Dienstag, 10. August 2010

WM-Eindrücke V


Heute ist der letzte Wettkampftag der diesjährigen ISSF-Weltmeisterschaft. Es geht noch einmal um Medaillen im Gewehrschießen auf 300 m sowie auf die Laufende Scheibe (50 m) und im Skeet. Für 18.15 Uhr ist die Abschlußfeier geplant. Grund genug, auf die beiden vergangenen Tage zurückzublicken.



Am Sonntag war der Wettbewerb der Damen mit der Luftpistole herausragend. Die Ränge, die sich die acht Schützinnen im Vorkampf erstritten hatten, sind im Finale noch einmal kräftig durcheinander gewirbelt worden. Es blieb spannend bis zum letzten Schuß, denn die Silber- und Bronzemedaille wurden erst nach einem Shoot-off vergeben. Gold gewann Zorana Arunovic aus Serbien mit 486,8 Ringen (385 + 101,8). Auf Rang 2 kam die 46jährige Lalita Yauhleuskaya, die zwar in der Sowjetunion geboren wurde, aber mittlerweile für Australien startet. Bronze ging an Viktoria Tschajka aus Belarus. Es war nach dem Finale schon nett, wie zwei der drei obligatorischen Interviews auf Russisch geführt wurden. ;-)
Die beste deutsche LP-Schützin war Stefanie Thurmann (39.); beste Russin Kira Klimowa (13.). In der Teamwertung (eine interessante Tabelle!) siegte Australien vor Südkorea und China. Auf die Frage, welche Pistolenmodelle verwendet wurden, findet sich hier eine Antwort.



Beim Schießen mit der Zentralfeuerpistole konnte Leonid Ekimow (RF), der im OSP-Finale noch das Nachsehen hatte, mit 589 Ringen Gold gewinnen. Bester Deutscher war Pierre Michel auf Platz 10. Der OSP-Weltmeister Alexej Klimow hatte technische Probleme und blieb deshalb auf einem hinteren Rang. Dieser Wettkampf war gut besucht und die Teamwertung zeigt auch hier eine interessante Verteilung.
Es ist interessant, auf den Bildern vom Zentralfeuerwettkampf die unterschiedlichen Waffen der Teilnehmer zu sehen. Hier scheint die Bandbreite der verwendeten Modelle größer zu sein als in anderen Disziplinen; einige russische Schützen - darunter wohl auch der neue Weltmeister Ekimow - haben mit dem Revolver TOZ-49 geschossen. Igor Ruljow hat nicht nur Fotos vom Schießen gemacht, sondern dankenswerterweise auch wieder eine Waffenstatistik erstellt.



In der Disziplin Laufende Scheibe Mixed (50 m) gewannen Schützen aus Rußland zwei Medaillen. Bei den Männern errang Maxim Stepanow Gold; bei den Junioren konnte Jurij Dowgal seine Medaillenkollektion um eine silberne erweitern. Beste Deutsche waren Jens Zimmermann (15.) bzw. Sebastian Zeh (8.). In den Mannschaftswertungen gewannen die russischen Männer Gold und die Junioren Bronze.



Ebenfalls am Sonntag lief das English Match der Frauen. In der Teamwertung konnten die deutschen Damen Silber gewinnen. Im Einzelwettkampf reichte es allerdings nur für einen vierten Platz von Sonja Pfeilschifter. Gewonnen hat letzteren Tejaswini Sawant (Indien) mit 597 Ringen, womit der bisherige Weltrekord eingestellt wurde. Silber ging an die Polin Joanna Ewa Nowakowska, die ringgleich mit Sawant war, aber weniger Treffer in der Innenzehn aufzuweisen hatte. Auf den dritten Platz kam Olga Dowgun aus Kasachstan. Beste Russin war Ljubow Galkina (29.).



Eine Disziplin, die ich sehr interessant finde, ist das 300-m-Standardgewehr. Die ISSF-Presseabteilung berichtet über den Wettbewerb:
"[...]

France’s Henry Josselin won today’s 300m Standard Rifle event, becoming the new world champion in this non-Olympic event with a total score of 587 points, topping the final score of 586 points fired by Thomas Farnik four year’s ago at the 2006 World Championship in Zagreb. The French shooter, who had equalled the 300m Rifle Prone Men world record of 600 points two days ago, had never won an ISSF medal in this even, before.

Tomorrow, the 28-year old shooter from Paris will compete in the 300m Rifle Three Positions event. Second at the 2007 European Championship, and third last year in Osijek, both times with 1173 points, Josselin is considered one of the favourites to finish between the bests here in Munich.

The Silver went to Slovenia’s Robert Markoja with 585 points (198, 190, 197), while the Bronze was grabbed by the Norwegian rifle champion Vebjoerm Berg, who marked 584 points (197, 194, 193) finishing on his second 300-meter podium.

Three shooters were disqualified during today’s competition. Both Brazil’s Rocco Rosito and Martin Strempfl were stopped by the judges because of violations to the ISSF rule 7.4.2.7. Rosito had the front sight extending beyond the permitted point, while Strempfl was not complaining with the regulations regarding the depth of curve of the butt plate of his rifle. Sweden’s Andres Brolund was also disqualified, as his pistol grip was recognised to be anatomically formed, breaking the ISSF rule 7.4.2.2.

[...]"
Hier die Ergebnisse des Einzelwettkampfs und der Mannschaftswertung. Igor Ruljow hat davon auch Fotos gemacht (vgl. hier und hier). Die Skandinavier scheinen in dieser Disziplin besonders stark zu sein. Der deutsche Starter Christian Dressel wurde nur 27. Schützen aus Rußland haben nicht teilgenommen, dort werden m.W. die 300-m-Disziplinen nur im Rahmen von CISM-Wettkämpfen geschossen.



