damit einhergehende Schwächung des sozialistischen Lagers zu verhindern.

Es ist absurd, wenn man daraus einen Auftrag der WV-Staaten an die DDR macht, den man ohne eigenes Wollen oder Zutun habe ausführen müssen. Im Gegenteil: Ohne die massiven, seit Jahren vorgetragenen Forderungen von Ulbricht und seinen Genossen wäre dieser gemeinsame Beschluß des WV nie zustande gekommen und demzufolge auch die Berliner Mauer nicht errichtet worden.
Diese Erkenntnisse sind freilich nicht gänzlich neu. Schon vor sind die einschlägigen Dokumente ediert publiziert worden. Neu an Harrisons Darstellung ist die Einbeziehung eines längeren Zeitabschnitts (1953-1961), weshalb sie anhand der politischen Ereignisse dieser Jahre die maßgebliche Verantwortung Walter Ulbrichts noch besser belegen kann. Er wollte um jeden Preis seinen kleinen sozialistischen Staat behalten. Im Umgang mit Gegnern setzte er sowohl im Außenverhältnis als auch innerhalb der SED i.d.R. einseitig auf Konfrontation.

Des weiteren gelingt es Harrison, den Blick zu weiten und verschiedene politische Ereignisse in die Betrachtung mit einzubeziehen, angefangen vom Fall Berijas 1953 über den Einfluß z.B. Polens in der Mauerfrage bis zum Konflikt zwischen der Volksrepublik China und der Sowjetunion Ende der 50er Jahre. (Der WV war kein monolithischer Block, man denke nur an die Sonderrole, die Rumänien seit Beginn der 70er Jahre spielte, indem es de facto aus den militärischen und nachrichtendienstlichen Kooperation ausschied.)
Ferner ist es der Autorin möglich, die Beziehungen zwischen der DDR und der UdSSR in ihrer gesamten Komplexität darzustellen. Es handelte sich um ein vielschichtiges Patron-Klient-Verhältnis, bei dem die DDR, der nach außen schwach wirkende Klient, in Wirklichkeit meist der stärkere „Superverbündete“ war. Diese theoretische Fundierung erhöht den Wert von Harrisons Studie auch für die Analyse andere Probleme der internationalen Beziehungen.

Zu guter Letzt darf allerdings nicht vergessen werden, daß Ulbricht mit seiner Politik, die eine Vertiefung der Spaltung Deutschlands bewirkte, nicht allein stand. In Westdeutschland hatte er mit Konrad Adenauer einen kongenialen Partner. Adenauer, der „rheinische Separatist“, hatte sich mit der Bundesrepublik Deutschland einen Staat geschaffen, der seinen persönlichen Vorlieben entsprach: Stark katholisch geprägt und von den verderblichen Einflüssen des Protestantismus und Preußentums abgeschnitten. (Legendär ist ja, daß Adenauer immer, wenn er in der Zwischenkriegszeit mit der Reichsbahn von Berlin nach Hause fuhr, auf der Magdeburger Elbbrücke ausspuckte.) Auch er wollte um jeden Preis nicht nur seine persönliche Macht, sondern auch seinen westdeutschen Teilstaat behalten und zog daher eine in EG und NATO integrierte BRD einer gesamtdeutschen Lösung vor. Was dem einen das Großexperiment eines „Sozialismus auf deutschem Boden“, war dem anderen die „Westbindung“.

Mithin war die deutsche Teilung nicht nur Schicksal oder eine Folge des Zweiten Weltkrieges und des Willens der vier Siegermächte, sondern auch das Ergebnis der Politik zweier deutscher Staatsmänner, die konträre Ideologien und Konzepte verfolgten und für deren Realisierung jeweils einen eigenen Staat benötigten. Dies dürfte einer der Gründe sein, weshalb für Deutschland eine Lösung wie in Österreich nie in Betracht kam.

En passant räumt Harrison noch mit anderen Mythen auf, die sich gerade in Ostdeutschland gebildet haben. Damit ist zuvörderst die Auffassung gemeint, die DDR wäre von der Sowjetunion wirtschaftlich ausgebeutet worden. Nunmehr wird jedoch deutlich, daß es sich umgekehrt verhalten hat und die DDR zumindest während der 1950er Jahre in erheblichem Umfang auf Wirtschaftshilfe aus der UdSSR und anderen sozialistischen Staaten angewiesen war und ihne diese Hilfe vermutlich nicht überlebt hätte.

