Sonntag, 6. Februar 2011

Ein zwiespältiger Eindruck


Die seit über zwei Jahren in der Rußländischen Föderation laufende umfangreiche Militärreform hatte im deutschsprachigen Raum bisher nur ein geringes publizistisches Echo gefunden, das sich auf einige Artikel in Zeitungen und Fachzeitschriften beschränkte. Doch der Elbe-Dnjepr-Verlag aus Klitzschen bei Leipzig bietet Abhilfe an. Vor kurzem erschienen dort drei Hefte über die Streitkräfte der RF nach der Streitkräftereform, verfaßt von Dieter Stammer. Im ersten Band werden die Luftstreitkräfte, Luftverteidigung, Luftlandetruppen, strategischen Raketentruppen sowie die kosmischen Truppen behandelt. Im zweiten Heft geht es um die Marine inklusive der Landeinheiten. Und im dritten werden die Landstreitkräfte, die Inneren Truppen des Innenministeriums sowie die Spezialkräfte der Militäraufklärung behandelt.

So weit, so gut. Der Autor hat es unternommen, sämtliche Militärverbände in Rußland zu katalogisieren. Das ist natürlich sehr interessant – wenn die Informationen denn sämtlich stimmen würden. Leider bleiben bei mir erhebliche Zweifel. So tauchen in seiner Liste Truppenkörper auf, die es in dieser Form laut russischen Quellen nicht mehr gibt (z.B. bei der Marineinfanterie im Heft 2). Oder es werden zweifelhafte Unterstellungsverhältnisse angegeben. Am witzigsten finde ich seine Darstellung der 46. Operativen Brigade der Inneren Truppen, die in Tschetschenien stationiert ist. Laut Stammer verfügt sie über 11 (!) Bataillone, doch sollen in diesen Einheiten lediglich 2.000 Mann Dienst tun (Heft 3/4, S. 40 f.). Das paßt nicht, weshalb man die Zusammenstellungen mit einem gehörigen Stück Skepsis lesen sollte.

Dieser zwiespältige Eindruck setzt sich bei den Bildern und Illustrationen fort. Erfreulich ist, daß die Hefte nicht als monotone Zeichenkolonnen daherkommen, sondern illustriert sind. Wenn dann aber, wie im Heft 3/4 auf Seite 57 oben ein Foto der Sowjetzeit zugeordnet wird (Truppenverlegung nach Afghanistan), obwohl die darauf abgebildeten Flugzeuge eine erst nach 1991 eingeführte Kennzeichnung der RF tragen, dann grenzt das schon fast an Geschichtsfälschung.
Hier hat – wie im gesamten Layout der Hefte – eine ordentliche Lektorierung seitens des Verlages gefehlt. Die Hefte sind bedauerlicherweise mit vielen kleinen Fehlern angefüllt, die (zumindest bei mir) immer zu einem permanenten Mißtrauen gegenüber dem Autor führen.

Einer der Gründe für die inhaltlichen Fehler dürfte darin liegen, daß Stammer seine Quellen nicht nennt. Es findet sich lediglich der kurze Hinweis, daß alle Informationen aus der russischen Presse stammen. Daran zweifle ich nicht, doch dem kritischen Leser ist es damit nicht möglich, Stammers Angaben direkt zu überprüfen. Mithin wird die Lektüre zur Glaubenssache.

Leider kommt die inhaltliche Auseinandersetzung mit den vielen verschiedenen Aspekten der Militärreform zu kurz (was hat sich geändert?). Gänzlich abwegig ist schließlich Stammers Feststellung, daß „Rußland auf einem guten Weg“ sei, „die Traditionen der Sowjetarmee fortzusetzen“ (Heft 1, 4. Umschlag-S.). Damit werden die erheblichen Strukturveränderungen der letzten zwei Jahre – insbesondere die Abkehr von einer großen, auf die Massenmobilmachung ausgerichteten Armee – negiert.

Von den drei hier behandelten Heften bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Positiv ist zweifelsohne der Versuch, das gesamte Militär der RF kompakt darzustellen (wo liegt welche Einheit). Dabei konnte auch ich viele neue Erkenntnisse gewinnen. Doch die vorhandenen Fehler und Mängel schaffen es, dem Käufer der Bände die Lektüre zu verleiden. Sie sind der Glaubwürdigkeit des Autors auf jeden Fall abträglich, zumal man die Herkunft der von ihm verarbeiteten Informationen nicht nachvollziehen kann.
Vor einer unkritischen Lektüre muß dringend gewarnt werden. Man sollte die von Stammer dargebotenen Informationen nach Möglichkeit immer anhand von russischen Quellen prüfen. Deshalb eignen sich die Hefte leider nur bedingt für solche Zeitgenossen, die der russischen Sprache nicht mächtig sind, aber trotzdem etwas über die Streitkräfte der RF erfahren sollen. Insofern existiert nach wie vor eine große Leerstelle.