Am Montag wurde mit der KK-Sportpistole der Damen die vorletzte olympische Disziplin ausgetragen - und das Finale war spannend. Die Frauen schossen gut und die Plazierungen änderten sich mehrfach deutlich. Schließlich sorgten zwei Stechen - um Platz 1 und 2 sowie um Platz 7 und 8 - für weitere Spannung, ebenso wie die insgesamt drei Waffenstörungen während des Finales. Gold ging schließlich mit einem Vorsprung von 0,1 Ringen an Kira Klimowa aus Rußland (788,8 Ringe = 584 + 204,8), Silber an Zorana Arunovic (Serbien) und Bronze an Lenka Maruskova (Tschechien), die im LP-Finale mit einem vierten Platz vorlieb nehmen mußte.
Mit der Juristin Julia Alipawa kam eine weitere Russin auf Rang 6; beste Deutsche war Munkhbayar Dorjsuren (16.). Wie schon im LP-Finale, so konnten sich auch hier die Schützinnen aus Ostasien im Finale nicht nach vorne durchkämpfen. Eine Statistik über die verwendeten Pistolenmodelle ist hier zu finden. Im Mannschaftswettkampf kam Rußland auf Platz 1, gefolgt von Serbien und Tschechien.



Für Arunovic war es - nach dem Weltmeistertitel mit der LP - bereits die zweite Einzelmedaille dieser WM. Und wie sie sich gefreut hat - einfach schön. :-) Unter den Schützinnen scheint ohnehin ein sehr freundlicher, zum Teil herzlicher Umgang miteinander üblich zu sein. Der heutige Sieg war für Klimowa zugleich der Höhepunkt ihrer bisherigen Sportlaufbahn. Im anschließenden Interview sagt die sympathische junge Frau, sie habe sehr viel trainiert und den Kampf dann bis zum Ende durchgehalten. Die Kurzwaffenschützen aus Rußland waren bei dieser WM sehr stark, doch auch die Leistungen anderer Mannschaften wie denen aus Serbien, Belarus, der Ukraine und Tschechien sind beeindruckend. Dahinter stehen die der deutschen Teilnehmer leider zurück, obwohl in manchen ausländischen Foren von München als dem "Mekka des Sportschießens" gesprochen wird und man von der WM-Organisation begeistert ist.



Im gestern ausgetragenen 300-m-Liegendkampf der Frauen zeigten sich erneut die Schweizerinnen, Skandinavierinnen und Französinnen ganz stark. Gold ging an Bettina Bucher aus der Eidgenossenschaft, die mit 599 Ringen den Weltrekord egalisiert hat. Beste deutsche Teilnehmerin war Eva Friedel (8.). In der Mannschaftswertung gewann Frankreich Gold, Deutschland Silber und Polen Bronze.



Nebenbei: In den 50 m-Disziplinen der laufenden Scheibe wird in der Tat auf Tierscheiben geschossen (siehe hier). Ich finde es ja gut, doch dachte ich bisher, dergleichen sei im DSB mit ewigen Höllenstrafen bedroht. ;-)



Neben der Fa. Walther haben mittlerweile auch Anschütz und Feinwerkbau Übersichten erstellt, die darüber Auskunft geben, welche Erfolge mit ihren Produkten auf der WM errungen worden sind.





Verwandte Beiträge:
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Rückblende: Die Schützen-WM 1954

Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.

Montag, 9. August 2010

Feuer und Rauch ...


... beeinträchtigen seit Wochen das Leben in Teilen Westrußlands, der Ukraine und Kasachstans. Die Ursache sind gewaltige Wald- und Flächenbrände, die man sonst eher aus Südeuropa und Australien kennt. Am Sonntag waren es 554 Brände auf einer Fläche von insgesamt mehr als 190.000 Hektar. Unter Pozhar.yandex.ru sind aktuelle Karten der Katastrophenlage einsehbar. Mehrere Dörfer sind bisher ein Raub der Flammen geworden und es gab etwa 50 Tote. Katastrophenschutz und Armee kämpfen gegen die Flammen, ferner sind Unterstützungskräfte aus dem Ausland im Einsatz. Die Auswirkungen der Feuer in Gestalt von Rauch und Smog sind im Ballungsraum Moskau mit seinen etwa 15 Millionen Einwohnern besonders stark zu spüren. Das Moskauer Umland ist ein Katastrophenschwerpunkt.

Es sind jedoch nicht nur klassische Waldbrände, die dort wüten. Besonders kritisch - gerade im Fall Moskaus - sind die Brände in Torfgebieten, die vor Jahrzehnten trockengelegt wurden, um Torf als Brennstoff abbauen zu können. Nun brennt der Torf in großen Ausdehnungen - und er ist nur schwer zu löschen. Dazu müssen "Wasserinjektionen" vorgenommen werden, d.h. am Rand des brennenden Torfabschnittes werden Rohre in die Erde gerammt, durch die danach Wasser gepumpt wird. Mit konventionellen Löschfahrzeugen oder -flugzeugen ist bei solchen Bränden nur wenig auszurichten. Deshalb sind u.a. Pioniereinheiten der Armee im Einsatz, die kilometerlange Rohrleitungen verlegen.

Das Katastrophenschutzministerium (MTschS) tut sein möglichstes, aber eine Entspannung wird es wohl erst nach einer Änderung der Wetterlage eintreten, wenn die seit Wochen andauernde Hitzewelle abflaut. Derweil geht die Suche nach Ursachen weiter. Neben natürlichen Gründen sind es zum Teil auch menschengemachte Feuer, die durch fahrlässiges Verhalten entstehen. Außerdem wird über eine Flutung der Torfgebiete diskutiert. Selbige würden somit wieder zu Sümpfen werden. Doch ausgegoren ist diese Idee noch nicht. Und dann gibt es noch die üblichen globalen Schuldzuweisungen und Verschwörungstheorien, als ob Wladimir Putin persönlich die Brände gelegt hätte; bisweilen in Verbindung mit der Bemerkung, daß früher (also zu Sowjetzeiten) alles besser gewesen sei. Doch dergleichen muß man wohl kaum ernsthaft erörtern; ironisch ist es nur, wenn es von sog. Liberalen geäußert wird.