Überhaupt war die Ökonomie die Achillesferse der DDR und des gesamten Warschauer Vertrages. Harrison stellt dar, daß nicht nur die DDR, sondern etwa auch die Tschechoslowakei und Ungarn, stark vom Außenhandel mit kapitalistischen Staaten abhängig waren. Folglich fürchtete man in diesen Staaten ein totales Wirtschaftsembargo der NATO-Mitglieder. Daraus resultierte eine große Vorsicht in der Außenpolitik. Jeder Schritt wurde sorgfältig auf seine Wirkung hin abgewogen. Damit erscheint der Mauerbau von 1961 als äußerste, gerade noch akzeptable Maßnahme.

Man könnte diesen Zusammenhang noch weiter thesenartig zuspitzen (und müßte ihn dann eingehend untersuchen): Das „sozialistische Lager“ oder, wie es großspurig hieß, das „sozialistische Weltsystem“ der zweiten Hälfte des 20. Jh. konnte nur deshalb solange existieren, weil es kapitalistische Staaten gab, die mit ihm Handel trieben und die Weltwirtschaft insgesamt (in der Regel) kapitalistisch funktionierte. Dies war den verantwortlichen Politikern meist wohl auch klar, zumindest im Unterbewußtsein. Ihnen ging es, gerade in der Spätphase nach 1970, oft nur darum, die eigene Bevölkerung mit Konsumgeschenken bei Laune zu halten.
Deshalb konnte aus ihrer Perspektive eine „Weltrevolution“, die den Sozialismus auf dem ganzen Globus ausgebreitet hätte, nicht wünschenswert sein. Die friedliche Koexistenz der beiden Systeme, von der seit Chruschtschow vermehrt die Rede war, stellte somit keine hohle Phrase dar, sondern war eine Existenzebdingung des Sozialismus. Mithin stellen sich auch alle militärischen Planungen so dar, daß sie tatsächlich als Vorneverteidigung gemeint waren, nicht jedoch als Aggressionsabsicht gegenüber der NATO. Schließlich war man ökonomisch auf den „Klassenfeind“ angewiesen.


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Mittwoch, 1. Juni 2011

Washingtoner Shizophrenien


Die Jamestown Foundation ist einer von vielen "Think-tanks", die ihre Heimat in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika gefunden haben. Das besondere an der Stiftung ist freilich ihr Fokus auf Eurasien, insbesondere Rußland. Gegründet wurde sie 1984, um sowjetischen "Dissidenten" (besser gesagt: Deserteuren) eine publizistische Plattform in den USA zu bieten und so das Feindbild des Kalten Krieges am laufen zu halten. Dabei erfreut sich die Stiftung bis heute enger, auch finanzieller Beziehungen zu Regierungsstellen. An der ersten Zielsetzung hat sich bis heute kaum etwas geändert, werden doch alle Vorgänge innerhalb Rußlands dezidiert negativ dargestellt.

Demgegenüber steht die positive Bewertung der "arabischen Revolution", also der Unruhen, die seit Beginn dieses Jahres den Nahen und Mittleren Osten erschüttern. Sie werden etwa in diesem Text vom 8. Februar 2011 als Warnung an Putin und Medwedew bezeichnet.

Etwas differenzierter sieht man die Lage in Aserbaidshan. Der dort seit 2003, bereits als zweiter seiner Familiendynastie, regierende Ilcham Alijew wird in diesem Beitrag vom 5. April zwar nicht direkt vor der gegen ihn gerichteten Opposition in Schutz genommen. Doch macht man sich über die oppositionellen Demonstranten lustig: Sie hätten sich lediglich an einer schlecht vorbereiteten Kopie der arabischen Revolutionen versucht.

Gänzlich auf der Seite der Herrschenden steht die Jamestown Foundation in Georgien. Als es in der vergangenen Woche zu großangelegten Protesten gegen den immer diktatorischer Regierenden Präsidenten Saakaschwili kam, die von den Sicherheitskräften mit Gewalt aufgelöst wurden, war von der sonst in den USA üblichen Sympathie für Demonstranten und ihre Versammlungsfreiheit nichts mehr zu spüren. Statt dessen wird die georgische Opposition als militant und unpatriotisch verdammt und ihr gar vorgeworfen, einen von Rußland gesteuerten Staatsstreich gegen den "Musterdemokraten" Saakaschwili unternommen zu haben.

