Donnerstag, 11. Juni 2009

Anatomie der Anti-Waffen-Lobby


Nicht nur, daß erst vor kurzem entstandene Kleingruppen wie die Initiative "Sportmordwaffen" und das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden von vielen Medien derzeit massiv gefördert werden (was dazu führt, daß sich die Politik allen Ernstes mit diesen Grüppchen beschäftigt), nein, auch andere, rein ideologisch motivierte Waffengegner dürfen einmal ins Fernsehen. So etwa Jürgen Grässlin in einer von Phoenix ausgetrahlten Reportage des Westdeutschen Rotfunks:
"Allein gegen die Waffenindustrie - Der Kampf des Jürgen Grässlin

Was kaum jemand weiß: Deutschland ist weltweit die Nummer Drei der Waffenexporteure – Umsatzprognose steigend, selbst in der Krise. Einer, der sein bürgerschaftliches Engagement im Widerstand gegen die Produktion von Kriegsmaterial sieht, ist Jürgen Grässlin. Mit ungebrochener Vehemenz stellt sich der Realschullehrer schon seit über 25 Jahren gegen deutsche Waffenhersteller wie die Firma Heckler & Koch oder Großkonzerne wie die Daimler AG.

Eine zermürbende Aufgabe, für die er sich in seiner Freizeit engagiert - ehrenamtlich auch als Vorsitzender diverser Friedensgruppen wie der Deutschen Friedensgesellschaft Vereinigte KriegsdiensgegnerInnen oder dem Deutschen Aktionsnetz Kleinwaffen Stoppen. Ein Kampf "David gegen Goliath".
[...] Der ehemalige Grünenpolitiker wird nicht müde, die Verkaufspraktiken und Waffenbaulizenzvergaben der deutschen Rüstungskonzerne öffentlich anzuprangern und ihnen ihre zerstörerischen Geschäfte vorzuhalten.

Katja Duregger begleitet den überzeugten Kriegsgegner zu Protesten in der Industrie und auf seinem Weg in Krisengebiete. Wie erfolgreich kann ein einzelner Mensch gegen eine große Industrie antreten?

[...]"
Besagter Mann führt seit den 1980er Jahren einen privaten Rachefeldzug gegen Heckler & Koch, der in seinem Wikipedia-Artikel genau beschrieben wird. Man beachte die dort verwendeten Begriffe: "Für seine Recherchen zu letzterem Buch folgte Grässlin dem Weg deutscher Waffen in Bürgerkriegsgebiete und führte in Somaliland und Türkei 220 Interviews mit Opfern deutscher Gewehrexporte". Dem erwähnten Anti-Kleinwaffen-Aktionsnetz geht es bei weitem nicht nur um großangelegte Rüstungsexporte. Es hat sich daneben auch das Ziel gesetzt, die "Bestandsaufnahme, verbesserte Kontrolle und Beschränkung des Bestands von Kleinwaffen in privatem Besitz wie z.B. Jagd- und Sportwaffen in Deutschland" zu betreiben. Wenn das keine Lobbygruppe ist, dann weiß ich nicht, was sonst eine sein sollte.

Viel interessanter finde ich jedoch die mediale Darstellung Grässlins. Der Film zeichnet ihn als wackeren Einzelkämpfer für das Gute, nicht etwa als "Lobbyisten", sondern als jemanden, der "bürgerschaftliches Engagement" betreibt. Schon diese Sprachregelung ist entlarvend! Wer sich gegen Waffen (egal in welcher Form) einsetzt, ist ein davidsgleicher Bürgerbewegter, dessen Ehrenamt lobend hervorgekehrt wird. Wer hingegen als Privatperson und Legalwaffenbesitzer einen Brief an seinen Abgeordneten und seinen Innenminister richtet, der muß sich in rüdem Ton mit dem abwertenden Begriff des "Lobbyisten" belegen lassen, der angeblich viel zu mächtig sei ("Goliath") und dem man kein bißchen nachgeben dürfe, da er das "Böse" verkörpere.
(Ich bin gespannt, wann die erste Fernsehdokumentation über "Sportmordwaffen" oder das Aktionsbündnis Winnenden ausgestrahlt wird. Deren Protagonisten wähnen sich ja ebenfalls in einem Kreuzzug wider das Böse.)