Nachfolgend noch einige weiterführende Links:

Russia Burning: not Apocalypse, but its Prelude

The Great Russian Heat Wave of July 2010

Torfbrände in Russland: Der politische Wille fehlt

Krisenmanagement: Putin im Qualm, Medwedew im Kreml

Lebensmotto in Russland: Nach mir der Waldbrand

The Tale of How Aleksandr Pochkov Quarreled with Vladimir Vladimirovich



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Transportflieger für den deutschen Katastrophenschutz
27.12.2009: Video des Tages
Warum immer auf die Eisenbahn?

Fotos: RIA Nowosti.

Sonntag, 8. August 2010

WM-Eindrücke IV


Freitag war der siebente Wettkampftag der ISSF-Weltmeisterschaft und er war nicht nur kühl, sondern brachte endlich die Erlösung für die deutschen Schützen: Endlich zwei Einzelmedaillen in einer olympischen Disziplin. Beschert haben uns dieses Geschenk Barbara Lechner (Gold - 687,7 Ringe) und Sonja Pfeilschifter (Silber) im Dreistellungskampf mit dem KK-Gewehr (Ergebnisliste). Die russische Schützin Ljubow Galkina, die nach dem Vorkampf noch vierte gewesen war, ist im Finale auf Platz 7 abgerutscht und hat damit (nach dem LG) auch in ihrer Paradedisziplin eine Medaille verpaßt. Im Teamwettbewerb 3 x 20 Schuß der Frauen siegten die USA vor Deutschland und Serbien.



Erfreulicher für die Mannschaft aus Rußland waren die Ergebnisse des Schießens mit der Schnellfeuerpistole. Im Finale der besten sechs Schützen standen zwei Russen, ein Deutscher, zwei Chinesen und ein Tscheche. Es hätte wohl mit unlauteren Mittel zugehen müssen, wenn es ausnahmsweise kein chinesischer Schütze auf das Podium geschafft hätte. ;-) Hier waren es sogar zwei, doch immerhin konnte sich der schon vierunddreißigjährige Alexej Klimow mit 787,1 Ringen Gold sichern. Leonid Ekimow wurde 4., Christian Reitz als bester deutscher Starter 5., Ralf Schumann leider nur 21.
Die ISSF-Presseabteilung schreibt dazu:
"[...]

Alexei Klimov finally claimed that 25m Rapid Fire Pistol world title that he had been chasing for years. The 34-year old Russian shooter won today’s final round with a total score of 787.1 points (and a great score of 202.1 points throughout the four-series final) securing both the Gold medal and an Olympic Quota place, a qualification pass for the next 2012 London Olympic Games.

Klimov, ranked eighth in the world, was one of the favourites to finish upon today’s podium. On his way to this world championship, the Russian athlete had indeed won three World Cup Final editions, in 2006, 2008 and 2009, also setting the current world record of 591 points. Always there, always in the final between the best shooters of the world, Klimov had missed the title more then once in the past. Like in 2002, when he ended up in 25th place, or in 2006, in Zagreb, where he had finished in 17th place.

“The ISSF World Championship is a difficult competition. I did not expect to win! I feel great for winning this title and an Olympic Qualification spot along with it!” said Klimov after the final.

“The light made it even more difficult. I am wearing glasses and there was a fastidious reflection. Therefore I called my coach and I asked him to pass me a cap, right before the first competition series” explained Klimov, who had climbed the spectators’ fence to reach his coach just seconds before the match started.

[...]"
In der OSP-Juniorenwertung waren die Plätze umgekehrt vergeben: Gold und Silber gingen nach chinseische Schützen, Bronze hingegen an Alexander Alifirenko (570 R.).
In der Mannschaftswertung der Männer gewannen China Gold, Rußland Silber und die USA Bronze. Bei den Juniorenmannschaften kam China ebenfalls auf Platz 1, Deutschland auf den 2. und Rußland auf den 3. Rang.



Ebenfalls einen Doppelsieg konnten die russischen Junioren in der Disziplin Laufende Scheibe Mixed 10 m feiern. Alexander Naumenko kam mit 377 Ringen auf Platz 1, sein Teamkollege Jurij Dowgal gewann Silber. Bronze ging an den Ukrainer Igor Matskevych. In der Mannschaftswertung siegte das Juniorenteam aus der RF.
Im Erwachsenenwettbewerb derselben Disziplin konnte Dmitrij Romanow, der am Dienstag noch Gold gewonnen hatte, nur den 7. Platz erreichen. Dafür kam die russischen Mannschaft immerhin auf den Silberrang. Bester Deutscher in der Einzelwertung wurde Michael Jakosits (8.).



Noch ein Nachtrag zum Doppeltrap der Herren vom Donnerstag: In der Mannschaftswertung kamen die USA mit dem neuem Weltrekord von 433 Treffern auf Platz 1, gefolgt von Rußland und Großbritannien.
Den nicht ganz so im Fokus stehenden 300 m-Liegendkampf (Ergebnisliste) hat der Österreicher Stefan Raser gewonnen (599 Ringe). Silber ging an Vebjoern Berg (Norwegen) und Bronze an Marcel Zobrist (Schweiz). Der Starschütze dieser WM, Peter Sidi aus Ungarn, wurde nur 28.; bester Deutscher war Richard Philipp Georg Dietzsch (14.). Raser gibt als eines seiner Hobbys übrigens die Playstation an. ;-)



Beim Schießen der Junioren mit der Standardpistole gewann Aaron Sauter (Deutschland) mit 570 Ringen Silber; bester Russe war der bereits beim OSP-Schießen mit einer Medaille geehrte Alexander Alifirenko auf dem 5. Rang. Bei den Männern wurde Leonid Ekimow - einen Tag nach seinem Schnellfeuerwettkampf - sechster. In den Teamwertungen sowohl der Männer als auch der Junioren gewannen die deutschen Schützen Silber, die russischen wurden jeweils vierte. Ein netter Zufall. ;-)
Im Finale der Frauen im Skeet konnte die amerikanische Olympiasiegerin Kimberley Rhode mit 97 Treffern Gold erringen und Danka Bartekova, eine der starken Slowakinnen, auf Rang 3 verweisen. Beste Deutsche war Vanessa Hauff (13.), beste Russin die schon 49jährige Swetlana Demina (10.). In der Teamwertung kam Rußland auf Platz 4 und Deutschland auf Rang 7.