Dies überrascht freilich nicht. "Demokratieförderung" ist in den Augen der Jamestown-Verantwortlichen nur dann statthaft, wenn sie sich gegen Rußland richtet. Auf die Person des jeweiligen Präsidenten der RF und dessen konkrete Politik kommt es dabei nicht an; das ist institutionalisierte Russophobie. Und die Staatschefs Aserbaidshans und Georgiens sind nun einmal getreue Verbündete der USA im Kaukasus, die zum Teil eine dezidiert antirussische Politik verfolgen und - wie Saakaschwili - nicht einmal vor dem Auslösen eines Krieges zurückschrecken. Dies stört Jamestown freilich nicht; diese Alliierten müssen um jeden Preis positiv dargestellt werden. Wer gegen sie auftritt, ist somit kein Demokrat oder legitimer Oppositioneller, sondern ein gewalttätiger Landesverräter, der verhaftet werden muß, um nicht als vermeintlich "fünfte Kolonne" für den rußländischen Hauptfeind zu wirken.

Dies war keineswegs der erste Polizeieinsatz gegen die Opposition in Georgien. Seit Jahren gehen Sakaschwilis Sicherheitskräfte mit teilweise großer Brutalität, die auch schon Todesopfer forderte, gegen die politischen Gegner ihres Präsidenten vor. Bezeichnenderweise wurde und wird dies im "Westen" kaum wahrgenommen. Wenn aber in Moskau ein paar Demonstranten vorsichtig von einer verbotenen Kundgebung weggetragen werden, dann ist der mediale Aufschrei groß und vom Ausland wird eine unumschränkte Versammlungsfreiheit eingefordert (die es freilich in keinem der dies fordernden Staaten gibt).

Für die Jamestown-Autoren stellt sich jedoch nicht einmal die Frage, ob Saakaschwilis Vorgehen rechtmäßig war oder ob man seinen Gegnern nicht ein Minimum an Legitimität konzedieren sollte. Nein, der georgische Staatschef ist der gute und muß bedingungslos unterstützt werden. Er ist schließlich ein "guter Diktator", der bereit ist, die "freie Welt" vor dem Ansturm des "expansiven russischen Bären" zu verteidigen. Wen kümmern denn insofern Fragen der Demokratie und Rechsstaatlichkeit? Da stellt auch kaum jemand kritische Fragen, wenn die regierung den Protestierern nicht nur unerlaubte Demonstrationen, sondern auch geplante Terroranschläge vorwirft.


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08.08.2009: Videos des Tages

Foto: RIA Nowosti.

Sonntag, 29. Mai 2011

29.05.2011: Videos des Tages

Der amerikanische Waffenhersteller Ruger hat einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem zahlreiche Videos angeboten werden. Die meisten beziehen sich auf Selbstverteidigungsszenarien (siehe unten das erste Video), aber es sind auch rein sportliche dabei (wie etwa im zweiten, worin es um Biathlon geht). Es lohnt sich, dort einmal zu stöbern.




Donnerstag, 26. Mai 2011

Ernst und Unernst in der russischen Literatur

Seit mehreren Jahren wird im Ausland ein russischer Schriftsteller hofiert, dessen magere literarische Leistungen auffallend mit seinem Ruhm als „Oppositioneller“ kontrastieren. Gemeint ist Wladimir Sorokin, der seine Bücher als Kritik von Wladimir Putin und Dmitri Medwedew verstanden wissen will – und der dafür u.a. von deutschen und französischen Kritikern gelobt wird. Liest man seine Schriften jedoch, so wird man sie sehr vielfältig deuten können. Eines sind sie jedoch nicht: Widerstandsschriften. Ein britischer Rezensent sah im „Tag des Opritschniks“, mit dem Sorokin berühmt geworden ist, sogar das Gegenteil, nämlich eine positive Imperialphantasie.

Meiner bescheidenen Auffassung nach ist dieses Buch höchst unpolitisch. Es handelt sich dabei vielmehr um eine eigentümliche Mischung aus Science Fiction und Pornographie. (Insoweit haben die russischen Kritiker Sorokins ganz recht.) Man kann dem „Tag des Opritschniks“ den literarischen Wert nicht gänzlich absprechen, aber der Leser sollte auf detaillierte Beschreibungen von Gruppensex, Vergewaltigungen und SM-Praktiken stehen, um diesem Buch etwas abgewinnen zu können. Mit Politik hat dies jedoch nichts zu tun und die Einstufung als politischer Schriftsteller wäre eine maßlose Überschätzung Sorokins.