Es ist bezeichnend, daß seit Mitte März das ehrenamtliche Engagement etwa in Schießsportvereinen (und insbesondere bei der dortigen Jugendarbeit) umgelogen wird in eine angeblich gemeingefährliche Tätigkeit, die schnellstens verboten werden müsse, um gerade die Jugendlichen vor derart schädlichem Einfluß zu schützen. Einige Politiker und Journalisten siedeln uns mittlerweile irgendwo zwischen Hardcore-Pornographie und Drogendealern an - und die Medien bieten ihnen ausreichend Kanäle, um dieses unzutreffende und böswillige Auffassung in jedes deutsche Wohnzimmer zu transportieren.

Beispielhaft dafür ist auch der folgende Kommentar Heribert Prantls in der SZ, in dem wieder in das "Lobby"-Horn geblasen wird und der an Häme und Falschheit kaum zu überbieten ist:
"[...]

Die angebliche Verschärfung des Waffenrechts nach dem Massaker von Winnenden ist gar keine Verschärfung - dank der Waffenlobby.

An dieser Stelle eine herzliche Gratulation an den Deutschen Schützenbund, an den Bund der Sportschützen, an die Verbände der Jäger, der Waffensammler und Waffenhersteller. Sie haben den Gesetzgeber nach dem Massaker von Winnenden erfolgreich vor dem bewahrt, was sie "Aktionismus" nennen. Sie haben die Regierung von einer Verschärfung des Waffenrechts abgehalten.

Sie haben durch ihr bewehrtes Engagement, durch treffsicheres Argumentieren und durchschlagende Sach- und Fachkunde erreicht, dass es keine Beschränkungen des gewohnten Schießbetriebes geben wird. Sie haben auf die fachmännische Schießausbildung hingewiesen, die junge Leute bei ihnen erhalten; sie haben das Traditionsgefühl betont, das sie verkörpern und die Freiheitsrechte, die sie vertreten, sie haben vor allem auch das Wählerpotential benannt, das sie repräsentieren. Sie haben erreicht, dass ihre Mitglieder nicht in ihren armierten Grundfreiheiten beeinträchtigt werden. Sie haben die Regierung dazu überredet, dass Sportschützen weiterhin mit großkalibrigen Waffen schießen und Jäger weiterhin in unbegrenzter Zahl Langwaffen erwerben können.

Das ist, nach dem Blutbad, das ein Jugendlicher mit der Beretta seines Vaters angerichtet hat, das ist, nach den Amokläufen in den zurückliegenden Jahren, eine beachtliche Leistung der Lobby. Die Novellierung des Waffenrechts, die nun bevorsteht, besteht darin, dass nicht mehr mit Farbpistolen aufeinander geschossen werden darf. Das ist gewiss im Sinn der Schützen- und Jägerverbände, die solches Treiben als unethischen Firlefanz und unwaidmännischen Klamauk ablehnen.

Die Verschärfung des Rechts sieht nun also so aus, dass man mit Waffen, die nicht scharf sind, nicht mehr schießen darf, sehr wohl aber ohne Restriktion mit scharfen Waffen. Die Verbände haben die Politik also davon überzeugt, dass das ganz Naheliegende ganz falsch wäre: Es wäre falsch, dafür zu sorgen, dass nicht mehr 30 Millionen, sondern nur noch drei Millionen Gewehre in deutschen Privathaushalten lagern. Es wäre falsch, sicherzustellen, dass künftig in Deutschland weniger Waffen zugelassen werden. Es wäre auch falsch, die Aufbewahrung von Waffen und Munition zu Hause zu verbieten. All diese Regelungen würden nämlich, so sagen die Verbände, ihre Mitglieder unter einen Generalverdacht stellen. Der Gesetzgeber hat das eingesehen. Das ist überraschend.