Wenn man die bisherigen Ergebnisse betrachtet, so können die Sportschützen aus Rußland eigentlich zufrieden sein. Zwar hat der eine oder andere Spitzenschütze bisher nicht die erhofften Medaillen errungen, doch sieht die Gesamtbilanz keineswegs schlecht aus. Als ich im Mai eine kleine Betrachtung über die Lage des Schießsports in der RF schrieb, war die dort referierte Eigenwahrnehmung einiger russischer Schützen sehr negativ. Es war sogar von einem drohenden Desaster bei der Olympiade 2012 die Rede. Die Resultate der jetzt laufenden WM sprechen jedoch eine andere Sprache. Gewiß, jedes Land hat seine Schwächen und es gibt fast überall Probleme. Doch dem russischen Schießsport geht es offenkundig besser als es im eigenen Land wahrgenommen wird. Besonders positiv ist m.E. die Qualität des Nachwuchses, nicht nur in den Mannschaften aus Rußland, sondern insbesondere auch der Ukraine.

Noch ein Detail am Rande: Alexej Alipow, der am Dienstag Silber im Trap gewonnen hatte, wurde gestern 35 Jahre alt.



Am heutigen Sonntag stehen einige Entscheidungen an: Zentralfeuerpistole und Laufende Scheibe Mixed (50 m) der Herren sowie Luftpistole und English Match der Damen. Das LP-Finale gegen 14.20 Uhr ist einer der letzten Wettbewerbe dieser WM, der live im ISSF TV übertragen wird. Leider konzentriert sich die Öffentlichkeitsarbeit der ISSF viel zu stark auf die olympischen Disziplinen.



Abschließend noch ein Blick in die deutschen Medien. Während das Bayerische Fernsehen am Freitag mit einem Blickpunkt Sport live aus München berichtet und den Doppelsieg der deutschen Schützinnen in die deutschen Haushalte transportiert hat (siehe Mediathek), ist dieses Ereignis anderen Medien keine Silbe wert. So z.B. der Mitteldeutschen Zeitung, welche die ISSF-Weltmeisterschaft seit Tagen völlig ignoriert und sich statt dessen Randsportarten wie Basketball oder Schwimmen intensiv widmet. Es wird langsam Zeit, daß ich mein Abo dieses waffenfeindlichen Schmierenblattes kündige, das ich bisher nur wegen des Lokalteils aufrecht erhalten habe.



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Zur Lage des Schießsports in Rußland

Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.

Samstag, 7. August 2010

In eigener Sache: 2 Jahre Backyard Safari


Nun feiert dieser Blog heute schon sein zweijähriges Jubiläum. Das, was ursprünglich als halböffentliche Gedanken-Ablage gedacht war, hat sich zu einem bekannten Medium entwickelt, das in letzter Zeit täglich von etwa 100 Besuchern gelesen wurde. In den zurückliegenden zwei Jahren waren es insgesamt über 80.000, was für einen deutschsprachiges Weblog, zumal mit den hier behandelten Themen, schon außerordentlich gut ist.
Ein Phänomen erstaunt mich aber nach wie vor: Manche Beiträge, in denen viel Mühe steckt und in die viel Zeit investiert wurde, werden kaum beachtet. Andere, die in zehn Minuten geschrieben waren, finden aus unerfindlichen Gründen tausende von Lesern. Aber das geht auch anderen Bloggern so ...

Die Themenbreite von Backyard Safari ist sehr groß und ich weiß, daß sich kaum ein Leser für alles interessiert oder gar sämtliche Beiträge liest. ;-) Es gibt die einen, die sich vornehmlich mit Waffenrechtsfragen beschäftigen, andere lesen auch meine übrigen waffenbezogenen Beiträge, eine dritte Gruppe registriert wiederum nur auf Artikel über Rußland, während sie mit Waffen kaum etwas anfangen können. Aber meine Interessen sind nun einmal so breit gefächert - und nicht einmal alle spiegeln sich in Backyard Safari wider.

Als inhaltliche Schwerpunkte haben sich im Laufe der Jahre solche herauskristallisiert, die eher unpersönlich sind: Waffenrecht, Rezensionen, (Sicherheits-)Politik, Militär und Polizei Rußlands, ebenso der Schießsport und die Waffenindustrie in diesem Land. Demgegenüber sind Artikel über persönliche Eindrücke sowie sonstige Waffen- und Outdoorthemen (leider) etwas in den Hintergrund getreten. Doch man kann als Blogger nicht auf allen Hochzeiten tanzen. Deshalb bin ich froh, daß sich mittlerweile auch hierzulande eine recht agile Bloggerszene entwickelt hat.

Ich freue mich, daß ich so lange durchgehalten habe, wenn auch zwischenzeitlich immer wieder "Schaffenskrisen" aufgetaucht sind oder nicht nur die Lust, sondern schlicht auch die Zeit zum Schreiben fehlte. (Wovor ich freilich im letzten Jahr schon gewarnt hatte.) Und ich danke allen Besuchern für ihre Treue und würde mich nach wie vor über eine größere Anzahl von Kommentaren freuen.


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Foto: talks.guns.ru.

