Freitag, 13. August 2010

Neue Organisation der russischen Streitkräfte


Was im Juni noch Gerüchte und Vorabinformationen waren, ist nun offiziell: Die Streitkräfte der Rußländischen Föderation erhalten ab dem 1. Dezember 2010 eine neue schlankere Führungsorganisation. Die bisherigen Militärbezirke aufgelöst und statt dessen vier teilstreitkraftübergreifende Operativ-strategische Kommandos (OSK) gebildet.

Der Chef eines OSK wird sämtliche Truppenteile der Land- und Luftstreitkräfte, der Luftverteidigung und der Marine in seinem Verantwortungsgebiet führen. Lediglich die Strategischen Raketentruppen, die strategischen Bomber und U-Boote sowie die Kosmostruppen werden weiterhin unter dem Kommando des Generalstabs bleiben. Ebenso wie die Luftlandetruppen (WDW), die als Reserve des Oberkommandos gelten. Somit bleibt abzuwarten, wie die WDW künftig organisiert sein werden, da die bisherige Doppelstruktur mit zentral und territorial unterstellten Verbänden (Luftlandedivisionen und Luftsturmbrigaden) vorerst fortgesetzt wird.
Darüberhinaus wird das OSK auch für die paramilitärischen Formationen anderer Ministerien und Behörden operativ verantwortlich sein. Das sind namentlich die Inneren Truppen des MWD, die Zivilschutztruppen und die Grenztruppen. Hier bleibt abzuwarten, wie sich diese Regelung, die einen neuen (und nicht unbedingt sinnvollen) Dualismus zwischen Verteidigungsministerium und der jeweiligen Fachbehörde schafft, auswirken wird.

Das OSK West wird seinen Sitz in St. Petersburg haben und den Moskauer und Leningrader Militärbezirk (MB), die Baltische Flotte und den Besonderen Kaliningrader Bezirk umfassen. Kommandeur: Generaloberst Arkadij Bachin.
Das OSK Süd hat sein Hauptquartier in Rostow am Don. Es wird gebildet aus dem Nordkaukasischen MB, den westlich der Wolga gelegenen Teilen des Wolga-Ural-MB, der Schwarzmeerflotte und der Kaspischen Flotille gebildet. Kommandeur: Generalleutnant Alexander Galkin.
Das OSK Mitte mit Stab in Jekaterinburg wird die übrigen Teile des bisherigen Wolga-Ural-Militärbezirks sowie die westlichen Teile des Sibirischen MB bis zum Baikalsee umfassen. Kommandeur: Generalleutnant Wladimir Tschirkin.
Das vierte OSK Ost (Sitz: Chabarowsk) besteht aus den östlichen Teilen des Sibirischen MB, dem Fernöstlichen MB, der Pazifikflotte und dem Besonderen Gebiet Kamtschatka. Kommandeur: Admiral Konstantin Sidenko.
Das war nur eine Kurzfassung, ausführlicher (inkl. Karten) habe ich mich damit schon vor zwei Monaten befaßt.

Die hinter den OSK stehende Idee ist zwar nicht neu, dergleichen war von sowjetischen und russischen Offizieren schon vor Jahrzehnten angedacht worden. Jetzt wird dieser Ansatz jedoch endlich durchgreifend umgesetzt, was im Ergebnis zu einem Bedeutungsverlust für die zentralen Kommandobehörden in Moskau führen wird.

Ilja Kramnik schreibt dazu:
"[...]

Dem bisherigen System der Militärbezirke, das seit fast 150 Jahren bestand, hatte auf anderen Prinzipien beruht. Dem Befehlshaber eines Militärbezirks waren die auf dem entsprechenden Territorium stationierten Landtruppen unterstellt. Seine Vollmachten erstreckten sich aber nicht auf andere Teilstreitkräfte außer der Frontflieger, die manchmal als Test den Befehlshabern der Militärbezirke unterstellt wurden.