Die neueren Sicherheitsgesetze arbeiten nämlich alle mit einem Generalverdacht; alle Bürger müssen sich, zur Sicherheit, gewisse Grundrechtseingriffe gefallen lassen, auch wenn keine Anhaltspunkte für Straftaten vorliegen. Der Gesetzgeber hat aber offenbar erkannt, dass man Schützen viel mehr Vertrauen entgegenbringen muss als normalen Bürgern. Diese Erkenntnis verdankt er dem Wirken der Verbände. Schützenvereine, die nach schöner alter Tradition "königlich privilegiert" heißen, dürfen sich nun "demokratisch privilegiert" nennen."
Man muß sich diesen Text auf der Zunge zergehen lassen: Ein Journalist, der sich sonst als Kämpfer für Freiheit und Rechtsstaat geriert, bedauert es, daß die Grundrechte gesetzestreuer Bürger nicht in dem von ihm aus ideologischen Gründen gewünschten Maße eingeschränkt werden. Damit enlarvt Prantl sich selbst als aalglatten Heuchler. Grundrechte haben wohl nur diejenigen, von denen er meint, daß sie ihrer würdig sind; dasselbe Problem kennen wir auch von den Grünen. Freiheit, die sie meinen ...

Desweiteren deutet Prantl die wahren Kräfteverhältnisse in Politik und veröffentlichter Meinung konsequent um, indem das Vorhandensein einer angeblich einflußreichen "Waffenlobby" suggeriert wird. Opposition gegen so mächtige Partikularinteressen wird damit schon fast automatisch zur Pflicht jedes wohlmeinenden Bürgers. Nur: Zu welchen Mainstreammedien hatten wir seit Mitte März im selben Maße Zugang wie unsere Gegner? In welcher realen Macht äußert sich denn der uns unterstellte erhebliche politischer Einfluß? Doch wohl kaum in den paar Prozentpunkten, die die FDP bei den Europawahlen zulegen konnte.

(Ich muß zugeben, daß die Hetze der letzten Monate bei mir Spuren hinterlassen hat. Langsam entwickele ich eine starke Abneigung gegen alle Journalisten als Berufsstand (mit einzelnen, namentlich bekannten Ausnahmen). Wer derart systematisch lügt und betrügt (was diese Kanaille wohl nicht nur beim Waffenrecht tun wird, sondern auch bei anderen Themen), der hat nichts anderes als konsequente Verachtung verdient.)

Fassen wir zusammen: Die deutsche Anti-Waffen-Lobby besteht aus drei einander ergänzenden Elementen, denen vor allem ihre ideologische Motivation gemeinsam ist ("Waffen sind böse") und der es daher nicht auf konkrete Probleme ankommt. Das sind:
a) organisierte politische Akteure, zuvörderst die
Grünen und die Linkspartei, aber auch Teile von SPD und Union;
b) gesellschaftliche Kleingruppen ("Nicht-Regierungsorganisationen"), sowohl solche allgemein pazifistischer Tendenz als auch "Single-Issue"-Aktivisten;
c) Journalisten, die a) und b) weltanschaulich nahestehen und ihren Positionen daher eine überproportionale Aufmerksamkeit zukommen lassen.


Im Falle des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden wird die Medienarbeit u.a. durch eine PR-Agentur gesteuert. Das ist ein Grad an professionellem Lobbyismus, von dem wir Sportschützen nicht einmal zu träumen wagen. Und damit läßt sich anscheinend mittlerweile auch Geld verdienen, denn dieser Verein leistet sich dem Vernehmen nach jetzt schon hauptamtliche Funktionäre, deren Salär aus den zahlreichen Spenden der Öffentlichkeit bestritten wird. Hardy Schober hat es wohl geschafft, aus dem tragischen Mord an seiner Tochter ein einträgliches Geschäftsmodell zu entwickeln. Sieht so Trauerarbeit aus? Bleibt die Frage, warum keiner der angeblich so "kritischen" Journalisten hier einmal recherchiert.


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"Schwerter zu Pflugscharen"
Bericht aus Berlin V

Foto: www.wdr.de.

11.06.2009: Video des Tages

Im heutigen Video wird eine Zielfernrohrversion des Mosin-Nagant-Gewehrs vorgestellt.



Mittwoch, 10. Juni 2009

Endlich einmal gute Presse ...

... für uns Sportschützen. Und dann ausgerechnet in der Mitteldeutschen Zeitung, die seit März in Punkto Waffenrecht nicht gerade durch Objektivität aufgefallen ist. Im Dessau-Roßlauer Regionalteil wird berichtet:
"[...]

TECHNISCHES HILFSWERK Studienrat Arne Seelig leitet ehrenamtlich die Fachgruppe Sprengen in der Dessauer Ortsgruppe und leistet 150 Stunden Einsatz im Jahr.

[...]