Freitag, 6. August 2010

WM-Eindrücke III


Die ISSF-Weltmeisterschaft in München ist in ihre zweite Phase eingetreten, in der verstärkt die nicht-olympischen Schießdisziplinen ausgetragen werden. Damit wird es auch um die Berichterstattung etwas ruhiger werden. ISSF TV möchte von diesen Wettbewerben immerhin Video-Zusammenfassungen produzieren.
Zur WM-Halbzeit hat die ISSF gestern mittag einen vorläufigen Medaillenspiegel veröffentlicht. Sonach sieht die Bilanz für Rußland (Platz 2 mit 6 Gold, 4 Silber, 6 Bronze) und, mit ein paar Abstrichen, auch für Deutschland (Platz 6 mit 2 G., 3 S., 2 B.) gar nicht so schlecht aus. Die Chinesen sind natürlich nicht zu schlagen, oder, wie es vorgestern ein Amerikaner formuliert hat: Der chinesische Schießsportverband ist der stärkste der Welt.



Ein Exempel dafür bot am Mittwoch das Medal Match der Frauen in der Disziplin Laufende Scheibe. Gold und Silber gingen an zwei relativ junge Chinesinnen, während Irina Ismalkowa aus Rußland nur auf Platz 3 kam - obwohl sie älter war und das Schießen auf die Laufende Scheibe ältere Teilnehmer begünstigen soll, da diese geduldiger seien. ;-) Die beste deutsche Starterin Anne Weigel kam auf Platz 8, die in Rußland sehr erfolgreiche Julia Ejdenson auf Rang 7.
Wenn man die Ergebnistabelle vom Juniorinnenwettbewerb in derselben Disziplin betrachtet, so ist es kaum übertrieben, von einer ukrainischen Dominanz zu sprechen, allerdings waren dort keine Schützinnen aus China am Start. In der Mannschaftswertung gewannen die Ukrainerinnen Gold, die deutschen Damen Silber und die russischen kamen auf Platz 3.



Das Highlight des Mittwochs war ohne Zweifel das Finale der Männer im Dreistellungskampf mit dem KK-Gewehr. Es war spannend, doch am Ende konnte Peter Sidi aus Ungarn trotz eines technischen Problems den Weltmeistertitel und damit nach der silbernen mit dem LG seine zweite Medaille bei dieser WM erringen (1275,6 Ringe). Silber ging an Jinseop Han (Südkorea) und Bronze an Nemanja Mirosavljev aus Serbien; Konstantin Prichodtschenko (Rußland) kam "nur" auf Platz 4; bester Deutscher war Maik Eckhardt (14.).
Sidi ist m.E. der stärkste Gewehrschütze dieser WM; heute tritt er schon wieder an, diesmal im Liegendkampf auf 300 m mit dem GK-Freigewehr. Er macht - ebenso wie der KK-Liegendweltmeister Sergej Martinow - einen sehr sympathischen Eindruck. Vielleicht könnte man beide als Aushängeschilde für unseren Sport verwenden, sind sie doch - wie 99,99 % aller WM-Teilnehmer - das Gegenteil jenes Menschenschlages, als der wir Schützen und Waffenbesitzer oft dargestellt werden.
Ein wenig verwundert hat mich in den Gewehrdisziplinen das nicht besonders gute Abschneiden von Matthew Emmons aus den USA. Woran dies wohl liegen mag?



Bei den Juniorinnen mit der Luftpistole waren gestern die Starter aus Asien wieder führend; Gold ging mit 382 Ringen an Tsagaandalai Khongorzul aus der Mongolei, die schlechteste Schützin (Elvira Teberga) kam auf 343. Olga Kaweschnikowa (geb. Nikulina), die mit der KK-Sportpistole Gold gewonnen hatte, wurde mit 367 Ringen nur 41. Beste Russin im Wettkampf war Swetlana Medwedewa (28.), beste Deutsche Carolin Schiller (42.).
Immerhin konnten die jungen Polinnen in der Mannschaftswertung Bronze erringen. Im übrigen scheint das Pistolenschießen den Mongolen gut zu liegen, man denke nur an die mittlerweile eingedeutschte Schützin Munkhbayar Dorjsuren. ;-)



Im Doppeltrap der Männer kam es zu einigen Überraschungen. Wassilij Mosin aus Rußland hatte den Vorkampf als Erster abgeschlossen und dabei den Weltrekord egalisiert (147 Treffer - von 150). Im Finale mußte der Arzt aus Kasan dann allerdings dem Amerikaner Joshua Richmond den Vortritt lassen, der mit 50 von 50 Treffern den Finalweltrekord egalisierte (insgesamt 196 Treffer). Sodann kam es zum Stechen um Platz 2 zwischen Mosin und dem Chinesen Binyuan Hu, das Mosin erst nach 30 Schuß für sich entscheiden konnte.
Mosin konnte damit (nach Alexej Alipow im Trap) die zweite WM-Medaille für die Rußländische Schützenunion in den Flintendisziplinen gewinnen.
Noch kurz zu den Mannschaftswertungen: Im Doppeltrap der Männer siegte das Team der USA vor Rußland und Großbritannien, die deutsche Mannschaft kam auf Platz 10. Bei den Junioren war die Rang- und Medaillenfolge Rußland, Italien, USA.



Was gibt es sonst noch zu berichten? Im am Mittwoch ausgetragenen Juniorenwettbewerb mit der KK-Sportpistole hat Alexander Alifirenko (Rußland) Bronze geholt, bester Deutscher war Andreas Heise (8.). Im (nicht übertragenen) Wettkampf Laufende Scheibe Mixed der Frauen am Donnerstag gingen alle Einzelmedaillen nach China; in der Mannschaftswertung kam Rußland nach China auf den Silberrang, Bronze holten die ukrainischen Schützinnen und die deutschen wurden vierte.