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Donnerstag, 3. Februar 2011

Die Metamorphosen des Michail Chodorkowskij


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Seit Mitte Dezember letzten Jahres, als das Urteil im zweiten Strafprozeß gegen den ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowskij erwartet wurde, überbieten sich die deutschen Medien in ihren Lobpreisungen des ehemaligen Angeklagten und nunmehrigen Verurteilten. Er wird als unschuldiges Opfer finsterer Intrigen und politischer Justiz betrachtet, obwohl sich kaum einer der Kommentatoren der Mühe unterzogen hat, die Urteilsbegründung zu lesen. Absonderlicher sind jedoch die Versuche, Chodorkowskij zu einem politischen Oppositionellen, gar einem „Dissidenten“ oder „politischen Reformer“ zu stilisieren. Für letzteres sind sich nicht einmal die deutschen Grünen zu schade. Das hierzulande vorherrschende, extrem einseitige und deshalb falsche Bild des früheren Oligarchen soll nachfolgend korrigiert werden – insbesondere durch die Präsentation von Fakten aus der Vita des Mannes, welche seine Lobredner regelmäßig unterschlagen.

Am Beginn seiner Karriere war Michail Ch. ein hoffnungsvoller und linientreuer Jungkommunist. Er machte in der Jugendorganisation Komsomol Karriere und stieg bis zum hauptamtlichen Funktionär auf. In dieser Eigenschaft hatte er Zugriff auf beachtliche finanzielle Ressourcen, denn in Gorbatschows Reformpolitik spielten Ende der 1980er Jahre Versuche zur Etablierung von Marktstrukturen eine wichtige Rolle. Und der Komsomol sollte bei dieser Entwicklung den Vorreiter spielen. Als Komsomol und Sowjetunion sich auflösten, betrachtete Chodorkowskij das seiner Verwaltung anvertraute Vermögen als herrenlos und vereinnahmte es. Dies war das Startkapital für seine weiteren „unternehmerischen“ Aktivitäten.

In der Folge handelte er mit Computern und anderen Dingen und stieg später ins Bankgeschäft ein. Seine Menatep-Bank erreichte rasch eine gewisse Größe. 1998 brach dann eine Finanzkrise über Rußland herein. Er nutzte die günstige Gelegenheit, um die Bank kurzzeitig zu schließen; nach der Wiedereröffnung sahen sich hunderttausende Anleger um ihr Geld geprellt. (Insofern ist der Vergleich mit dem amerikanischen Betrüger Bernard Madoff durchaus passend.) Wieder einmal hatte Chodorkowskij mit der Instinktsicherheit eines Trüffelschweins erkannt, wie man eine allgemeine Krisensituation ausnutzen kann, um seinen persönlichen Profit zu steigern. Der Menatep-Skandal ist natürlich niemals juristisch aufgearbeitet worden, dafür hat Michails politische Protektion durch Jelzin gesorgt.

Danach wandte er sich verstärkt einer besonders lukrativen Branche zu: dem Ölgeschäft. Der Ölkonzern Jukos wuchs zum zweitgrößten der RF heran. Damit wuchsen auch Chodorkowskijs politische Ambitionen. Dabei spielte Jukos aus Sicht der Regierung eine zweifache Rolle: Im Jahr 2003 wollte Michail Ch. seine Anteile an Jukos – und damit die physische Kontrolle über die dem Konzern zugeordneten Erdölvorräte – an Geschäftspartner aus den USA verkaufen. Dies dürfte schon manches Stirnrunzeln hervorgerufen haben, sieht man es in Rußland doch sehr ungern, wenn Ausländer strategisch wichtige Ressourcen unter ihre alleinige Kontrolle bringen.

Noch alarmierender war jedoch die Nachricht, was Chodorkowskij mit dem Erlös des Verkaufs machen wollte. Bereits in den Jahren zuvor hatte er Politiker und Parteien, die ihm genehm waren, finanziert. Nunmehr wollte er selbst in die Politik einsteigen, indem er wirtschaftliche Macht in politische Macht transformierte. Er war sogar so unvorsichtig, dies öffentlich kundzutun. Auf einem Empfang sagte er, es koste ihn 10 Millionen Dollar, einen Abgeordneten in der Staatsduma zu kaufen. Daher sei es nur eine Frage der Mathematik, wieviel er aufwenden müsse, bevor er – Chodorkowskij – die Mehrheit im Parlament kontrolliere. Kurz danach wurde er verhaftet und seine jahrelange Steuerhinterziehung fiel ihm auf die Füße.