Zum Dessauer THW, dem er seit 2002 angehört, ist Arne Seelig über Umwege gelangt. Als Sportschütze beim Schießklub Roßlau/Elbe, dem er seit 1991 angehört und dessen Vereinsvorsitzender er ist, wollte er seine Munition irgendwann selbst herstellen. Er absolvierte die dafür notwendigen Pulverlehrgänge und wurde bald selbst zum Ausbilder in diesem Metier. Vom Schießpulver bis zum Sprengstoff und dem THW war es dann nicht mehr weit. Heute verbringt er nach eigener Aussage rund 150 Stunden im Jahr bei den blau gekleideten Helfern. Die Kameraden sind fast wie eine zweite Familie für ihn.

Dabei schätzt er den freundschaftlichen Umgang, das Engagement und die Loyalität der über 60 aktiven ehrenamtlichen Dessauer Helfer. "In dieser eingeschworenen Gemeinschaft kann sich jeder auf jeden verlassen. Kameradschaft, technisches Interesse und eine gehörige Portion Idealismus sind wohl das, was uns alle hier verbindet", schwärmt der Mathelehrer mit dem explosiven Hobby. "Anderen helfen zu können, ist einfach ein tolles Gefühl."" vollständig lesen
Wenn die Journaille will, geht es also auch objektiv und ohne Untergriffigkeiten. Und es wird gezeigt, daß wir Legalwaffenbesitzer eigentlich ganz normale Mitglieder der Gesellschaft sind. Ohne uns könnte es in einigen ehrenamtlichen Bereichen ganz schön eng werden ... wobei die Hoplophoben das mit dem Sprengen vermutlich eher als Argument gegen uns richten werden.


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10.06.2009: Musik des Tages

Der in diesem traditionellen Lied besungene Stenka Rasin war ein berühmter Anführer der Donkosaken während des 17. Jahrhunderts.



Dienstag, 9. Juni 2009

Visier ist im Web 2.0 angekommen

Was die Multimedialität angeht, dürfte die Waffenzeitschrift Visier - verglichen mit ihren deutschen Konkurrenzblättern - führend zu sein. Dafür gebührt der Redaktion, insbesondere Ulrich Eichstädt, viel Lob. :-) Neben der Webseite gibt es ein eigenes Diskussionsforum (neben Co2air.de) und jetzt auch ein Twitter-Konto.

Neben den klassischen Funktionen einer Zeitschriftenwebseite wie Verkauf der Hefte etc. werden dort auch zunehmend Kurzberichte und Links publiziert. Das Forum hat sich de facto zu einem Weblog der Redakteure entwickelt (ohne dies technisch i.e.S. zu sein). Damit überschneiden sich die beiden Angebote, was auch Sicht des Lesers nicht besonders gut ist. Denn man hat Mühe, sich über alle Aktualisierungen informiert zu halten, zumal die Webseite bedauerlicherweise über keinen RSS-Feed verfügt.

Über diese Frage sollte man bei Visier in einer ruhigen Stunde einmal nachdenken (also nicht unbedingt jetzt): Wie können die verschiedenen Internetangebote übersichtlicher gestaltet, besser integriert, miteinander vernetzt und zugleich funktional voneinander abgegrenzt werden? Vor allem der Webseite würde etwas mehr Übersichtlichkeit gut tun (das wäre doch ein schönes Praktikumsprojekt für einen Informatikstudenten ;-)).

Ein Vorschlag von mir, obgleich ich natürlich unzuständig bin: Die Webseite visier.de dient künftig als Portal, ferner liegen dort alle Seiten, die mit der Redaktion und der Papierzeitschrift zu tun haben sowie alle längeren Dossiers (z.B. Waffenrecht, Lexikon usw.). Dazu kommt ein (darin integrierter) Weblog i.e.S., wo aktuelle Meldungen, Linktips etc. veröffentlicht werden und in dem die Leser auch kommentieren können. Auf neue Beiträge in beiden Bereichen kann dann via Twitter aufmerksam gemacht werden. Das Diskussionsforum schließlich dient, sofern daran weiter festgehalten wird, nur noch dem Austausch der Leser untereinander und ihren Anfragen an die Redaktion.

Als Interimslösung wäre es vielleicht denkbar, daß via Twitter alle neuen Beiträge in allen Bereichen zusammengefaßt und gebündelt und aktuell der Netzwelt kundgetan werden. Dafür würde auch sprechen, daß Twitter automatisch zu jedem Konto einen RSS-Feed erzeugt, der dann auch von Nicht-Twitter-Nutzern verwendet werden könnte.