Die Frage, mit welchen Waffen bei der WM die Siege errungen wurden, treibt offenbar viele Schützen um. Es ist nicht einfach, Informationen darüber zu erhalten. Immerhin hat Igor Ruljow für einige Kurzwaffendisziplinen statistische Übersichten erstellt. Die Firma Walther hat auf ihrer Webseite die mit Walther-Waffen erzielten Erfolge aufgelistet. Außerdem finden sich dort Bilder und Berichte ebenso wie Videos (Youtube) von der WM.



Aprospos Waffe. Auf der WM wurden nicht nur die neuen LG- und LP-Modelle von Walther vorgestellt, sondern auch die neue KK-Sportpistole SP-08 (auch bekannt als SP 22 oder SP 1). Maßgeblich entwickelt wurde sie von Jefim Chajdurow, auf den Weg gebracht von der Firma Demjan aus Moskau, die eigens dafür eine Tochter in Österreich gegründet hat. Nunmehr ist auch der bekannte österreichische Waffenkonstrukteur und Geschäftsmann Gerd-Carlo Männel in das Projekt eingestiegen. Ich bin gespannt, wie sich das fertige Produkt schlagen und vor allem wann es auf den Markt kommen wird.



Abschließend noch eine etwas tiefsinnigere Anmerkung: Bei den Gewehrwettbewerben ist mir bei einigen (nicht allen!) Schützen aus Rußland aufgefallen, daß sie ihr Gewehr in den kurzen Pausen zwischen den Schüssen nicht auf dem Ständer ablegen, sondern lieber festhalten. Das ist m.E. aus psychologischer Sicht interessant (sofern man keine Vulgärpsychologie betreibt und in jeder Waffe einen Penisersatz sieht). Haben diejenigen, die ihr Gewehr ablegen, ein distanzierteres Verhältnis zu ihrer Waffe?
Ähnlich auch, wenn man die Übertragungen bzw. Videoaufzeichnungen der Finals ansieht. Manche Schützen legen ihre Waffe sofort weg oder bekommen sie weggenommen, andere halten sie hingegen siegesbewußt in die Höhe oder küssen sie sogar, während ins Publikum gelächelt wird und selbiges applaudiert. Es ist überhaupt schön zu sehen, daß sich das Schießen immer mehr zu einem zuschauerfreundlichen Sport entwickelt hat. Und wie jeder Sport, so braucht auch das Schießen seine Rituale.



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Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.

Mittwoch, 4. August 2010

WM-Eindrücke II


Gestern hatte ich noch geschrieben, daß bei der ISSF-WM in München bisher sowohl für die deutschen als auch für die russischen Schützen die großen Einzelerfolge ausgeblieben sind. Das hat sich im Laufe des gestrigen Tages zumindest für Rußland geändert. Bereits mittags gewann Dmitrij Romanow im Schießen mit dem Luftgewehr auf die Laufende Scheibe den Weltmeistertitel vor Zhai Yuija (China) und Krister Holmberg (Finnland). In der ISSF-Pressemitteilung heißt es dazu:
"[...]

Romanov, 23, from Moscow, the current European Champion in this event, made it to the Medal Match with a qualification score of 577 points (289 points scored in the “slow run” qualification series, where the target runs in five seconds, plus 288 points in the “fast run”, where the target runs through the same distance twice as fast, in 2.5 seconds).

Competing in the medal match, the young shooter won the first round against People’s Republic of Korea by 6 to 3 points, proceeding to the Gold match where he then outdid China’s Zhai Yuija 6 to 4 points, ecuring the brightest medal.

In spite of being one of the younger competitors on the international scene (Romanov just turned 23, and started shooting in 2000), the Russian athlete had already won four World Championship titles, three as a Junior shooter in 2002 and 2006, and one in the open category at the 2009 World Championship held in Heinola (FIN), as well as several European titles (he led both the 10m Running Target events at the last Europeans of Meraker).

[...]"
In der Mannschaftswertung haben die drei an dieser interessanten Disziplin teilnehmenden russischen Schützen ebenfalls Gold geholt (2. - China, 3. - Ukraine, 9. - Deutschland). Schade, daß die Laufende Scheibe 2004 aus dem olympischen Programm gestrichen wurde.



Am Dienstagnachmittag schien sich die Pechsträne der russischen Sportler fortzusetzen. Im Finale der besten acht Luftpistolen-Schützen der Welt kam Sergej Tscherwjakoswkij mit 685,5 Ringen nur auf Platz 4 und verfehlte damit eine Medaille. Gewonnen hat der Japaner Matsuda Tomoyuki (689,4), der schon am Sonntag mit der Freien Pistole Gold errungen hatte. In der LP-Mannschaftswertung gewann Rußland jedoch Gold vor Serbien und Südkorea.

Für die Liebhaber von Statistiken hat Igor Ruljow wieder ein Diagramm erstellt. Diesmal ging es um die Frage, welche Luftpistolenmodelle bei der WM von den Männern geschossen wurden.



Ebenfalls am Nachmittag konnten sich die Juniorinnen aus der RF zwei Medaillen mit der KK-Sportpistole sichern. Die zwanzigjährige Olga Kaweschnikowa (geb. Nikulina) gewann Gold (578 Ringe), ihre zwei Jahre jüngere Mannschaftskameradin Jekaterina Lewina Bronze (575). Silber ging an die Ungarin Sara Babicz (577); zwei deutsche Starterinnen - Carina Windhorst und Magdalena Wolf - kamen auf die Plätze 6 und 10. In derselben Disziplin konnten die russischen Juniorinnen auch die Mannschaftswertung vor Südkorea und China für sich entscheiden.