Erschwerend hinzu kam seine konsequente Weigerung, sich an die geänderten Verhältnisse nach Jelzins Abtreten anzupassen. Anstatt, wie etwa Roman Abramowitsch, ein öffentliches Amt zu übernehmen und Abbitte für den massiven Diebstahl fremden Geldes zu tun, verfolgte Chodorkowskij unbeirrt seine eigene politische Agenda. Insofern waren seine Festnahme und Entmachtung eine Machtprobe – wer hat das Sagen in Rußland, der Staat oder ein einzelner Wirtschaftsführer, der glaubt, nach Belieben schalten und walten zu können?
Betrachtet man diese Biographie, dann erscheint Michail Chodorkowskij mitnichten als der bedauernswerte Vorzeigeunternehmer und Saubermann, als den ihn manche darstellen. Unterschlagung, verbrecherischer Konkurs, Steuerhinterziehung, Stimmenkauf – das ist auch kein gutes Zeugnis für einen angeblichen politischen „Reformer“ oder gar „Hoffnungsträger“. Im Gegenteil.

Nicht nur Chodorkowskijs Biographie steckt voller plötzlicher Veränderungen. Zunächst präsentierte er sich als Sohn kleiner Leute, der es als „Entrepreneur“ zu einem gewissen Wohlstand gebracht hat. Diese Strategie konnte auf lange Sicht jedoch nicht erfolgreich sein, weil er – typisch für die Oligarchen der ersten Stunde – immer nur Werte hin- und hergeschoben, aber nie etwas produziert hat. Echte Wertschöpfung passierte in seinen Unternehmen kaum.
Danach versuchte Chodorkowskij, sich als Opfer einer antisemitischen Verschwörung des Kremls darzustellen. Dieser Vorwurf war jedoch so absurd, daß er im Ausland nahezu keine Resonanz fand. Erfolgreicher war er mit seiner Selbstbeschreibung als „sauberer Unternehmer“, der in seinen Betrieben die „westliche Buchhaltung“ eingeführt hätte. Das stimmt zwar nicht – siehe Menatep –, stieß jedoch im Ausland auf größere Resonanz.

Der neueste Trick seiner PR-Berater besteht offenbar darin, ihn als „politischen Dissidenten“ zu zeichnen, der gegen eine finstere Diktatur kämpfe. Ferner soll er angeblich der Hoffnungsträger des russischen Volkes sein, das unter Putins blutiger Knute stöhnt. Das ist zwar genauso absurd wie die Antisemitismusthese, trifft aber im Ausland anscheinend einen Nerv. Dabei ist die Mehrheit der Russen der Überzeugung, daß sich Chodorkowskij genau dort befindet, wo er hingehört: im Gefängnis. Und selbst die wenigen, die ihn unterstützen, tun dies aus eigennützigen Motiven und nicht etwa, weil sie von seiner Unschuld überzeugt wären. Vor vier Jahren sagte mir eine Moskauer Studentin, die zu diesem Personenkreis zählt: „Chodorkowskij ist genau so ein Schwein wie die anderen Oligarchen. Aber er hat uns unterstützt und deshalb müssen wir jetzt für ihn kämpfen.“

Nun könnte man einwenden, die dunklen Seiten aus Chodorkowskijs Leben seien bekannt, doch es sei an der Zeit, einen Schlußstrich unter die „wilden 90er Jahre“ zu ziehen und ihn freizulassen. Schließlich hätten es viele so getrieben wie er und außerdem habe er einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Kapitalismus geleistet.
Letzteres kann man nicht ganz von der Hand weisen. Der Ökonom und Soziologe Werner Sombart zählt in einer seiner Studien auch die Freibeuter zu den „Unternehmernaturen“, die in der Neuzeit die Herausbildung des Kapitalismus befördert haben (er denkt an Leute wie Francis Drake). Dennoch ist die Marktwirtschaft in Westeuropa nicht auf diesem Stand stehengeblieben. Im Gegenteil: Piraten wurden später massiv bekämpft und hingerichtet, stellten sie doch eine erhebliche Gefahr für den Seehandel auf den Weltmeeren dar. Mithin kann man in der RF ebenfalls nicht dabei stehenbleiben. Dort müssen gesetzlose „Unternehmer“ ebenso bekämpft werden, damit sich Wirtschaft und Politik in halbwegs zivilisierten Bahnen bewegen können.