Soweit erst einmal. Ich bin zwar kein Kommunikationswissenschaftler, aber bisweilen denke ich gern über solche Themen nach. Hoffentlich werde ich dafür nicht gevierteilt. ;-)


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Ein pragmatisches Volk


Vor einigen Tagen habe ich abends - in Vorbereitung eines bereits seit Februar angekündigten, aber bis jetzt leider nicht fertigen Projekts :-( - noch den Bericht eines russischen Soldaten aus dem zweiten Tschetschenienkrieg in der aktuellen Bratischka gelesen. Dabei ist mir spontan der folgende Gedanke gekommen: Das derzeit gültige Föderale Waffengesetz der Rußländischen Föderation stammt aus dem Jahr 1996 und ist seither nicht wesentlich verändert worden (soweit ich die Rechtsentwicklung nachvollziehen kann). Doch was hat sich in diesem Riesenland seit 1996 alles ereignet? Terroranschläge, Bürgerkrieg im Nordkaukasus, organisierte und Gewaltkriminalität, Korruption in Polizei und Armee usw. usf. Welche "westliche" Gesellschaft hätte derartige Gewalttätigkeiten ertragen, ohne in ihrer Hilflosigkeit nach einer Verschärfung des Waffenrechts zu rufen, nur damit überhaupt etwas getan wird?

Doch in der RF sieht man das offenbar anders. Die politische Klasse weiß, daß es für kriminelle Elemente erheblich einfacher und effektiver ist, sich illegalerweise aus Behördenarsenalen zu bedienen, als den ordentlichen Weg über amtliche Erlaubnisse zu gehen. Ganz abgesehen von den Waffen, die bereits jetzt auf dem Schwarzmarkt zu finden sind. Deutlich wurde das während des Geiseldramas im nordossetischen Beslan, als die Angehörigen der Geiseln eine Art irregulärer Miliz formierten, um so - bewaffnet mit Sturmgewehren und MGs - ihre Kinder zu befreien. Und im Kaukasus ist es ein offenes Geheimnis, daß man sich dort schon zu Sowjetzeiten fleißig Armeewaffen "besorgt" hat, um der traditionellen Waffenkultur dieser Region zu frönen.

Statt sich in eine rein symbolische Verschärfung des Waffengesetzes zu flüchten, hat man in der RF ganz praktische Maßnahmen ergriffen, um Terroranschlägen vorzubeugen. Zunächst sind die Sicherheitsbehörden gegen Terrorgruppen im Nordkaukasus, soweit man ihrer habhaft werden konnte, vorgegangen. Im Bereich der Prävention ist u.a. zu vermerken, daß man schon beim Betreten von Flughäfen und öffentlichen Gebäuden einen Metalldetektor passieren muß. Und in den besonders anfälligen U-Bahnen der Großstädte ist eine starke Polizeipräsenz zu beobachten. Nun kann man über die Sinnhaftigkeit und die Erfolgsaussichten dieser Maßnahmen im einzelnen streiten. Nichtsdestotrotz steht fest: Sie stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Gefahr, die es abzuwehren gilt.

Getragen wurde diese Politik maßgeblich von Wladimir Putin. Der promovierte Jurist hat eine pragmatische, an ihrer Effektivität orientierte Realpolitik vertreten, wenngleich ihm auch symbolträchtige Handlungen nicht fremd waren. Jemand, der durch die Schule eines großen Nachrichtendienstes gegangen ist, sieht die Welt nicht mit den Augen eines weltverbessernden Utopisten. Sein Nachfolger Dmitrij Medwedew ist da aus anderem Holz geschnitzt. Obgleich sein akademischer Hintergrund demjenigen Putins ähnelt, so fehlt ihm doch die Prägung, die man als Teil eines Behördenapparates erhält. Medwedew verkörpert nach wie vor den Typus des liberalen Rechtsprofessors, der gerade wegen dieser Prägung zu Symbolpolitik zu neigen scheint. Ausdruck dessen ist m.E. der derzeit diskutierte Gesetzentwurf gegen "Geschichtsverfälschung", welcher sich an einer der übelsten und freiheitsfeindlichsten Normen des deutschen Strafrechts orientiert. Und da Medwedew noch mindestens drei Jahre im Amt bleiben wird, so steht zu befürchten, daß sich die RF auch in punkto symbolischer Gesetzgebung mittelfristig den westeuropäischen Gepflogenheiten angleichen wird.