Diese beiden Bilder zeigen die Siegerin Kaweschnikowa, die bei der ISSF noch immer unter ihrem Geburtsnamen Nikulina geführt wird. (Man beachte bitte ihre Fingernägel. Ein Petersburger Freund hat mir einmal gesagt, daß in Rußland keine Frau auch nur den Müll runterbringe, ohne sich vorher zurechtgemacht zu haben. ;-) Wie viel mehr trifft diese Weisheit auf eine Weltmeisterschaft zu! Aber ich will nicht lästern, es hat der jungen Dame Gold gebracht. :-) Sie schießt besser, als ich es je schaffen werde. ;-))



Diese kleine russische Erfolgsserie konnte am Dienstagabend von Alexej Alipow im Trapschießen fortgesetzt werden. Nach einem spannenden Stechen mit dem aus der tschechischen Waffenstadt Brünn stammenden Jiri Liptak gewann Alipow Silber. Die Goldmedaille ging an den spanischen Topschützen Alberto Fernandez.



Bisher hatte ich die ISSF-Veranstaltungen nur sehr kursorisch verfolgt, doch mich hat ein wenig überrascht, wie stark manche Staaten im Sportschießen sind. In Ostasien nicht nur die VR China, sondern auch Nord- und Südkorea sowie Japan; in Europa vor allem Serbien, Italien und die Slowakei. So waren beispielsweise gestern unter den acht Schützen im LP-Finale zwei Serben: Andrija Zlatic (Silber mit 689,2) und Damir Mikec (8.). Es freut mich, daß dieses Land, das sich seit 20 Jahren in schwierigen politischen Verhältnissen befindet, wenigstens sportlich auf Weltniveau liegt. Auch polnische und kroatische Schützen zeigen z.T. sehr gute Leistungen, wenn man etwa an Tomasz Palamarz, den neuen Juniorenweltmeister mit der Freien Pistole, denkt.

Über die Nachfolgestaaten der Sowjetunion hatte ich gestern schon ein wenig geschrieben. Diese WM zeigt, daß sich die Ukraine, Kasachstan, Rußland und Belarus allesamt zu relativ starken Schießsportnationen entwickelt haben, insbesondere im Juniorenbereich.



Von Ausländern, die in Hochbrück anwesend sind, hört und liest man immer wieder Worte der Begeisterung. Die WM sei das größte und beste Ereignis in der Geschichte des internationalen Schießsports und es sei erfreulich, daß so viele Zuschauer auf die Anlage kommen. Genau dieser schöne Sport, zu dem sich allein in Bayern eine halbe Million Menschen bekennt, soll durch den seit über einem Jahr laufenden Kreuzzug der Waffengegner beseitigt werden. Ich hoffe, daß diese Weltmeisterschaft keine Abschiedsvorstellung für das deutsche Schützenwesen ist.

Die Gefahren, die unserem Sport drohen, macht ein Blick auf das britische Waffenrecht deutlich. Damit muß ich noch einmal auf die Rede von IOC-Chef Jacques Rogge zurückkommen, die er am 30. Juli bei der WM-Eröffnung auf dem Münchener Marienplatz gehalten hat. Darin heißt es mit Bezug auf die Olympischen Sommerspiele 2012 in London:
"[...]

I think that the 2012 shooting venue it is going to be state of the art, as well as a very sustainable range!

[...]"
Man fragt sich schon, ob in diesem Satz Ironie versteckt ist oder ob er das ernst meint mit der Umweltverträglichkeit. Zur Erinnerung: Es war lange Zeit nicht sicher, ob bei der nächsten Olympiade überhaupt Pistolendisziplinen außer der LP geschossen werden können. Nachdem dieses waffenrechtliche Problem endlich geklärt wurde - sogar eine Handvoll englischer Schützen hat Ausnahmegenehmigungen für die sonst verbotenen Kurzwaffen erhalten -, gab es immer noch Querelen um den Austragungsort. Statt im traditionsreichen Bisley finden die Schießwettbewerbe 2012 in einer Londoner Kaserne statt. Die Schießstände werden dafür komplett neu errichtet - und nach Ende der Spiele sollen sie möglichst rückstandslos wieder beseitigt werden.

Dieser Vorgang ist ein Symbol für den Umgang mit dem Schießsport in modernen (oder besser: dekadenten) "westlichen" Gesellschaften. Wenn er Medaillen und (politischen) Ruhm verspricht, dann nimmt man ihn mehr oder minder notgedrungen kurzfristig hin. Ansonsten möchte man den Sport, die Waffen und am liebsten auch ihre Eigentümer möglichst restlos entsorgen. Hier schließt sich der Kreis, nicht nur hinsichtlich der Ideologie, sondern auch der Terminologie, sind doch viele Waffengegner zugleich Öko-Fanatiker.



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Fotos: ISSF, www.shooting-russia.ru.

Dienstag, 3. August 2010

Erste WM-Eindrücke


Die ersten vier Wettkampftage der ISSF-Weltmeisterschaft in München sind vorbei und es ist an der Zeit, einige (höchst subjektive) Eindrücke festzuhalten, soweit dies aus der Ferne möglich ist.

Die Schützen aus Deutschland und Rußland haben ein gemeinames Problem: In den prestigeträchtigen Einzelwettbewerben konnten sie bisher keine Medaillen erringen, sondern nur in den oft vernachlässigten Mannschafts- und Juniorenwettkämpfen. Wie sich das für den DSB darstellt, kann man hier nachlesen. (Angesichts der durchaus vorhandenen Erfolge ist es mir schleierhaft, wie einige deutsche Zeitungen schreiben können, die WM wäre ein Desaster für die deutschen Schützen.)

Für die Rußländische Schießsportunion sieht die Bilanz bisher wie folgt aus: Silber für die Luftgewehr-Mannschaft der Männer (1787 Ringe); Bronze in den LG-Einzel- und Mannschaftswertungen der Junioren (Alexander Drjagin - 593; Mannschaft - 1771); Silber für die Juniorenmannschaft mit der Freien Pistole (1625), Bronze in der Mannschaftswertung der Männer im English Match (1790) sowie, als bisher beste Plazierungen, Gold und Silber für die Junioren beim Schießen auf die Laufende Scheibe (Jurij Dowgal - 567, Alexander Naumenko - 566).
Manche russischen Spitzenschützen hatten einfach Pech, wenn sie sich wie Wladimir Gontscharow (5. mit der FP) und Denis Sokolow (6. mit dem LG) im Finale geschlagen geben mußten. Tragisch ist es schon, wenn ein Artjom Chadshibekow das Finale im English Match als 9. des Hauptwettkampfes knapp verpaßt. (Die Leistungsdichte bei dieser WM ist enorm.) Das Abschneiden von Ljubow Galkina mit dem LG (87. mit 390 von 400 Ringen) ist nur noch enttäuschend.