Die Kommandostrukturen (außer den Seestreitkräften) wurden nur während der Kriegshandlungen auf operativer Ebene vereinigt, wenn den Frontbefehlshabern alle an der Frontlinie operierenden Kräfte unabhängig von der Teilstreitkraft unterstellt waren, außer es handelte sich um wenige Sondereinsatztruppen und die Fernfliegerkräfte, die unmittelbar dem Hauptquartier des Obersten Befehlshabers unterstellt waren. Das Zusammenwirken mit der Kriegsmarine erfolgte durch die operative Unterstellung der Flottenkräfte dem operativen Kommando der an einer Seeküste operierenden Front (oder einer in der Nähe von großen Strömen bzw. Gewässern, wo Kriegsflottillen bestanden, operierenden Fronten) oder durch die Koordinierung von Aktivitäten durch übergeordnete Stellen.

In der Nachkriegszeit wurde die Gründung von vereinigten Stäben angesichts der erweiterten Möglichkeiten der Luftwaffe sowie der Marine im Kampf gegen auf dem Land stationierte Kräfte sowie dank dem Entstehen von neuen Verwaltungssystemen, die die Koordinierung der Aktivitäten verschiedener Teilstreitkräfte ermöglichten, ziemlich üblich im Westen. Jetzt wurde dieses System auch in Russland als zweckmäßig anerkannt.

Die geographische Aufteilung der neuen Militärbezirke ist durch die wichtigsten Richtungen der möglichen Kampfhandlungen der russischen Streitkräfte bedingt. Dem Westlichen Militärbezirk gehören Vereinigungen an, die traditionell für die Aktivitäten auf dem europäischen Kriegsschauplatz und in nahe gelegenen Gewässern bestimmt waren. Der Südliche Militärbezirk ist für den Kaukasus, das Schwarze und das Kaspische sowie für das Mittelmeer und den westlichen Teil des Indischen Ozeans zuständig.

In den Aufgabenbereich des Militärbezirks Zentrum gehört außerhalb Russlands ganz Zentralasien von Kasachstan bis zum Hindukusch. Der Östliche Militärbezirk verteidigt die östlichen Grenzen Russlands und operiert im Stillen Ozean und im Asiatisch-Pazifischen Raum.

Die neue Verwaltungsstruktur soll bis zum 1. Dezember dieses Jahres stehen. Einzelne Elemente wurden beim jüngsten Manöver „Wostok 2010" getestet. Der Aufbau von Kommandos ist die Abschlussphase des Übergangs der Streitkräfte zum dreistufigen Verwaltungssystem: vereinigtes strategisches Kommando - operatives Kommando - Brigade. In der ersten Phase wurden bereits im Rahmen der alten Verwaltungsstruktur neue Brigaden gebildet. Dann wurden die Armeestäbe in operative Kommandostäbe umgewandelt. Jetzt sind die Stäbe der höchsten Ebene an der Reihe.

Die neuen Kommandos werden die Truppen nicht nur in Russland, sondern auch außerhalb des Landes befehligen. Jedes Kommando hat seinen eigenen Zuständigkeitsbereich, und in diesen Grenzen wird der Stab des Vereinigten strategischen Kommandos für alle Teilstreitkräfte verantwortlich sein.

Eine unabhängige Kommandostruktur werden nur die strategischen Raketentruppen behalten, die ausschließlich dem Obersten Befehlshaber unterstellt sind.

Gleichzeitig mit dem Aufbau der vereinigten Kommandos wurde in der russischen Armee eine andere Reform vollzogen: Eine einheitliche Struktur der materiellen und technischen Versorgung ist gebildet worden. In ihr werden die Rückwärtigen und die Rüstungsdienste zusammengelegt, die sowohl für die Versorgung der Truppen mit Brennstoff, Lebensmitteln und anderem Nachschub als auch für die Zustellung von Waffen und Munition zuständig sein wird. Zuvor waren für diese Aufgaben verschiedene Dienste verantwortlich gewesen. Jetzt wird sich der für Rüstung zuständige Vizeverteidigungsminister ausschließlich mit der Entwicklung, Einführung und Produktion von neuen Waffen- und Rüstungsarten befassen.