Der Forderung nach sofortiger Freilassung Chodorkowskijs ist überdies entgegenzuhalten, daß es bekanntlich keine Gleichheit im Unrecht gibt. Und seit wann dürfen die Straftäter selbst darüber entscheiden, wann sie zu begnadigen sind?
Eine baldige Begnadigung wäre wohl möglich, wenn Michail Ch. endlich seine zahllosen Verfehlungen bereuen würde (immerhin gibt es auch Mordvorwürfe gegen ihn). Doch darauf wartet die Öffentlichkeit seit Jahren vergebens. Im Gegenteil, er stilisiert sich zu einem zu Unrecht Verfolgten. Doch ohne Reue keine Gnade. Dabei befindet er sich in einer Zwickmühle, aus der er selbst nur schwer herauskommen dürfte: Bleibt er bei seiner bisherigen Verteidigungsstrategie, wird er auch die zweite Haftstrafe voll verbüßen müssen. Bekennt er sich hingegen schuldig, um früher entlassen zu werden, bricht das über Jahre von mühsam von einem Dutzend Anwälten aufgebaute Opfer-Image zusammen. Die Menschen im Ausland (auf die seine PR vor allem zielt) würden sich fragen, was sie diesem Mann noch glauben sollen.

Chodorkowskijs jüngste Verlautbarungen deuten jedenfalls an, daß er vorerst weiter den Märtyrer spielen will. Und seine namhaften Unterstützer im Ausland brauchen ihn in dieser Rolle. Für die wäre es doch ein Desaster, wenn er plötzlich zugäbe, daß die gegen ihn erhobenen Vorwürfe weitgehend zutreffen.


Bibliographie und weiterführende Links:

Khodorkovsky - the making of a myth

Putting the Bout into Khodorkovsky

The Real Reason Why Putin Arrested Yukos Oligarch Mikhail Khodorkovsky

Komsomol Capitalism

Recht gegen einen Mafioso

Michail Chodorkovsky

"Gelesen hab' ich's nicht, doch dagegen bin ich schon"

Oligarchs by Day, Nascent Democrats by Night

Will the Real Russian Dissident Please Stand Up

A Response To Vadim Nikitin’s Arguments For The “Liberation” Of Khodorkovsky And The Kuriles

Why is Misha Khodorkovsky a Dissident?

ZOMG! Mikhail Khodorkovsky is going on hunger strike!


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Mittwoch, 26. Januar 2011

26.01.2011: Text des Tages

Den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebenden russischen Schriftsteller und Offizier Michail Lermontow hatte ich in diesem Blog schon desöfteren erwähnt (vgl. hier und hier). Der "Sänger des Kaukasus" hatte während seines Dienstes in dieser wilden Gebirgsregion hinreichend Gelegenheit, sich mit den dort lebenden Menschen vertraut zu machen. Vor kurzem bin ich auf einen weiteren kurzen Text aus seiner Feder mit dem Titel "Der Kaukasier" gestoßen. Gemeint sind damit aber nicht die eigentlichen Bewohner des Kaukasus, die christlichen und muslimischen Clans und Stämme, sondern jene aus dem russischen Kernland kommenden Offiziere, die zum Dienst im brodelnden Unruheherd verpflichtet worden waren. (Man beachte bitte auch Lermontows waffenkulturelle Einlassungen. ;-))
"[...]

Erstens, was ist ein Kaukasier und wie pflegen Kaukasier zu sein?

Ein Kaukasier ist ein halb russisches, halb asiatisches Wesen; die Neigung zu orientalischen Sitten überwiegt bei ihm, doch in Gegenwart Fremder, das heißt in Gegenwart Reisender aus Rußland, schämt er sich dieser Neigung. Er ist zumeist dreißig bis fünfundvierzig Jahre alt, sein Gesicht sonnengebräunt und etwas pockennarbig; ist er kein Stabskapitän, dann gewiß Major. Echte Kaukasier finden Sie in der Linie; jenseits der Berge, in Georgien, haben sie eine andere Abstufung; zivile Kaukasier sind selten; sie stellen zumeist eine ungeschickte Nachahmung dar, und treffen Sie einmal einen echten unter ihnen an, dann höchstens bei den Regimentsärzten.