Demgegenüber haben andere Nachfolgestaaten der Sowjetunion in München aufgetrumpft. Mehrere Medaillen gingen in die Ukraine, Wjatscheslaw Podlesnij aus Kasachstan gewann Bronze mit der Freien Pistole und Sergej Martinow aus Belarus errang erneut den Weltmeistertitel im English Match. Die ISSF-Presseabteilung schreibt dazu:

"[...]

42-year old Belarusian shooter Sergei Martynov won his second consecutive World Championship title in the 50m Rifle Prone men event today, securing an Olympic Quota Place, a pass to the London 2012 Olympic Games.
The two-time Olympic Bronze medallist of Sydney and Athens finished on the highest step of today’s podium with a total score of 703.9 (599+104.9) points after a spine-chilling last shot.

After leading the qualification rounds with 599 points, and shooting an average higher than 10.5 per shot throughout the first part of the match, Martynov fired a frustrating 9.8-point last shot, finishing in first with just one tenth of a point of advantage over the Silver medallist Sauveplane of France (which means less than one millimetre of difference on a target set 50 meter far from them).

By winning his second consecutive title four years after the 2006 ISSF World Championship in Zagreb, Martynov also become the first-ever ISSF World Championship multi-medallist in the 50m Rifle Prone Men event: nobody, before Martynov, had ever been able to win two WCH medals in this competition.

“Of course I am happy. But I have to admit that I am somehow used to win: this is not my first victory!” Said the shy Belarusian athlete to the EBU cameras right after the last, breathtaking shot “This tile means to me that I am not too old to compete in the next Olympic Games!” concluded Martynov, who will be 44-year old in 2012.

[...]"


Martinows Sieg belegt nicht nur, daß auch ältere Herrschaften erfolgreiche Schützen sein können, sondern zeigt auch, daß man in einer solchen Position nicht auf Stil verzichten muß. Was meine ich damit? Vor etwa zwei Jahren war ich an einer Diskussion beteiligt, in der es darum ging, warum moderne Sportwaffen so häßlich sein müssen. Metall und andere Werkstoffe haben das traditionelle Holz etwa bei der Schaftfertigung weitgehend verdrängt, was mit der besseren Verstelbarkeit usw. begründet wird. Damals hatte ich (als bekennender Holzfetischist ;-)) dafür plädiert, nach Kompromissen zwischen Funktionalität und Ästhetik zu suchen. Und das WM-Finale gibt mir recht: Die Gewehre mehrerer Schützen sahen nicht aus wie orthopädische Gehhilfen, sondern verfügten als "richtige" Gewehre über einen Holzschaft. Darunter war auch das Anschütz-Gewehr des neuen Weltmeisters Martinow. Er war im Finale nicht die einzige, der an seiner Waffe auf hypermodernen Schnickschnack verzichtet hat. Trotzdem hat es ihm nicht zum Nachteil gereicht. :-)

Interessant ist auch die schon am Sonntagmorgen gestellte Frage, welche Waffen in der Disziplin Freie Pistole verwendet werden. Igor Ruljow hat dazu drei nette Statistiken erstellt: siehe hier, hier und hier. Fazit: Der nicht mehr produzierte russische Klassiker TOZ-35 ist nach wie vor gut vertreten, verliert aber langsam im Erwachsenenbereich an Boden. Von den drei Medaillengewinnern im Einzelwettkampf hat niemand eine TOZ verwendet, jedoch war sie unter den acht Finalteilnehmern immerhin zweimal vertreten, sofern ich das im Video richtig erkennen konnte.



Besonders erfreulich ist das offenbar große Zuschauerinteresse auf der Schießanlage in Hochbrück. Bleibt zu hoffen, daß die WM eine positive Außenwirkung auf die breite Öffentlichkeit entfaltet.

Bleibt zum Schluß noch ein kurzer Blick auf die Arbeit der deutschen Medien. Während es etwa im russischen Fernsehen Live-Übertragungen aus München gibt, können sich hierzulande manche Printmedien wie z.B. die Mitteldeutsche Zeitung nur zu zwei (!) Kurzmeldungen durchringen, die von Agenturen stammen (vgl. hier). Gleichzeitig werden dort jedoch Artikel über Vereinsinterna kroatischer Fußballclubs abgedruckt, als ob das hierzulande jemanden interessieren würde. So tut man alles dafür, den Schießsport als angebliche "Randsportart" wirklich an den Rand auch der öffentlichen Wahrnehmung zu drängen und so die mühsam aufgebaute waffenfeindliche Stimmung in der Bevölkerung zu erhalten. Dies hat nichts mit den bisher ausbleibenden Großerfolgen des DSB zu tun, denn auch über die "kleinen" Medaillen könnte man berichten. Vielmehr ist diese Verweigerung simpler Sportberichterstattung die Fortsetzung der waffenbesitzerfeindlichen Kampagnen mit den Mitteln des hier in Sachsen-Anhalt herrschenden Pressemonopols.



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Fotos: 1+2 - Sergej Martinow bei der Siegerehrung und zuvor auf dem Schießstand; 3 - Wjatscheslaw Podlesnij und der zweitplazierte Südkoreaner Lee Daemyung im FP-Finale; 4 - Silbermedaillengewinner Valerian Sauveplane und Martinow (mit einer denkwürdigen Beinhaltung) im Wettkampf (Quelle: ISSF).