Erheblich relevanter für die gegenwärtige rußländische Gesellschaft ist hingegen ein anderer Titel, der im Gewand eines Kriminalromans daherkommt („Gangstafiction“): „Nahe Null“ von Natan Dubowitzki. Der Name des Autors ist ein Pseudonym. Dies hat die Diskusion über das Buch leider auf Abwege geführt, gibt man sich doch oft Spekulationen über die wahre Identität des Autors hin. Es wird vermutet, daß es sich dabei um Wladislaw Surkow, einen hohen Regierungsbeamten, handeln könnte. Bestätigungen dafür gibt es freilich nicht, und somit erachte ich es für nutzlos, sich über solche Fragen den Kopf zu zerbrechen. Denn das Buch hat es in sich.

Man kann „Nahe Null“ durchaus als scharfsinnige Analyse der gesellschaftlichen Lage lesen – allerdings nicht in dem simplen, schematischen Sinn, wie es die „Liberalen“ tun. Jegor, die Hauptfigur des Buches, hat einen nicht untypischen Lebensweg hinter sich: Geboren in der Sowjetunion, aufgewachsen in der Provinz, Schulabschluß, Wehrdienst bei den Fallschirmjägern, danach ein geisteswissenschaftliches Studium. Schließlich arbeitete er zu Beginn der 1990er Jahre als kleiner Angestellter in einem Verlag, als ihn einer seiner Kollegen in die kriminelle Szene einführte. Es ging um nicht lizenzierte Auflagen und Übersetzungen von Büchern, also um einen „Bücherschwarzmarkt“. Fortan hat Jegor, der bisherige Intellektuelle, nicht nur „Schwarzauflagen“ klassischer Autoren unter die Leute gebracht, sondern auch „schmutzige Arbeit“ erledigt. Renitente Buchhändler wurden ebenso beseitigt wie Konkurrenten, die andere Schwarzauflagen verbreiten wollten.

Doch mit Beginn der 2000er Jahre wird das Leben allgemein – und damit auch Jegor – gesitteter. Die Tätowierungen verblassen, die dicken Goldketten verschwinden, man bemüht sich um seriöses Auftreten und um den Wechsel in legale Geschäfte. Hinzu kommt die Förderung der heterogenen Kunstszene, die von diffusen Figuren bevölkert wird. Dazu zählt auch ein Filmemacher, der sich auf Horrorfilme spezialisiert hat. Jegor hat den Verdacht, daß seine Ex-Geliebte Plaksa in einem dieser Streifen umgebracht wurde – beim Geschlechtsverkehr erdrosselt. Nach inneren Qualen macht er sich auf die Suche nach Plaksa, spürt schließlich die versteckte Unterkunft des Regisseurs auf, der im Kaukasus wohnt und sich von einem dort lebenden Stamm bewachen läßt. Das Zusammentreffen beider verläuft höchst unfriedlich; Jegor verläßt es als Krüppel. Nun ist er vom Gedanken an Rache besessen, doch will er zugleich nicht mit seinem Eid brechen, daß er nie wieder töten werde. Eine Zwickmühle, aus der sich Jegor bis zum Schluß nicht befreien kann, denn das Buch läßt das Ende offen.

Jegor kann als Prototyp jener Geschäftsleute gesehen werden, die in den wilden 90ern zuhauf krumme Geschäfte machten, sich aber später um eine weniger aufregende und gefährliche Existenz bemüht haben. (Im Falle Jegors war es die Tätigkeit als Literaturagent.) Da das Buch im Hier und Jetzt spielt, findet auch die Weltwirtschaftskrise ihren Niederschlag: Die plötzlich aufkommende Existenzangst führt bei einigen dieser Geläuterten zu einem Erwachen der alten Instinkte, die schon lange abgelegt schienen.