Ein echter Kaukasier ist ein bewundernswerter Mensch, würdig jeder Achtung und Teilnahme. Bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr wird er im Kadettenkorps erzogen und als ausgezeichneter Offizier entlassen, heimlich hat er im Unterricht den "Gefangenen im Kaukasus" [von Puschkin, E.K.] gelesen und ist in Leidenschaft für den Kaukasus entbrannt. Mit zehn Kameraden wird er auf Staatskosten dorthin geschickt – mit großen Hoffnungen und kleinem Koffer. Schon in Petersburg läßt er sich einen Achaluchi nähen und ersteht eine zottige Mütze und eine Tscherkessenpeitsche für den Postkutscher. In Stawropol angekommen, bezahlt er einen lumpigen Dolch viel zu teuer und legt ihn in den ersten Tagen weder bei Tag noch bei Nacht ab, bis er dessen überdrüssig ist. Endlich findet er sich bei seinem Regiment ein, das in irgendeiner Staniza sein Winterquartier bezogen hat, hier verliebt er sich, wie es sich gehört, in ein Kosakenmädchen, einstweilen bis zur Expedition; alles wunderschön und so poetisch! Dann rückt man zu der Expedition aus; unser Jüngling ist überall zu finden, wo auch nur eine Kugel schwirrt. Er nimmt sich vor, zwei Dutzend Bergbewohner mit eigenen Händen zu fangen, er träumt von schrecklichen Schlachten, Strömen von Blut und Generalsepauletten. Im Traum vollbringt er wahre Heldentaten – ein Wunschbild, Unsinn, vom Feind ist weit und breit nichts zu sehen, Scharmützel sind selten, und die Bergbewohner halten, zu seinem großen Leidwesen, den Bajonetten nicht stand, lassen sich nicht gefangennehmen, sondern bringen ihre Haut in Sicherheit. Zudem ist im Sommer die Hitze schier unerträglich, im Herbst Regen und Schnee und Kälte. Langweilig! Fünf, sechs Jahre verstreichen: ein ständiges Einerlei. Er sammelt Erfahrungen, wird kaltblütig und spottet über die Neulinge, die ohne Notwendigkeit ihr Leben riskieren.

Unterdessen zieren zwar viele Kreuze seine Brust, die Beförderung aber läßt auf sich warten. Er ist düster und wortkarg geworden; er macht es sich gern gemütlich und raucht sein Pfeifchen; in Mußestunden liest er auch Marlinski und erklärt, er sei sehr gut; auf Expeditionen ist er nicht mehr versessen: Eine alte Wunde schmerzt! Die Kosakenmädchen reizen ihn nicht, eine Zeitlang hat er von einer gefangenen Tscherkessin geträumt, jetzt jedoch auch diesen fast unerfüllbaren Traum vergessen. Statt dessen hat er eine neue Leidenschaft, und gerade die macht ihn zum echten Kaukasier.

Entstanden ist diese Leidenschaft folgendermaßen: In der letzten Zeit hat er sich mit einem friedlichen Tscherkessen angefreundet und reitet nun des öfteren zu ihm in den Aul. Fremd den Raffinements des Lebens in der vornehmen Welt und in der Stadt, hat er Gefallen an dem wilden Leben gefunden, von der Geschichte Rußlands und der europäischen Politik weiß er nichts, dafür hat er eine Vorliebe für die poetischen Überlieferungen des kriegerischen Volkes entwickelt. Die Sitten und Gebräuche der Bergbewohner sind ihm geläufig, er kennt ihre Helden dem Namen nach und hat sich die Ahnentafeln der wichtigsten Familien gemerkt. Er weiß, welcher Fürst verläßlich und welcher ein Gauner, wer mit wem befreundet ist und zwischen wem Blutsfeindschaft besteht. Er versteht ein bißchen Tatarisch; er hat sich einen Säbel, einen echten Gurda, angeschafft, einen Dolch, einen alten Basalai, eine Pistole von jenseits des Kuban, ein ausgezeichnetes Krimgewehr, das er selbst einfettet, ein Pferd, einen reinrassigen Schalloch, und eine vollständige Tscherkessentracht, die er nur bei wichtigen Anlässen anlegt und die ihm irgendeine wilde Fürstin genäht und zum Geschenk gemacht hat. Seine Vorliebe für alles Tscherkessische grenzt schon ans Unglaubliche. Er ist bereit, den ganzen Tag mit einem schmutzigen Usden über ein lumpiges Pferd und ein rostiges Gewehr zu reden, und es gefällt ihm sehr, andere in die Geheimnisse der asiatischen Sitten einzuweihen. Ihm sind verschiedene, höchst erstaunliche Dinge passiert, denken Sie! Kauft ein Neuling bei seinem Freund, dem Usden, eine Waffe oder ein Pferd, lächelt er nur insgeheim. Über die Bergbewohner äußert er sich so: »Ein guter Menschenschlag, aber ganz schreckliche Asiaten! Die Tschetschenen allerdings sind Lumpen, dafür sind die Kabardiner einfach Prachtkerle; auch unter den Schapsugen gibt es tüchtige Leute, allerdings können sie sich mit den Kabardinern nicht messen, weder verstehen sie es, sich so zu kleiden noch so zu reiten . . . wenn sie auch makellos leben, ganz makellos!«