Um den zuletzt genannten Punkt geht es auch im folgenden Text, der zwar schon etwas älter ist, den ich aber dennoch sehr gut finde:
"[…]

People simply do not realise that Russia is a deeply conservative country.

Fiscal policy is buttressed on a low, flat rate of income tax (13%), and there is virtually no social safety net, with spending on unemployment security, medical provision, disability aid, infrastructure, the environment, and urban regeneration far lower, in both absolute terms and as a percentage of GDP, than its G8 contemporaries.
Similarly, military spending is high in comparison — and growing — medical care is available free in theory, but requires private insurance or additional cash payment in practice, and businesses are in reality pretty un-regulated.

If that doesn’t sound to you like a set of policies Newt Gingrich or William F Buckley would support, then you don’t know your dyed in the wool conservatives from your woolly jumper wearing liberals.
The Parallax Brief believes, however, that these government policies are generally matched by the views of Ivan Six-Pack. Now, the Parallax Brief had been led to believe by his pinko sociology teachers in college that communism taught progressive views on gender, race, immigration and class, so it therefore came as a shock to find when he moved here that after 80 years of Marxist indoctrination, young ladies in Russia often reject feminism, men ooze with unrepentant machismo, and the population appears to generally support a penal code that could have been based on Dostoyevsky’s work.

The Parallax Brief passes no judgment on Russia’s conservatism (beyond finding it ironic that those who criticise Russia the most would like similar policies implemented in their countries (I’m thinking of you Charles Krauthammer, Ed Lucas, Anne Applebaum and the Republican Party)), but does view it as the foundation from which Russia can be better understood, and its news and policies better analysed.

[…]"
Ich teile die Einschätzung des Autors. Rußland ist - gemessen an den ideologischen Vorstellungen der typischen Linken in Westeuropa und Nordamerika - ein zutiefst konservatives Land. Es ist nicht nur das Steuersystem, an dem libertäre Denker ihre Freude haben. Und dem durchnittlichen Russen ist die Vorstellung, daß Waffen an sich etwas "Böses" seien, genauso fremd wie die deutsche Idee, der Staat müsse sich vollumfänglich um den Lebensunterhalt von Immigranten kümmern.

Doch viele im "Westen" spielen sich als weinerliche "Kritiker" auf, sobald es um Rußland geht. Ich persönlich kenne deutsche CDU-Konservative (sofern man die Union für konservativ hält ;-)), die der Meinung sind, ein paar Schlagstockhiebe hätten noch niemandem geschadet (siehe Gorleben). Wenn aber in Moskau die Polizei ein paar Teilnehmer einer unangemeldeten und gewalttätigen Demo der Nationalbolschewisten wegträgt, wird sofort Zeter und Mordio geschrieen. Ein zweites Beispiel: Deutsche Freunde, welche hierzulande die Gewerkschaften und den Sozialstaat für Teufelswerk halten, fangen an zu weinen, wenn sie von der Einflußlosigkeit russischer Gewerkschafter erfahren und wünschen sich soziale Unruhen herbei, "damit es den Menschen dort endlich besser" gehe.

Eine geradezu verkehrte (um nicht zu sagen: verrückte) Welt, über die ich hier schon einmal geschrieben hatte. Und umgekehrt spielen sich viele Linke hierzulande als große Freunde Rußlands auf, obwohl das Land heute soweit von ihren eigenen ideologischen Wunschvorstellungen entfernt ist wie 1917. Vielleicht speist sich die Abneigung der Konservativen aber auch aus einer anderen Quelle: dem Neid, daß in Rußland eine Politik betrieben wird, die sie zwar selbst im Grunde ihres Herzens wünschen, in ihren eigenen Ländern allerdings nicht umsetzen können. (Man denke insofern nur an die deutschen Ladenschlußgesetze; etwas Vergleichbares existiert in der RF nicht.)


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09.06.2009: Video des Tages

Heute wird uns gezeigt, wie man mit einem (natürlich über 7,5 Joule liegenden) Luftgewehr Air Arms S410 auf 50 und 100 m schießen und sogar noch treffen kann.