Auch Jegors Privatleben ist nicht untypisch. Er war mit einer Kollegin aus seinem ehemaligen Verlag verheiratet und beide haben eine gemeinsame Tochter. Doch die Ehe ist alsbald in die Brüche gegangen, wobei die Scheidung für die nunmehrige Ex-Frau sehr einträglich war. Sie führte ein weitgehend sorgenfreies Leben und das Töchterchen entwickelte sich zu einer dicken, verzogenen Göre. Das Verhältnis zwischen den drei Personen ist angespannt. Danach hatte Jegor noch diverse Liebschaften, die jedoch mehr physischen Charakter trugen.

Einer der wichtigsten Aspekte von „Nahe Null“ ist die Charakterisierung der russischen Intelligenzija. Jegor ist noch einer ihrer produktiveren Vertreter, wenn er Geschäfte mit Texten macht und nach neuen Schriftstellertalenten sucht. Andere leben in verwahrlosten Umständen und geben sich einem exzessiven Drogenkonsum hin, um dann in den „cleanen“ Phasen neue Lieder zu schreiben und aufzunehmen. Ein weiterer wird wiederum zum „Advokaten des Teufels“, der sich als Redenschreiber für zwei antagonistische Parlamentsabgeordnete verdingt. Oder jener junge Neonazi, der in den Kaukasus fährt, um dort im islamistischen Untergrund Sprengstoff zu kaufen, mit dem er später in Moskau Anschläge auf dort lebende Moslems verüben will.

Damit führt Dubowitzki (oder wie immer der Autor heißen mag) die Hoffnung auf die „Erlösung“ durch eine Klasse von Intellektuellen ad absurdum. Es gäbe noch viel mehr beachtens- und erwähnenswertes in diesem Buch. Es ist eine interessante und durchaus treffende Darstellung der Verhältnisse im heutigen Rußland. Sie umfassen viele, z.T. gegenläufige Tendenzen und sind bisweilen chaotisch. Dabei darf natürlich nicht übersehen werden, daß das Buch in den oberen Schichten der Gesellschaft spielt; die Perspektive der kleinen Leute kommt nur am Rande vor. Deshalb sollte man mit voreiligen Generalisierungen vorsichtig sein, zumal der Autor viel Wert auf Zwischentöne gelegt hat.

Noch absurder ist es allerdings, wenn manche Rezensenten, gestützt auf die Vermutung der Autorschaft Wladislaw Surkows, davon sprechen, daß der Untergang eines Systems drohe, daß der Autor selbst erschaffen hat. Diese Kommentatoren übersehen die Komplexität politischer und gesellschaftlicher Vorgänge. In unserem Zeitalter, das von der (Informations-)Technik geprägt ist, erschafft niemand ein „System“, zumindest nicht in global integrierten modernen Gesellschaften. Es entwickelt sich einfach und Politiker können bestenfalls versuchen, steuernd einzugreifen. Der Menschen, Bedingungen und Einflußfaktoren gibt es viele und niemand kann sie vollständig dirigieren. Deshalb ist es eine unzulässige Versimplifizierung, wenn sämtliche (positiven wie negativen) Entwicklungen in einem Land einzelnen Personen zuschreiben werden.

Fazit: „Nahe Null“ ist eine fiktionale Darstellung der „besseren Kreise“ der heutigen russischen Gesellschaft, die dennoch starke Bezüge zur Realität hat. Es ist kein moralischer Roman, in dem die Rollen von gut und böse eindeutig verteilt wären. Somit wird auch kein klarer Ausweg aus der partiellen Misere gewiesen. Dies entspricht allerdings auch den Gegebenheiten einer modernen Gesellschaft. Als Hilfe erscheint vor allem die Selbstreflektion und -erziehung der Menschen. Jeder einzelne muß sich (so wie Jegor im Buch) darüber klar werden, daß Mord und andere Verbrechen erstens seine Seele belasten und zweitens für die Gesellschaft insgesamt schädlich sind. Wenn diese Einsicht ausbleibt, hilft auch eine intensivierte Strafverfolgung nicht weiter. Insofern ist das Buch kein politisches Pamphlet, sondern eine Anregung zum Nachdenken über sich selbst.


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Montag, 23. Mai 2011

Mühsam ernährt sich ...