Man muß die Voreingenommenheit eines Kaukasiers besitzen, um in einer Tscherkessensaklja etwas Makelloses zu finden.

Die Erfahrung langer Kriegszüge hat ihn nicht die Findigkeit gelehrt, die Armeeoffizieren sonst eigen ist; er kokettiert mit seiner Sorglosigkeit und der Gewohnheit, die Unbequemlichkeiten des Soldatenlebens hinzunehmen, er führt nur einen Teekessel mit sich, und selten wird auf seinem Biwakfeuer Kohlsuppe gekocht. Bei Hitze wie bei Kälte trägt er unter dem Gehrock einen wattierten Achaluchi und auf dem Kopf eine Schaffellmütze; er hat eine starke Abneigung gegen Mäntel und zieht die Burka vor; die Burka ist seine Toga, darin hüllt er sich ein; der Regen tropft ihm in den Kragen, der Wind schlägt die Burka auseinander – halb so schlimm! Die durch Puschkin, Marlinski und Jermolows Porträt berühmt gewordene Burka kommt nicht von seiner Schulter, er schläft darauf und deckt sein Pferd damit zu; er greift zu den verschiedensten Listen und Schlichen, um eine echte Andijer Burka zu ergattern, namentlich eine weiße, unten mit schwarzer Borte, und dann sieht er schon mit einer gewissen Verachtung auf die anderen herab. Den eigenen Worten zufolge ist sein Pferd erstaunlich schnell – auf weiten Strecken. Lächerliche fünfzehn Werst mag er darum mit Ihnen auch nicht reiten. Fällt ihm der Dienst mitunter auch schwer, er hat es sich zur Maxime gemacht, das Leben im Kaukasus zu loben; jedem, der es hören will, sagt er, der Dienst im Kaukasus sei sehr angenehm.

Aber die Jahre vergehen, der Kaukasier ist schon vierzig, es zieht ihn nach Hause, und wenn er nicht verwundet ist, verfährt er manchmal folgendermaßen: Während eines Feuerwechsels legt er den Kopf hinter einen Stein, die Beine aber streckt er zwecks Erlangung der Pension vor; dieser Ausdruck ist dort durch den Brauch geheiligt. Die wohltätige Kugel trifft ihn ins Bein, und er ist glücklich. Der Abschied mit Pension springt dabei heraus, er kauft einen kleinen Wagen, spannt ein paar Schindmähren davor und macht sich gemächlich auf den Weg in die Heimat; auf Poststationen hält er jedoch stets, um mit den Durchreisenden zu plaudern. Wenn Sie ihm begegnen, erkennen Sie ihn sofort als echten Kaukasier, denn selbst im Gouvernement Woronesh schnallt er Dolch oder Säbel nicht ab, weil sie ihm nicht hinderlich sind. Der Stationsaufseher hört ihm respektvoll zu, und erst hier erlaubt sich der pensionierte Held, zu renommieren und Geschichten zu erfinden; im Kaukasus ist er bescheiden – aber schließlich und endlich, wer sollte ihm in Rußland beweisen, daß ein Pferd nicht in einem Ritt zweihundert Werst zurücklegen kann und kein Gewehr der Welt auf vierhundert Sashen ins Ziel trifft? Aber ach, meistens vermodern seine Gebeine in muselmanischer Erde. Er heiratet selten, und bürdet ihm das Schicksal doch eine Gemahlin auf, bemüht er sich, in eine Garnison versetzt zu werden, und beschließt seine Tage in irgendeiner Festung, wo ihn seine Gattin vor einer für den Russen so verhängnisvollen Gewohnheit bewahrt.