Eine Reform des Verwaltungssystems der Armee, insbesondere der Aufbau von teilstreitkräfteübergreifenden Kommandos statt bisheriger Militärbezirke war schon längst nötig, aber der Mechanismus zu ihrer Umsetzung ruft viele Fragen hervor. Die erste und wichtigste lautet: Sind russische Offiziere, vor allem Generäle, wirklich imstande, diese Vereinigungen mit unterschiedlichen Teilstreitkräften zu managen?

Die zweite Frage: Können diese Vereinigungen auf die vielfältigen Gefahren operativ reagieren, die in ihren großen Zuständigkeitsgebieten auf dem Landesgebiet und außerhalb des Landes entstehen können? Vor allem gilt das für die Flottenführung, wenn sich russische Schiffe in entlegenen Gebieten des Kriegsschauplatzes (im Indischen Ozean, im Mittelmeer und anderen strategisch wichtigen Gebieten) befinden.

Damit die Verwaltung effektiv arbeitet, soll die Rolle der Marineoffiziere in den teilstreitkräfteübergreifenden Kommandos rapide zunehmen, denn sonst würde sich die Kriegsflotte aus der selbständigen Teilstreitkraft de facto in eine „Marineabteilung der Armee" verwandeln, so dass sie den Großteil der Aufgaben nicht erfüllen könnte.

Fragezeichen entstehen auch hinter der Versorgung der Truppen und Stäbe mit modernen Führungs- und Kommunikationsanlagen. Ohne entsprechende technische Möglichkeiten wird die Umstrukturierung der Truppenvereinigungen so gut wie erfolglos bleiben. Und was noch schlimmer ist: die Lenkbarkeit der Truppen, die ohnehin nicht ideal ist, wird noch schlechter.

Man muss feststellen, dass sowohl die militärische als auch die zivile Führung des Verteidigungsministeriums den Mangel an modernen Führungs- und Kommunikationssystemen als eines der größten Probleme der Armee betrachtet. Staatschef Medwedew verfügte vor kurzem, die Stäbe mit neusten Führungs- und Kommunikationsmitteln in den kommenden zwei oder drei Jahren auszustatten.

Die Probleme bei der Ausbildung der Offiziere und deren Fähigkeit, die teilstreitkräfteübergreifenden Vereinigungen zu führen, können nicht über Nacht gelöst werden. Es werden noch Jahre vergehen, bis die neue Verwaltungsstruktur funktioniert. Diese Jahre werden die schwierigsten für die russischen Streitkräfte sein.

Auch die Probleme bei der Ausrüstung der Armee lassen sich nur schwer lösen. Die Waffen, die vor 20 bzw. 30 Jahren hergestellt wurden und schon veraltet sind, sind auch ein Hindernis bei der Entwicklung eines effektiven Kampfmechanismus. In diesem Sinne können die Hoffnungen nur mit dem neuen staatlichen Rüstungsprogramm von 2011 bis 2020 verbunden werden, falls es erfolgreicher als die vorigen Programme erfüllt wird.

[...]"
Nachtrag: Am Mittwoch wurde auf einer Pressekonferenz mitgeteilt, daß die Heeresflieger - auf dem Umweg über die OSKs - wieder aus dem Kommando der Luftstreitkräfte ausscheiden werden, dem sie seit 2002 unterstehen.



Bibliographie und weiterführende Links:

I. Kramnik: Medwedew verpasst Armee neue Kommandostruktur

N.N.: Na tschetyrjech wetrach

N.N.: General Staff Chief Makarov’s Press Conference

N.N.: OSK Commanders Will Directly Control Navy and Air Forces

N.N.: Interim OSK Commanders Named

N.N.: Frontal, Army Aviation to OSK Commanders

A. Chramtschichin: Tschetyrje wektora rossijskoj oboronoj



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Fotos: www.mil.ru.
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