... der Sportschütze. ;-) Am vergangenen Wochenende haben hier die Kreismeisterschaften in den Kleinkaliberdisziplinen stattgefunden und ich konnte an ihnen teilnehmen (was mir im Januar bei den Druckluft-KM leider nicht möglich war). Die Ergebnisse waren allerdings mäßig: KK-Sportpistole 416 Ringe, davon 229 im Präzisionsteil und 187 beim Duell. Letzteres überrascht mich nicht, konnte bis dato aus technischen Gründen seit Monaten kein Duell geschossen werden. Doch in der Präzision bin ich um 8 Ringe gegenüber dem letzten Wettkampf abgesackt (237). (Siehe dazu auch das obige Diagramm.)

Nicht viel besser sah es mit der Standardpistole aus: 398 Ringe (137, 131, 130). Auch hier muß ich häufiger üben. Aber mehr als drei- bis viermal pro Monat geht es aus verschiedensten Gründen leider nicht. Möglicherweise bringt die eigene Waffe etwas, die nur auf mich eingestellt ist und an der andere Leute nicht, wie bei Vereinswaffen, nach Belieben herumdrehen können. Wenn doch nur die zwölf Monate endlich abgelaufen wären ...



Eine kleine Verbesserung konnte ich hingegen mit der Luftpistole verzeichnen. Anfang Mai wurde meine persönliche Bestleistung von 349 auf 353 Ringe verbessert. :-) Außerdem war es in den letzten Wochen möglich, mich einigermaßen im Bereich von 340 Ringen zu stabilisieren. (Siehe dazu auch das untenstehende Diagramm mit den Ergebnissen seit Juli 2010.)
Diese Entwicklung gibt Grund zur Hoffnung, denn am kommenden Wochenende steht der nächste Wettkampf mit der LP auf dem Programm. Und nach langem Suchen konnte ich endlich einen Pistolentrainer hier in der Umgebung aufspüren, der mir hoffentlich bei einer Steigerung meiner Leistungen helfen wird.


PS: Während der KM gab es eine witzige Episode. Zwei Starter in der Schützenklasse - darunter meine Wenigkeit - bereiten sich auf die Disziplin Standardpistole vor. Mein Kollege mit einer Walther GSP, ich mit einer Hämmerli 280. Dann kommt noch ein Senior herein und packt seine alte Margolin aus. Wir schießen erst Standard- und dann Sportpistole. Nach drei Vierteln des Wettkampfes, beim Umbauen für den SpoPi-Duellteil, können wir einen kurzen Blick auf die bisherigen Scheiben werfen. Dabei werden die beiden jungen Männer blaß. Der Kommentar unseres älteren Schützenbruders: "Ich weiß, wohin ich schießen muß. Deshalb brauche ich keine Pistole für 2000 Euro." ;-)



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Freitag, 20. Mai 2011

Die ukrainischen Nationalisten

Der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, inspiziert die großteils aus ukrainischen Freiwilligen gebildete 14. Waffen-Grenadier-Division der SS "Galizien".


Im April haben die Kollegen vom Jagdwaffennetz einen Artikel über den "ukrainischen und baltischen Widerstand unter sowjetischer Besetzung" publiziert. Da das Thema auch meine Forschungsinteressen berührt, sehe ich mich genötigt, nachfolgend einige Anmerkungen zu machen, die sich nur auf die Ukraine beziehen.

Das Problem der ukrainischen Nation

Die Ukraine in ihrer heutigen Gestalt hat ein Problem mit ihrer Identität. Niemand weiß so recht, was den "typischen Ukrainer" ausmacht. Ist es die nach der Auflösung der UdSSR begründete Staatsbürgerschaft des neuen Staates? Oder ist es vielmehr die kulturelle, sprachliche und z.T. auch konfessionelle Identität der "Kleinrussen", insbesondere in jenen Landesteilen, die vor 1918 zu Österreich-Ungarn gehört hatten? Insofern ließe sich vielleicht besser von einem westukrainischen Nationalismus sprechen. Ausdruck dessen ist die regelmäßig festzustellende Spaltung des Landes, etwa bei Wahlen.

Stepan Bandera

Bandera, einer der bekanntesten Führer von OUN und UPA, ist auch in der Ukraine mitnichten ein vollumfänglich verehrter Nationalheld, auch wenn der frühere Präsident Juschtschenko ihm diesen Titel posthum verliehen hat. Seine Anhängerschaft beschränkt sich weitgehend auf der Westteil des Landes.


Gedenkgottesdienst für Stepan Bandera im Jahr 2010.