Jetzt noch zwei Worte über die anderen Kaukasier, die nicht echten. Der georgische Kaukasier unterscheidet sich vom echten dadurch, daß er eine große Vorliebe für Kachetinerwein und weite seidene Pluderhosen hat. Der zivile Kaukasier legt selten asiatische Kleidung an; er ist mehr mit der Seele als mit dem Leib Kaukasier: Er befaßt sich mit archäologischen Entdeckungen, verbreitet sich gern über den Nutzen des Handels mit den Bergbewohnern sowie über Mittel, diese zu unterwerfen und zu bilden. Hat er dort einige Jährchen abgedient, kehrt er für gewöhnlich mit einem Rang und roter Nase nach Rußland zurück.

[...]"


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Dienstag, 25. Januar 2011

25.01.2011: Video des Tages

Im Rahmen der Beiträge über die russische Marineinfanterie wurden auch deren Anti-Piraten-Einsätze in der jüngsten Vergangenheit angesprochen. Die folgende Reportage geht nun detaillierter auf zwei Einsätze ein, die in den Jahren 2009 und 2010 vor der somalischen Küste durchgeführt wurden.





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Freitag, 7. Januar 2011

07.01.2010: Musik des Tages

Wie man den aktuellen Berichten über angedrohte Terroranschläge auf koptische Christen entnehmen konnte, feiern diese - ebenso wie andere ostkirchliche Christen (z.B. in Rußland) - heute das Weihnachtsfest. Der Grund dafür liegt im julianischen Kalender, der für das Kirchenjahr nach wie vor gültig ist. Deshalb noch einmal: Gesegnte Weihnachten! С Рождеством Христовым!
Die dazu passende Musik kommt ausgerechnet von einer protestantischen Denomination aus den USA: traditionelle ostslawische Weihnachtslieder, die so allerdings nicht während der orthodoxen Liturgie vorgetragen werden.



Mittwoch, 5. Januar 2011

Liebesgrüße aus Kisljar

Kizlyar-Werbung in einer russischen Waffenzeitschrift.


Seit Jahrhunderten ist der Kaukasus eine unruhige Gegend, weshalb dort naturgemäß das Waffenhandwerk eine lange Tradition hat. Lermontows Gedicht "Der Dolch" spielt nicht umsonst in dieser Region. (Vgl. dazu auch den Beitrag im DWJ 11/2009, S. 78 ff.) In der dagestanischen Stadt Kisljar, die nahe der Grenze zu Tschetschenien liegt, hatten früher zahlreiche Waffen- und Messerschmiede ihren Sitz. Deren Tradition wird seit 20 Jahren von der Firma Kizlyar fortgeführt. Zu deren Angebot zählen Messer und Blankwaffen aller Art – von traditionellen kaukasischen Säbeln bis hin zu Jagdmesser.



Die Annoncen für die Einsatzmesser von Kizlyar sind mir schon vor Jahren aufgefallen (s.o.) und einige dieser Modelle sehen sehr interessant aus. (Zu den Kunden des Herstellers gehören nach eigenen Angaben zahlreiche Soldaten und Mitarbeiter von rußländischen Sicherheitsbehörden.) Andere, vor allem aus dem Segment der Jagd- und Fahrtenmesser, reizen mich jedoch nicht, obwohl sie vom Design her typisch für Rußland sind. (Das hängt freilich auch mit der rechtlich bedingten Modellgestaltung zusammen.)
So habe ich mich nun endlich zum Erwerb des Modells Korschun, was auf Deutsch Milan heißt, entschlossen. Bestellt wurde beim deutschen Importeur, der Fa. Döppgen, und binnen 48 Stunden war das Messer bei mir. (Die Beratung von Frau Döppgen war übrigens hervorragend.)


"Korschun", zu Deutsch: Milan.


Das Messer ist hervorragend verarbeitet, dem Auge des Betrachters offenbaren sich keine Mängel. Dies gilt ebenso für die Lederscheide. Gut, für 135 € sollte man dies auch erwarten dürfen, doch habe ich auch in dieser Preisklasse leider schon anderes sehen müssen. Insofern muß sich Kizlyar nicht vor anderen bekannten Herstellern in Europa und Nordamerika verstecken.
Auch Handlage und Balance stimmen, was mich natürlich besonders freut. Obwohl das Korshun mit einer Klingenlänge von 16,3 cm nur eingeschränkt führbar ist (vgl. § 42a WaffG), werden sich dafür schon Anwendungen finden lassen. Es macht den Eindruck eines schönen und soliden Alround-Messers. Doch zuvörderst ist es ein Sammlerstück.



Beim „Spielen“ mit dem Neuerwerb mußte ich unwillkürlich neun Jahre zurückdenken. Damals stand eine Kanutour mit Freunden bevor, wofür ich noch ein Outdoormesser brauchte. Zuvor hatte ich für solche Anlässe Bajonette aus meiner Blankwaffensammlung genutzt, doch war diese Lösung alles andere als optimal. Ein richtiges Fahrtenmesser sollte also her.
Entschieden habe ich mich schließlich für einen Klassiker: das Ka-Bar. Dies war ein Fehler, denn mit dem Messer bin ich nicht glücklich geworden: schlechte Handlage, keine Möglichkeit, den rechten Daumen zum Schneiden auf die Klinge zu legen u.a.m. Noch während der Tour entschied ich, daß das Ka-Bar nur eine Zwischenlösung sein kann. Seither habe ich verschiedene Messer getestet und auch für gut befunden. Hätte es damals schon das Korschun oder ein ähnliches Modell von Kizlyar gegeben, ich glaube, mir wäre manch negative Erfahrung erspart geblieben.


"KISLJAR. Sdjelano w Rossii" (hergestellt in Rußland).


Bleibt nur noch eine Bitte: Vielleicht findet sich endlich ein richtiger deutscher Importeur für die zahlreichen Messer der Firmen AiR (A & R) und Melita-K.

Die Seriennummer.


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Samstag, 1. Januar 2011

Rück- und Ausblick



Zunächst möchte ich meinen Lesern ein gesundes und erfolgreiches neues Jahr 2011 wünschen! Happy new year! С новым годом! Szczęśliwego nowego roku!

Der Jahreswechsel lädt traditionsgemäß zum Rückblick auf die zurückliegenden zwölf Monate und zum Ausblick auf das kommende Jahr ein.

Ich beginne zunächst mit meinem "real life", soweit es einen Bezug zu diesem Blog hat. Mein Interesse am Schießsport hat sich gefestigt und vereinsmäßige Formen angenommen. In meiner derzeitigen Paradedisziplin Luftpistole, die ich seit dem Sommer intensiv trainiere, konnte ich ein relativ stabiles Leistungsniveau von etwa 330 Ringen von 400 möglichen erreichen (siehe Diagramm). Das wurde vom Landesschützenverband Sachsen-Anhalt mit einem Leistungsabzeichen in Gold honoriert.
Für 2011 ist neben der Teilnahme an den Kreismeisterschaften Druckluft im Januar auch die Teilnahme an weiteren KK- und GK-Wettkämpfen sowie der Erwerb der WBK geplant. Bei einem Weihnachtsschießen mit KK-Gewehr und -Pistole konnte ich mich dieser Tage überraschend im Mittelfeld (13. von 26 Startern) plazieren. Das gibt Hoffnung für das kommende Jahr. :-)




Nun zur Entwicklung dieses Blogs. Leider muß ich einräumen, daß ich gerne mehr geschrieben hätte, doch ist das Bloggen für mich eben kein Vollzeitjob. Zudem konnten zwei größere Projekte in Angriff und zum Teil auch abgeschlossen werden, die auch sehr zeitintensiv waren. Gemeint sind die Reihen über den Schießsport in der ehemaligen Sowjetunion und über russische Spezialeinheiten. Diese sollen auch 2011 fortgesetzt werden. Mittlerweile habe ich auch Literatur zu anderen Themen zusammengetragen, die sich unter dem Arbeitstitel "Luft- und Seelandeoperationen während des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront" zusammenfassen lassen. Möglicherweise werden daraus in den nächsten Monaten einige Beiträge entstehen.

Auch zu aktuellen Fragen der Politik in Rußland werde ich mich ggf. äußern. Die extrem einseitige, partiell sogar verfälschende Berichterstattung über den Fall Chodorkowski in den deutschen Medien zeigt, daß solche ergänzenden Informationen bitter nötig sind, um das ganze Bild zu sehen. Doch dazu in den nächsten Tagen mehr ...
Im übrigen plane ich hinsichtlich der Themen, Beitragshäufigkeit etc. keine größeren Änderungen.

Sehr freuen würde ich mich über häufigeren Feedback meiner Leser; dazu können auch Themenwünsche zählen. Sollte sich unter meinen Lesern jemand befinden, der sachkundige Artikel zu einem der hier auf Backyard Safari behandelten Themen schreiben möchte, so ist er dazu gerne eingeladen. Gastautoren gab es hier bisher nicht, aber ich habe gesehen, daß andere Blogs damit gute Erfahrungen gemacht haben.

Nun denn: Auf ins neue Jahr! :-)



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