OUN/UPA und Juden

Dieses Thema sollte man nicht auf die Frage verengen, ob und wenn ja, inwieweit Angehörige des Bataillons "Nachtigall" im Sommer 1941 an Pogromen in Lemberg beteiligt waren. Unstrittig ist, daß es dort nicht nur zur Ermordung von Gefangenen durch die abziehenden sowjetischen Sicherheitskräfte gekommen ist. Vielmehr hat es in Lemberg wie an zahlreichen anderen Orten in der Westukraine mehr oder minder spontane Pogrome gegen jüdische Einwohner gegeben. Diese Pogrome wurden nach derzeitigem Forschungsstand zwar i.d.R. nicht direkt von den Deutschen initiiert, aber wohlwollend geduldet. Zweifelsohne haben OUN-Aktivisten und -Sympathisanten dabei eine maßgebliche Rolle gespielt, war doch der Antisemitismus einer der Eckpfeiler ihrer Ideologie.
(Vgl. auch Breitman/Goda, S. 74 f., 90; das Thema wird derzeit gründlich erforscht, entsprechende Publikationen sind geplant.)

Ferner darf die Rolle von OUN-Mitgliedern, insbesondere aus dem Zweig von Andrej Melnik, in der von den Deutschen gebildeten ukrainischen Verwaltung und Polizei ("Schutzmannschaft") nicht unterschätzt werden. Hier haben sie ihrem Haß auf den "jüdischen Bolschewismus" freien Lauf lassen und an der Judenvernichtung mitarbeiten dürfen. Für Taten in diesem Zusammenhang wurde in München kürzlich John Demjanjuk zu einer Haftstrafe verurteilt. Des weiteren haben Tausende Westukrainer in der 14. SS-Waffen-Grenadier-Division "Galizien" gedient. Diese waren zahlreich an Kriegsverbrechen beteiligt. Hinzu kommt das spätere Vorgehen von Kämpfern der UPA gegen Juden, als erstere schon nicht mehr in deutschen Diensten standen.

OUN/UPA und Polen

Der bewaffnete Kampf der ukrainischen Nationalisten richtete sich selbstverständlich auch gegen den polnischen Staat, beherrschte dieser doch einen Teil des ukrainischen Territoriums. Polen stellte dort - traditionell - die Oberschicht. So wurde Bandera im Jahre 1934 wegen der Beteiligung an einem Attentat auf den polnischen Innenminister zum Tode verurteilt. Dementsprechend negativ fiel die amtliche polnische Reaktion auf den Heldentitel für Bandera aus.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden von der UPA Gruppen des polnischen Untergrundes bekämpft. Ab 1943 sind UPA-Kämpfer, nachdem die meisten Juden weg waren, auch verstärkt gegen die polnische Bevölkerung in "ihren" Gebieten vorgegangen sind. Heute würde man das wohl als ethnische Säuberung bezeichnen. Deshalb war ich überrascht, als das Jagdwaffennetz davon sprach, UPA und Heimatarmee hätten miteinander kooperiert. Womöglich handelt es sich um eine nachträgliche "Geschichtsglättung" aus der Zeit des Kalten Krieges, als es darum ging, frühere Feindschaften dem Kampf gegen den Kommunismus unterzuordnen.

In seiner Position zum ukrainischen Nationalismus hat sich der polnische Staat der Jahre 1944 ff. nicht von dem vor 1939 unterschieden. Um den Aufstand der UPA niederzuwerfen, wurden u.a. Ukrainer aus den östlichen Gebieten der Volksrepublik Polen im Rahmen der Aktion "Weichsel" in andere Landesteile deportiert.

OUN/UPA und ausländische Nachrichtendienste

Die ukrainischen Nationalisten hatten nach 1945 kaum Schwierigkeiten, sich im beginnenden Kalten Krieg auf die richtige Seite zu schlagen. Ihr Feind blieb der gleiche, auch wenn es jetzt untunlich war, weiter gegen Juden zu agitieren. Und die amerikanischen Nachrichtendienste griffen zunächst dankbar auf die erfahrenen Widerstandskämpfer/Terroristen zurück, um Aufklärungs- und Kampfaufträge innerhalb der UdSSR auszuführen. Die US-Dienste zogen sich jedoch recht bald von Bandera zurück, den sie für nicht vertrauenswürdig hielten. Zudem finde seine Ideologie innerhalb der Ukraine kaum noch Unterstützung. Statt dessen setzten die USA auf andere Fraktionen der ukrainischen Emigration, während Bandera vom britischen MI 6 eingespannt wurde.
(Ausführlich hierzu Breitman/Goda, S. 73 ff.)


Aktivisten der OUN-Nachfolgeorganisation Kongreß ukrainischer Nationalisten zeigen den Hitlergruß.


Annotierte Bibliographie

Breitman, R. / Goda, N.: Hitler's Shadow - Nazi War Criminals, U.S. Intelligence and the Cold War, hrsg. v. Nationalarchiv der USA
(ein Kapitel über die ukrainischen Nationalisten im 2. WK und den Jahren des kalten Krieges)

Figes, Orlando: Die Tragödie eines Volkes - Die Epoche der russischen Revolution 1891-1924, Berlin 2008
(Herausbildung der ukrainischen Identität im 19. Jahrhundert)

Rossolinski-Liebe, Grzegorz: The "Ukrainian National Revolution" of 1941 - Discourse and Practice of a Fascist Movement, in: Explorations in Russian and Eurasian History, vol. 12, no. 1 (Winter 2011), S. 83 ff.
(Ideologie und Struktur der OUN 1941)

Schünemann, Manfred: Zur aktuellen Situation in der Ukraine, 17.11.2010

Stöver, Bernd: Die Befreiung vom Kommunismus - Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947-1991, Köln 2002
(sehr umfangreiche Darstellung über u.a. antikommunistische Emigrantengruppen, deren Innenleben, Aktivitäten einschließlich Propaganda sowie die Finanzierung und Steuerung durch amerikanische Dienststellen)



Ukrainische Nationalisten stören in Lemberg die Gedenkveranstaltungen anläßlich des Kriegsendes am 09.05.2011


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Dienstag, 17. Mai 2011

Fremd- und Selbstbilder im Wissenschaftsbetrieb


In den letzten Wochen habe ich mehrere Programme für wissenschaftliche Veranstaltungen über die sowjetische Geschichte sowie die gegenwärtige Politik auf den Tisch bekommen, die einen deutlichen Unterschied aufweisen. Im Rahmen der Ringvorlesung „Stalinistischer Terror in der Sowjetunion und in Osteuropa“ der Berliner Humboldt-Universität (April bis Juli 2011) treten insgesamt 16 Referenten auf, von denen jedoch nur einer aus Rußland kommt. (Und der vertritt natürlich die mit einem Heiligenschein versehene Organisation Memorial.) Die übrigen Vorträge werden von Akademikern aus Deutschland, den USA, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Ungarn gehalten.

Nichts gegen diese Herren! Manchen von ihnen sind ausgewiesene Kapazitäten. Dennoch drängt sich der Verdacht auf, daß die verantwortlichen Berliner Professoren lieber über die Russen als mit ihnen reden. Wo sind die zahlreichen Historiker aus der RF, die Aufsätze und Monographien über den stalinistischen Terror schreiben sowie Quelleneditionen herausbringen? Ohne deren Vorarbeiten wären viele Projekte ihrer ausländischen Kollegen kaum möglich.
Dasselbe Bild ergibt sich bei einem Blick in die akademische Literatur. Deutsche Verlage geben lieber Geld für die Übersetzung eines Rußlandbuches aus dem Englischen aus, anstatt dem deutschen Publikum das Werk eines russischsprachigen Historikers vorzulegen. Muß man Osteuropa unbedingt nur durch die angloamerikanische Brille betrachten?

Die beiden folgenden Beispiele zeigen, daß es auch anders gehen kann, allerdings spielten deutsche Universitäten bei der Zusammenstellung der Programme nur eine kleine Rolle. Vom 5. bis 7. Mai fand in Paris eine Tagung zum Thema „Die Sowjetunion und der Zweite Weltkrieg“ statt. Auf dieser waren zahlreiche Wissenschaftler aus der RF vertreten. Ähnlich stellt sich die Agenda der Konferenz „Vom Krieg zur gemeinsamen Verantwortung für Frieden und Sicherheit in Europa“, welche für den 3. Juni in Berlin geplant ist, dar. Vortragende und Diskutanten sind zu fast gleichen Teilen Deutsche und Russen. Derartige Veranstaltungen, in denen man miteinander und nicht übereinander spricht, versprechen doch erheblich größere Erträge, nicht nur in wissenschaftlicher Hinsicht.


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